Der Rinderwahnsinn: Eine Geschichte von Fehlern, Ängsten und offenen Fragen

Die Geschichte des Rinderwahns, auch bekannt als BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie), ist ein Lehrstück der Epidemiologie. Sie erzählt den Kampf eines neuartigen Erregers mit Behörden, die ihren Gegner stets unterschätzt haben. Es ist eine Geschichte von politischer Halbherzigkeit, wirtschaftlichen Interessen und den tragischen Folgen für Mensch und Tier.

Der Beginn einer Epidemie

Wie die Geschichte jeder Epidemie, so beginnt auch diese unspektakulär: Das erste bekannt gewordene Opfer, in den Akten verzeichnet unter dem Namen »Kuh 133«, starb unkontrolliert zuckend am 11. Februar 1985 auf einem Bauernhof in Sussex, Südengland. Zu diesem Zeitpunkt, als die Seuche noch keinen Namen hatte, sind nach heutigen Erkenntnissen bereits 50 000 infizierte Rinder in die menschliche Nahrungskette gelangt. Zehn Jahre später waren schon mehr als 150 000 Tiere tot - und eine unbekannte Zahl von Menschen infiziert.

Die Veterinäre wussten zunächst keinen Rat: Sie fanden in den Kadavern keinerlei Spuren von Abwehrkämpfen, keine Entzündungen, nichts. Es schien, als hätten die Körper sich widerstandslos dem Siechtum ergeben. Die Gehirne der Opfer aber waren zerlöchert wie Bimsstein, die Nervenzellen verschrumpelt. Damals ahnten die Forscher noch nicht, dass sie es mit einem völlig neuartigen Erregertypen zu tun hatten, so genannten Prionen. Sie stellten nur fest, dass die Symptome denen einer altbekannten Schafskrankheit ähnelte, Scrapie genannt.

Die Verharmlosung und ihre Folgen

Diese kann Menschen nicht infizieren, und daher waren sich Mediziner und Behörden von Anfang an ohne jede weitere Untersuchung über die Losung für die folgenden Krisenjahre einig: Die seltsam torkelnden Rinder mit den Löchern im Hirn bedeuten keine Gefahr für den Menschen. Von diesem Urteil rückten sie auch dann nicht ab, als das infektiöse BSE-Agens anders als Scrapie reihenweise Artgrenzen überwand. Plötzlich starben Hauskatzen an Hirnschwamm, ebenso eine Reihe von Zootieren - Antilopen, Bisons, ein Tiger, ein Gepard und ein Ozelot.

Als Auslöser der rasch um sich greifenden Seuche galt schon bald das Viehfutter. Es hatte sich gerächt, dass britische Tierkörper-Beseitigungsanstalten Anfang der achtziger Jahre auf ein billiges Verfahren zur Tiermehlproduktion umgestellt hatten. Sie erhitzten die Pampe aus zermahlenen Tierkörpern nur auf rund 80 Grad. Der Erreger der BSE überstand diese Temperatur unbeschadet.

Lesen Sie auch: Demenzdorf in Frankreich

Politische Fehler und die Ausbreitung der Seuche

Die britische Regierung glaubte entschlossen zu reagieren, als sie Mitte Juli 1988 das Verfüttern von Fleischmehl aus Wiederkäuerkadavern an Wiederkäuer verbot. Damit, so verhieß sie, sei das Problem aus der Welt. Die Bauern jedoch hatten noch tonnenweise verseuchtes Futter gehortet und dachten nicht daran, es wegzuwerfen. Ungerührt verfütterten sie es weiter. Und wann immer eine Kuh anfing, scheel zu gucken oder gar zu torkeln, schoben sie sie rasch ab ins Schlachthaus, denn für kranke Tiere zahlte die Regierung Kompensationsprämien, die weit unter dem Schlachtpreis lagen.

Wegen solcher politischer Fehler kam die Seuche erst richtig in Fahrt. Unvergessen ist das Bild des Landwirtschaftsministers John Gummer, wie er im Mai 1990 seiner vierjährigen Tochter vor laufenden Kameras einen Hamburger aufdrängte und beteuerte: »Britisches Fleisch ist vollkommen sicher.« Zu diesem Zeitpunkt hatte die Rinderepidemie noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht.

Der Übergang auf den Menschen: vCJK

Dass der Rinderwahn auch Menschen ins Grab bringen kann, haben Gummer und die übrigen Politiker Britanniens hartnäckig von sich gewiesen - und auch Forscher pflichteten ihnen eilfertig bei. »Aller Wahrscheinlichkeit nach«, so lautete das Fazit eines hochrangig besetzten Expertenkomitees, sei das Rind »eine Sackgasse« für den Erreger. Der Gedanke an eine Gefährdung von Menschen sei »extrem abwegig«.

Den britischen Schlachtern wurden zunächst nur wenige Auflagen gemacht: Weil sich der Erreger in Gehirn, Rückenmark und im Lymphgewebe besonders anzureichern schien, verlangte die Regierung, dass diese heiklen Teile nach dem Schlachten entfernt werden. An die Schlachtregeln hatte sich aber kaum jemand konsequent gehalten. Im Juni 1995 beklagte ein amtlicher Bericht, dass die risikobehafteten Gewebearten in den Schlachthöfen nach wie vor zermetzgert würden. Die Arbeiter hätten nicht die Muße für feinmechanische Fieselei; beim eiligen Hantieren gelangten deshalb oft ganze Stücke Rückenmark in die menschliche Nahrungskette.

Im März 1996 schließlich musste die Regierung einräumen, dass auch die Behauptung, der Mensch sei vor Ansteckung gefeit, nichts als Wunschdenken gewesen war: Die Obduktion des 1995 qualvoll gestorbenen Briten Stephen Churchill, 18, hatte die für Rinderwahn typischen Löcher im Hirn offenbart. Die Pathologen hatten das erste Opfer von Menschen-BSE vor sich. Sie gaben der Krankheit den Namen vCJK, denn sie sahen darin eine neue Variante der altbekannten Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.

Lesen Sie auch: Lernen im Präsenzunterricht: Fallstudie

Auch diese zersetzt das Gehirn, im Verlauf ähnelt sie der Alzheimer-Erkrankung, und sie betrifft ausschließlich Ältere, meist im sechsten oder siebten Lebensjahrzehnt. Von ihr unterscheidet sich die neue Variante jedoch radikal: Sie befällt Teenager und junge Erwachsene. Das bisher jüngste Opfer starb vorletzten Monat - Zoe Jeffries, 14 Jahre alt. Auch die Symptome der vCJK sind anders: Die todbringende Krankheit beginnt mit Störungen der Sinneswahrnehmungen, Depression, Angst und motorischen Ausfällen. Keine zwei Jahre nach den ersten Anzeichen ist der Erkrankte tot. Die meisten der bisherigen Opfer starben in tiefer Umnachtung, blind und taub, ohne Kontrolle über Gliedmaßen, Blase und Darm. Sie alle haben sich nach dem Urteil der Forscher noch in den achtziger Jahren angesteckt.

Die Inkubationszeit und das Ausmaß der Epidemie

»10, 15 Jahre, manchmal sogar 40 Jahre dauert die Inkubationszeit«, sagt der Prionen-Forscher John Collinge vom Londoner Imperial College. Das echte Ausmaß der menschlichen vCJK-Epidemie wird erst in Jahrzehnten endgültig abzusehen sein. Damit ist auch klar: Jetzt, auf Rindfleisch zu verzichten, ist nicht unbedingt eine erfolgreiche Strategie, dem Rinderwahn zu entgehen. Das Infektionsrisiko für Menschen ist heute weit geringer als ehedem.

Jeder Brite, so rechnet der Mediziner Stephen Dealler vor, hat bis Mitte der neunziger Jahre nichts ahnend mindestens 50 verseuchte Portionen weggeputzt. Die steigende Zahl der Toten und Kranken in Großbritannien hat Forscher zu Risikoabschätzungen veranlasst. Bestenfalls, so erwarten sie, werde die Seuche mit ein paar hundert Opfern ausklingen. Es könnten aber »viel, viel mehr sein«, räumt Agrarminister Nick Brown ein, möglicherweise weit über 100 000.

Das Risiko in Deutschland

Noch weiß niemand, wie viel BSE-Material ausreicht, einen Menschen zu infizieren. Doch für Rinder ist die minimal infektiöse Dosis inzwischen bekannt: Eine Kuh ist todgeweiht, wenn sie nur 0,1 Gramm infektiöses Rinderhirn gefressen hat. Vier, fünf Jahre später wird sie - falls sie nicht längst geschlachtet und verspeist ist - anfangen zu taumeln, abzumagern und die Orientierung zu verlieren. Für Deutschland lautet deshalb die alles entscheidende Frage: Ist es plausibel, dass auch deutsche Rinder irgendwann im Laufe der letzten Jahre 0,1 Gramm infektiöses Material vertilgt haben? Für die Experten vom EU-Lenkungsausschuss lautet die Antwort unumwunden: Ja.

  • Deutschland ist nahezu umzingelt vom Rinderwahn: Die Seuche ist nachgewiesen in der Schweiz, in Frankreich, Belgien und den Niederlanden.
  • 630 000 Tonnen Mischfutter wurden allein im Jahre 1998 nach Deutschland importiert. Davon stammten 75 000 Tonnen aus dem BSE-Problemstaat Frankreich.
  • Ausgerechnet in den Jahren 1988 und 1989, dem Höhepunkt der BSE-Gefahr in England, gelangten jährlich mindestens 1200 Tonnen britisches Kraftfutter nach Deutschland. Alles spricht dafür, dass es verseucht war.
  • Bis 1993 kauften deutsche Bauern mindestens 13 000 britische Rinder. Als sich fünf von ihnen später als BSE-infiziert erwiesen, waren mindestens 400 der in Großbritannien geborenen Tiere bereits geschlachtet und von Mensch oder Tier verspeist.
  • Vereinzelt wurden auch später noch weitere britische Tiere über Transitstaaten wie Frankreich oder Belgien nach Deutschland verbracht. Zudem landeten mehrere tausend Tonnen Briten-Beef illegal in Deutschland.

Immer wieder hatte der Erreger mithin Gelegenheit, die deutsche Grenze zu queren. In Deutschland traf er zwar auf Umstände, die ihm einen Seuchenzug wie in Großbritannien unmöglich machten. Vor allem das hohe Niveau in den Tierkörper-Beseitigungsanstalten hat ihn in Schach gehalten, wie deutsche Funktionäre nicht müde werden zu betonen. Dennoch: Der Erreger könnte durchaus bereits menschliche Wirte gefunden haben. Auch dass er sich über Schlachtabfälle und Viehfutter im Tierbestand festgesetzt hat, kann nicht ausgeschlossen werden. Fachleute sprechen vom »Recycling der Infektiosität«.

Lesen Sie auch: Berufskrankheit Parkinson in Deutschland

Tiermehl und Kreuzkontamination

Zwar wurde normales Tiermehl in Deutschland einem aufwendigen Drucksterilisationsverfahren unterworfen. Doch viele Jahre lang galt dies nicht für Knochen von solchen Tieren, die für den menschlichen Verzehr freigegeben waren. Abfälle vom Schlachter wurden ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen in die Tierfutterproduktion eingespeist, weil sie als unbedenklich galten. Die so genannten Spezialbetriebe, die dieses Procedere angewandt hatten, wurden wegen der BSE-Gefahr erst in diesem Jahr abgeschafft.

Auch in der Mast hatte es der BSE-Erreger weit schwerer als in Großbritannien. Rindermäster verfütterten fast nie Rindermehl an Wiederkäuer wie Rinder und Schafe. »Das war bei uns einfach nicht gebräuchlich«, sagt Hubert Grote vom Verband der Futtermittelindustrie. Gebräuchlich war es nicht, aber es kam vor. »Bis vor zehn, zwölf Jahren«, so Bernhard Mügge, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter, »war immer ein guter Teil Tierkörpermehl im Mischfutter.« Das tierische Protein stellte »eine billige Komponente« dar, deren Preis zudem stabil blieb im heftig schwankenden Markt für Soja-Produkte. Ob ein Bauer nun eine Charge Schwein, Huhn oder Rind in seinem Mischfutter hatte, wusste er selbst nicht. Eine Deklarationspflicht gab es für die Futterproduzenten nicht.

Wie brandgefährlich Tiermehl sein kann, belegen die »BARBS«-Rinder - »Born After The Real Ban«. Sie kamen nach dem 29. März 1996 zur Welt, dem Stichtag, nach dem jede Form von tierischem Protein aus der Rinderkost gestrichen wurde. Diese Tiere haben nichts gegessen als vegetarische Rinderdiät: Sojaschrot, Reste aus den Getreidemühlen, Rapsschrot, Kleie, Trockenschnitzel aus der Zuckerrüben-Verwertung, Bierhefen und Biertreber. Und doch haben sie sich angesteckt mit BSE. Es gibt sie in Großbritannien, in Frankreich und in der Schweiz. Die Erklärung dieser Infektionen ist schockierend - sie zeigt, dass der BSE-Erreger von Agrarpolitikern nach wie vor auf entsetzliche Weise unterschätzt wird.

Da bereits ein Zehntel Gramm zur Infektion ausreicht, ist schon eine Spur von infektiösem Rind im Futter genug, um die Seuche weiterzuverbreiten. Solche Rinder-Spuren finden Futtermittel-Überwacher regelmäßig. »Tiermehl macht im Rinderfutter bis zu einem Prozent aus«, bestätigt Irene Lukassowitz vom Berliner Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV). In Frankreich tolerieren die Behörden eine Tiermehl-Kontamination von bis zu 0,3 Prozent. Rein vegetarische Nahrung scheint es in der ganzen EU für Rinder nicht zu geben. Die Ursache dafür ist in den Futtermittelfabriken zu suchen: Sie schaffen es nicht, ihre Geräte ausreichend zu reinigen. Wenn sie Schweine- oder Hühnerfutter zubereiten, dann verarbeiten sie auch Rind. Das Rind kontaminiert die Maschinen - und dann das Rinderfutter, das später auf den gleichen Maschinen hergestellt wird. Diesen Infektionsweg nennen die Experten »Kreuzkontamination« - er gilt im Augenblick als eine der gefährlichsten Routen des BSE-Erregers.

Die Rolle der Prionen

Prionen sind infektiöse Eiweiße, deren Übertragung auch ohne Beteiligung von Erbsubstanz eine Reihe von Krankheiten auszulösen vermag. Dies geschieht nach Art einer Kettenreaktion, bei der die falsch gefalteten krankmachende Prionen ihr natürliches Gegenstück, das zelluläre Prionprotein, umfalten. So entstehen Aggregate und Nervenzellen sterben ab.

Die Prionenhypothese wurde lange umstritten, wurde jedoch im Jahr 1997 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet und vielfach experimentell untermauert.

Prionen-Krankheiten bei Tieren sind beispielsweise Scrapie (bei Schafen und Ziegen), die durch Verfütterung von Schafskadavern übertragene Bovine Spongiforme Encephalitis (BSE) bei Rindern oder die „Chronic Wasting Disease“ bei Hirschen, Elchen und Rehen.

Übertragbare Prionenkrankheiten beim Menschen sind Kuru, das unter bestimmten Urvölkern auf Neuguinea durch rituellen Kannibalismus übertragen wurde, und die „variante Creutzfeld-Jakob-Erkrankung“ (vCJD), die durch verseuchte Rinderprodukte ausgelöst wurde und mittlerweile über 200 Todesopfer gefordert hat.

Was ist sicher, was ist gefährlich?

Der Streit um die Seuche verunsichert die Verbraucher. Experten sagen, welche Produkte gefährlich sind und welche nicht.

  • Fleisch: Muskelfleisch gilt unter den Experten als relativ unbedenklich. Finger weg von Hirn und Rückenmark, „egal, woher das Rind stammt“.
  • Wurst: Einige Wurstsorten, so Leber- und Hirnwurst, dürfen gemäß den Lebensmittelleitsätzen Hirn enthalten; norddeutsche Fleischwurst, Rinder- und Mengwurst beinhalten Rinderinnereien.
  • Gelatine: Kuchen, Weingummi, Lakritze und viele andere Lebensmittel enthalten Gelatine; auch die Hüllen von Arzneimittelkapseln bestehen daraus. Rindergelatine entspricht den Sicherheitsanforderungen.
  • Babynahrung: Alle großen deutschen Hersteller von Säuglingsnahrung beteuern den absoluten Verzicht auf britische Produkte.
  • Konserven: Allein die Inhaltsstoffe sind auf der Verpackung aufgedruckt. Deren Herkunft kann der Konsument jedoch nicht nachvollziehen. Im Zweifel gilt: beim Hersteller nachfragen.
  • Brühwürfel: Keine Gefahr, daß in Brühwürfeln, Tütensuppen oder Bratensoßen britische Rinder verarbeitet sind.
  • Kosmetik: Deutsche Hersteller verzichten seit 1994 auf britisches Rind.

Aktuelle Lage und Maßnahmen

Seit Jahren sind die BSE-Fälle in Europa rückläufig, was dafür spricht, dass die ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Erkrankung wirksam sind. Zu diesen Maßnahmen gehören unter anderem:

  • Das Verbot der Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer
  • Die Entfernung von Risikomaterial (Gehirn, Rückenmark, etc.) bei der Schlachtung
  • Die Überwachung von Rindern auf BSE

Eines zumindest haben die ernüchternden Resümees der Forscher bewirkt: Erstmals stehen jene zwei radikalen Maßnahmen zur Diskussion, die vermutlich allein garantieren könnten, dass die Seuche zum Stillstand kommt - routinemäßige Tests für Risikorinder, vor allem aber die Ächtung des Tiermehls und damit die endgültige Austrocknung der Infektionsquelle.

tags: #frankreich #kuh #gehirn