Froment-Zeichen in der Neurologie: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Einleitung

Das Froment-Zeichen ist ein klinisches Zeichen, das in der Neurologie zur Beurteilung der Funktion des Nervus ulnaris verwendet wird. Es ist benannt nach dem französischen Neurologen Jules Froment, der es erstmals beschrieb. Das Froment-Zeichen hilft bei der Diagnose von Ulnarisnervenläsionen, insbesondere des Kubitaltunnelsyndroms. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, Durchführung und Interpretation des Froment-Zeichens sowie die zugrunde liegenden Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.

Anatomische Grundlagen

Der Nervus ulnaris ist einer der drei Hauptnerven der oberen Extremität. Er innerviert bestimmte Muskeln im Unterarm und in der Hand sowie sensible Bereiche der Handfläche und der Finger. Zu den vom N. ulnaris innervierten Muskeln gehören:

  • M. flexor carpi ulnaris
  • Ulnarer Anteil des M. flexor digitorum profundus (zuständig für die Beugung der Endglieder des IV. und V. Fingers)
  • Mm. interossei (zuständig für die Spreizung und Adduktion der Finger)
  • Mm. lumbricales III und IV
  • M. abductor digiti minimi (zuständig für die Abspreizung des Kleinfingers)
  • M. adductor pollicis (zuständig für die Adduktion des Daumens)
  • M. flexor pollicis brevis (tiefer Kopf)
  • M. palmaris brevis
  • M. adductor digiti minimi

Der sensible Bereich des N. ulnaris umfasst die ulnare Handkante, den Digitus V (Kleinfinger) und die ulnare Hälfte des Digitus IV (Ringfinger), gelegentlich bis zum Digitus III.

Definition und Durchführung des Froment-Zeichens

Das Froment-Zeichen ist definiert als die kompensatorische Flexion des Daumenendglieds durch den Musculus flexor pollicis longus bei Ausfall des Musculus adductor pollicis.

Durchführung:

  1. Der Patient wird aufgefordert, ein flaches Objekt, typischerweise ein Blatt Papier, zwischen Daumen und Zeigefinger festzuhalten. Das Blatt Papier wird waagrecht vor dem Körper gehalten, wobei der Daumen oben liegt.
  2. Der Untersucher versucht, das Blatt Papier wegzuziehen.
  3. Bei einem positiven Froment-Zeichen beugt der Patient das Endgelenk des Daumens, um das Blatt Papier weiterhin festhalten zu können. Dies geschieht, weil der M. adductor pollicis, der normalerweise für die Adduktion des Daumens zuständig ist, durch die Ulnarisnervenschädigung geschwächt ist. Der M. flexor pollicis longus, der vom N. medianus innerviert wird, kompensiert diese Schwäche durch die Beugung des Daumenendglieds.

Interpretation des Froment-Zeichens

Ein positives Froment-Zeichen deutet auf eine Schwäche oder Lähmung des M. adductor pollicis hin, was typischerweise auf eine Schädigung des N. ulnaris zurückzuführen ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben, darunter:

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  • Kubitaltunnelsyndrom: Die häufigste Ursache für ein positives Froment-Zeichen ist das Kubitaltunnelsyndrom, eine Kompression des N. ulnaris im Bereich des Ellenbogens.
  • Ulnarisrinnensyndrom: Eine Kompression des N. ulnaris im Sulcus ulnaris am Ellenbogen.
  • Loge-de-Guyon-Syndrom: Eine Kompression des N. ulnaris im Bereich des Handgelenks in der Loge de Guyon.
  • Verletzungen des N. ulnaris: Direkte Verletzungen des Nervs, beispielsweise durch Frakturen oder Schnittwunden.

Es ist wichtig zu beachten, dass ein negatives Froment-Zeichen eine Ulnarisnervenschädigung nicht vollständig ausschließt. Bei gleichzeitigem Ausfall des N. medianus kann das Froment-Zeichen trotz einer distalen Nervus-ulnaris-Schädigung negativ ausfallen, da die kompensatorische Funktion des M. flexor pollicis longus ebenfalls beeinträchtigt ist.

Differenzialdiagnostische Überlegungen

Bei der Interpretation des Froment-Zeichens müssen andere mögliche Ursachen für eine Schwäche der Handmuskulatur berücksichtigt werden. Dazu gehören:

  • Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome: Schädigungen anderer Nerven, die die Handmuskulatur innervieren, wie z.B. der N. medianus oder der N. radialis.
  • Zervikale Radikulopathien: Nervenwurzelkompressionen im Bereich der Halswirbelsäule (z.B. C8-Radikulopathie).
  • Myopathien: Muskelerkrankungen, die zu einer allgemeinen Muskelschwäche führen können.
  • Zentrale Läsionen: Erkrankungen des Gehirns oder Rückenmarks, die die motorische Funktion beeinträchtigen.

Weitere klinische Zeichen und Untersuchungen

Neben dem Froment-Zeichen gibt es weitere klinische Zeichen, die auf eine Ulnarisnervenschädigung hindeuten können:

  • Atrophie der Handmuskulatur: Sichtbare Atrophie der kleinen Handmuskeln, insbesondere im Bereich des Hypothenars (Kleinfingerballen) und der Interossei.
  • Sensibilitätsstörungen: Verminderte oder fehlende Sensibilität im Versorgungsgebiet des N. ulnaris (ulnare Handkante, Kleinfinger, ulnare Hälfte des Ringfingers).
  • Krallenhand: Hyperextension der Fingergrundgelenke und Flexion der Mittel- und Endgelenke, insbesondere des Ring- und Kleinfingers.
  • Zeichen nach Jeanne (Signe de Jeanne): Hyperextension des Daumens im Grundgelenk aufgrund der Schwäche des M. adductor pollicis.
  • Nasenstüberzeichen (Signe de Chiqenaude): Abgeschwächtes Schnalzen des Zeigefingers gegen die Handfläche aufgrund einer Parese der Fingerstrecker im Mittelgelenk.
  • Flaschenzeichen: Unzureichende Umfassung einer Flasche mit dem Daumen aufgrund der Schwäche des M. adductor pollicis.
  • Wartenberg-Zeichen: Abspreizung des Kleinfingers aufgrund der Schwäche der ulnar innervierten Muskeln.

Ergänzende diagnostische Maßnahmen umfassen:

  • Elektrophysiologische Untersuchungen:
    • Elektroneurographie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, um die Funktion des N. ulnaris zu beurteilen und den Ort der Schädigung zu lokalisieren.
    • Elektromyographie (EMG): Untersuchung der Muskelaktivität, um den Grad der Muskelbeteiligung festzustellen.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Röntgenaufnahmen: Zum Ausschluss knöcherner Ursachen, wie z.B. Frakturen oder Arthrose.
    • Sonographie (Ultraschall): Zur Beurteilung von Nervenstrukturen und zum Ausschluss von Raumforderungen (z.B. Ganglien, Lipome).
    • Magnetresonanztomographie (MRT): Zur detaillierten Darstellung von Nerven, Muskeln und Weichteilen, insbesondere bei unklaren Befunden oder Verdacht auf Tumoren.

Ursachen von Ulnarisnervenläsionen

Die häufigste Ursache für eine Ulnarisnervenläsion ist das Kubitaltunnelsyndrom, bei dem der N. ulnaris im Bereich des Ellenbogens komprimiert wird. Weitere mögliche Ursachen sind:

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  • Druckschädigung: Längeres Aufstützen des Ellenbogens, direktes stumpfes Trauma.
  • Anatomische Faktoren: Ganglien, ligamentäre Strukturen (Ligamentum collaterale ulnare, Struther'sches Ligament), Kompression zwischen M. flexor carpi ulnaris und Ligament.
  • Distale Kompression in der Loge de Guyon: Durch Ganglien, Lipome oder chronische Druckbelastung (z.B. bei Fahrradfahrern).
  • Verletzungen: Frakturen im Bereich des Ellenbogens oder Handgelenks, Schnittverletzungen.
  • Entzündliche Erkrankungen: Rheumatoide Arthritis, die zu einer Kompression des Nervs führen kann.
  • Tumoren: Selten können Tumoren, wie z.B. Schwannome, den N. ulnaris komprimieren.

Therapie von Ulnarisnervenläsionen

Die Therapie von Ulnarisnervenläsionen richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Erkrankung.

Konservative Therapie

In leichten Fällen kann eine konservative Therapie ausreichend sein:

  • Verhaltensänderung: Vermeidung von Aktivitäten, die den Nerv belasten (z.B. längeres Aufstützen des Ellenbogens).
  • Ergonomische Anpassung: Anpassung des Arbeitsplatzes, um eine ungünstige Haltung des Ellenbogens zu vermeiden.
  • Nächtliche Armschiene: Ruhigstellung des Ellenbogens in leichter Beugung, um den Druck auf den Nerv zu reduzieren.
  • Medikamentöse Therapie: Schmerzmittel (z.B. NSAR) zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen. In einigen Fällen können Kortikosteroide lokal injiziert werden, um die Entzündung zu reduzieren.
  • Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit und Kräftigung der Muskulatur.

Operative Therapie

Bei unzureichendem Erfolg der konservativen Therapie oder bei schweren Fällen mit deutlichen motorischen Ausfällen kann eine Operation erforderlich sein. Es gibt verschiedene operative Verfahren zur Dekompression des N. ulnaris:

  • Dekompression im Kubitaltunnel:
    • In-situ-Dekompression: Erweiterung des Kubitaltunnels durch Spaltung des Ligamentum arcuatum (Osborne-Ligament).
    • Subkutane oder submuskuläre Ulnarisnervtransposition: Verlagerung des Nervs vor oder unter den Muskel, um ihn aus dem Kubitaltunnel zu entfernen.
    • Epikondylektomie medialis: Entfernung eines Teils des medialen Epikondylus, um den Druck auf den Nerv zu reduzieren.
  • Dekompression in der Loge de Guyon: Spaltung des Ligaments, das die Loge de Guyon begrenzt, und Entfernung von Raumforderungen (z.B. Ganglien).

Die Wahl des operativen Verfahrens hängt von der Ursache und dem Ort der Kompression ab.

Nervenkompressionssyndrome der oberen Extremität

Nervenkompressionssyndrome sind chronische Irritationen oder Druckläsionen peripherer Nerven innerhalb anatomischer Engpässe. Neben dem Kubitaltunnelsyndrom gibt es weitere häufige Nervenkompressionssyndrome der oberen Extremität:

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  • Karpaltunnelsyndrom (KTS): Kompression des N. medianus im Karpalkanal am Handgelenk.
  • Pronator-teres-Syndrom (PTS): Kompression des N. medianus im Bereich des Ellenbogens durch den M. pronator teres.
  • Nervus-interosseus-anterior-Syndrom (NIA): Kompression des N. interosseus anterior, einem motorischen Ast des N. medianus, im Unterarm.
  • Radialtunnelsyndrom: Kompression des R. profundus des N. radialis (Nervus interosseus posterior) im Bereich des Ellenbogens.
  • Wartenberg-Syndrom: Kompression des R. superficialis des N. radialis am Handgelenk.

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