Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Sirtal (Carbamazepin) bei Polyneuropathie, wobei Indikationen, Wirkmechanismen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten detailliert betrachtet werden.
Was ist Polyneuropathie?
Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems (PNS). Das PNS umfasst alle Nerven, die den Körper als dreidimensionales Netz durchziehen. Die Nerven übermitteln Informationen, als elektrische Impulse kodiert, zwischen Rückenmark bzw. Gehirn und dem übrigen Körper.Das periphere Nervensystem (PNS) umfasst alle Nerven, die den Körper wie Telefonkabel durchziehen. Es übermittelt Informationen zwischen Rückenmark/Gehirn und dem Rest des Körpers.
Indikationen von Carbamazepin (Sirtal)
Carbamazepin, unter anderem als Sirtal® im Handel, ist ein Medikament, das zur Behandlung verschiedener neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt wird. Die Hauptindikationen umfassen:
- Epilepsien: Sirtal ist zugelassen zur Behandlung von Epilepsien mit einfach partiellen Anfällen (fokale Anfälle), komplex partiellen Anfällen (psychomotorische Anfälle), Grand mal-Anfall-Erkrankungen, insbesondere fokaler Genese (Schlaf-Grand mal, diffusem Grand mal) und gemischten Epilepsieformen. Epilepsie ist ein zerebrales Anfalls- oder Krampfleiden, bei dem wiederholt zerebrale Krampfanfälle (epileptische Krampfanfälle) infolge einer chronisch übersteigerten Entladungsaktivität von Nervenzellgruppen im Gehirn auftreten. Die medikamentöse Behandlung eines akuten Krampfanfalls ist nur erforderlich, wenn dieser länger als 5 Minuten dauert. Die Dauertherapie mit Antiepileptika erfolgt dagegen, um erneute Krampfanfälle zu unterdrücken.
- Einfach-fokale Anfälle: Bei einfach-fokalen Anfällen ist das Bewusstsein des Betroffenen erhalten und er kann später genau erzählen, was er gespürt hat. Typisch sind Muskelzuckungen oder "Ameisenlaufen" auf der Haut, das Sehen von Lichtblitzen, das Hören von Geräuschen oder anfallartige, meist unangenehme Gerüche oder Geschmacksempfindungen. Manchmal wird dem Betroffenen schwindelig oder er spricht nur von einem "komischen" Gefühl.
- Komplex-fokale Anfälle: Komplex-fokale Anfälle gehen mit einer Veränderung des Bewusstseins einher. Der Betroffene wirkt "weggetreten" oder "umdämmert" und vollzieht stereotype Bewegungen, die nicht zur Situation passen. Er ist aber nicht bewusstlos. Nach dem Anfall dauert es Minuten bis Stunden, bis der Betroffene wieder "völlig da" ist.
- Primär generalisierte Anfälle: Bei primär generalisierten Anfällen sind von Anfang an beide Gehirnhälften von den abnormen Erregungen betroffen. Am bekanntesten ist der Grand-mal-Anfall (tonisch-klonischer Anfall). Er beginnt mit plötzlichem Bewusstseinsverlust und Steifwerden der Muskeln (möglicherweise mit einem Schrei und Sturz). Da sich auch die Atemmuskulatur verkrampft, ist die Atmung gestört, Folge ist eine bläuliche Hautverfärbung. Es folgen beidseitige Muskelzuckungen, die mehrere Minuten dauern. In dieser Phase bildet sich häufig blutiger Schaum vor dem Mund. Nach wenigen Minuten hört der Grand-mal-Anfall meist von alleine auf und der Betroffene schläft für mehrere Stunden.
- Trigeminus-Neuralgie: Einsatz bei Trigeminus-Neuralgie, einer schmerzhaften Erkrankung des Trigeminusnervs.
- Genuiner Glossopharyngeus-Neuralgie: Eine seltene Form der Neuralgie, die den Glossopharyngeusnerv betrifft.
- Schmerzhafte diabetische Neuropathie: Sirtal kann bei schmerzhafter diabetischer Neuropathie eingesetzt werden.
- Nichtepileptische Anfälle bei Multipler Sklerose: Zur Behandlung von nichtepileptischen Anfällen bei Multipler Sklerose, wie z. B. Trigeminus-Neuralgie, tonische Anfälle, paroxysmale Dysarthrie und Ataxie, paroxysmale Parästhesien und Schmerzanfälle.
- Anfallsverhütung beim Alkoholentzugssyndrom: Sirtal wird zur Anfallsverhütung beim Alkoholentzugssyndrom eingesetzt.
- Prophylaxe manisch-depressiver Phasen: Sirtal wird auch zur Prophylaxe manisch-depressiver Phasen eingesetzt, wenn die Therapie mit Lithium versagt hat, wenn Patienten unter Lithium schnelle Phasenwechsel erlebten oder wenn mit Lithium nicht behandelt werden darf.
- Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz: Reicht die Wirkung nicht aus, lohnt sich ein Versuch mit Antiepileptika wie Carbamazepin (z. B. Sirtal®) oder Gabapentin (z. B. Neurontin®).
Wirkmechanismus von Carbamazepin
Carbamazepin wirkt hauptsächlich durch die Hemmung der synaptischen Übertragung im zentralen Nervensystem. Es stabilisiert die neuronalen Membranen, indem es die Natriumkanäle blockiert. Dies reduziert die repetitive neuronale Entladung und verhindert die Ausbreitung von Anfallsaktivität.
Nebenwirkungen von Sirtal
Wie alle Medikamente kann auch Sirtal Nebenwirkungen verursachen. Diese können dosisabhängig sein und treten häufiger bei Beginn der Behandlung oder bei hoher Dosierung auf. Viele Nebenwirkungen verschwinden jedoch nach 8-14 Tagen von selbst oder nach vorübergehender Dosisreduktion. Daher sollte Sirtal möglichst einschleichend dosiert werden.
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Zu den sehr häufigen Nebenwirkungen (mehr als 1 von 10 Behandelten) gehören:
- Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen)
- Leukozytose (Erhöhung der weißen Blutkörperchen)
- Blutbildveränderungen
- Schwindel
- Ataxie (Störung der Bewegungskoordination)
- Somnolenz (Schläfrigkeit)
- Sedierung
- Schläfrigkeit
- Erschöpfung
- Übelkeit
- Erbrechen
- Anstieg der gammaGT-Werte (bedingt durch hepatische Enzyminduktion, üblicherweise klinisch nicht relevant)
- Allergische Hautreaktionen mit und ohne Fieber
Weitere mögliche Nebenwirkungen sind:
- Zentralnervensystem/Psyche: Benommenheit, Müdigkeit, Gang- und Bewegungsstörung, Kopfschmerz, Verwirrtheit und Unruhe (Agitation), Stimmungsveränderungen, phobische Störungen (Angsstörungen), aggressives Verhalten, Denkerschwernis, Antriebsverarmung sowie Sinnestäuschungen (Halluzinationen) und Ohrensausen (Tinnitus), übersteigertes oder vermindertes Hörempfinden (Hyper- oder Hypoakusis) sowie Änderung der Wahrnehmung von Tonhöhen. Unter der Behandlung von Sirtal können latente Psychosen (unterschwellige seelische Erkrankungen) aktiviert werden.
- Bewegungsstörungen: Unwillkürliche Bewegungen (z. B. Flattertremor, Muskelzucken), Augenbewegungsstörungen einhergehend mit Augenzittern (Nystagmus) und/oder Doppelbildern. Darüber hinaus können bei älteren und hirngeschädigten Patienten Bewegungsstörungen wie z. B. unwillkürliche Bewegungen im Mund-Gesichts-Bereich wie Grimassieren (orofaziale Dyskinesien), verschraubte Bewegungen (Choreoathetose) auftreten. Sehr selten wurde über Sprechstörungen, Missempfindungen, Muskelschwäche, Nervenerkrankungen (Polyneuropathie), Nervenentzündung (periphere Neuritis) sowie Lähmungserscheinungen der Beine (Paresen) und Geschmacksstörungen berichtet.
- Augen: Bindehautentzündungen. Über Linsentrübung wurde berichtet. Bei zwei Patienten wurde in Zusammenhang mit einer Carbamazepin -Langzeittherapie über Retinotoxizität (Netzhautschädigung) berichtet, die nach Absetzen des Carbamazepins rückläufig war.
- Bewegungsapparat: Gelenk-, Muskelschmerzen (Arthralgien, Myalgien) sowie Muskelkrämpfe. Nach Absetzen von Sirtal verschwanden diese Erscheinungen.
- Haut, Schleimhäute, Gefäßsystem: Allergische Hautreaktionen mit und ohne Fieber, wie z. B. Bläschenbildung (Urtikaria) oder Juckreiz (Pruritus), sowie vereinzelt über großblättrige, schuppenförmige Hautentzündungen (exfoliative Dermatitis, Erythrodermie), blasige Ablösung der Haut (Lyell-Syndrom), Lichtempfindlichkeit (Photosensibilität), Hautrötungen mit scheiben- oder knotenförmigen Veränderungen und Einblutungen (Erythema exsudativum multiforme et nodosum, Stevens-Johnson-Syndrom), kleinfleckige Hautblutungen (Purpura) und Lupus erythematodes disseminatus (Autoimmunerkrankung mit Gefäßentzündung). Haarausfall, vermehrtes Schwitzen, Veränderungen der Hautpigmentierung, Akne, Hirsutismus (vermehrte Behaarung vom männlichen Typ bei Frauen), Gefäßentzündung (Vaskulitis) traten vereinzelt bis gelegentlich auf.
- Blut- und Lymphsystem: Blutbildveränderungen wie vermehrte (Leukozytose, Eosinophilie) oder verminderte Anzahl (Leukopenie) weißer Blutkörperchen oder der Blutplättchen (Thrombozytopenie). Über bestimmte, zum Teil lebensbedrohende Blutzellschäden wie Agranulozytose, aplastische Anämie, neben anderen Anämieformen (hämolytisch, megaloblastisch), und über Lymphknotenschwellungen sowie Milzvergrößerung wurde sehr selten berichtet.
- Magen-Darm-Trakt: Appetitlosigkeit, Mundtrockenheit, Übelkeit, Erbrechen, selten Durchfall oder Verstopfung. Einzelfälle von Bauchschmerzen und Schleimhautentzündungen im Mund-Rachen-Bereich (Stomatitis, Gingivitis, Glossitis) sind berichtet worden. In der Literatur finden sich Hinweise, dass Carbamazepin möglicherweise eine Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) verursachen kann.
- Leber und Galle: Veränderungen von Leberfunktionswerten, selten Gelbsucht, vereinzelt Leberentzündungen (Hepatitis in unterschiedlicher Form: cholestatisch, hepatozellulär, granulomatös, gemischt). Selten tritt insbesondere innerhalb der ersten Therapiemonate eine lebensbedrohliche akute Leberentzündung (Hepatitis) mit Leberversagen auf allergischer Basis auf.
- Stoffwechsel (Wasser- und Mineralhaushalt), Hormonstatus: Hyponatriämie (verminderter Natriumgehalt des Blutserums), die gelegentlich zu verminderter Flüssigkeitsausscheidung, Wasseransammlung im Gewebe (Ödeme), Gewichtszunahme und verminderter Plasmaosmolalität und selten zu Wasserintoxikation mit Erbrechen, Kopfschmerz, Verwirrung, Lethargie und anderen neurologischen Auffälligkeiten führt.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Sirtal kann die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen und umgekehrt. Es ist daher wichtig, den Arzt oder Apotheker über alle eingenommenen Medikamente zu informieren.
Sirtal kann die Aktivität bestimmter Leberenzyme erhöhen und dadurch die Plasmaspiegel anderer Arzneimittel senken. Dies kann die Wirkung einiger gleichzeitig verabreichter Arzneimittel abschwächen oder aufheben. In solchen Fällen muss die Dosierung der betroffenen Wirkstoffe möglicherweise angepasst werden.
Substanzen, deren Dosierung bei gleichzeitiger Gabe von Sirtal gegebenenfalls angepasst werden muss:
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- Antiepileptika (Clonazepam, Ethosuximid, Felbamat, Primidon, Lamotrigin, Tiagabin, Topiramat, Valproinsäure)
- Angstlösende Arzneimittel (Alprazolam, Clobazam)
- Arzneimittel zur Behandlung geistig-seelischer Erkrankungen (Haloperidol, Bromperidol, Clozapin, Olanzapin, Risperidon, Quetiapin)
- Depressionslösende Mittel (Imipramin, Amitriptylin, Nortriptylin, Clomipramin)
- Antibiotika (Tetrazykline, z. B. Doxycyclin)
- Mittel zur Behandlung von Pilzinfektionen (Caspofungin, Antimykotika vom Azol-Typ, z.B. Voriconazol, Itraconazol)
- Mittel gegen Viruserkrankungen/HIV (Indinavir, Ritonavir)
- Arzneimittel gegen Parasiten (Praziquantel)
- Betäubungsmittel (Fentanyl)
- Schlaf-/Beruhigungsmittel (Midazolam)
- Psychostimulans, Mittel zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen (Methylphenidat)
- Schmerzmittel (Phenazon, Methadon)
- Calciumantagonist; Arzneimittel zur Behandlung von Schwindel, Migräne (Flunarizin)
- Arzneimittel zur Behandlung schwerwiegender Atemwegserkrankungen (Theophyllin)
- Mittel zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen (Chinidin)
- Mittel zur Behandlung von Herzerkrankungen (Digoxin)
- Blutdrucksenkende Mittel (Propranolol, Felodipin)
- Kortikosteroide (z. B. Prednisolon, Dexamethason)
- Mittel zur Hemmung von Abwehrmechanismen nach Organtransplantationen, Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus)
- Blutgerinnungshemmende Mittel (Warfarin, Phenprocoumon, Dicumarol)
- Hormonale Kontrazeptiva ("Pille")
Umgekehrt können andere Medikamente die Plasmakonzentration von Sirtal beeinflussen. Beispielsweise können bestimmte Antibiotika, Antimykotika, Calcium-Antagonisten und Antidepressiva den Carbamazepin-Plasmaspiegel erhöhen.
Wichtige Hinweise
- Regelmäßige Einnahme: Antiepileptika müssen dauerhaft und absolut regelmäßig eingenommen werden, um wirksam zu sein.
- Präparatewechsel: Wenn ein Patient gut auf ein Medikament eingestellt ist, sollte das Präparat nicht gewechselt werden, da dies zu erneuten Anfällen führen kann.
- Schwangerschaft: Schwangere Frauen sollten besonders vorsichtig sein, da einige Antiepileptika, wie Valproat, das Risiko für Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen beim Kind erhöhen können.
- Information des Arztes: Jeder behandelnde Arzt sollte über die Medikation informiert werden, und der Patient sollte keine Medikamente eigenständig einnehmen.
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