Einführung
Depressionen sind eine häufige Begleiterkrankung bei Morbus Parkinson (PD) und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Behandlung von Depressionen bei Parkinson-Patienten stellt eine besondere Herausforderung dar, da ältere Antidepressiva oft mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sind. Neuere Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) haben sich als vielversprechende Optionen erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle von Venlafaxin, einem SNRI, bei der Behandlung von Depressionen im Zusammenhang mit Parkinson.
Depressionen bei Morbus Parkinson: Ein häufiges Problem
Etwa ein Drittel aller Patienten mit Morbus Parkinson leidet unter Depressionen, was die Morbidität der Erkrankung beträchtlich erhöhen kann. Depressive Störungen sind bei Parkinson-Patienten üblich und beeinflussen zahlreiche andere klinische Aspekte der Krankheit. Neben emotionalem Disstress beeinflussen depressive Störungen die Lebensqualität, motorische und kognitive Defizite beeinträchtigen die Funktionalität und gehen mit psychischen Komorbiditäten einher. Depression und Angst sind die stärksten Prädiktoren hinsichtlich der Lebensqualität von PD-Patienten. Das Auftreten depressiver Symptome vor Beginn der motorischen Symptome ist relativ häufig. DPD ist unterdiagnostiziert und im klinischen Alltag unterbehandelt.
Die Pathophysiologie der Depression bei Parkinson (DPD) ist bislang unklar, es werden Dysfunktionen in den subkortikalen Nuclei und im präfrontalen Cortex, in limbischen Regelkreisen, zu Monoamin- und Indolamin-Systemen (Dopamin, Serotonin, Noradrenalin) vermutet. Typische Symptome sind traurige Verstimmung, Interessensverlust, Erschöpfbarkeit, Hilflosigkeit, Antriebsminderung, Dysphorie, Irritierbarkeit und Pessimismus. Die Diagnose wird durch die Überlappung mit PD-Symptomen erschwert; es sollten psychometrische Depressionsskalen zum Einsatz kommen.
Venlafaxin: Ein SNRI zur Behandlung von Depressionen
Venlafaxin ist ein selektiver Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer mit zusätzlicher schwacher Dopamin-Wiederaufnahmehemmung. Es wird eingesetzt zur Behandlung von Episoden der Major Depression und Rezidivprophylaxe, generalisierter Angststörung, Panikstörung und sozialer Phobie. Es gibt u.a. Hinweise auf eine Wirksamkeit bei posttraumatischer Belastungsstörung, bei Depressionen im Rahmen einer Parkinson Erkrankung, bei chronischen Schmerzen, bei klimakterischen Beschwerden, bei prämenstruell-dysphorischem Syndrom und als Migräneprophylaxe. Die empfohlene Dosis bei Depressionen liegt zwischen 75 und 375 mg/Tag, am besten als Retardpräparat. In Dosierungen bis 75 mg/Tag blockiert Venlafaxin hauptsächlich die Serotoninwiederaufnahme, in höheren Dosen zusätzlich die Noradrenalinwiederaufnahme.
Wirksamkeit von Venlafaxin bei Parkinson-Patienten mit Depressionen
Eine randomisierte klinische Studie in Neurology (2012; doi: 10.1212/WNL.0b013e3182516244) untersuchte die Wirksamkeit von Venlafaxin bei Parkinson-Patienten mit Depressionen. An 20 nordamerikanischen Zentren wurden 115 Patienten in verschiedenen Stadien der Parkinson-Erkrankung, die die Kriterien einer Major-Depression nach DSM-IV erfüllten, auf drei Therapiearme randomisiert. Ein Drittel der Patienten wurde mit Paroxetin, einem Antidepressivum aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt. In der zweiten Gruppe erhielten die Patienten Venlafaxin (in einer Formulierung mit verzögerter Freisetzung), das zur Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) gehört. Im dritten Studienarm wurden die Patienten mit Placebo behandelt. Primärer Endpunkt der Studie waren die Veränderungen in der Hamilton Rating Scale for Depression (HAM-D).
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Die Studie ergab, dass sich der HAM-D unter der Behandlung mit Paroxetin nach 12 Wochen um 13 Punkte (59 Prozent) verbesserte, unter Venlafaxin kam es zu einer in etwa gleich guten Linderung der Symptome um 11 Punkte (52 Prozent). Beide Arme waren der Gabe eines Placebos überlegen, das die HAM-D-Einschätzung um 6,8 Punkte (32 Prozent) verbesserte. In drei weiteren Depressions-Skalen wurden ähnliche Ergebnisse erzielt. Für einen Therapieversuch spreche auch, dass es unter SSRI oder SNRI nicht zu einer Verschlechterung der motorischen Symptome (gegenüber Placebo) kam.
Sicherheit und Verträglichkeit von Venlafaxin
Venlafaxin ist insgesamt relativ gut verträglich. Seine angstlösende Wirkung tritt relativ schnell ein, bis zur Stimmungsaufhellung dauert es etwa zwei Wochen. Es verursacht keine Gewichtszunahme, kann jedoch vor allem in höheren Dosierungen blutdrucksteigernd wirken und die Herzschlagfrequenz erhöhen. Es kann zu vermehrtem Schwitzen führen. Es wirkt nicht sedierend.
Bei der Anwendung von Venlafaxin sind jedoch einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten darf nicht eingenommen werden, wenn Sie überempfindlich (allergisch) gegen Venlafaxin oder einen der sonstigen Bestandteile dieses Arzneimittels reagieren, wenn Sie außerdem Arzneimittel einnehmen oder innerhalb der letzten 14 Tage eingenommen haben, die als irreversible Monoaminoxidasehemmer (MAOI) bekannt sind und zur Behandlung einer Depression oder der Parkinson’schen Erkrankung angewendet werden. Außerdem müssen Sie nach Beendigung der Einnahme von Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten mindestens 7 Tage warten, bevor Sie einen MAOI einnehmen.
Besondere Vorsicht bei der Einnahme von Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten ist erforderlich, wenn Sie andere Arzneimittel anwenden, welche bei gleichzeitiger Einnahme mit Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten das Risiko erhöhen könnten, ein Serotonin-Syndrom zu entwickeln, wenn Sie Augenerkrankungen wie bestimmte Arten eines Glaukoms (erhöhter Augeninnendruck) haben, wenn Ihre Vorgeschichte Bluthochdruck aufweist, wenn Ihre Vorgeschichte Herzbeschwerden aufweist, wenn Ihnen mitgeteilt wurde, dass Sie Herzrhythmusstörungen haben, wenn Ihre Vorgeschichte Anfälle (Krämpfe) aufweist, wenn Ihre Vorgeschichte niedrige Natrium-Blutwerte (Hyponatriämie) aufweist, wenn bei Ihnen die Neigung besteht, blaue Flecken zu entwickeln oder leicht zu bluten (Blutgerinnungsstörungen in der Vorgeschichte), oder wenn Sie andere Arzneimittel einnehmen, die das Blutungsrisiko erhöhen können, z.B. Arzneimittel mit dem Wirkstoff Warfarin (zur Verhinderung von Blutgerinnseln), wenn Ihre Vorgeschichte Manie bzw. eine bipolare Störung (Gefühl, übererregt oder euphorisch zu sein) aufweist oder jemand in Ihrer Familie daran gelitten hat, wenn Ihre Vorgeschichte aggressives Verhalten aufweist. Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten kann in den ersten Wochen der Behandlung das Gefühl der Ruhelosigkeit oder einer Unfähigkeit, stillzusitzen oder stillzustehen, hervorrufen.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Venlafaxin kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen. Monoaminoxidasehemmer, die zur Behandlung von Depressionen oder der Parkinson-Krankheit angewendet werden, dürfen nicht zusammen mit Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten eingenommen werden. Serotonin-Syndrom: Ein potenziell lebensbedrohlicher Zustand oder Reaktionen ähnlich einem malignen neuroleptischen Syndrom (MNS) können unter Behandlung mit Venlafaxin auftreten, insbesondere wenn es mit anderen Arzneimitteln eingenommen wird. Beispiele für solche Arzneimittel sind: Triptane (werden zur Behandlung von Migräne angewendet), andere Arzneimittel zur Behandlung von Depressionen, z.B. SNRI, SSRI, trizyklische Antidepressiva oder Arzneimittel, die Lithium enthalten, Arzneimittel, die Linezolid, ein Antibiotikum, enthalten (werden zur Behandlung von Infektionen angewendet), Arzneimittel, die Moclobemid, einen MAOI, enthalten (werden zur Behandlung einer Depression angewendet), Arzneimittel, die Sibutramin enthalten (wird zur Gewichtsreduktion angewendet), Arzneimittel, die Tramadol, Fentanyl, Tapentadol, Pethidin oder Pentazocin enthalten (werden zur Behandlung von starken Schmerzen angewendet), Arzneimittel, die Dextromethorphan enthalten (werden zur Behandlung von Husten angewendet), Arzneimittel, die Methadon enthalten (werden zur Behandlung einer Opioid-Abhängigkeit oder von starken Schmerzen angewendet), Arzneimittel, die Methylenblau enthalten (werden zur Behandlung hoher Werte von Methämoglobin angewendet), Arzneimittel, die Johanniskraut enthalten (auch Hypericum perforatum genanntes Naturheilmittel bzw. pflanzliches Heilmittel zur Behandlung einer leichten Depression), Arzneimittel, die Tryptophan enthalten (werden z.B. bei Schlafbeschwerden und Depressionen angewendet), Antipsychotika (zur Behandlung einer Erkrankung mit Symptomen wie Hören, Sehen oder Fühlen von Dingen, die nicht da sind, falschen Vorstellungen, ungewöhnlichem Misstrauen, beeinträchtigter Urteilskraft und Sich-Zurückziehen).
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Sie müssen Ihren Arzt informieren, wenn Sie Arzneimittel einnehmen, die Ihren Herzrhythmus beeinflussen. Solche Arzneimittel sind z.B.: Antiarrhythmika wie Chinidin, Amiodaron, Sotalol oder Dofetilid (zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen), Antipsychotika wie Thioridazin (siehe auch oben: Serotonin-Syndrom), Antibiotika wie Erythromycin oder Moxifloxacin (zur Behandlung von bakteriellen Infektionen), Antihistaminika (u. a. eingesetzt zur Behandlung von Allergien). Die folgenden Arzneimittel können ebenfalls mit Venlafaxin AbZ 150 mg Retardtabletten in Wechselwirkung treten und sollten mit Vorsicht angewendet werden. Besonders wichtig ist es, Ihrem Arzt oder Apotheker mitzuteilen, wenn Sie Arzneimittel einnehmen, die die folgenden Wirkstoffe enthalten: Ketoconazol (Arzneimittel gegen Pilzinfektionen), Haloperidol oder Risperidon (zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen), Metoprolol (ein Betablocker zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzbeschwerden).
Weitere Aspekte der Parkinson-Behandlung
Die Parkinson-Krankheit erfordert eine dauerhafte Therapie, die auf den individuellen Krankheitsverlauf und die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten zugeschnitten und laufend angepasst wird. Mit den richtigen Therapieansätzen und Medikamenten ist die Krankheit gut behandel- und kontrollierbar, sodass sich die Lebenserwartung nicht verkürzt und die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten oft über Jahre erhalten werden kann. Die Therapie beginnt meist mit Medikamenten in Tablettenform. Jedoch muss sie nicht immer direkt nach der Diagnose gestartet werden. Der Beginn der Behandlung erfolgt stets in enger Abstimmung mit den Ärztinnen und Ärzte, denn bei der Auswahl der richtigen Wirkstoffe gibt es einige Dinge zu beachten. Zudem reagiert nicht jeder Mensch auf jedes Medikament gleich, weshalb die Therapie mehrheitlich mit sehr geringer Dosierung gestartet und dann langsam erhöht wird. Eine laufende Anpassung und Erweiterung der Therapie bis ins hohe Lebensalter ist üblich. Auch hängen Start der Therapie und ausgewählte Wirkstoffe stark von der Ausprägung einzelner Symptome und der Sorge vor späteren Nebenwirkungen wie Wirkungsschwankungen ab.
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten wie Krankengymnastik, Ergotherapie und weiteren übenden Behandlungen, welche die Lebensqualität verbessern und Symptome zusätzlich lindern können, eine wichtige Rolle. Auch die tiefe Hirnstimulation spielt in späteren Stadien der Erkrankung eine zunehmende Rolle.
Compliance und Interaktionen
Besonderheiten in diesem Bereich beginnen bei Parkinson-Patienten schon in der Mundhöhle: in den ersten Krankheitsjahren ist es die Mundtrockenheit, in den späteren Phasen der vermehrte Speichelfluss, welcher die Aufnahme von Medika-menten beeinflussen kann. Bei vorherrschender Mundtrockenheit sollten alle Medikamente mit mindestens 200 ml Flüssigkeit eingenommen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass diese über Stunden in der Mundhöhle, im Rachen oder in der Speiseröhre hängen blei-ben und nicht zur Wirkung kommen. Bei Schluckstörungen Wasser ohne Kohlen-säure oder Kamillentee verwenden, Kaffee, schwarzen Tee und Fruchtsäfte jedoch meiden. Die Einnahme L-Dopa-haltiger Medikamente mit Milch, Molke, Quark und Joghurt ist wegen dem hohen Eiweißgehalt verboten. Um dies zu vermeiden, sollte die Aufnahme von L-Dopa-Präparaten mindestens 30 Minuten vor einer Mahlzeit erfolgen.
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