Geschlechterunterschiede im Gehirn: Mythos oder Realität?

Die Frage nach Unterschieden zwischen dem Gehirn von Frauen und Männern ist ein viel diskutiertes Thema. Während oberflächliche Unterschiede wie Geschlechtsorgane leicht erkennbar sind, gestaltet sich die Suche nach Unterschieden im Gehirn komplexer. Studien mit modernen bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) liefern zwar interessante Einblicke, bestätigen aber nicht immer die gängigen Stereotypen.

Die Mosaik-Theorie des Gehirns

Eine Studie der Psychologin Daphna Joel von der Universität Tel Aviv, veröffentlicht im Wissenschaftsmagazin PNAS, untersuchte 1400 weibliche und männliche Gehirne mittels MRT auf anatomische Unterschiede. Dabei wurden Hirnregionen analysiert, in denen frühere Studien Geschlechtsunterschiede festgestellt hatten. Das Ergebnis: Nur wenige Gehirne wiesen ausschließlich typisch weibliche oder männliche Strukturen auf. Stattdessen fanden die Forscher heraus, dass jedes Gehirn ein "einzigartiges Mosaik" aus Merkmalen ist, die statistisch häufiger bei Männern, Frauen oder beiden Geschlechtern vorkommen.

Diese Erkenntnis widerspricht der Vorstellung, dass es zwei klar unterscheidbare Kategorien des Gehirns gibt - ein "männliches" und ein "weibliches" Gehirn. Vielmehr scheint es ein Kontinuum zu geben, auf dem sich die Gehirne individuell positionieren.

Kognitive Unterschiede und ihre Interpretation

Trotz der anatomischen Ähnlichkeiten gibt es kognitive Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer können Objekte im Durchschnitt besser im Geiste rotieren lassen, während Frauen leichter Wörter lernen und abrufen können. Der Biopsychologe Onur Güntürkün von der Ruhr-Universität vermutet, dass ein Experte anhand eines Hirnscans mit etwas mehr als 50 Prozent Wahrscheinlichkeit das Geschlecht identifizieren kann, aber vermutlich unter 60 Prozent bleiben würde.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Unterschiede nicht riesig sind und in einigen wenigen Funktionsbereichen zu unterschiedlicher Leistungsfähigkeit führen. Zudem warnt Güntürkün davor, aus der anatomischen Ähnlichkeit der Gehirne auf eine allgemeine Gleichheit der Geschlechter auch im Verhalten zu schließen. So neigen Männer eher zum spontanen Sex als Frauen, auch ohne dass Neuroforscher eine spezielle Hirnwindung dafür verantwortlich machen können.

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Der rätselhafte Homunkulus und Hermunkulus

Das Gehirn bildet sensorische Reize wie Berührungen auf einer Art Landkarte des Körpers ab, dem sogenannten Homunkulus. Interessanterweise basieren diese Darstellungen traditionell auf der männlichen Anatomie, wobei weibliche Körperteile wie die Klitoris fehlen. Die Wissenschaftler haben begonnen, sich mit dem neuronalen Abbild des weiblichen Körpers zu befassen, das sie als "Hermunkulus" bezeichnen.

Die Neurowissenschaftlerin Susana Lima vom Champalimaud Centre for the Unknown in Lissabon geht davon aus, dass es Unterschiede in den Hirnkarten männlicher und weiblicher Körper geben muss, allein schon wegen der offensichtlichen Diskrepanzen in der Anatomie der Geschlechtsorgane. Auch Schwangerschaft und Mutterschaft verändern bekanntermaßen das weibliche Gehirn, was sich auf das neuronale Abbild des Körpers auswirken muss.

Studien haben gezeigt, dass sexuelle Kontakte und Traumata die Repräsentation der weiblichen Genitalien im somatosensorischen Kortex formen können. Christine Heim, Psychologin und Neurowissenschaftlerin von der Berliner Charité, konnte zeigen, dass die Genitalien tatsächlich in somatotopischer Abfolge neben der Hüfte verortet sind, also analog zur Anatomie des Körpers.

Die Plastizität des Gehirns und der Einfluss von Erfahrungen

Das Gehirn ist nicht statisch, sondern passt sich ständig an neue Erfahrungen an. Dies gilt auch für den Hermunkulus. Christine Heim fand heraus, dass je mehr Sexualkontakte Frauen im vergangenen Jahr hatten, desto dicker fiel das Genitalfeld in der Hirnrinde aus. Umgekehrt war bei Frauen, die als Kinder sexuell missbraucht wurden, die Hirnrinde an den Stellen ausgedünnt, die die Klitoris und den umgebenden Genitalbereich im Gehirn repräsentieren.

Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung von Erfahrungen für die Entwicklung des Gehirns und widerlegen die Vorstellung, dass Geschlechterunterschiede ausschließlich biologisch determiniert sind.

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Algorithmen und die Geschlechterzuordnung

In den vergangenen Jahren haben Hirnforscher Algorithmen entwickelt, die einem Scan des Denkorgans teilweise mit einer Trefferquote von mehr als 80 Prozent ein Geschlecht zuordnen können. Diese Ergebnisse sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da sie nicht bedeuten, dass es zwei klar unterscheidbare Kategorien des Gehirns gibt. Vielmehr spiegeln sie statistische Unterschiede wider, die durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden können.

Die Macht der Hormone und die Freiheit des Menschen

Die These vom großen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen wird oft auf die Steinzeitfamilie gestützt. Es wird argumentiert, dass die unterschiedlichen Aufgaben von Männern und Frauen in der Steinzeit zur Entwicklung unterschiedlicher Gehirne geführt haben. Diese Theorie ist jedoch spekulativ, da die Haushaltsführung in paläolithischen Höhlen kaum erforscht ist. Viele Funde sprechen sogar eher für eine Beteiligung der Frauen an der Jagd.

Der Biologe Lutz Jäncke argumentiert, dass sich der Mensch weitgehend von der Lenkung durch seine Hormone befreit hat. »Solange die Fortpflanzung gewährleistet bleibt, tun wir, was wir gelernt haben, was wir sehen, was uns begegnet im Leben.«

Geschlechterklischees und ihre Auswirkungen

Geschlechterklischees können die Entwicklung des Gehirns und die kognitiven Fähigkeiten beeinflussen. So gilt die Orientierungsfähigkeit bei Frauen als legendär schlecht, während Männer besser abschneiden. Dies ist jedoch nicht auf biologische Unterschiede zurückzuführen, sondern auf unterschiedliche Strategien. Gute Wegefinder schauen im Geiste von oben drauf aufs fremde Gebiet, denken in Himmelsrichtungen, merken sich ihren Ausgangspunkt.

Die Weichen für diese Strategien werden im Kindergartenalter gestellt. Je häufiger und länger Kinder im Freien spielen, je mehr sie zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs sind, desto besser können sie sich orientieren. Vor allem aus Angst vor Übergriffen aber lassen Mama und Papa ihre Tochter weniger freizügig herumstromern, kutschieren sie öfter als Söhne im Auto ans Ziel.

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Der Mutterinstinkt: Mythos oder Realität?

Auch die Vorstellung vom Mutterinstinkt wird von Forschern in Frage gestellt. Studien haben gezeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Innigkeit der Mutterliebe und dem Östrogen- oder Progesteronpegel vor und bei der Geburt gibt. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy kommt zu dem Schluss, dass der »Mutterinstinkt« weder instinktiv noch allen Müttern eigen ist.

Die Bedeutung der Sozialisation

Die Sozialisation spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Geschlechterunterschieden. Mädchen spielen gern mit Puppen, Jungs dagegen mit Baggern. Dieser Unterschied ist angeboren, aber die Sozialisation kann ihn verstärken oder mindern. Werden Mädchen und Jungen auf ähnliche Weise stimuliert, so nähern sich auch ihre Interessen und Fähigkeiten an.

Die Erwartungen, die Erzieher und Eltern an ein Kind stellen, spielen eine ausschlaggebende Rolle. Studien haben gezeigt, dass Frauen schlechter in Mathematik abschneiden, wenn sie zuvor einen Text vorgelegt bekommen, in dem behauptet wurde, Frauen litten unter einer angeborenen Mathe-Schwäche.

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