Viele Frauen melden sich motiviert im Fitnessstudio an, um ihren Körper zu definieren und Muskeln aufzubauen. Doch die Realität sieht oft anders aus. Statt eines unbeschwerten Trainings erleben viele Frauen Belästigungen, unangenehme Blicke und ein Gefühl der Unsicherheit. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Erfahrungen von Frauen im Fitnessstudio, von alltäglichen Belästigungen bis hin zu strukturellen Problemen, und zeigt Lösungsansätze für ein sichereres und angenehmeres Trainingsumfeld auf.
Die Realität: Belästigung und Unsicherheit im gemischten Studio
Ein Video eines selbsternannten Pick-Up-Artists, der erklärt, wie Männer Frauen im Fitnessstudio "aufreißen" können, zeigt ein erschreckendes Bild der Realität. Solche Anleitungen sind kein Einzelfall und tragen dazu bei, dass sich Frauen im Fitnessstudio unwohl fühlen.
Michelle Struwe, eine junge Frau, die im "McFIT Berlin Charlottenburg" trainiert, berichtet, dass viele Männer im Studio offensichtlich keine Ahnung vom Training haben. Weitläufige Flächen, die eigentlich für alle Mitglieder gedacht sind, werden oft von Männern dominiert, besonders der Freihantelbereich. Viele Frauen trauen sich nicht, diesen Bereich zu nutzen, wie Naemi Reinhardt und Karo bestätigen. Sie würden den Freihantelbereich nur in Begleitung einer anderen Frau betreten.
Fitness-Influencerin Kim Komnenic bestätigt, dass ungefragte Tipps, die Frage nach der Handynummer und offensives Zuzwinkern zum Alltag für Frauen im Fitnessstudio gehören. Es gibt aber auch Berichte über Belästigungen und grenzüberschreitendes Verhalten. Kwella, ein Fitness-Coach, berichtet von Kundinnen, denen zwischen die Beine gefasst oder auf den Po geschlagen wurde.
Eine Studie von Women's Running ergab, dass sich 69% der Frauen unsicher fühlten oder ihr Verhalten veränderten, wenn sie in der Öffentlichkeit liefen. 79% gaben an, während des Laufens zugerufen worden zu sein, und 31% erwogen, ganz mit dem Laufen aufzuhören.
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Eine eigene Umfrage ergab ähnliche Ergebnisse:
- 76 % der Frauen gaben an, dass sie sich beobachtet fühlten, während sie an öffentlichen Orten Sport trieben.
- 76 % der Frauen gaben an, dass sie sich unwohl fühlten, während sie an öffentlichen Orten Sport trieben.
- 63 % der Frauen haben ihr Verhalten im Gym daran angepasst, wer anwesend war.
- 44 % sagten, sie hätten ihr Workout abgekürzt, um unerwünschter Aufmerksamkeit aus dem Weg zu gehen.
- 46% der Frauen gaben an, dass sie sich unsicher fühlten, während sie an öffentlichen Orten Sport trieben.
- Nur 11 % der Frauen fühlen sich „sehr selbstbewusst“, wenn sie alleine in der Öffentlichkeit trainieren, und 25 % sagen sie fühlen sich „ziemlich unsicher“.
Strategien zur Vermeidung unerwünschter Aufmerksamkeit
Viele Frauen entwickeln Strategien, um gaffende Blicke zu vermeiden und nicht angesprochen zu werden. Arnela trägt beispielsweise immer eine Jogginghose, während Michelle Struwe Kopfhörer trägt, den Blick nach unten senkt und lächeln vermeidet. Andere Frauen vermeiden Stoßzeiten oder passen ihre Kleidung der Situation an.
"Ladies Only"-Bereiche: Eine Lösung?
Um das Sicherheitsgefühl von Frauen zu erhöhen, bieten einige Fitnessstudios separate Bereiche nur für Frauen an. Tim Bindel, Professor für Sportpädagogik und Sportdidaktik, hält dies für einen sinnvollen Ansatz. In der Praxis sind diese Bereiche jedoch oft klein, eng und nur spärlich ausgestattet. Loreen und Aideen, die beide im "McFIT Berlin Charlottenburg" trainieren, bemängeln die geringe Auswahl an Geräten und das Fehlen von Cardio-Geräten im Frauenbereich.
Die RSG Group, zu der McFIT gehört, plant, die Frauenbereiche im Rahmen einer Umbauoffensive zu vergrößern und besser auszustatten. Laut Sascha Linz, Vice President Sport & Fitness der RSG-Group, ist dies primär aus wirtschaftlichen Gründen motiviert, aber es könnte auch das Sicherheitsgefühl von Frauen verbessern. Die Frauenbereiche sollen teilweise auf bis zu 300 Quadratmeter vergrößert und mit einem direkten Zugang von der Frauen-Umkleide versehen werden. Raumkonzepte, die Frauen schützen anstatt "auszuliefern", sind in gemischten Studios daher essenziell. Dabei geht es um die Platzierung von Geräten vor Wänden und Fenstern, um Laufwege im Studio und darum, in welche Richtung gewisse Geräte ausgerichtet sind.
Reine Frauen-Studios: Eine Alternative?
Reine Frauen-Studios sind eine weitere Option, aber sie sind oft teurer als gemischte Studios und nicht immer gut erreichbar. Während die meisten Frauen grundsätzlich bereit wären, ein solches Studio zu besuchen, scheitert es oft an den Kosten und der Entfernung. McFIT berechnet 29,90 Euro im Monat, Superfit 26,90 Euro und FitX 29 Euro - alle drei sind gemischte Studios. Zum Vergleich: Das günstigste Angebot bei Mrs. Sporty liegt bei 45 Euro im Monat, die Lady Company berechnet 34,90 Euro monatlich und Pink Frauen Fitness 39,90 Euro.
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Was können Fitnessstudios tun?
Fitnessstudios können verschiedene Maßnahmen ergreifen, um ein sichereres und angenehmeres Trainingsumfeld für Frauen zu schaffen:
- Schulung der Mitarbeiter: Die Schulung der Mitarbeiter sollte das Thema Belästigung im Studio umfassen. Bei Grenzüberschreitungen sollten sofortige Maßnahmen wie Hausverbote ergriffen werden. McFIT gibt an, dass dies bereits praktiziert wird.
- Raumkonzepte: Bei der Gestaltung der Studios sollte darauf geachtet werden, dass Geräte so platziert werden, dass Frauen sich nicht beobachtet fühlen. Direkte Zugänge von der Frauen-Umkleide zu den Trainingsbereichen können ebenfalls hilfreich sein.
- Größere und besser ausgestattete Frauenbereiche: Die Frauenbereiche sollten ausreichend groß sein und eine vielfältige Auswahl an Geräten bieten.
- Aufklärung: Es ist wichtig, sowohl Männer als auch Frauen über respektvolles Verhalten im Fitnessstudio aufzuklären.
- Männliche Verbündete: Mehr Männer sollten sich als Verbündete für Frauen im Fitnessstudio engagieren und gegen sexistischem Verhalten vorgehen.
Tipps für ein selbstbewusstes Training
Neben den Maßnahmen der Fitnessstudios können Frauen auch selbst dazu beitragen, sich im Fitnessstudio wohler zu fühlen:
- Wissen ist Macht: Informiere dich über die richtige Ausführung der Übungen. Je sicherer du dich fühlst, desto selbstbewusster wirst du auftreten.
- Kleidung, in der du dich wohlfühlst: Wähle Kleidung, in der du dich sicher und wohlfühlst.
- Freunde mitbringen: Trainiere mit einer Freundin oder einem Freund, um dich sicherer zu fühlen.
- Stoßzeiten vermeiden: Versuche, zu Zeiten zu trainieren, in denen weniger los ist.
- Fokus auf dich selbst: Konzentriere dich auf dein eigenes Training und lass dich nicht von anderen ablenken.
- Selbstbewusstsein aufbauen: Denke daran, dass du für dich selbst trainierst, für dein eigenes Wohlbefinden, deine eigenen Fortschritte und deine eigene Gesundheit. Habe Spaß daran und mach das Beste aus jeder Einheit.
Umgang mit Scham und Unsicherheit
Viele Frauen fühlen sich unsicher oder schämen sich, ins Fitnessstudio zu gehen. Diese Gefühle sind oft auf die Angst vor Blicken, die Unsicherheit über die richtige Ausführung der Übungen oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper zurückzuführen. Es ist wichtig zu wissen, dass diese Gefühle normal sind und es Möglichkeiten gibt, sie zu überwinden:
- Ursachenforschung: Identifiziere die Gründe für deine Scham und Unsicherheit.
- Professionelle Hilfe: Wenn du unter einer Angststörung leidest, solltest du dir professionelle Hilfe suchen.
- Body Positivity: Versuche, deinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist.
- Positive Affirmationen: Sprich dir selbst Mut zu und konzentriere dich auf deine Stärken.
- Erfolge feiern: Feiere deine Fortschritte, egal wie klein sie sind.
Sexuelle Belästigung: Erfahrungen und Umgang
Leider haben viele Frauen im Fitnessstudio Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht. Merle und Clara-Sophia berichten von ihren Erlebnissen mit Fotografieren, Anstarren und Verfolgung. Es ist wichtig, sich gegen solche Übergriffe zu wehren und sich Unterstützung zu suchen.
Clara-Sophia wünscht sich, dass Frauen im Sport allgemein und speziell auch im Fitnessstudio genauso ihren Platz haben wie Männer.
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