Krampfanfall: Medizinische Definition, Ursachen und Behandlung

Ein Krampfanfall, oft auch epileptischer Anfall genannt, ist ein plötzliches Ereignis, das durch eine vorübergehende Störung der Hirnfunktion verursacht wird. Diese Störung entsteht durch eine abnorme, exzessive und/oder synchronisierte neuronale Aktivität im Gehirn. Die Symptome eines Krampfanfalls können je nach betroffenem Hirnareal und Ausmaß der neuronalen Entladung stark variieren.

Was ist ein Krampfanfall?

Ein Krampfanfall ist ein plötzliches, unwillkürliches Ereignis mit krampfenden oder zuckenden Bewegungen. Je nach Art des Anfalls verliert der Betroffene gegebenenfalls das Bewusstsein. Manchmal zeigt ein Krampfanfall alle diese drei Merkmale, manchmal nicht. Etwa 5 Prozent der Menschen haben im Laufe ihres Lebens einmal einen Krampfanfall.

Typischerweise wird ein Krampfanfall durch eine Funktionsstörung von Nervenzellen (Neuronen) in der Hirnrinde hervorgerufen. Die normale Aufgabe einer Nervenzelle ist es, elektrische Signale zu erzeugen beziehungsweise zu empfangen und weiterzuleiten. Dies geschieht in jeder Sekunde millionenfach im Gehirn, jedoch in geordneter Weise. Bei einem zerebralen (= vom Gehirn ausgehenden) Krampfanfall geht aber jede Ordnung verloren, sodass sich plötzlich bestimmte Gruppen von Nervenzellen gleichzeitig entladen und synchron ihre unkoordinierten Signale weiterleiten. Sie stecken nachgeschaltete Nervenzellen damit sozusagen an. Bildlich gesprochen lässt sich ein Krampfanfall auch als „Gewitter im Gehirn“ bezeichnen.

Ursachen und Auslöser von Krampfanfällen

Krampfanfälle können vielfältige Ursachen haben. Es ist wichtig, zwischen Gelegenheitsanfällen (akut symptomatischen Anfällen) und epileptischen Anfällen zu unterscheiden.

Gelegenheitsanfälle

Gelegenheitsanfälle treten im Rahmen akuter Erkrankungen oder Schädigungen des Gehirns auf. Es gibt also einen direkt zu identifizierenden Auslöser für den Anfall. Zu den häufigsten Ursachen gehören:

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  • Fieber: Besonders bei Kindern können fieberhafte Infekte zu Fieberkrämpfen führen.
  • Akute Erkrankungen des Gehirns: Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis), Hirnhautentzündungen (Meningitis) oder Hirnabszesse können Krampfanfälle auslösen.
  • Schwere Kopfverletzungen: Traumatische Hirnverletzungen können zu Krampfanfällen führen.
  • Sauerstoffmangel: Situationen, in denen das Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, können Anfälle begünstigen.
  • Überdosierung von Medikamenten oder Drogen: Bestimmte Substanzen können Krampfanfälle auslösen.
  • Alkohol- oder Drogenentzug: Entzugserscheinungen können mit Krampfanfällen einhergehen.
  • Stoffwechselstörungen: Mangel an wichtigen Mineralstoffen oder Elektrolytstörungen können Anfälle verursachen.

Die Behandlung von Gelegenheitsanfällen konzentriert sich auf die Beseitigung der zugrunde liegenden Ursache. In der Regel haben diese Anfälle keine langfristigen Folgen, wenn die akute Erkrankung behandelt wird.

Epileptische Anfälle und Epilepsie

Von einer Epilepsie oder einem Anfallsleiden spricht man, wenn die Anfälle spontan, das heißt ohne einen erkennbaren Auslösefaktor und in bestimmten Abständen bzw. bestimmter Häufigkeit auftreten. Epilepsie (ICD-10 G40) ist der Oberbegriff für zerebrale Funktionsausfälle aufgrund einer neuronalen Netzstörung. Leitsymptom sind wiederholte Anfälle. Definiert ist ein epileptischer Anfall als ein vorübergehendes Auftreten von subjektiven Zeichen und/oder objektivierbaren Symptomen aufgrund einer pathologisch exzessiven und/oder synchronisierten neuronalen Aktivität im Gehirn.

Epilepsien können verschiedene Ursachen haben, darunter:

  • Strukturelle Ursachen: Umschriebene pathologische Hirnveränderungen, die erworben oder genetisch bedingt sein können (z.B. Hirntumore, Hirninfarkte, Kontusionsdefekte, vaskuläre Malformationen, fokale kortikale Dysplasien, Hippocampussklerose). Ebenso kann eine perinatale Hirnschädigung, oft infolge von Sauerstoffmangel während des Geburtsvorgangs, eine Epilepsie verursachen.
  • Genetische Ursachen: Mutationen in Genen, die die Funktion von Ionenkanälen, Neurotransmittern oder anderen wichtigen Proteinen im Gehirn beeinflussen. Die Mehrzahl der Fälle der idiopathischen generalisierten Epilepsien (IGE) sind polygenetische Erkrankungen. Das Erkrankungsrisiko hängt von verschiedenen genetischen Suszeptibilitätsfaktoren und Umwelteinflüssen ab.
  • Infektiöse Ursachen: Infektionen des Gehirns, wie Neurozystizerkose, Tuberkulose, HIV, zerebrale Malaria, subakute sklerosierende Panenzephalitis, zerebrale Toxoplasmose und kongenitale Infektionen. Zudem sind post-infektiöse Entwicklungen einer Epilepsie möglich, beispielsweise nach einer viralen Enzephalitis.
  • Metabolische Ursachen: Stoffwechselstörungen, die direkt epileptische Anfälle als Kernsymptomatik aufweisen. Es wird angenommen, dass die meisten metabolisch bedingten Epilepsien einen genetischen Hintergrund haben und nur selten erworben sind.
  • Immunologische Ursachen: Autoimmun vermittelte Entzündungen des ZNS. Hierzu gehören vor allem die Kalium-Kanal-Antikörper (LGI1)-bedingte limbische Enzephalitis und die NMDA-Rezeptor-Antikörper assoziierte Enzephalitis (NMDA = N-Methyl-D-Aspartat).
  • Unbekannte Ursachen: In vielen Fällen kann die Ursache einer Epilepsie nicht identifiziert werden.

Klassifikation von Anfällen

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat eine Klassifikation entwickelt, um Anfälle und Epilepsieformen zu standardisieren. Die Klassifikation basiert auf drei Ebenen:

  1. Anfallstyp: Unterscheidung zwischen generalisiertem, fokalem und unklarem Beginn.
  2. Art der Epilepsie: Zuordnung zu einer bestimmten Ätiologie (strukturell, genetisch, infektiös, metabolisch, immunologisch oder unbekannt).
  3. Epilepsie-Syndrom: Identifizierung eines spezifischen Epilepsie-Syndroms, wie z.B. Lennox-Gastaut-Syndrom oder Dravet-Syndrom.

Anfallstypen im Detail

  • Generalisierte Anfälle: Betreffen beide Gehirnhälften gleichzeitig. Es gibt verschiedene Arten von generalisierten Anfällen:
    • Tonisch-klonische Anfälle (Grand Mal): Beginnen mit einer plötzlichen Versteifung des Körpers (tonische Phase), gefolgt von rhythmischen Zuckungen (klonische Phase). Bewusstseinsverlust tritt auf.
    • Absencen: Kurze Bewusstseinsaussetzer ohne Muskelzuckungen. Treten häufig bei Kindern auf.
    • Myoklonische Anfälle: Kurze, unwillkürliche Muskelzuckungen.
    • Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust des Muskeltonus, der zu Stürzen führen kann.
  • Fokale Anfälle: Beginnen in einem begrenzten Bereich einer Gehirnhälfte. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist.
    • Fokale Anfälle mit erhaltenem Bewusstsein: Der Patient ist während des Anfalls bei Bewusstsein. Die Symptome können motorische, sensorische, autonome oder psychische Phänomene umfassen.
    • Fokale Anfälle mit beeinträchtigtem Bewusstsein: Der Patient ist während des Anfalls nicht vollständig bei Bewusstsein. Es können Automatismen auftreten (z.B. Schmatzen, Nesteln).
    • Fokale Anfälle mit Übergang zu bilateral tonisch-klonischen Anfällen: Ein fokaler Anfall breitet sich auf beide Gehirnhälften aus und führt zu einem generalisierten tonisch-klonischen Anfall.
  • Unbekannter Beginn: Wenn der Beginn des Anfalls nicht klar ist, wird er als Anfall mit unbekanntem Beginn klassifiziert.

Symptome eines Krampfanfalls

Ein Krampfanfall zeichnet sich durch verschiedene Symptome aus, die sich je nach Art und Ausprägung des Anfalls unterscheiden:

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  • Unwillkürliche, krampfende oder zuckende Bewegungen
  • Kribbeln oder Taubheitsgefühle
  • Bewusstlosigkeit
  • Veränderungen der Wahrnehmung (z.B. visuelle oder auditive Halluzinationen)
  • Verhaltensänderungen
  • Sprachstörungen
  • Autonome Symptome (z.B. Schwitzen, Hautblässe, Herzrasen)

In der Regel ist ein Krampfanfall in weniger als zwei Minuten wieder vorbei; manchmal hält er auch nur einige Sekunden an. Nach längeren, generalisierten Anfällen fühlen sich die Betroffenen häufig erschöpft und brauchen erst einmal Ruhe und Schlaf. Nach einem Anfall folgt in den meisten Fällen eine Nachphase (postiktale Phase), welche Stunden anhalten kann. In dieser kommt es zu Symptomen wie Sprachstörungen, Vigilanzminderungen, Lähmungen, Gedächtnisstörungen und teilweise psychischen Störungen bis hin zu aggressivem Verhalten.

Diagnose von Krampfanfällen

Die Diagnose von Krampfanfällen basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, einer körperlichen Untersuchung und verschiedenen diagnostischen Tests.

Anamnese

Eine detaillierte Beschreibung des Anfalls ist entscheidend für die Diagnose. Der Arzt wird den Patienten (oder Zeugen des Anfalls) nach folgenden Informationen fragen:

  • Wie hat der Anfall begonnen?
  • Welche Symptome sind aufgetreten?
  • Wie lange hat der Anfall gedauert?
  • Gab es Vorboten (Aura)?
  • Wie war der Zustand des Patienten nach dem Anfall?
  • Gibt es Faktoren, die Anfälle auslösen können (z.B. Schlafentzug, Stress, Lichtreize)?
  • Gibt es Vorerkrankungen oder eine familiäre Veranlagung für Epilepsie?
  • Nimmt der Patient Medikamente oder Drogen?

Körperliche und neurologische Untersuchung

Eine allgemeine körperliche Untersuchung und eine neurologische Untersuchung können helfen, zugrunde liegende Ursachen für die Anfälle zu identifizieren.

Elektroenzephalographie (EEG)

Das EEG ist ein wichtiges diagnostisches Instrument zur Beurteilung der Hirnaktivität. Es misst die elektrischen Ströme im Gehirn über Elektroden, die auf der Kopfhaut platziert werden. Ein EEG kann helfen, abnorme Hirnaktivität zu erkennen, die auf Epilepsie hindeutet.

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Bildgebung

  • Magnetresonanztomographie (MRT): Das MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das detaillierte Bilder des Gehirns liefert. Es kann helfen, strukturelle Ursachen für Anfälle zu identifizieren, wie z.B. Tumore, Narben oder Gefäßfehlbildungen.
  • Computertomographie (CT): Die CT ist ein weiteres bildgebendes Verfahren, das Bilder des Gehirns liefert. Sie wird häufig in Notfallsituationen eingesetzt, um schnell strukturelle Ursachen für Anfälle auszuschließen.

Weitere Untersuchungen

Abhängig von den Umständen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. Blutuntersuchungen zur Überprüfung von Stoffwechselstörungen oder eine Lumbalpunktion zur Untersuchung der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit bei Verdacht auf eine Infektion.

Differentialdiagnose

Es ist wichtig, Krampfanfälle von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:

  • Synkopen (Ohnmachtsanfälle): Kurzzeitige Bewusstlosigkeit aufgrund von Minderdurchblutung des Gehirns.
  • Psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNES): Anfälle, die psychisch bedingt sind und nicht durch abnorme Hirnaktivität verursacht werden.
  • Migräne mit Aura: Neurologische Symptome, die einem Krampfanfall ähneln können.
  • Transitorisch ischämische Attacke (TIA): Vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns.

Behandlung von Krampfanfällen

Die Behandlung von Krampfanfällen zielt darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie ist die häufigste Behandlungsmethode für Epilepsie. Es gibt verschiedene Arten von Antiepileptika, die auf unterschiedliche Weise wirken, um die Hirnaktivität zu stabilisieren und Anfälle zu verhindern. Die Wahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Anfälle, dem Alter des Patienten, Begleiterkrankungen und möglichen Nebenwirkungen ab.

Nicht-medikamentöse Therapien

In einigen Fällen können nicht-medikamentöse Therapien eine sinnvolle Ergänzung oder Alternative zur medikamentösen Behandlung sein. Dazu gehören:

  • Chirurgie: Wenn die Anfälle von einem bestimmten Bereich des Gehirns ausgehen, der entfernt werden kann, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden.
  • Vagusnervstimulation (VNS): Ein Gerät wird unter die Haut implantiert und sendet elektrische Impulse an den Vagusnerv, um die Hirnaktivität zu regulieren.
  • Ketogene Diät: Eine spezielle Diät mit hohem Fett- und niedrigem Kohlenhydratanteil kann bei einigen Patienten mit Epilepsie die Anfallshäufigkeit reduzieren.
  • Psychotherapie: Kann helfen, mit den psychischen und sozialen Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.

Akutbehandlung eines Krampfanfalls

Während eines Krampfanfalls ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen. Gefährliche Gegenstände sollten aus der Nähe entfernt und der Kopf geschützt werden, zum Beispiel indem man eine Jacke oder ein Kissen darunter legt. Dann sollte die Person sanft in die stabile Seitenlage gebracht werden, um die Atemwege freizuhalten. Außerdem darf man Betroffene niemals festhalten. Auch der Mund ist tabu. Man sollte niemals einen Gegenstand als eine Art Beißkeil in den Mund stecken, wie etwa einen Löffel, um zu verhindern, dass Betroffene sich auf die Zunge beißen. Durch den Beißkeil besteht Verletzungsgefahr und das Risiko, dass Krampfende ihn verschlucken oder einatmen.

Dauert der Anfall länger als fünf Minuten an oder treten mehrere Anfälle kurz hintereinander auf, sollte der Rettungsdienst (Notruf 112) informiert werden. Bei einem schweren Anfall kann ein Krankenhausaufenthalt notwendig sein. Ein epileptische Anfall, welcher länger als 5 Minuten anhält, oder mehr als 2 aufeinanderfolgende Anfälle über einen Zeitraum von mehr als 5 Minuten ohne Wiedererlangen des Bewusstseins, werden als Status epilepticus bezeichnet stellen ein dringend therapiebedürftiges Notfallbild dar!

Was tun bei einem Krampfanfall?

  • Bewahren Sie Ruhe: Panik hilft niemandem.
  • Schützen Sie den Betroffenen: Entfernen Sie gefährliche Gegenstände und polstern Sie den Kopf ab.
  • Bringen Sie den Betroffenen in die stabile Seitenlage: Dies hilft, die Atemwege freizuhalten.
  • Rufen Sie den Notarzt (112), wenn:
    • Der Anfall länger als 5 Minuten dauert.
    • Mehrere Anfälle kurz hintereinander auftreten.
    • Der Betroffene sich verletzt hat.
    • Es sich um den ersten Anfall handelt.
  • Beobachten Sie den Anfall genau: Notieren Sie die Symptome und die Dauer des Anfalls. Dies kann dem Arzt bei der Diagnose helfen.

Leben mit Epilepsie

Epilepsie kann das Leben der Betroffenen und ihrer Familien stark beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und sich Unterstützung zu suchen. Es gibt viele Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die Betroffenen und ihren Angehörigen helfen können, mit der Erkrankung umzugehen.

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