Gründe für Reiseunlust: Mehr als nur Fernweh

Viele Menschen träumen von fernen Ländern und Abenteuern, ein Gefühl, das oft als Fernweh bezeichnet wird. Doch was steckt wirklich hinter dieser Sehnsucht, und warum verspüren manche Menschen eher Reiseunlust als Reiselust? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Gründe für Reiseunlust, von psychologischen Faktoren bis hin zu gesellschaftlichen Zwängen und der Angst vor dem Unbekannten.

Fernweh vs. Reiselust: Ein Unterschied

Es ist wichtig, zwischen normaler Reiselust und ausgeprägtem Fernweh zu unterscheiden. Reiselust ist ein allgemeines Interesse daran, neue Orte zu entdecken und andere Kulturen kennenzulernen. Fernweh hingegen geht oft mit einem Gefühl der Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation einher.

Fernweh in Zeiten von Corona

Die Corona-Pandemie hat das Reiseverhalten vieler Menschen verändert und gleichzeitig das Fernweh verstärkt. Während der Pandemie stiegen in vielen Ländern die Infektionszahlen durch die Urlaubswelle wieder an. Viele Menschen sehnten sich danach, dem Alltag zu entfliehen und Ruhe und Erholung nicht zu Hause, sondern in der Ferne zu finden. Dies wirkte auf manche wie eine weitere Form von Konsum ohne Mehrwert, bei dem es darum geht, so viele Erfahrungen und Erlebnisse wie möglich in kurzer Zeit zu sammeln.

Die psychologischen Aspekte des Fernwehs

Die Wissenschaft betrachtet Fernweh als eine Form der Sehnsucht. Im Spektrum Online-Lexikon der Psychologie wird Fernweh unter Sehnsucht verortet, die verschiedene Aspekte umfasst:

  1. Sehnsucht nach dem Hier und Jetzt: Menschen mit Fernweh sind oft unzufrieden mit ihrer momentanen Lage und verspüren einen subjektiven Leidensdruck.
  2. Sehnsucht nach einem Urzustand: Dies kann der Wunsch sein, zu einem vergangenen Glückszustand zurückzukehren, der in der familiären oder kulturellen Tradition verankert ist.
  3. Nostalgie und Utopie: Fernweh kann sowohl mit Nostalgie, der Sehnsucht nach der Vergangenheit, als auch mit Utopie, der Sehnsucht nach einer besseren Zukunft, verbunden sein.

Interessanterweise sind Heimweh und Fernweh zwei Seiten derselben Medaille. Der Begriff Fernweh ist seit 1835 belegt, Heimweh sogar seit dem 17. Jahrhundert. Die Worte Heimweh, Fernweh, Wanderlust und Reiselust gibt es in dieser Bedeutung nur im Deutschen.

Lesen Sie auch: Ursachen und Risikofaktoren für Schlaganfälle bei Katzen

Das "Fernweh-Gen"

Forscher haben sogar ein Gen identifiziert, das eine Rolle bei der Entstehung von Fernweh spielen könnte. Dieses sogenannte "Wanderlust-Gen", auch bekannt als DRD4-7R, beeinflusst unter anderem den Dopamin-Ausschuss im Körper und potenziert Eigenschaften wie Abenteuerlust, Neugier, Risikofreude und Rastlosigkeit. Schätzungsweise 20 % der Bevölkerung tragen dieses Gen in sich.

Es ist wichtig zu betonen, dass Fernweh keine Krankheit ist, auch wenn es früher eine Diagnose namens "Dromomanie" (Drang zum Gehen, Wandern) gab.

Fernweh als Flucht vor dem Alltag

Viele Theorien sehen Fernweh als eine Flucht vor dem Alltag. Der Soziologe Hans-Joachim Knebel spricht vom Reisezwang, dem sozialen Druck, mit den Urlaubsplänen von Kollegen, Bekannten und Familienmitgliedern mithalten zu müssen. Tourismusforscherin Dr. Kristiane Klemm sieht Reisen als eine Möglichkeit, Differenzerfahrungen zu sammeln und sich vom Alltagsblues abzuwenden.

Das Problem entsteht, wenn Fernweh zu einer ständigen Flucht vor sich selbst wird. Wer sich nie lange zu Hause aufhalten kann und leidet, wenn er nicht in fremden Gefilden Urlaub machen kann, versucht möglicherweise, den Sorgen des Alltags zu entkommen, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Jugendforscher Philipp Ikrath sieht im Fernweh der jungen Deutschen eine gewisse Zerrissenheit, die mit dem Erwartungsdruck zusammenhängt, sich selbst zu verwirklichen. Das ständige Ausleben von Fernweh kann jedoch auch zu Depressionen führen, wenn Reisende nach ihrem Urlaub in denselben grauen Arbeitsalltag zurückkehren.

Lesen Sie auch: Umgang mit Demenz im Arzttermin

Nostophobie: Die Angst vor der Heimkehr

Eine psychische Krankheit, die der Beschreibung ähnelt, ist die Nostophobie, die Angst vor der Heimkehr. Menschen mit Nostophobie haben den Drang zu reisen, um nicht nach Hause zurückkehren zu müssen.

Hinter all den Reisewünschen und dem Fernweh steht oft das Gefühl, dass etwas fehlt. Es geht nicht um ferne Orte, sondern um das Gefühl, das Menschen mit diesen Orten oder dem Reisen verbinden. Viele Menschen flüchten an ferne Orte, weil sie zu Hause nicht zufrieden sind und etwas im "Außen" suchen, das sie innerlich stillen müssen.

Reiseangst: Die Kehrseite des Fernwehs

Während viele Menschen Fernweh verspüren, leiden andere unter Reiseangst, auch Hodophobie genannt. Reiseangst beschreibt eine intensive und meist anhaltende Angst, die bei dem Gedanken ans Reisen oder beim Reisen selbst auftreten kann. Sie gehört zu den spezifischen Phobien.

Ursachen von Reiseangst

Die Gründe für Reiseangst sind vielfältig. Oft liegt der klassischen Reiseangst die Furcht zugrunde, das vertraute und sichere Zuhause zu verlassen. Andere Ängste, die mit Reiseangst verbunden sein können, sind:

  • Angst vor Verständigungsproblemen: Die Furcht, sich in anderen Ländern nicht verständigen zu können.
  • Angst vor Ablehnung: Die Sorge, sich in einem neuen, unbekannten Umfeld falsch zu verhalten.
  • Angst vor Ansteckung: Die Furcht, sich in einem fremden Land mit unbekannten Keimen oder Viren zu infizieren.
  • Agoraphobie: Die Angst vor Menschenmengen, belebten Orten und Sehenswürdigkeiten.
  • Angst vor Panikattacken: Die Befürchtung, im Urlaub eine Panikattacke zu erleben und nicht schnell genug Hilfe zu erhalten.
  • Flugangst: Die Furcht vor dem Fliegen, die oft mit dem Reisen verbunden ist.

Symptome von Reiseangst

Die Symptome von Reiseangst können von Person zu Person variieren. Typische Anzeichen sind:

Lesen Sie auch: Gehirn-Zusammenarbeit

  • Unruhe und Nervosität: Ausgeprägte Unruhe und Nervosität vor oder während einer Reise.
  • Körperliche Symptome: Beschleunigter Herzschlag, vermehrtes Schwitzen, Magen-Darm-Beschwerden oder Zittern.
  • Vermeidungsverhalten: Meiden von Reisesituationen oder Ausweichen vor bestimmten Reisezielen, Transportmitteln oder Situationen.
  • Panikattacken: Intensive Angst, erhöhter Herzschlag, Atemnot, Schwindelgefühle oder das Gefühl des Kontrollverlusts.
  • Negative Gedanken: Übermäßig besorgte und negative Gedanken im Zusammenhang mit Reisen.

Behandlung von Reiseangst

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Reiseangst zu behandeln:

  • Reflexion: Die Reiseangst konkret benennen und verstehen, wovor man sich fürchtet.
  • Vorbereitung: Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und sich gründlich über das Reiseziel informieren.
  • Langsam anfangen: Kleine Ziele setzen und die Komfortzone schrittweise erweitern.
  • Anreiz schaffen: Sich auf einen konkreten Anreiz konzentrieren, um motiviert zu bleiben.
  • Professionelle Hilfe: Bei diagnostizierten Angststörungen professionelle Hilfe suchen, wie zum Beispiel Psychotherapie.

Reiseunlust bei jungen Menschen

Die Tourismusanalyse 2016 der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen zeigte, dass die Reiseintensität bei jungen Menschen (14- bis 34-Jährige) erstmals wieder sank. Nur 52 Prozent dieser Altersgruppe unternahm 2015 eine Reise von mindestens fünf Tagen Dauer.

Gründe für die Reiseunlust

Die Hauptgründe für die Reiseunlust bei jungen Menschen sind finanzieller Natur. Sie wollen weder aufs Ausgehen, noch aufs Smartphone oder aufs Shoppen verzichten und sparen daher lieber am Urlaub. Wenn junge Menschen verreisen, zieht es sie jedoch häufiger ins Ausland.

Ein weiterer Faktor ist die wachsende Zukunftsangst, die dazu führt, dass die Reiselust generell abnimmt.

Reisefrust: Wenn der Traum zum Albtraum wird

Auch wer gerne reist, kann Reisefrust erleben. Nach den ersten aufregenden Wochen kann alles zu viel und zu stressig werden. Man vermisst die Annehmlichkeiten von zu Hause, langweilt sich oder hat mit Problemen wie schlechtem Wetter, Verlust oder Diebstahl zu kämpfen.

Tipps gegen Reisefrust

  • Langsam reisen: Länger an einem Ort bleiben, um die Eindrücke zu verarbeiten.
  • Sich zurückziehen: Zeit für sich nehmen und die Umgebung alleine erkunden.
  • Sich sinnvoll beschäftigen: Blog schreiben, Erfahrungen aufschreiben oder sich anderen Aktivitäten widmen.
  • Nach Hause telefonieren: Sich den Frust von der Seele reden und sich der Unterstützung von Freunden und Familie bewusst werden.
  • Sich verwöhnen: Sich etwas gönnen, das der Seele guttut.
  • Den Ort wechseln: Wenn Langeweile aufkommt, den Ort, das Land oder sogar den Kontinent wechseln.
  • Sich Annehmlichkeiten gönnen: Ab und zu ein Einzelzimmer im Hostel oder ein Hotelzimmer buchen, um eine heiße Dusche und ein gemütliches Bett zu genießen.

Reisen als Konsum: Ein kritischer Blick

In den letzten Jahren ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Reisen als Konsum entstanden. Der Wunsch nach authentischen Erlebnissen und die Sehnsucht nach fernen Ländern werden oft von der Reiseindustrie instrumentalisiert, um Profit zu machen.

Die Illusion der Authentizität

Die Reiseindustrie verkauft uns das Gefühl, etwas Echtes und Ursprüngliches zu erleben. Authentizität, Ursprünglichkeit und das "echte Leben" werden inszeniert und als Produkte verkauft.

Reisen und Umweltzerstörung

Unsere Reiselust spielt eine nicht unerhebliche Rolle bei der Zerstörung der Natur. Flugreisen, Kreuzfahrten und andere Formen des Tourismus tragen zur Umweltverschmutzung und zum Klimawandel bei.

Informierte Entscheidungen treffen

Wenn wir Reisen als Konsum betrachten, können wir informiertere Entscheidungen treffen, was wir kaufen, wie wir reisen und wohin. Dies kann helfen, unseren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, etwa indem wir bewusst weniger energieintensive Reisearten und Reiseziele wählen.

Alternativen zum Reisen: Balkonien mit Tiefgang

Wer keine Lust auf Reisen hat oder seinen ökologischen Fußabdruck reduzieren möchte, kann auch zu Hause neue Erfahrungen sammeln. "Balkonien mit Tiefgang" bedeutet, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen, ohne Termine und To-dos. Ein bequemer Stuhl, ein gutes Buch, vielleicht eine Katze und der feste Wille, nichts zu planen, können zu einem erholsamen und erfüllenden Urlaubserlebnis führen.

tags: #ich #verreise #nicht #gerne #mich #nerven