Die Vorstellung, dass der Mond unser Leben beeinflusst, ist uralt. Auch im Zusammenhang mit Epilepsie und dem Auftreten von Anfällen hält sich hartnäckig der Glaube an einen Einfluss der Mondphasen. Doch was sagen die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu? Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Epilepsie, Anfallshäufigkeit und den verschiedenen Mondphasen.
Rhythmen der Epilepsie: Mehr als nur Mondphasen?
Epileptische Anfälle treten nicht immer zufällig auf, sondern können bestimmten Rhythmen folgen. Diese Rhythmen können zirkadian sein, also dem Tagesrhythmus folgen, aber auch wöchentliche oder sogar dreiwöchige Zyklen aufweisen. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei vielen Menschen mit Epilepsie die Anfallshäufigkeit im Laufe des Tages variiert, wobei Spitzenzeiten oft um 8:00 Uhr morgens und 20:00 Uhr abends liegen. Wöchentliche Zyklen scheinen keinen bestimmten Tag zu bevorzugen, obwohl Anfälle tendenziell häufiger dienstags und mittwochs auftreten.
Eine Studie, die Daten von einer Webseite und einer Handy-App zur Anfallserfassung sowie von implantierbaren Geräten zur Messung der Gehirnaktivität nutzte, zeigte, dass ein Großteil der Studienteilnehmer zirkadiane Rhythmen in ihren Anfällen aufwies. Bemerkenswert ist, dass viele Betroffene mehr als eine Art von Zyklus haben, der mit ihren Anfällen verbunden ist.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass Anfallszyklen ein wichtiges klinisches Phänomen darstellen, das die meisten Patienten betrifft. Ein möglicher Therapieansatz wäre die Anpassung der Medikamentenkonzentrationen an die Zeiten, in denen Anfälle wahrscheinlicher sind. Allerdings ist diese Strategie komplex, da tägliche Zyklen auch durch Schwankungen in der Arzneimittelwirksamkeit verursacht werden können.
Der Mond und Epilepsie: Eine britische Studie im Fokus
Eine britische Studie des University College London untersuchte speziell die Häufigkeit epileptischer Anfälle im Zusammenhang mit verschiedenen Mondphasen. Das Ergebnis war eindeutig: Die Anzahl der Anfälle richtet sich nach der jeweiligen Mondphase und erreicht einen Tiefpunkt, wenn der Mond besonders hell leuchtet. Je heller die Nacht, desto geringer die Wahrscheinlichkeit für einen Anfall.
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Die Forscher vermuten einen Zusammenhang mit dem Hormon Melatonin. Der Körper bildet Melatonin vornehmlich nachts und in vollständiger Dunkelheit. Melatonin reguliert unter anderem unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Ist es nachts nicht richtig dunkel, wird auch die Melatoninproduktion gebremst. Die britischen Forscher vermuten nun, dass Melatonin ein Auslöser für epileptische Anfälle sein könnte.
Melatonin: Wunderhormon oder Anfallsauslöser?
Melatonin gilt wegen seiner antioxidativen Wirkung eigentlich als „Wunderhormon“ gegen Krebs und den allgemeinen Alterungsprozess. In den USA wird Melatonin häufig im Rahmen einer verjüngenden Hormontherapie verschrieben. Die Erkenntnis, dass Melatonin möglicherweise auch epileptische Anfälle auslösen könnte, ist daher überraschend und bedarf weiterer Forschung. Es muss nun erforscht werden, inwiefern diese Erkenntnis für eine Behandlung genutzt werden kann.
Aberglaube und Wissenschaft im Widerstreit
Der Glaube an einen Zusammenhang zwischen Mondphasen und Epilepsie ist jedoch tief im Aberglauben verwurzelt. Jahrhundertelang hielt sich die Vorstellung, dass der Mond Geisteskrankheiten und eben auch Epilepsie beeinflusst. So wurden Betroffene früher als "mondsüchtig" bezeichnet.
Eine neuere Studie wertete 770 Anfälle aus, darunter 470 epileptische und 300 psychogene, nicht-epileptische Anfälle, und untersuchte deren Auftreten in Bezug auf die Mondphasen. In der Gesamtanalyse zeigte sich keine Häufung der Anfälle bei bestimmten Mondphasen. Allerdings traten die nicht-epileptischen Anfälle während der Vollmondphase häufiger auf, während die epileptischen Anfälle im letzten Viertel des Mondzyklus gehäuft auftraten. Demnach wäre Vollmond für Menschen mit Epilepsie eine relativ sichere Zeit. Die Bedeutung dieser Häufung ist jedoch gering und muss durch weitere Untersuchungen bestätigt werden.
Die Rolle des Mondlichts und des Schlaf-Wach-Rhythmus
Vor der Verbreitung künstlicher Beleuchtung hatte das Mondlicht einen größeren Einfluss auf den Schlaf-Wach-Rhythmus der Menschen. Schlafmangel kann ein Auslöser für Anfälle bei Menschen mit Epilepsie sein. Eine Einwirkung des Mondlichts auf den Schlaf-Wach-Rhythmus könnte also in früheren Zeiten durchaus eine (wenn auch geringe) Relevanz gehabt und zur Bildung des Aberglaubens beigetragen haben.
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Moderne Studien: Keine eindeutigen Beweise
Viele moderne Studien haben versucht, einen Zusammenhang zwischen Mondphasen und verschiedenen gesundheitlichen Aspekten nachzuweisen, darunter auch neurologische Erkrankungen wie Epilepsie. Die Ergebnisse sind jedoch oft widersprüchlich und wenig aussagekräftig.
Einige Studien fanden keine Korrelation zwischen der Mondphase und dem Auftreten epileptischer Anfälle oder dem Eintritt eines plötzlichen unerwarteten Tods bei Epilepsie (SUDEP). Andere Studien deuteten auf einen indirekten Zusammenhang hin, der durch die Veränderung der nächtlichen Helligkeit beeinflusst wird.
Der Einfluss des Mondes auf andere Bereiche der Gesundheit
Auch in anderen Bereichen der Gesundheit wurde der Einfluss des Mondes untersucht. Einige Studien fanden beispielsweise einen Zusammenhang zwischen dem Mondzyklus und kardiovaskulären Ereignissen, psychologischen Erkrankungen und Geburten. Allerdings sind diese Ergebnisse oft nicht konsistent und bedürfen weiterer Forschung.
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