Friedreich-Ataxie: Ergotherapie und umfassende Unterstützung im Alltag

Einführung

Die Friedreich-Ataxie ist eine seltene, aber schwerwiegende neurologische Erkrankung, die das Nervensystem betrifft und die Koordination von Bewegungen und das Gleichgewicht beeinträchtigt. Dies führt dazu, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, sich sicher zu bewegen und alltägliche Aufgaben selbstständig zu erledigen. Es gibt jedoch verschiedene Therapieansätze und Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern und die Lebensqualität verbessern können. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Symptome, den Verlauf der Krankheit sowie unterstützende Maßnahmen, insbesondere die Ergotherapie, um ein aktives und erfülltes Leben trotz der Herausforderungen zu ermöglichen.

Was ist Friedreich-Ataxie?

Die Friedreich-Ataxie, auch Friedreichsche Ataxie genannt, ist eine genetisch bedingte Erkrankung, die das zentrale Nervensystem angreift und zu einer Störung der Bewegungskoordination führt. Der Begriff "Ataxie" beschreibt die Schwierigkeit, Bewegungen präzise auszuführen, was bei Betroffenen zu einer zunehmenden Gangunsicherheit und Problemen beim Stehen und Gehen führt.

Ursache

Die Ursache der Friedreich-Ataxie liegt in einer Mutation im Frataxin-Gen. Dieses Gen ist verantwortlich für die Produktion eines Proteins, das die Funktion der Nervenzellen unterstützt. Durch die Fehlfunktion dieses Gens kommt es im Laufe der Zeit zu einem fortschreitenden Verlust der Nervenzellen, vor allem im Kleinhirn und im Rückenmark, was die Bewegungskoordination erheblich beeinträchtigt. Da es sich um eine erblich bedingte Krankheit handelt, wird sie autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass beide Elternteile Träger des veränderten Gens sein müssen, um die Erkrankung an ihr Kind weiterzugeben.

Die Friedreich-Ataxie betrifft nicht nur das Rückenmark, sondern mehrere Körpersysteme und gilt daher als Multisystemerkrankung. Auch das Herz kann betroffen sein (Kardiomyopathie, Rhythmusstörungen). Viele Betroffene zeigen zudem Wirbelsäulenverkrümmungen oder Hohlfüße.

Erste Anzeichen und Symptome

Die Friedreich-Ataxie manifestiert sich oft schon in der Kindheit oder Jugend. Die ersten Anzeichen können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Typische Symptome sind:

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  • Gangunsicherheit: Eines der frühesten Anzeichen ist eine zunehmende Gangunsicherheit. Betroffene haben Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten, und stürzen häufiger.
  • Schwäche in den Beinen: Mit der Zeit nimmt die Muskelschwäche in den Beinen zu, was das Gehen immer anstrengender macht.
  • Probleme mit der Feinmotorik: Auch die Koordination der Hände und Finger wird durch die Ataxie beeinträchtigt, was alltägliche Aufgaben wie Schreiben oder Essen erschwert.
  • Sprachstörungen: Viele Betroffene entwickeln mit der Zeit auch Sprachprobleme, da die Ataxie die Steuerung der Muskulatur für die Sprache beeinflusst.
  • Ausfall der Muskeleigenreflexe
  • Zunehmende Sprechschwierigkeiten
  • Augenzittern
  • Schluckbeschwerden
  • Störung der Blasen- und Darmentleerung
  • Skelettdeformierungen
  • Seh- und/oder Hörminderung
  • Diabetes mellitus
  • Störung des Denkvermögens
  • Wesensveränderungen
  • Präsenile Demenz
  • Herzmuskelerkrankungen

Da diese Symptome fortschreiten, ist eine frühzeitige Behandlung besonders wichtig. Es ist auch zu beachten, dass ähnliche Symptome auch bei der Huntington-Krankheit auftreten können, was eine klare Diagnose erforderlich macht.

Krankheitsverlauf

Die Friedreich-Ataxie ist eine fortschreitende Erkrankung, deren Verlauf sich von Person zu Person unterschiedlich entwickeln kann.

  • Frühes Stadium: Erste Anzeichen sind meist Schwierigkeiten beim Gehen und eine zunehmende Unsicherheit bei der Bewegungskoordination.
  • Mittleres Stadium: Die Symptome verschlimmern sich, und es kann zu Lähmungen in den Beinen kommen. In diesem Stadium tritt häufig auch eine Versteifung der Muskeln auf.
  • Spätes Stadium: Im Endstadium können viele Betroffene nicht mehr gehen und sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Es kommt zu schweren Koordinationsstörungen und auch zu Problemen mit der Sprech- und Schluckfunktion.

Die Prognose hängt jedoch stark davon ab, wie früh die Krankheit erkannt wird und welche Behandlungsmaßnahmen ergriffen werden. Auch wenn es keine Heilungsmethode für die Friedreich-Ataxie gibt, kann eine individuelle Behandlung die Symptome lindern und die Lebensqualität deutlich verbessern. Dabei kommen verschiedene Therapien zum Einsatz, die speziell auf die Bedürfnisse der Betroffenen abgestimmt sind. Mit der richtigen Unterstützung können Betroffene weiterhin aktiv am Leben teilnehmen.

Die Friedreich-Ataxie ist eine langsam progrediente und in der Regel lebenslimitierende Erkrankung. Viele Patient*innen sind bereits im jungen Erwachsenenalter auf einen Rollstuhl angewiesen. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt ca. 35-40 Jahre, wobei die Prognose stark variieren kann. Ein früher Erkrankungsbeginn, große GAA-Repeat-Expansionen sowie das Vorliegen von Diabetes mellitus und Kardiomyopathie (insbesondere mit Fibrosenachweis im MRT) gelten als ungünstige prognostische Faktoren.

Therapieansätze

Obwohl die Friedreich-Ataxie derzeit nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

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Physiotherapie

Regelmäßige Physiotherapie ist besonders wichtig, um die Muskulatur zu stärken und die Beweglichkeit zu erhalten. Gezielte Übungen können dabei helfen, die Gangunsicherheit zu reduzieren und die Körperhaltung zu verbessern. Physiotherapeuten entwickeln individuelle Übungen, die den Patienten im Alltag unterstützen. Die Physiotherapie zielt insbesondere auf die Verbesserung von Gangbild, Gleichgewicht, Koordination, Körperhaltung und Muskelkraft ab. Erste Studien lieferten Hinweise darauf, dass regelmäßige körperliche Aktivität einen potenziell krankheitsmodifizierenden Einfluss bei Patient*innen mit Ataxie haben könnte.

Ergotherapie

Die Ergotherapie hilft, alltägliche Aufgaben besser zu bewältigen, auch wenn die Bewegungskoordination eingeschränkt ist. Ob es darum geht, die Feinmotorik in den Händen zu verbessern oder Techniken zu lernen, um wieder eigenständig zu essen - die Ergotherapie gibt praktische Werkzeuge an die Hand, um den Alltag aktiv zu gestalten. Ergotherapeuten arbeiten alltagsbezogen, damit Patienten noch so viel wie möglich allein machen können.

Logopädie

Viele Menschen mit Friedreich-Ataxie entwickeln im Laufe der Zeit Sprechprobleme. Logopädie kann dabei helfen, die Sprachfähigkeiten zu trainieren und Kommunikationsschwierigkeiten zu reduzieren. Logopäden arbeiten auch daran, das Schlucken zu verbessern, was bei fortgeschrittener Ataxie oft problematisch wird.

Medikamentöse Therapie

Seit 2024 ist in Deutschland der Wirkstoff Omaveloxolon zugelassen, der durch Abfangen der freien Radikale den oxidativen Stress mindert und zu einer geringfügigen Verbesserung der neurologischen Funktionen führt. Omaveloxolon aktiviert den Nrf2-Signalweg (Nrf2: „nuclear factor erythroid 2‑related factor 2“), der antioxidative Gene reguliert, die mitochondriale Funktion unterstützt und oxidativen Stress auf zellulärer Ebene reduzieren soll. Auf welche Weise genau der therapeutische Effekt zustande kommt, ist nicht bekannt. Häufige Nebenwirkungen sind transiente Erhöhungen der Aminotransferasen, Cholesterinerhöhungen sowie u. a. gesteigerte BNP-Werte (BNP: B‑natriuretisches Peptid, Kopfschmerzen, Gewichtsverlust und Übelkeit. Leberwerte, Lipidprofil und BNP sollten initial monatlich, danach vierteljährlich kontrolliert werden. Omaveloxolon sollte pausiert werden, wenn die Leberwerte das 5‑Fache des oberen Referenzwerts überschreiten.

Zudem kann neben therapeutischen Maßnahmen das Medikament Idebenon eingesetzt werden, welches das Fortschreiten einer Kardiomyopathie bremsen kann.

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Weitere Behandlungen

  • Orthopädische Maßnahmen: Für Skelettdeformierungen kommen orthopädische und ggf. chirurgische Maßnahmen in Frage.
  • Psychologische Betreuung: Affektive Störungen sind häufig und reichen von reaktiver, situationsabhängiger Angst und Depression bis hin zu schweren psychiatrischen Erkrankungen. Psychotherapie und digitale Gesundheitsanwendungen können hier helfen.

Leben mit Ataxie: Hilfreiche Tipps im Alltag

Der Alltag mit Friedreich-Ataxie ist eine Herausforderung - dennoch gibt es viele Möglichkeiten, wie Betroffene weiterhin aktiv und selbstbestimmt durch den Alltag navigieren können.

  • Aktiv bleiben: Finde heraus, welche Aktivitäten Freude bereiten und körperlich und geistig fit halten. Es muss nicht immer Sport sein - auch kreative Tätigkeiten wie Malen, Musizieren oder Kochen können helfen, sich besser zu fühlen.
  • Hilfsmittel als Unterstützung: Hilfsmittel wie Rollstühle oder Gehhilfen sind Werkzeuge, die mehr Freiheit und Sicherheit geben. Sie helfen, den Tag so zu gestalten, wie man es möchte, ohne ständig an die körperlichen Grenzen zu stoßen. Moderne Rollstühle sind individuell an die Bedürfnisse anpassbar und bieten Komfort und Unterstützung für eine optimale Sitzposition, um Rückenprobleme oder Verspannungen zu vermeiden. Ein Sanitätshaus kann bei der Auswahl des richtigen Rollstuhls beraten.
  • Selbstfürsorge: Die körperliche Gesundheit ist wichtig - aber vergessen Sie auch nicht, sich emotional und seelisch zu unterstützen.
  • Sicherheit und Komfort: Da das Risiko von Stürzen bei einer Friedreich-Ataxie hoch ist, sorgt der Rollstuhl für mehr Sicherheit im Alltag.

Ergotherapie im Detail

Die Ergotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Menschen mit Friedreich-Ataxie. Sie konzentriert sich darauf, die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten oder wiederzuerlangen. Ergotherapeuten arbeiten eng mit den Betroffenen zusammen, um individuelle Therapiepläne zu entwickeln, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen zugeschnitten sind.

Ziele der Ergotherapie

  • Verbesserung der Feinmotorik: Übungen zur Verbesserung der Hand- und Fingerkoordination, um Aufgaben wie Schreiben, Essen oder Anziehen zu erleichtern.
  • Anpassung des Wohnraums: Beratung und Anpassung des Wohnraums, um die Sicherheit und Zugänglichkeit zu erhöhen, z.B. durch den Einbau von Haltegriffen oder die Anpassung der Möbelhöhe.
  • Training von Alltagsaktivitäten: Üben von alltäglichen Aktivitäten wie Kochen, Putzen oder Einkaufen, um die Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten.
  • Einsatz von Hilfsmitteln: Beratung und Anpassung von Hilfsmitteln wie spezielle Schreibgeräte, Essbesteck oder Anziehhilfen, um die Aufgaben zu erleichtern.
  • Schulung von Kompensationsstrategien: Erlernen von Strategien, um Bewegungseinschränkungen auszugleichen und Aufgaben trotz der Ataxie ausführen zu können.

Methoden der Ergotherapie

  • Handtherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Handfunktion und Feinmotorik.
  • Adaptives Training: Anpassung von Aufgaben und Umgebungen, um sie an die Fähigkeiten des Patienten anzupassen.
  • Hilfsmittelberatung: Auswahl und Anpassung von Hilfsmitteln, um die Selbstständigkeit zu fördern.
  • Sensomotorisches Training: Übungen zur Verbesserung der Wahrnehmung und Koordination.
  • Kognitives Training: Förderung der kognitiven Fähigkeiten, die für die Bewältigung des Alltags notwendig sind.

Bedeutung der Ergotherapie für Kinder und Jugendliche

Die Ergotherapie ist besonders wichtig für Kinder und Jugendliche mit Friedreich-Ataxie, da sie ihnen hilft, ihre Entwicklung zu fördern und ihre Selbstständigkeit zu erhalten. Ergotherapeuten arbeiten eng mit den Eltern und Lehrern zusammen, um sicherzustellen, dass die Kinder optimal unterstützt werden.

Tipps für Ergotherapeuten

Einige Tipps für Ergotherapeuten, die mit Patienten mit Friedreich-Ataxie arbeiten:

  • Individualisierung: Jeder Patient ist anders, daher ist es wichtig, die Therapie an die individuellen Bedürfnisse anzupassen.
  • Motivation: Halten Sie die Patienten motiviert, indem Sie ihnen realistische Ziele setzen und ihre Fortschritte feiern.
  • Kreativität: Seien Sie kreativ bei der Entwicklung von Übungen und Aktivitäten, die den Patienten Spaß machen und sie herausfordern.
  • Zusammenarbeit: Arbeiten Sie eng mit anderen Therapeuten, Ärzten und Familienmitgliedern zusammen, um eine umfassende Versorgung zu gewährleisten.
  • Fortbildung: Bleiben Sie auf dem Laufenden über die neuesten Entwicklungen in der Behandlung von Friedreich-Ataxie.

Multidisziplinäre Behandlung

Die Friedreich-Ataxie erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der verschiedene Fachbereiche umfasst. Regelmäßige Verlaufsuntersuchungen sind unerlässlich, um den Krankheitsverlauf zu überwachen und die Therapie anzupassen.

Fachbereiche

  • Neurologie: Überwachung des neurologischen Zustands und Anpassung der medikamentösen Therapie.
  • Kardiologie: Überwachung der Herzfunktion und Behandlung von Herzproblemen.
  • Orthopädie: Behandlung von Skelettdeformierungen wie Skoliose.
  • Endokrinologie: Überwachung und Behandlung von Diabetes mellitus.
  • Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
  • Physiotherapie: Verbesserung der Bewegungskoordination und Muskelkraft.
  • Ergotherapie: Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags.
  • Psychologie: Unterstützung bei der Bewältigung von emotionalen und psychischen Problemen.

Forschung und Entwicklung

Die Forschung zur Friedreich-Ataxie hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Es gibt mehrere klinische Studien, die neue Therapieansätze untersuchen. Die Friedreich’s Ataxia Research Alliance (FARA) und andere Organisationen fördern die Forschung und unterstützen Betroffene und ihre Familien.

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