Die Kurzsichtigkeit (Myopie) ist ein weit verbreitetes und zunehmendes Problem, das nicht nur die Sehschärfe beeinträchtigt, sondern auch das Risiko für schwerwiegende Augenerkrankungen erhöht. Die Entwicklung der letzten Jahre ist alarmierend. Im Jahr 2000 waren 22,9 % der Bevölkerung weltweit von Myopie betroffen. Die Prognose für 2050: Laut dem Brien Holden Vision Institute könnten 50 % der Weltbevölkerung myop sein. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der Kurzsichtigkeit, insbesondere im Zusammenhang mit dem Sehnervwachstum, und diskutiert verschiedene Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Kurzsichtigkeit?
Kurzsichtigkeit (Myopie) ist ein Sehfehler, bei dem Betroffene im Nahbereich einwandfrei sehen, während die Sicht in der Ferne unscharf ist. Bei einem normalsichtigen Auge werden Lichtstrahlen so gebündelt, dass sie genau auf der Netzhaut zusammentreffen. Bei Kurzsichtigkeit ist der Augapfel im Verhältnis zur Brechkraft von Hornhaut und Linse zu lang. Die einfallenden Lichtstrahlen bündeln sich dann vor der Netzhaut und es entsteht ein unscharfes Bild. Ist das kurzsichtige Auge einen Millimeter länger als das normalsichtige, entspricht dies etwa einer Myopie von drei Dioptrien (dpt).
Ursachen der Kurzsichtigkeit
Die genauen Ursachen der Kurzsichtigkeit sind komplex und noch nicht vollständig erforscht. Es wird angenommen, dass sowohl genetische Veranlagung als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.
Genetische Faktoren
Es gibt Hinweise darauf, dass Kurzsichtigkeit familiär gehäuft auftritt. Kinder, deren Eltern kurzsichtig sind, haben ein höheres Risiko, selbst kurzsichtig zu werden.
Umweltfaktoren
In den letzten Jahrzehnten hat die Häufigkeit der Myopie auf der ganzen Welt stark zugenommen. Dies deutet darauf hin, dass Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Besonders im Fokus stehen dabei:
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- Naharbeit: Häufige und intensive Naharbeit, wie Lesen, Schreiben oder die Nutzung von Smartphones und Tablets, scheint das Längenwachstum des Augapfels anzuregen. Überall da, wo diese Naharbeit fürs Auge besonders ausgeprägt ist, steigt die Myopie signifikant.
- Mangel an Tageslicht: Ein Aufenthalt im Freien bei Tageslicht scheint dagegen protektiv zu wirken. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die mehr Zeit im Freien verbringen, ein geringeres Risiko haben, kurzsichtig zu werden. Aktivitäten im Freien, bei natürlichem und hellem Licht, kommen dagegen in vielen Ländern zu kurz.
- Urbaner Lebensstil: Ein Hauptfaktor für die steigende Zahl von kurzsichtigen jungen Menschen liegt vermutlich im urbanen Lebensstil, der insbesondere in asiatischen Großstädten weit verbreitet ist. In diesen Metropolen verbringen viele Kinder den Großteil ihres Tages in Innenräumen ohne Zugang zum natürlichen Tageslicht.
Der Einfluss von ON- und OFF-Zellen
Andrea C. Aleman, Min Wang und Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen haben einen unerwarteten Grund gefunden, warum Lesen kurzsichtig machen könnte. Sie fanden heraus, dass dunkler Text auf hellem Hintergrund hauptsächlich die OFF-Zellen reizt, während heller Text auf dunklem Hintergrund hauptsächlich die ON-Zellen reizt. Von früheren Experimenten mit Hühnern und Mäusen war bereits bekannt, dass die Stimulation der ON-Zellen das Augenwachstum eher hemmen, Stimulation der OFF-Zellen es aber verstärken kann. Dies lässt erwarten, dass schwarzer Text auf hellem Hintergrund die Myopieentwicklung fördert, und heller Text auf dunklem Hintergrund die Myopie hemmt.
Das Wachstum des Sehnervs und Kurzsichtigkeit
Der Sehnerv spielt eine entscheidende Rolle bei der Übertragung visueller Informationen vom Auge zum Gehirn. Bei Kurzsichtigkeit kann das übermäßige Längenwachstum des Augapfels auch den Sehnerv beeinflussen.
Veränderungen am Sehnervkopf
Bei stark kurzsichtigen Augen kann es zu Veränderungen am Sehnervkopf kommen, wie z.B. einer Vergrößerung der Exkavation (Aushöhlung) oder einer peripapillären Atrophie (Abnahme des Gewebes um den Sehnervkopf). Diese Veränderungen können das Risiko für die Entwicklung eines Glaukoms (Grüner Star) erhöhen.
Glaukomrisiko
Studien haben gezeigt, dass kurzsichtige Menschen ein höheres Risiko haben, an einem Glaukom zu erkranken. Die genauen Zusammenhänge sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird vermutet, dass die Veränderungen am Sehnervkopf und die dünneren Gewebeschichten im Auge eine Rolle spielen.
Pathologische Myopie und ihre Folgen
Von einer pathologischen Myopie spricht man ab einem Korrekturbedarf von -6 Dioptrien. Mit der generellen Zunahme der Kurzsichtigkeit wird auch diese brisante Form, die das Sehvermögen ernsthaft bedroht, häufiger. Je stärker das Längenwachstum des Augapfels, umso „dünnwandiger“ wird das Sehorgan und umso anfälliger für Schäden. Menschen mit einer hohen Kurzsichtigkeit erkranken auch häufiger am Glaukom (Grüner Star) und die altersbedingte Trübung der Augenlinse (Grauer Star, Katarakt) tritt bei ihnen oft schon früher auf.
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Netzhautablösung
Bei stark kurzsichtigen Augen kommt es vermehrt zu einer Degeneration am Rand der Retina. Damit steigt auch die Gefahr einer Netzhautablösung. Schon Patienten mit einer Kurzsichtigkeit zwischen -1 und -3 Dioptrien haben ein viermal höheres Risiko für eine Netzhautablösung als Normalsichtige. Im Bereich zwischen -3 und -6 Dioptrien liegt die Gefahr sogar zehnmal so hoch.
Makuladegeneration
Bei etwa 5-10 % der hochmyopen Patienten bilden sich im Bereich der Makula choroidale Neovaskularisationen (CNV). Sie können durch intravitreale Injektionen mit Medikamenten behandelt werden, die VEGF (vascular endothelial growth factor) hemmen.
Makulaforamen und Retinoschisis
So kommt es bei Kurzsichtigen nicht selten bereits in jüngeren Jahren zu einer Verflüssigung und Abhebung des Glaskörpers. Bei der Ablösung von der Retina kann dann auch ein Loch in der Netzhaut entstehen (Makulaforamen) oder es bilden sich Narben im Bereich des schärfsten Sehens. Die myope makuläre Retinoschisis wird ebenfalls üblicherweise mit einer Vitrektomie behandelt.
Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten
Um das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen einzudämmen, stehen verschiedene Optionen zur Verfügung.
Verhaltensänderungen
- Mehr Zeit im Freien: Es wird empfohlen, dass Kinder mindestens zwei Stunden pro Tag draußen im Tageslicht verbringen.
- Pausen bei Naharbeit: Zeiten, in denen Kinder Tablets oder Bücher (in geschlossenen Räumen verwenden), sollten stets von großzügigen Erholungspausen begleitet sein, idealerweise im Freien, am besten gepaart mit körperlicher Aktivität.
- Optimierung des Textkontrasts: Den Textkontrast umzukehren (heller Text auf dunklem Hintergrund) wäre eine einfach umzusetzende Maßnahme, die Myopieentwicklung aufzuhalten.
Spezielle Brillengläser und Kontaktlinsen
- Essilor Stellest®-Brillengläser: Diese Brillengläser wurden entwickelt, um bei Kindern die Kurzsichtigkeit zu korrigieren und zugleich ihr Fortschreiten und das Längenwachstum des Augapfels zu kontrollieren. Die Essilor-Stellest®-Brillengläser verlangsamen das Fortschreiten der Myopie im Durchschnitt um 67 Prozent im Vergleich zu Einstärkengläsern, wenn sie jeden Tag mindestens 12 Stunden lang getragen werden. Ebenso hemmen sie das axiale Längenwachstum des Augapfels im Schnitt um 60 Prozent.
- MiSight® 1 day-Kontaktlinsen: Diese Kontaktlinsen haben zwei Bereiche: Zwei Korrektionszonen gleichen die Kurzsichtigkeit in exakter Stärke aus und ermöglichen klares Sehen. Zwei Myopie-Kontrollzonen bewirken zugleich einen konstanten myopischen Defokus. Über einen Zeitraum von drei Jahren verlangsamt MiSight® 1 day die Verschlechterung der Kurzsichtigkeit bei Kindern um durchschnittlich 59 Prozent.
- ZEISS Brillenglaslösungen zum Myopie-Management: Die speziellen Brillengläser sind in der Lage, das Wachstum des Auges zu verlangsamen und einzudämmen. Dies wird dadurch erreicht, dass spezielle Mikrostrukturen im Randbereich des Brillenglases einen sogenannten simultanen myopen Defokus setzen.
Medikamentöse Behandlungen
In einigen Fällen kann der Augenarzt Medikamente verschreiben, um das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu verlangsamen.
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Operative Eingriffe
Bei fortgeschrittener Kurzsichtigkeit können operative Eingriffe in Erwägung gezogen werden, um die Sehschärfe zu korrigieren. Allerdings ändern diese Operationen nichts an der Länge des Augapfels und der damit verbundenen Ausdünnung der Gewebeschichten und somit auch nichts an dem Risiko, von den genannten Erkrankungen betroffen zu werden.
Regelmäßige Augenuntersuchungen
Es ist wichtig, dass Kinder ab dem fünften Lebensjahr mindestens einmal im Jahr eine Augenuntersuchung absolvieren, durch die eventuelle Sehprobleme und eine schnell fortschreitende Kurzsichtigkeit frühzeitig erkannt werden. Besonders dringlich ist dies bei Myopie mit mehr als -6 Dioptrien. Auch Erwachsene mit Kurzsichtigkeit sollten ihre Augen in regelmäßigen Abständen von einem Augenarzt untersuchen lassen. Die Abstände sollten dabei nicht länger als zwei Jahre sein. Kurzsichtige sollten deshalb die typischen Ablationssymptome (Lichtblitze, Rußregen, bleibende Schatten) kennen und ggf. rasch einen Augenarzt aufsuchen.
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