Fußschmerzen nach langem Laufen können verschiedene Ursachen haben. Manchmal fühlt sich der Fuß an, als wäre er "wie ein Gehirn", was auf ungewöhnliche Empfindungen oder Schwellungen hindeuten kann. Dieser Artikel beleuchtet mögliche Ursachen für diese Beschwerden und bietet einen Überblick über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.
Polyneuropathie als mögliche Ursache
Eine mögliche Ursache für Fußbeschwerden nach langem Laufen, insbesondere wenn diese mit ungewöhnlichen Empfindungen einhergehen, ist die Polyneuropathie. Der Begriff Polyneuropathie stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt "Erkrankung mehrerer Nerven".
Symptome der Polyneuropathie
Bei den meisten Menschen beginnt die Polyneuropathie mit Reizerscheinungen im Sinne von Kribbelgefühlen, brennenden Missempfindungen bis hin zu heftigen Schmerzen und Taubheitsgefühlen an den Füßen. Häufig beschrieben wird ein Schwellungsgefühl, unangenehmer Druck, Gefühl wie auf Watte zu gehen, ein Elektrisieren oder Stechen. Meistens sind zunächst nur die Zehen und der Fußballen beidseitig betroffen. Im Verlauf von mehreren Monaten bis Jahren kann es zur Ausweitung der Symptome auf die Füße und Unterschenkel mit sockenförmiger oder Kniestrumpf-förmiger Begrenzung kommen. Die Oberschenkel können im Verlauf einer weiteren Verschlechterung oder bei einigen Patienten auch primär betroffen sein.
Auch das Temperaturempfinden leidet, so dass beispielsweise die Badewassertemperatur in der Badewanne an den Füßen nicht mehr richtig eingeschätzt werden kann. Zumeist erst im Verlauf der Erkrankung können zusätzlich die Fingerspitzen und Hände mit Handschuh-förmiger Begrenzung der Taubheitsgefühle betroffen sein. Parallel dazu kann es zunehmend zu Lähmungen, beispielsweise der Fußheber oder Zehenheber oder Fußsenker kommen, so dass Muskelschwund und Gangstörungen entstehen. Alle Symptome entstehen zumeist symmetrisch und nur seltener asymmetrisch mit Betonung auf einer Seite. Krämpfe, insbesondere nachts oder bei Belastungen, sind nicht selten. Viele Patienten klagen über kalte Füße. Auch das Lageempfinden wird zunehmend gestört, so dass die akkurate Aufrechterhaltung des Standes leidet. Dies führt zu Schwanken, Schwindel und Gangstörungen. Das Schmerzempfinden wird allmählich herabgesetzt, so dass Verletzungen am Fuß nicht oder nur zu spät wahrgenommen werden. Dies kann, z.B. beim Diabetes mellitus, zur Entstehung von Druckgeschwüren führen. Letztlich können auch die inneren Organe im Sinne einer autonomen Polyneuropathie betroffen sein. Dies führt beispielsweise zur Blasenlähmung, Darmträgheit oder zur mangelnden Regulation des Herzschlages bei Anstrengung.
Ursachen der Polyneuropathie
Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung der peripheren Nerven, d.h. also nicht des Gehirns oder des Rückenmarks. Sie entsteht, indem entweder der innere Strang des Nervs oder seine Umhüllung erkranken. Nerven arbeiten wie elektrische Leitungen. Vergleicht man den Nerv mit einem Kupferkabel, so können Störungen entweder durch eine Unterbrechung der Kupferleitung in der Mitte oder der umhüllenden Isolierung entstehen. Je länger ein Nerv ist, umso eher erkrankt er an Polyneuropathie, weshalb die Erkrankung häufig an den Zehen und Füßen beginnt.
Lesen Sie auch: Hüft-TEP und Nervenschmerzen
Die Polyneuropathie ist eine häufige neurologische Erkrankung, die sowohl Männer als auch Frauen in gleichem Maße betrifft und im Alter an Häufigkeit zunimmt. Etwa jeder dritte Diabetiker ist davon betroffen.
Es gibt über 300 bekannte Ursachen von Polyneuropathie. Ca. 35 % der Polyneuropathien sind in Deutschland auf den Diabetes mellitus (Zuckererkrankung) zurückzuführen und etwa 20 % auf Alkoholkonsum. Die Ursache von etwa einem Viertel aller Polyneuropathien bleibt auch nach ausführlicher Abklärung ungeklärt.
Häufige Ursachen von Polyneuropathie:
- Polyneuropathie im Rahmen anderer Erkrankungen:
- Diabetes mellitus
- Schilddrüsenüberfunktion
- Schilddrüsenunterfunktion
- Schilddrüsenentzündungen
- Nierenversagen
- Gewisse Lebererkrankungen
- Gewisse Krebserkrankungen
- Bluteiweißerkrankungen
- Nach lebensbedrohlicher Erkrankungen mit Intensivbehandlung
- HIV/AIDS
- Porphyrie
- Amyloidose
- Polyneuropathie bei entzündlichen Erkrankungen:
- Borreliose (Zeckenbisserkrankung)
- Gefäßentzündungen (Vasculitis)
- HIV/AIDS
- Als Autoimmunerkrankung nach stattgehabter Entzündung
- Polyneuropathie bei Vitaminmangel:
- Vitaminmangel von B1, B2, B6, B12, E
- Polyneuropathie bei Schwermetallvergiftung:
- Blei, Arsen, Thallium, Quecksilber, Gold
- Polyneuropathie als Nebenwirkung von Medikamenten:
- Gewisse Chemotherapeutika
- Interferone
- Virustherapeutika bei HIV
- Viele weitere Einzelsubstanzen
- Genetisch bedingte Polyneuropathien:
- Es sind mehrere genetisch bedingte Polyneuropathien bekannt. Nicht immer sind betroffene Familienmitglieder zu beobachten.
Diagnose der Polyneuropathie
Diagnostik und Therapie der Polyneuropathie fallen in das Fachgebiet des Neurologen. Am Anfang stehen eine genaue Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) und eine fachärztliche, klinisch-neurologische Untersuchung. Auch eine psychiatrische Untersuchung ist zur Abgrenzung notwendig.
Danach erfolgt die Untersuchung der peripheren Nerven mit elektrophysiologischen Methoden. Hierbei werden überwiegend die Nervenleitgeschwindigkeit und die Reizantwortstärke der betroffenen Nerven vermessen. Begleitet wird dies durch ein EMG (Elektromyographie - elektrische Untersuchung der betroffenen Muskeln mit einer Nadel).
Danach erfolgt eine laborchemische Abklärung der wichtigsten Ursachen aus dem Blut. Klärt man die wichtigsten 35-40 Ursachen ab, so beinhaltet dies ca. 80 % aller betroffenen Patienten.
Lesen Sie auch: Rehabilitation bei Gesichtsfeldausfall
Bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung sollte das Nervenwasser (Liquor) untersucht werden. Eine Kernspintomographie der Lendenwirbelsäule oder Halswirbelsäule ist erforderlich, wenn gleichzeitig dort eine zusätzliche Erkrankung z.B. ein enger Spinalkanal vermutet wird.
Die wichtigsten genetischen Ursachen lassen sich durch genetische Untersuchungen aus dem Blut heraus abklären. Diese Untersuchungen sind jedoch teuer. Sie werden von daher nicht routinemäßig durchgeführt.
Eine Untersuchung eines operativ entfernten Teils eines betroffenen Nervens (Biopsie) ist heutzutage nur in Ausnahmen notwendig.
Behandlung der Polyneuropathie
Die häufig auch von Ärzten verbreitete Aussage: "Bei Polyneuropathie kann man nichts machen", ist falsch. Es gibt viele therapeutische Ansätze. Verbesserungen sind fast regelmäßig möglich. Auch eine Ausheilung ist nicht selten erzielbar.
Das primäre Ziel der Behandlung ist die Ausschaltung der Ursache der Polyneuropathie. Das bedeutet z.B. einen Diabetes mellitus optimal mit Medikamenten einzustellen. Medikamente, die eine Polyneuropathie verursachen, müssen abgesetzt oder ausgetauscht werden, insofern sie nicht aus anderem Grund unabdingbar notwendig sind. Eine toxische Exposition, beispielsweise durch Schwermetalle oder Umweltgifte, muss beendet werden. Ist Alkohol die Ursache der Polyneuropathie, so muss vollständige, lebenslange Abstinenz eingehalten werden. Auch kleinere Mengen Alkohol können eine Verschlechterung herbeiführen oder eine Ausheilung verhindern, da das Nervensystem bereits vorgeschädigt ist. Alkoholabstinenz ist immer eine Voraussetzung für eine Verbesserung oder Ausheilung der Symptomatik.
Lesen Sie auch: Was Sie über epileptische Anfälle nach Hirnblutungen wissen sollten
Für die Behandlung der Schmerzen oder unangenehmen Missempfindungen stehen mehrere Medikamente zur Verfügung.
Liegt eine entzündliche Ursache der Polyneuropathie vor, so können Cortison-Infusionen, Plasmapherese (umgangssprachlich - Blutwäsche) oder die Gabe von Immunglobulinen zu einer Linderung oder gar Ausheilung führen. Die Notwendigkeit der Anwendung dieser Medikamente oder Verfahren zu beurteilen ist Sache des neurologischen Experten.
Missempfindungen und Schmerzen können überdies mit einer Neural-Akupunktur behandelt werden.
Lähmungen und Muskelschwund, Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen können mit einer spezifischen Physiotherapie behandelt werden. Diese kann gegebenenfalls um elektrische oder magneto-elektrische Stimulationverfahren ergänzt werden.
Weitere mögliche Ursachen für Fußschmerzen nach langem Laufen
Neben der Polyneuropathie gibt es noch weitere mögliche Ursachen für Fußschmerzen nach langem Laufen, die ein Gefühl wie "ein Gehirn im Fuß" hervorrufen können:
- Kamerad-Schnürschuh-Syndrom: Hierbei handelt es sich um ein Engpasssyndrom, bei dem Druck auf die peripheren Nerven ausgeübt wird, insbesondere auf den Nervus suralis an der Außenseite des Fußes. Zu enge oder harte Schuhe können die Ursache sein. Symptome sind Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle.
- Fußheberschwäche (Fußheberparese): Betroffene können die Fußspitze nicht mehr richtig anheben, was zu Stolpern und Gangstörungen führt. Ursachen können Schädigungen des Zentralnervensystems (Gehirn oder Rückenmark) oder des Wadenbeinnervs (Nervus peroneus) sein, z.B. durch einen Bandscheibenvorfall.
- Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT): Eine genetisch bedingte Erkrankung des peripheren Nervensystems, die zu Muskelschwund und Sensibilitätsstörungen in den Füßen und Beinen führt. Häufig tritt ein Hohlfuß auf.
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK): Verengung der Blutgefäße durch Kalk- und Fettablagerungen, was zu Durchblutungsstörungen und Schmerzen in den Beinen führt.
- Gangstörungen: Verminderte Ganggeschwindigkeit oder krankhaft verändertes Gangmuster. Ursachen können neurologische Erkrankungen, orthopädische Probleme oder Schmerzen sein.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine schwere, fortschreitende Erkrankung des Nervensystems, die Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark angreift, die für Muskelbewegungen zuständig sind. Symptome können mit Störungen der Feinmotorik und einer Fußheberschwäche beginnen.
Diagnose und Behandlung weiterer Ursachen
Die Diagnose und Behandlung der oben genannten Ursachen erfordert eine sorgfältige Untersuchung durch einen Arzt, idealerweise einen Neurologen oder Orthopäden.
Diagnostische Maßnahmen können umfassen:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und Untersuchung des Gangbildes, der Reflexe, der Muskelkraft und der Sensibilität.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (ENG) und der Muskelaktivität (EMG).
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT).
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen zur Abklärung von Entzündungen, Stoffwechselstörungen oder Vitaminmangel.
Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und richten sich nach der Ursache:
- Kamerad-Schnürschuh-Syndrom: Tragen von bequemeren Schuhen, Physiotherapie, Injektionen mit Kortikosteroiden.
- Fußheberschwäche: Orthesen (Schienen), Elektrostimulation, Physiotherapie.
- Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung: Physiotherapie, Orthesen, operative Korrektur von Fußfehlstellungen.
- PAVK: Medikamentöse Therapie, Gehtraining, operative Eingriffe zur Verbesserung der Durchblutung.
- Gangstörungen: Physiotherapie, Ergotherapie, Behandlung der zugrunde liegenden Ursache.
- ALS: Medikamentöse Therapie (z.B. Riluzol), Physiotherapie, Logopädie, Hilfsmittel zur Unterstützung der Mobilität und Kommunikation.
Was Sie selbst tun können
Neben der ärztlichen Behandlung können Sie selbst einiges tun, um Fußschmerzen nach langem Laufen zu lindern und vorzubeugen:
- Passendes Schuhwerk tragen: Achten Sie auf bequeme, gut sitzende Schuhe mit ausreichend Platz für die Zehen.
- Fußmuskulatur stärken: Regelmäßige Fußgymnastik kann helfen, die Muskulatur zu kräftigen und Fehlstellungen vorzubeugen.
- Dehnen: Dehnen Sie regelmäßig die Wadenmuskulatur und die Plantarfaszie.
- Überlastung vermeiden: Steigern Sie die Laufdistanz langsam und vermeiden Sie Überlastung.
- Regelmäßige Pausen: Machen Sie regelmäßige Pausen beim Laufen, um die Füße zu entlasten.
- Gewicht reduzieren: Übergewicht belastet die Füße zusätzlich.
- Sturzprophylaxe: Treffen Sie Maßnahmen, um Stürze zu vermeiden, insbesondere wenn Sie Gleichgewichtsprobleme haben.
- Gesunden Lebensstil pflegen: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und einen bewussten Alkoholkonsum.