Die psychiatrische und neurologische Diagnostik sind zwei unterschiedliche, aber sich ergänzende medizinische Fachgebiete, die sich mit Erkrankungen des Nervensystems befassen. Während die Neurologie sich hauptsächlich mit organischen Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks und der peripheren Nerven befasst, konzentriert sich die Psychiatrie auf psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Psychosen. Die Psychosomatik wiederum befasst sich mit psychischen Erkrankungen, die sich auch körperlich äußern.
Die Bedeutung einer korrekten Diagnose
Die richtige Diagnose ist die entscheidende Voraussetzung für eine adäquate Therapie. Eine vollständige psychiatrische Diagnostik setzt sich aus dem Untersuchungs-Gespräch, der körperlichen Untersuchung und aus verschiedenen, zusätzlichen Maßnahmen (z.B. Labor, apparative Verfahren, Tests) zusammen. Das direkte Gespräch zwischen Arzt und Patient stellt das Kernstück einer psychiatrischen Untersuchung dar und ist für die Diagnosestellung unerlässlich. Alle Informationen zusammen, zu denen auch häufig noch Angaben von Angehörigen (Fremdanamnese) herangezogen werden, geben dem Psychiater schließlich Aufschluss über die vorliegende Erkrankung oder Erkrankungen. Denn bei einer Person können auch gleichzeitig verschiedene psychische Erkrankungen auftreten. Man spricht dann von Komorbidität. Psychiatrische Diagnosen werden heute aufgrund internationaler Übereinkünfte gestellt - zunächst ohne dass damit etwas über die Ursachen der Erkrankungen ausgesagt wird. Die Diagnosesysteme ordnen psychische Krankheiten nach ihren Symptomen, d.h. sie beschreiben lediglich ihr Erscheinungsbild und machen keine Aussage über die Ursache einer Erkrankung. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, engl.: International Statistical Classification of Diseases, Injuries and Causes of Death) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikations- und Verschlüsselungssystem. Das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM, engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (APA).
Fachgebiete im Vergleich: Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik
Dr. Carmen Cramer, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt die Unterschiede wie folgt:
- Neurologie: Befasst sich mit Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, also mit Befunden, die sich im Gehirn, dem Rückenmark oder den peripheren Nerven widerspiegeln und entsprechende Funktionsausfälle verursachen. Dazu gehören neurodegenerative Erkrankungen wie Demenzen, vaskuläre Erkrankungen wie Schlaganfälle, entzündliche Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose, periphere Nervenfunktionsstörungen wie Polyneuropathien und strukturelle Hirnveränderungen wie Hirntumore. Auch das weite Feld der Kopfschmerzen und Migräne gehört dazu.
- Psychiatrie: Befasst sich ebenfalls mit dem zentralen Nervensystem, wobei bei verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen auch strukturelle Veränderungen im Gehirn zu entdecken sind. Im Wesentlichen befasst sich die Psychiatrie mit den affektiven Erkrankungen von Depressionen, Angststörungen, bipolaren Erkrankungen, Psychosen, Zwangsstörungen bis zu Begleitreaktionen nach lebenskritischen Ereignissen.
- Psychosomatik: Befasst sich mit psychischen Erkrankungen, die auch einen körperlichen Ausdruck bekommen. Dazu gehören chronische Schmerzen, funktionelle Magen-Darm-Beschwerden, kardiale Beschwerden, also des Herzens, aber auch der Lunge.
Die Übergänge zwischen diesen Fachgebieten sind fließend, da der Mensch als Ganzes mit all seinen Teilen (Innen und Außen, Herz und Hand und Kopf) reagiert. In der Praxis verbinden sich die Dinge oft, wie die Leitung einer psychiatrischen und psychosomatischen Abteilung in kleineren Kliniken zeigt. Die Facharztausbildungen sind unterschiedlich, wobei Psychosomatiker ein Jahr in einem somatischen Fachbereich, Neurologen in der Psychiatrie und Psychiater in der Neurologie lernen müssen.
Die Rolle von Fragebögen in der Diagnostik
In der psychiatrischen und neurologischen Diagnostik spielen Fragebögen eine wichtige Rolle, um Symptome zu quantifizieren und die Diagnose zu unterstützen. Es gibt verschiedene Arten von Fragebögen, die unterschiedliche Aspekte der psychischen Gesundheit erfassen.
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Klinisch-psychologische Testverfahren
- Symptom-Checklist-90-Standard (SCL-90-S): Ein Selbstbeurteilungsverfahren zur Erfassung von psychischer Belastung. Gefragt wird nach der Ausprägung der Symptomatik in den letzten sieben Tagen. Der SCL-90-S hat neun Skalen und ist bei Jugendlichen ab zwölf Jahren und Erwachsenen anwendbar. Mit dem Verfahren lässt sich keine psychiatrische Diagnose stellen.
- Hopkins-Symptom-Checkliste-25 (HSCL-25): Eine klinische Symptom-Checkliste-25 für Jugendliche (ab 14 Jahre) und Erwachsene, die Angst und Depression und die daraus resultierende Belastung mit Hilfe von 25 Items erfasst.
- Gießen-Test (GT): Ein bewährtes Fragebogenverfahren zur Erfassung von Selbst- und Fremdbildern der Persönlichkeit. Der Gießen-Test ist im Jahr 2012 als Gießen-Test-II (GT -II) neu erschienen.
- Kölner ADHS-Test für Erwachsene (KATE): Eine Testbatterie, die wichtige Testverfahren zur Differenzialdiagnose von ADHS im Erwachsenenalter umfasst.
- State-Trait-Angst-Depressions-Inventar (STADI): Ein neu entwickeltes Selbstbeurteilungsverfahren, um Angst und Depression voneinander zu differenzieren.
- Verhaltens- und Erlebensinventar (VEI): Das VEI hat 344 Items und elf klinische Skalen, die bei diesem Test in drei Abteilungen unterteilt werden.
- State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar-2 (STAXI-2): Mit dem Test können Ärger, Ärgerausdruck und Ärgerkontrolle erfasst werden.
Persönlichkeitstests
- Persönlichkeits-Stil- und Störungs-Inventar (PSSI): Ein Fragebogen zur Erfassung von Persönlichkeitsstilen und -störungen.
Demenz-Tests
- Informant Questionnaire on Cognitive Decline in the Elderly (IQCODE): Ein Fragebogen zur Fremdbeurteilung kognitiver Veränderungen im Alter.
Tests für psychotherapeutische Prozesse
Tests können wertvoll sein für psychotherapeutische Prozesse. Vorgestellt werden eine Reihe bekannter, bewährter, neu adaptierter oder neuer Tests aus dem Bereich der Klinischen Psychologie und der Persönlichkeitspsychologie.
Kategoriale vs. dimensionale Klassifikation
In der Klassifikation psychischer Störungen lassen sich die kategoriale und die dimensionale Klassifikation als zwei unterschiedliche Ansätze zur Beschreibung und Einordnung psychischer Störungen unterscheiden. In der kategorialen Klassifikation werden psychische Störungen als diskrete, klar voneinander und von psychischer Normalität abgrenzbare und unterscheidbare Störungseinheiten beschrieben. Diesem kategorialen Ansatz sind die beiden wichtigsten klinischen Klassifikationssysteme, die Internationale Klassifikation Psychischer Störungen (ICD) der Weltgesundheitsorganisation und das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM) der American Psychiatric Association verpflichtet. Bei der dimensionalen Klassifikation werden psychische Störungen dagegen nicht durch die Zuweisung zu Kategorien, sondern anhand kontinuierlich verteilter Merkmalsdimensionen beschrieben.
Ein kategorialer Ansatz scheint dann besonders angemessen, wenn alle Mitglieder einer diagnostischen Klasse weitgehend homogen sind, wenn klare Grenzen zwischen den einzelnen Störungskategorien und zur Normalität hin identifizierbar sind und wenn die Klassen sich gegenseitig ausschließen. Ein dimensionaler Ansatz ist dagegen vor allem dann angezeigt, wenn das zu beschreibende Phänomen kontinuierlich verteilt ist und keine eindeutig bestimmbaren Grenzen hat.
Herausforderungen und Perspektiven
Die psychiatrische und neurologische Diagnostik stehen vor verschiedenen Herausforderungen. Dazu gehören die Angst der Patienten vor Stigmatisierung und Ausgrenzung, die Komplexität der Diagnosestellung aufgrund von Komorbidität und überlappenden Symptomen sowie die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung des Patienten.
Dr. Cramer betont, dass viele Patienten Angst vor dem Psychiater haben, weil sie befürchten, "weggesperrt" zu werden. Sie betont jedoch, dass Psychiater Patienten aus allen Teilen der Gesellschaft behandeln und dass eine psychotherapeutische Behandlung oft in Kombination mit medikamentöser Behandlung am besten wirkt.
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Es ist wichtig, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen einen Alltag leben und auch arbeiten gehen können, wenn sie gut behandelt sind. Diese Erfolgsgeschichten müssen mehr erzählt werden, um die Stigmatisierung abzubauen und die Inanspruchnahme von Hilfe zu fördern.
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