Pravastatin und Alzheimer-Forschung: Ein Überblick über aktuelle Erkenntnisse

Die Alzheimer-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, deren Ursachen komplex und noch nicht vollständig verstanden sind. Die Forschung konzentriert sich daher auf verschiedene Therapieansätze und Präventionsstrategien. In diesem Zusammenhang rücken Statine, insbesondere Pravastatin, in den Fokus, da Studien Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Statinen und dem Risiko, an Alzheimer zu erkranken, liefern.

Statine und kognitive Funktionen: Eine kontroverse Diskussion

Die Frage, ob Statine die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen können, wird kontrovers diskutiert. Während einige Studien eine Verbesserung des Gedächtnisses beobachteten, zeigten andere eine Verschlechterung. Es ist jedoch unbestritten, dass die Schlaganfallprävention grundsätzlich zur Erhaltung der kognitiven Funktionen beiträgt.

Eine große Analyse von Forschern um Dr. Zhen Zhou von der Universität Tasmanien in Hobart, die Daten aus der randomisierten ASPREE-Studie nutzten, untersuchte, ob der Einsatz von Statinen bei älteren Patienten tatsächlich mit kognitiven Einbußen oder Demenz einhergeht. Die Studie umfasste fast 20.000 Teilnehmer über 65 Jahre, die zu Beginn weder kardiovaskuläre Erkrankungen noch schwere körperliche Einschränkungen oder Demenz aufwiesen. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen eingeteilt, je nachdem, ob sie Statine einnahmen (31 %) oder nicht.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Einnahme von Statinen nicht mit einem höheren Risiko für Demenz, Alzheimer oder Mischformen assoziiert war. Auch bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen wurde kein Zusammenhang mit dem Einsatz von Statinen festgestellt. Bezüglich der Veränderung einzelner kognitiver Komponenten wie Aufmerksamkeit, Sprache oder Merkfähigkeit gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Auch zwischen den Nutzern von hydrophilen und lipophilen Statinen wurden keine Unterschiede festgestellt.

Allerdings beobachteten die Forscher eine signifikante Wechselwirkung zwischen den kognitiven Fähigkeiten zu Studienbeginn und einer Statintherapie: In der Analyse stieg das Risiko für Demenz und Veränderungen des episodischen Gedächtnisses, wenn die kognitiven Fähigkeiten zu Studienbeginn abnahmen. Das episodische Gedächtnis gehört zum Langzeitgedächtnis und ist bei Alzheimer-Demenz häufig betroffen.

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Zhou und Kollegen fassten zusammen, dass ihre Studie die bisherige Forschung ergänze, indem sie darauf hindeute, dass die Einnahme von Statinen zu Studienbeginn nicht mit einer späteren Demenz und einem langfristigen kognitiven Abbau bei älteren Patienten assoziiert sei. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass die Analyse auf Beobachtungsdaten basiert und die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren sind, bis randomisierte Studien vorliegen.

Statine und das Risiko von Gedächtnisstörungen: Eine differenzierte Betrachtung

Eine Studie in JAMA Internal Medicine (2015; doi: 10.1001/jamainternmed.2015.202) untersuchte den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Statinen und dem Auftreten von Gedächtnisstörungen. Die Studie ergab, dass es in den ersten 30 Tagen einer Statintherapie vier Mal häufiger zu akuten Gedächtnisstörungen kam als bei Nichtanwendern von Statinen. Die Autoren hielten einen kausalen Zusammenhang jedoch für unwahrscheinlich, da die Nebenwirkung in gleicher Häufigkeit auch nach der Einnahme anderer Lipidsenker beobachtet wurde.

Brian Strom von der Rutgers University in Newark/New Jersey und Mitarbeiter werteten hierzu das „Health Improvement Network“ aus, das die Daten britischer Hausärzte (General practitioners) speichert. Die Epidemiologen stellten zunächst die Daten von 482.543 Patienten, denen zwischen 1987 und 2013 Statine verordnet wurden, einer gleich großen Anzahl von Patienten gegenüber, die keine Lipidsenker erhalten hatten.

Tatsächlich hatten die Ärzte bei 3,03 Prozent der Anwender im Verlauf der Therapie unterschiedliche Störungen des Gedächtnisses angegeben, während diese Störungen auch bei 2,31 Prozent der Nichtanwender von Statinen auftraten. Strom ermittelte eine adjustierte Odds Ratio von 1,23, die bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,18 bis 1,28 signifikant war, was auf einen leichten Anstieg von Gedächtnisstörungen hinweist.

Sehr viel deutlicher war die Assoziation in den ersten 30 Tagen der Therapie. Hier klagten 0,08 Prozent der Statin-Anwender gegenüber 0,02 Prozent der Nicht-Anwender über Gedächtnisstörungen. Strom ermittelt eine adjustierte Odds Ratio von 4,40 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 3,01 bis 6,41. Auch hier war die Assoziation statistisch signifikant.

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Die Epidemiologen führten danach eine zweite Untersuchung durch, in der sie 26.484 Statin-Nutzer mit der gleichen Anzahl von Patienten verglichen, denen andere Lipidsenker (wie Cholestyramin, Colestipol, Colesevelam, Clofibrat, Gemfibrozil, Fenofibrat oder Niacin) verordnet worden waren. Der Einsatz dieser Mittel war ebenfalls mit Gedächtnisstörungen assoziiert. Strom ermittelt eine adjustierte Odds Ratio von 1,51 (1,34-1,69) für die Gesamtdauer der Anwendung und von 3,60 (1,34-9,70) für die akute Anwendung.

Diese Ergebnisse lassen zwei Interpretationen zu. Zum einen könnten alle Lipidsenker, unabhängig von der Wirkstoffgruppe, das Risiko von akuten Gedächtnisstörungen erhöhen, wobei noch zu klären wäre, wie die Nebenwirkung zustande kommt. Strom zieht diese Möglichkeit jedoch nicht in Betracht, da für ihn die Wirkungsmechanismen der Substanzen zu unterschiedlich sind, um die gleiche Nebenwirkung auslösen zu können.

Als Erklärung für die erhöhte Rate von Gedächtnisstörungen vermutet Strom einen „detection bias“: Patienten, die ein neues Medikament erhalten, besuchen ihre Ärzte häufiger als andere und geben bei dem Arztbesuch Beschwerden an, die bei anderen Patienten, die den Arzt nicht besuchen, nicht erfasst werden.

Statine und Cholesterin: Auswirkungen auf das Gehirn

Neuere Studien deuten darauf hin, dass Patienten, die aufgrund hoher Blutcholesterinwerte mit Statinen behandelt werden, ein geringeres Risiko haben, an der Alzheimer-Krankheit zu erkranken. Diese Wirkung wird ausschließlich durch Statine, eine bestimmte Art von cholesterinsenkenden Medikamenten, erzielt.

Im Labor von Dr. Eckert wurde gezeigt, dass Statine den Cholesteringehalt im zentralen Nervensystem verringern können. Den bisherigen Erkenntnissen zufolge verändern Statine offenbar auch die Verteilung des Cholesterins in den neuronalen Membranen. Da Cholesterin unverzichtbar für die biologische Funktion der Zellmembranen ist, kommt dieser Beobachtung besondere Bedeutung zu. Außerdem scheint membrangebundenes Cholesterin an der Produktion des neurotoxischen β-Amyloid-Proteins im Gehirn von Alzheimer-Patienten beteiligt zu sein.

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Die Frankfurter Forscher haben nachgewiesen, dass Cholesterin die Zellmembran gegenüber toxischen Einflüssen von β-Amyloid schützt. Eckert und Kollegen konnten weiterhin zeigen, dass Statine trotz ihrer cholesterinsenkenden Eigenschaften die Anfälligkeit von Hirnmembranen gegenüber β-Amyloid nicht erhöhen.

In einer Studie wurden Mäuse mit zwei Statinen, die ins Gehirn eindringen, und mit einem Statin, das die Blut-Hirn-Schranke (BHS) nicht überwindet, über einen Zeitraum von vier Wochen behandelt. Am Ende der Studie wurden die Gehirne entnommen und homogenisiert. Gehirnhomogenate wurden fraktioniert und Plasmamembranen wurden isoliert. Die Medikamente, die ins Gehirn eindringen, verringerten den Cholesterinspiegel in diesem Kompartiment. Das Medikament, das die BHS nicht überwindet, hatte keinen Einfluss auf den Cholesterinspiegel im Gehirn.

Statine beeinflussen jedoch nicht nur den Gesamtcholesterinspiegel, sondern verändern auch die Verteilung des Cholesterins innerhalb der Plasmamembranen. Dies ist von besonderer Bedeutung, da die Cholesterinverteilung zur Funktion der Plasmamembranen beiträgt.

Pravastatin bei familiärer Hypercholesterinämie: Langzeiteffekte

Eine Statintherapie kann bei Kindern mit familiärer Hypercholesterinämie das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen und den frühzeitigen Tod langfristig verringern. So stellten Wissenschaftler der Universität Amsterdam in einer Nachbeobachtung fest, dass Erwachsene, die im Kindes- und Jugendalter mit Pravastatin behandelt worden waren, deutlich seltener eine Herz-Kreislauf-Erkrankung erlitten als ihre Eltern im gleichen Alter. Für die Elterngeneration stand das Medikament erst später im Leben zur Verfügung. Die frühe Gabe von Statinen hatte den mittleren LDL-Cholesterinspiegel der Betroffenen über 20 Jahre hinweg um rund 32 % abgesenkt.

Die Experten sind davon überzeugt, dass eine mit Hilfe von Statinen angestrebte Normalisierung des LDL-Cholesterinspiegels von Kindheit an ein Schlüsselfaktor ist, um die Herz- und Gefäßgesundheit im Erwachsenenalter bei Menschen mit familiärer Hypercholesterinämie über einen langen Zeitraum zu erhalten.

Wissenschaftler der Universität Amsterdam haben jetzt begonnen, diese Lücke durch eine 20-jährige Nachbeobachtung der Wirkung von Pravastatin bei Eltern und Kindern mit familiärer Hypercholesterinämie, auch im Vergleich zu gesunden Geschwistern, zu schließen. Die jetzt im New England Journal of Medicine erschienenen Untersuchungsergebnisse stützen die Ansicht, dass die Fettstoffwechselstörung schon ab dem Kindesalter mit Statinen behandelt werden sollte, um die Herz- und Gefäßgesundheit im Erwachsenenalter erhalten zu können.

Für die Studie sammelten die Wissenschaftler über 20 Jahre Follow Up-Daten von an einer familiären Hypercholesterinämie erkrankten Kindern, die von 1997 bis 1999 an einer Untersuchung zur Sicherheit und Wirksamkeit von Pravastatin im Vergleich zu einem Placebo teilgenommen hatten und das Medikament auch danach weiter einnahmen. In die Analyse einbezogen wurden Parameter zu Herz- und Gefäßerkrankungen sowie zur Sterblichkeit. Im Unterschied zu ihren kranken Kindern konnten die Eltern erst nach dem 30. Lebensjahr mit Pravastatin behandelt werden, da das Medikament erst seit 1988 auf dem Markt verfügbar war.

Statine: Nutzen und Risiken

Statine sind eine etablierte Therapie zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen. Obwohl das Risiko für schwere Nebenwirkungen gering ist, wurden über leichte Komplikationen berichtet. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Muskelschmerzen, die jedoch in randomisierten Studien seltener auftreten als in Beobachtungsstudien.

Eine Statintherapie kann mit einem leichten Anstieg des Nüchternblutzuckers einhergehen, was langfristig zu einem erhöhten Diabetesrisiko führen kann. Allerdings ist dieses Risiko überschaubar und wird durch den Nutzen der Statintherapie zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse aufgewogen.

Es gibt Bedenken, dass Statine sich negativ auf kognitive Funktionen auswirken und das Risiko für Demenz und Alzheimererkrankungen erhöhen könnten. Aktuelle Studien haben jedoch gezeigt, dass eine Statintherapie die kognitive Funktion nicht beeinträchtigt.

Statine stellen auch für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion kein Risiko dar und können in einigen Fällen sogar die Progression des Nierenfunktionsverlusts verzögern. Milde Anstiege der Leberwerte, die unter einer Statintherapie beobachtet werden können, sind in der Regel harmlos.

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