Die Rolle des Belohnungszentrums im Gehirn bei der Wahrnehmung schöner Menschen

Das Belohnungssystem im Gehirn ist ein komplexes Netzwerk, das unser Verhalten maßgeblich beeinflusst. Es motiviert uns nicht nur zu Aktivitäten, die dem Überleben und der Arterhaltung dienen, sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung von Schönheit, sozialem Verhalten und sogar Gerechtigkeitsempfinden. Dieser Artikel beleuchtet, wie das Belohnungssystem auf den Anblick schöner Menschen reagiert und welche Implikationen dies für unser Verhalten hat.

Das Belohnungssystem: Mehr als nur Überleben

Das Belohnungssystem, insbesondere die auf dem Neurotransmitter Dopamin basierenden Bahnen des mesocorticolimbischen Systems, ist ein Erbe der Evolution. Es verstärkt Verhaltensweisen, die das Überleben und die Fortpflanzung sichern. Essen, Trinken und sexuelle Aktivität aktivieren dieses System und geben uns ein gutes Gefühl, was uns dazu motiviert, diese Verhaltensweisen zu wiederholen. Allein der Anblick eines Fotos mit schmackhaftem Essen oder einem niedlichen Baby kann die Dopaminproduktion ankurbeln.

Doch das Belohnungssystem ist nicht nur für die grundlegenden Bedürfnisse zuständig. Es wird auch bei Dingen aktiv, die auf den ersten Blick wenig mit dem direkten Arterhalt zu tun haben, wie romantische Liebe und die Wahrnehmung von Attraktivität.

Romantische Liebe als Belohnung

Ein Team von Psychologen und Neurowissenschaftlern um Artur Aron von der State University of New York untersuchte frisch verliebte junge Männer und Frauen im Kernspintomographen. Sie stellten fest, dass beim Anblick von Bildern der geliebten Partner Aktivierungen im ventralen Tegmentum und im Nucleus caudatus auftraten, wichtigen Teilen des Belohnungssystems. Interessanterweise zeigten sich andere neuronale Signalwege als beim Geschlechtstrieb.

Die Forscher argumentieren, dass die Fokussierung auf ein Objekt der Begierde, das Leiden bei Trennung und die mangelnde Selbstkontrolle des Verlangens darauf hindeuten, dass Liebe in gewisser Weise einer Sucht ähnelt. Sie vermuten, dass die Fokussierung auf einen Partner neben dem Sexualtrieb indirekt der Fortpflanzung dient.

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Attraktivität und das Belohnungssystem

Die Attraktivität spielt ebenfalls eine Rolle bei der Aktivierung des Belohnungssystems. Forscher des Massachusetts General Hospital in Boston zeigten heterosexuellen Männern Fotos von attraktiven und durchschnittlich attraktiven Frauengesichtern. Im Kernspintomographen zeigte sich, dass nur der Anblick der attraktiv bewerteten Frauen das Belohnungssystem der Männer aktivierte. Dies deutet darauf hin, dass unser Gehirn den Anblick schöner Gesichter als Belohnung wahrnimmt.

Eine aktuelle Studie norwegischer Forscher bestätigt diese Erkenntnisse. Sie fanden heraus, dass beim Betrachten schöner Gesichter körpereigene Opioide ausgeschüttet werden, was ein Glücksgefühl und den Wunsch nach mehr hervorruft. Durch die Gabe von Morphin, einem Opioid, empfanden die Probanden die zuvor als attraktiv bewerteten Gesichter als noch schöner und schauten sie sich länger an. Umgekehrt führte die Blockierung der Opioid-Rezeptoren dazu, dass selbst die schönsten Gesichter weniger attraktiv wahrgenommen wurden.

Selbstloses Verhalten und Gerechtigkeit

Interessanterweise beschränkt sich die Aktivität des Belohnungssystems nicht nur auf eigennützige Verhaltensweisen. Auch selbstloses Verhalten kann es aktivieren. Forscher der Emory University in Atlanta wiesen dies für den Fall gelingender Kooperation beim sogenannten Gefangenendilemma nach. Dabei wurde das Belohnungssystem am stärksten aktiviert, wenn sich die Probanden durch Leugnen der Tat gegenseitig unterstützten, also das kleinere Übel für beide wählten, statt die Straffreiheit für sich selbst zu wählen.

Auch für Gerechtigkeit scheint das Gehirn eine Vorliebe zu haben. Eine Studie des California Institute of Technology zeigte, dass bei einer ungleichen Verteilung von Geld die "Reichen" eine stärkere Aktivierung in den gleichen Hirnregionen zeigten, wenn der Geldtransfer den anderen Spieler begünstigte und so die anfängliche Ungleichheit ausglich.

In einer Züricher Studie konnten Spieler, die von anderen hintergangen wurden, den Egoisten bestrafen, obwohl sie das selbst Geld kostete. Diese Aktion brachte dem Bestrafenden Befriedigung und aktivierte einen Bereich, der eine wichtige Rolle im Belohnungssystem spielt.

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Spenden und Steuern zahlen

Sogar Spenden und unfreiwillige Abbuchungen zugunsten einer Hilfseinrichtung können das Belohnungszentrum aktivieren, wie eine Studie der University of Oregon zeigte. Dies deutet darauf hin, dass unser Gehirn auch dann positive Gefühle empfinden kann, wenn wir zum Gemeinwohl beitragen, selbst wenn dies mit einem persönlichen Verlust verbunden ist.

Geschlechtsunterschiede im Belohnungssystem

Eine neurologische Studie aus der Schweiz zeigte, dass sich das Belohnungssystem bei Frauen und Männern unterschiedlich verhält. Bei Frauen wird das Belohnungszentrum stärker aktiviert, wenn sie teilen, während es bei Männern aktiver ist, wenn sie egoistische Entscheidungen treffen. Die Forscher vermuten, dass dieses geschlechtsabhängige Verhalten von der Gesellschaft antrainiert wird.

Die Rolle von sozialen Medien

Auch soziale Medien können unser Belohnungssystem beeinflussen. Eine Studie der University of California in Los Angeles zeigte, dass beliebte Beiträge das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren und das Verhalten von Teenagern beeinflussen. Die Jugendlichen klickten besonders gern auf bereits vielfach "gelobte" Aufnahmen, selbst wenn es sich um Bilder von Zigaretten, Alkohol oder provozierend gekleideten Altersgenossen handelte.

Wirtschaftlicher Erfolg und Sparverhalten

Auch im Bereich des wirtschaftlichen Erfolgs und des Sparverhaltens spielt das Belohnungssystem eine Rolle. Schöne Dinge, wie guter Wein oder ein neues Kleid, aktivieren unser Belohnungssystem. Bereits die Möglichkeit, diese Belohnung zu erhalten, lässt das Belohnungssystem Dopamin ausschütten, was Verlangen entstehen lässt und die entsprechenden Handlungen auslöst.

Gleichzeitig muss der Verlust des Geldes gegengerechnet werden. Dabei kommt die Inselrinde ins Spiel, ein Bereich des Gehirns, der unter anderem für die Schmerzverarbeitung zuständig ist. Empfindet man einen Preis als schmerzhaft hoch, ist die Insula aktiv und der Kauf wird weniger wahrscheinlich.

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Wissenschaftliche Befunde legen nahe, dass Frauen besser sparen können als Männer, da sie einen größeren Präfrontalen Kortex besitzen, der es ihnen ermöglicht, riskante und impulsive Käufe besser zu unterdrücken.

Liebe und das Belohnungssystem

Wenn wir verliebt sind, dreht sich alles nur noch um die eine wichtige Person in unserem Leben. Das überschäumende anfängliche Verliebtsein ist mit neuronaler Aktivität in Hirnbereichen verbunden, die etwa bei Belohnung und Motivation, Emotionen sowie sexuellem Verlangen und Erregung involviert sind.

Ein heftig verliebtes Gehirn ist einem besonderen neurochemischen Cocktail ausgesetzt. Der Zustand ist ein wenig wie unter Drogeneinwirkung. Verliebtsein lässt sich nicht nur mit der Wirkung von Drogen vergleichen, sondern weist sogar Parallelen mit einer Zwangsstörung auf.

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