Die frontotemporale Lobärdegeneration (FTLD), auch frontotemporale Demenz (FTD) genannt, ist eine seltene Form der Demenz, die vorwiegend den Frontal- und Temporallappen des Gehirns betrifft. Im Gegensatz zur Alzheimer-Krankheit, bei der Gedächtnisstörungen im Vordergrund stehen, manifestiert sich FTLD häufig durch Veränderungen des Verhaltens, der Persönlichkeit und der Sprache. Diese Veränderungen können für Betroffene und Angehörige sehr belastend sein, da sie oft das soziale Leben und die zwischenmenschlichen Beziehungen stark beeinträchtigen.
Was ist die Frontotemporale Lobärdegeneration?
Der Begriff Frontotemporale Lobärdegeneration (FTLD) umfasst ein Spektrum von neurodegenerativen Erkrankungen. Diese Erkrankungen führen zu einem fortschreitenden Abbau von Nervenzellen in den Frontal- und/oder Temporallappen des Gehirns. Diese Hirnregionen sind entscheidend für die Steuerung von Verhalten, Persönlichkeit, Sprache und motorischen Fähigkeiten. Zunächst war der Begriff Pick-Erkrankung prägend für diese Erkrankungsgruppe. Die Klassifikation der frontotemporalen Lobärdegeneration ist aber immer wieder verändert und heftig diskutiert worden.
Ursachen und Häufigkeit
Die genauen Ursachen der FTLD sind noch nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Mindestens 20 % der Fälle sind genetisch bedingt, wobei Veränderungen in mehr als 20 verschiedenen Genen beschrieben wurden. Die in Patienten mit europäischer Herkunft am häufigsten veränderten Gene sind C9orf72, GRN (Progranulin), MAPT (tau) und TBK1. Bei der Mehrheit der Fälle bleibt die Ursache jedoch genetisch unklar.
Neuropathologisch zeigen Nervenzellen von Erkrankten Einschlüsse bestimmter Proteine (TDP-43, FUS, tau, Beta-Amyloid). Man geht davon aus, dass diese Protein-Pathologien die normale Funktion der Nervenzellen beeinträchtigen und zu deren Absterben führen. Bei der häufigsten Form der Erkrankung findet man im Gehirn krankhafte Ablagerungen des Proteins TDP-43. Diese Form der Frontotemporalen Lobärdegeneration wird daher auch als FTLD-TDP bezeichnet. Das Protein TDP-43 spielt ebenfalls eine Rolle bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) und möglicherweise auch bei der Alzheimer-Erkrankung. Es wird vermutet, dass Unterschiede in der Struktur der TDP-43-Ablagerungen zu verschiedenen neurodegenerativen Krankheiten führen können.
Zur Häufigkeit der Erkrankung gibt es nur wenige Studien. Die Häufigkeit der frontotemporalen Demenz in Deutschland beträgt ca. 5 Patienten pro 100.000 Einwohner. Einige Studien gehen von einer höheren Prävalenz aus. Seltene Demenzerkrankungen sind unterdiagnostiziert und werden oft nicht oder sehr spät erkannt, weshalb eine genaue Angabe der Häufigkeit solcher Erkrankungen kaum möglich ist. Die frontotemporale Demenz beginnt oft im Alter zwischen 40 und 65 Jahren und ist damit die zweithäufigste Demenzerkrankung bei unter 65-Jährigen. Oft treten erste Symptome im mittleren Alter auf, während die Betroffenen noch im Berufsleben stehen und die Kinder schulpflichtige sind oder noch heranwachsen. Der Erkrankungsbeginn liegt meist im Alter zwischen 50 und 60 Jahren, wobei die Spanne sehr groß ist (20-85 Jahre).
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Symptome und Varianten
Die Symptome der FTLD sind vielfältig und hängen davon ab, welche Hirnregionen betroffen sind. Im Unterschied zur Alzheimerdemenz stehen anfangs nicht Gedächtnisstörungen im Vordergrund, sondern Veränderungen des Verhaltens und der Persönlichkeit sowie Beeinträchtigungen der Sprache. Die Frontotemporalen Degenerationen treten in drei Varianten auf: als Veränderungen der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens (FTD), als Einschränkungen der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit (progrediente nichtflüssige Aphasie) und des Sprachverständnisses (Semantische Demenz).
Verhaltensvariante der FTLD (bvFTD)
Charakteristisch für die bvFTD sind zunehmende Wesens- und Verhaltensänderungen, die sich im Sinne einer Enthemmung, aber auch in Form einer zunehmenden Antriebsarmut bis hin zur Einstellung jeglicher Aktivitäten einschließlich des Sprechens darstellen können. Bei fast allen Betroffenen beginnt die Krankheit mit einer Veränderung der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens. Es treten oft zunächst keine Einschränkungen des Gedächtnisses und des Denkvermögens auf.
Im sozialen Kontakt zeigt sich meist schon früh ein Verlust von Umgangsformen mit Distanzlosigkeit, gesteigerter Impulsivität und Reizbarkeit bis hin zu offener Aggressivität, es kann aber zu sozialem Rückzug mit Verlust von Mitgefühl und Einfühlungsvermögen sowie affektiver Verflachung kommen. Die Erkrankten wirken zunehmend oberflächlich, unkonzentriert, leichtsinnig und manchmal auch manisch. Sie vernachlässigen ihre Pflichten, handeln unüberlegt und verlieren das Interesse an Hobbys, an ihrer Familie und sich selbst. Viele ziehen sich zurück und wirken teilnahmslos. So verlieren Regeln und soziale Normen für Erkrankte an Bedeutung und werden nicht mehr beachtet. Dabei werden die eigenen Regelverletzungen selbst aber nicht wahrgenommen. Dies kann sich in unterschiedlichen Bereichen des Lebens zeigen:
- Die bisher gepflegte Frau, die sich zwar weiterhin schminkt, aber nicht mehr wäscht und Bemerkungen zu ihrem immer strengeren Körpergeruch mit einem Lächeln beantwortet.
- Der Geschäftsführer einer Firma, der anfängt, zu jeder Tageszeit und ohne Unterschiede zwischen den Zuhörern zu machen, unpassende Witze zu erzählen.
- Frau M. geht an einem Sommertag mit ihrem erkrankten Ehemann spazieren. Ein Kind mit einem Eis in der Hand kommt ihnen entgegen. Herr M. nimmt dem Kind das Eis weg und isst es selbst auf.
Wenn die Erkrankten sich nicht mehr an den üblichen sozialen Normen orientieren können, kann es zu Fehleinschätzungen und Fehlhandlungen kommen. Die kann zu enthemmten Handlungsweisen führen beispielsweise in Bezug auf Alkoholkonsum, das Essen, sexuellem Verhalten oder übermäßigen Einkaufen bis hin zu Ladendiebstahl. Typisch ist auch die Entwicklung von repetitiven, formstarr und zwanghaft anmutenden Bewegungsmustern und Aktivitäten, die sich auch sprachlich in Form von Stereotypien und Manierismen niederschlagen können. Häufig zu beobachten sind Änderungen der Essgewohnheiten mit übermäßiger Nahrungsaufnahme und der Entwicklung einer Vorliebe für Süßigkeiten und Kohlenhydrate, aber auch Verzehr von (ungenießbaren) Gegenständen.
Sprachvarianten der FTLD (PPA)
Kennzeichnend für die drei Unterformen der primär progredienten Aphasie (PPA) sind sprachsystematische Beeinträchtigungen.
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- Nicht-flüssige Variante der PPA (nfPPA): Im Vordergrund stehen dabei grammatikalische Fehler in Wort und Schrift, angestrengt stockendes, wenig moduliertes Sprechen mit inkonsistenten Lautfehlern (Sprechapraxie) sowie ein beeinträchtigtes Verständnis syntaktisch komplexer Sätze. Das Einzelwortverständnis ist dagegen wie auch das Objekt- bzw. Bedeutungswissen zunächst erhalten.
- Semantische Variante der PPA (svPPA): Diese Variante ist gekennzeichnet durch Benennstörungen und ein gestörtes Einzelwortverständnis, beim Schreiben und Lesen kommt es oft zu lautsprachlichen Fehlern (z. B. Tahl statt Tal). Die Betroffenen sprechen mit unauffälliger Sprechmelodie flüssig und grammatikalisch korrekt, die Äußerungen sind aber zunehmend inhaltsarm und durchsetzt von Floskeln, das Objektwissen ist meist schon früh beeinträchtigt.
- Logopenische Variante der PPA (lvPPA): Hier kommt es zu Wortfindungsstörungen, häufigen Sprachpausen bei der Wortsuche und Problemen beim Wiederholen von Sätzen oder Satzteilen, auch zu Lautersetzungen beim Sprechen (z. B. Taum statt Baum) Verletzungen grammatikalischer Regeln treten, wenn überhaupt, zunächst nur in sehr milder Form auf, Suchbewegungen bei Aussprache im Sinne einer Sprechapraxie, wie sie bei der nfPPA zu beobachten sind, finden sich nicht.
FTD/ALS
Bei der FTD/ALS entwickelt sich im Verlauf der FTD, meist einer bvFTD entsprechend, auch eine Motoneuronerkrankung im Sinne einer ALS.
Juckreiz als mögliches Symptom
Juckreiz unbekannter Ursache wurde bei 38% der Patienten mit FTLD und nur bei 18% derer mit Alzheimer festgestellt. Fast die Hälfte der FTLD-Patienten mit Juckreiz war dabei an der Verhaltensvariante erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Juckreiz auftrat, war bei der FTLD um den Faktor 2,4 höher als bei anderen Demenzfällen. Im Vergleich zu den Kontrollpersonen wies die Gruppe mit Juckreiz eine größere Atrophie der grauen Substanz auf, und zwar beidseitig in der Amygdala, der Insula, dem präzentralen Gyrus und dem Cingulum sowie im rechten frontalen Gyrus superior und im Thalamus.
Bei Patienten mit FTLD in der Verhaltensvariante und Juckreiz beobachtete man im Vergleich zu Patienten mit dem gleichen Syndrom ohne Juckreiz eine rechtslaterale Atrophie der grauen Substanz, die die Insula, den Thalamus, den Gyrus frontalis superior und das Cingulum betraf.
Diagnose
Die Diagnose von Frontotemporalen Demenzen wird anhand von Beobachtungen des Krankheitsverlaufs, Beschreibung der Symptome, mit Hilfe von körperlichen Untersuchungen und psychologischen Tests sowie durch Befunde von bildgebenden Verfahren (CT und MRT) gestellt. Die Diagnosestellung ist oft schwierig und scheint nicht eindeutig - insbesondere bei jüngeren Betroffenen können fälschlicherweise andere Erkrankungen diagnostiziert werden (wie Bipolare Störungen oder Schizophrenie).
Der erste Ansprechpartner für die Diagnostik ist der Hausarzt. Dieser sollte bei Verdacht auf eine FTD eine Überweisung an eine Gedächtnissprechstunde veranlassen. Spezialsprechstunden mit FTD-Schwerpunkt finden Sie in der Charité am Campus Benjamin Franklin in Steglitz sowie am Campus Mitte. Unsere Ambulanz befindet sich im Zentralklinikum, Albert-Schweitzer-Campus 1, Westturm, Ebene 05. Die Sprechstunde für seltene Demenzerkrankungen ist in die Gedächtnisambulanz des Universitätsklinikums Münster integriert. Wenn Sie zu einem ambulanten Termin in der Klinik erscheinen, dann melden Sie sich bitte zuerst an der Leitstelle 05 West im Zentralklinikum. Bitte bringen Sie eine Überweisung von Ihrem Haus- oder Facharzt sowie alle Ihre Unterlagen (z. B. die progrediente supranukleäre Blickparese (PSP).
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Behandlung und Therapie
Für die medikamentöse Behandlung der FTD gibt es derzeit keine zugelassenen Präparate. Zur Beeinflussung von Verhaltensauffälligkeiten und Depressionen können gegebenenfalls Neuroleptika und Antidepressiva eingesetzt werden. Die symptomatische Behandlung beim FTLD-Spektrum ist umstritten.
Bei der nicht-medikamentösen Therapie (siehe dazu auch „Alzheimer-Krankheit“) kommt es darauf an, ob und welche Verhaltensstörungen vorliegen und ob Erkrankte z.B. bei Physiotherapie oder Ergotherapie mitwirken - hierfür sollte die Therapie individuell auf die jeweilige Person zugeschnitten sein. Auf Grund des veränderten Verhaltens kann der Umgang mit den Erkrankten sehr herausfordernd sein. Für Angehörige ist es oft schwer, unsoziales Verhalten und emotionale Gleichgültigkeit als Symptom der Krankheit zu verstehen und nicht auf sich zu beziehen.
Menschen mit einer FTD bedürfen eher einer individuellen Betreuung. Wichtiger als Aktivitäten in Gruppen sind oft eine möglichst stressarme Umgebung und ein variables Angebot an Aktivitäten. Dies können Bewegung und Sport, Tätigkeiten in Haus und Garten, das Sortieren von Gegenständen, Musik und Tanz usw. sein.
Mit dem Verlauf der Krankheit verändert sich der Bedarf an Betreuung und Pflege und dieser Umstand kann für Angehörige sehr schwer und belastend sein. Es ist hilfreich, sich frühzeitig an uns zu wenden und sich beraten zu lassen - um Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten zu kennen und um Wege des Umgangs zu entwickeln. Auch der Besuch einer Angehörigengruppe - speziell für das Krankheitsbild FTD - hilft vielen Angehörigen weiter. Die Foren der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bilden einen Treffpunkt zum Erfahrungsaustausch für Betroffene und Interessierte.
Forschung
Die Forschung zur FTLD hat in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Prof. Manuela Neumann vom DZNE Tübingen erforscht nun in einem neuen Projekt, wie Veränderungen dieses Proteins zur Entstehung der Krankheit beitragen. Gemeinsam mit ihrem Team wird sie Antikörper gegen TDP-43 herstellen, um außerdem neue Ansatzpunkte für künftige diagnostische Verfahren sowie für weiterführende Behandlungsansätze zu identifizieren. Ziel des neuen Projekts ist es, zum einen neue Erkenntnisse über den Krankheitsbeginn und die Krankheitsentstehung zu gewinnen. Außerdem will Neumann mit ihrem Forschungsteam neue Ansatzpunkte für künftige diagnostische Verfahren identifizieren sowie für weiterführende Behandlungsansätze.
Das Forschungsprojekt „Molekulare Unterschiede des Proteins TDP-43 bei der Frontotemporalen Demenz“ wird mit 120.000 Euro über einen Zeitraum von drei Jahren von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) gefördert.
Umgang mit der Erkrankung
Auf Grund des veränderten Verhaltens kann der Umgang mit den Erkrankten sehr herausfordernd sein. Für Angehörige ist es oft schwer, unsoziales Verhalten und emotionale Gleichgültigkeit als Symptom der Krankheit zu verstehen und nicht auf sich zu beziehen. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Verhaltensweisen Ausdruck der Krankheit und nicht böswillig sind.
Die Krankheitsdauer wird mit 2 bis zu 15 Jahren angegeben, durchschnittlich 8 Jahre.
Unterstützung für Betroffene und Angehörige
Die Familien und Zugehörigen von Menschen mit frontotemporaler Demenz stehen häufig vor großen Herausforderungen und finden kaum passende Angebote zur Unterstützung. Es ist hilfreich, sich frühzeitig an Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen zu wenden, um Entlastungs- und Unterstützungsmöglichkeiten kennenzulernen und Wege des Umgangs zu entwickeln. Auch der Besuch einer Angehörigengruppe - speziell für das Krankheitsbild FTD - hilft vielen Angehörigen weiter. Die Foren der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bilden einen Treffpunkt zum Erfahrungsaustausch für Betroffene und Interessierte.
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