Seit einigen Jahren wird intensiv untersucht und diskutiert, ob Fußballspieler ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen, insbesondere Demenz, haben. Schwere Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen sind zwar selten, aber es wird vermutet, dass wiederholte subklinische Traumata des Kopfes, wie sie durch Kopfbälle auftreten können, die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen begünstigen könnten. Fußball steht von allen Sportarten in der Beliebtheit auf der ganzen Welt an oberster Stelle. Verschiedene Beobachtungsstudien geben jedoch schon seit Jahren Anlass zur Sorge hinsichtlich der späteren Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen.
Studienergebnisse und Beobachtungen
Schwedische Studie von 2023
Eine aktuelle schwedische Studie untersuchte das Risiko bei 6007 Fußballspielern, die zwischen 1924 und 2019 in der höchsten schwedischen Fußball-Liga gespielt hatten, im Vergleich zu einer nach Alter und Wohngegend gematchten Vergleichsgruppe von 56.168 Männern aus der Allgemeinbevölkerung. Ausgewertet wurden landesweite Registerdaten.
Die Ergebnisse zeigten, dass in der Kontrollgruppe 6,2 Prozent bis zum Ende des Follow-up-Zeitraums 2020 eine Diagnose für eine neurodegenerative Erkrankung erhalten hatten. Unter den Fußballspielern waren es 8,9 Prozent. Das Erkrankungsrisiko lag damit über alle Fußballspieler hinweg um annähernd 50 Prozent höher (Hazard Ratio/HR 1,46).
Wurden die unterschiedlichen Spielerpositionen berücksichtigt, lag das Demenzrisiko unter Feldspielern mit einer HR von 1,50 signifikant höher als das von Torhütern, bei denen keine signifikante Erhöhung festgestellt wurde. Unter den neurodegenerativen Erkrankungen stach bei den Fußballern besonders das Demenzrisiko heraus. Hier lag das Risiko der Feldspieler 67 Prozent über dem der Allgemeinbevölkerung, während Parkinson-Erkrankungen bei (ehemaligen) Fußballspielern deutlich seltener (HR 0,68) diagnostiziert wurden.
Die Gesamtmortalität von Fußballspielern war etwas geringer als in der Allgemeinbevölkerung, genau wie das Risiko, an Lungenerkrankungen (COPD, Bronchialkarzinom) zu versterben (HR 0,82); die Mortalitätsrate an Demenz lag deutlich höher (HR 1,69).
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Weitere Studien und Erkenntnisse
Diese Studie ergänzt andere Publikationen aus den vergangenen Jahren, die ein erhöhtes Demenzrisiko bei Fußballspielern beschreiben. Nachdem Untersuchungen aus Schottland 2019 zeigten, dass Profifußballspieler gegenüber der Allgemeinbevölkerung ein mindestens 3,5-mal höheres Risiko haben, an einer neurodegenerativen Erkrankung zu versterben, haben UEFA und die Britischen Fußballverbände ihre Richtlinien überarbeitet, um die Sportler bestmöglich zu schützen (z.B. Verbot von Kopfballtraining unter 12 Jahren).
Eine retrospektive Kohortenstudie analysierte das Demenzrisiko bei 11.984 ehemaligen Profi-Fußballspielern im Vergleich zu 35.952 Kontrollpersonen aus der allgemeinen Bevölkerung. Die Ergebnisse zeigten ein höheres Demenzrisiko bei den Fußballspielern (3.62%) im Vergleich zu den Kontrollen (1.26%), trotz günstigerer Raten veränderbarer Risikofaktoren wie Diabetes, Adipositas, Rauchen und Alkoholstörungen. Das Demenzrisiko war bei Fußballspielern nicht mit diesen Faktoren verbunden, sondern scheint eher auf sportbedingte Kopfverletzungen und repetitive Kopfstöße zurückzuführen zu sein.
Kritik und Einschränkungen
Abschließende Evidenz ist noch nicht vorhanden, manche Studien werden kontrovers diskutiert, sind widersprüchlich, im Studiendesign limitiert oder aus anderen Gründen wie Fehlen einer Kontrollgruppe oder unvollständiger Ergebniserfassung nur schwer miteinander vergleichbar. Die Publizierenden weisen darauf hin, dass eine Übertragbarkeit z.B. auf den Fußballsport dieses Jahrhunderts, Frauenfußball oder Freizeitfußball nicht ohne weiteres möglich ist.
Eine Studie in „Jama Network Open“ veröffentlicht, in der die kognitive Leistungsfähigkeit älterer Fußballprofis untersucht wurde. In der Querschnittsstudie wurden ehemalige professionelle Fußballspieler, die durchschnittlich knapp 64 Jahre alt waren, befragt, wie häufig sie in ihrer aktiven Karriere Kopfbälle gespielt hatten und ob und wie oft sie eine Gehirnerschütterung erlitten hatten. Allerdings gibt es Kritik am Design der Studie, da von 4.775 ehemaligen Profis nur 459 den Fragebogen zurücksendeten. Mit 326 Personen konnten die kognitiven Tests schließlich beendet werden. Daher ist die statistische Aussagekraft der Studie begrenzt. Da auch nur zwölf Demenz-Fälle bei den Teilnehmern auftraten, lässt sich eine Tendenz, aber keine sichere Aussage treffen. Möglicherweise ist die Dunkelziffer also höher.
Mögliche Ursachen und Risikofaktoren
Natürlich stellt sich die Frage für die Ursachen für diesen Zusammenhang. Prof. Dr. Dr. Claus Reinsberger, Facharzt für Neurologie und Leiter der Sportmedizin der Universität Paderborn, gibt zu bedenken: »Bisher gibt es nur die Annahme, dass Schädel-Hirn-Traumata und/oder repetitive, auch subklinische Kopfverletzungen, beispielsweise durch Kopfbälle, verantwortlich sein könnten. Dabei gibt es jedoch noch viele Unklarheiten. Beispielsweise, ob das Spiel, wie es früher gespielt wurde, und die Spieler mit der heutigen Situation vergleichbar sind. Oder wie Kopfbälle durchgeführt und Gehirnerschütterungen behandelt und auskuriert wurden und werden. Um tatsächlich eine Kausalität herstellen zu können, müssten neben einer Betrachtung im Längsschnitt die weiteren so genannten modifizierenden Faktoren, die die Entstehung einer Demenz begünstigen können, ebenfalls mit einbezogen werden.
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Wiederholte Kopfballtraumata
Zwar sind schwere Kopfverletzungen im Fußballsport selten (in den meisten Studien <0,1 Ereignisse pro 1.000 Spielerstunden), jedoch vermutet man, dass wiederholte, subklinische Verletzungen bzw. Prellungen des Kopfes (v.a. durch Kopfbälle) im Sinne einer „chronisch traumatischen Enzephalopathie“ zu einem erhöhten Risiko für neurodegenerative Erkrankungen führen könnten (z.B. M. Alzheimer, andere Demenzen, M. Parkinson und Motoneuronerkrankungen, d.h. Erkrankungen des motorischen Nervensystems).
Weitere Risikofaktoren
Etwa 40 Prozent der weltweiten Demenzerkrankungen können auf folgende Faktoren zurückgeführt werden: Geringerer Bildungsstand, Bluthochdruck, Hörminderung, Rauchen, Adipositas, Depression, körperliche Inaktivität, Diabetes, wenige Sozialkontakte, übermäßiger Alkoholkonsum, traumatische Hirnverletzung und Luftverschmutzung. Unklar ist auch, ob und wie die Regenerationsfähigkeit des Gehirns, beispielsweise nach Kopfbällen, durch solche Risikofaktoren beeinflusst wird. »Athleten, die an relevanten Vorerkrankungen wie z. B. einer Depression erkrankt sind und eine Kopfverletzung erleiden, benötigen klinisch oft länger für die Regeneration als Sportler ohne Vorerkrankungen,« erklärt Prof. Reinsberger.
Genetische Veranlagung
Es wird auch diskutiert, ob eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt. Es ist möglich, dass bestimmte genetische Faktoren einige Menschen anfälliger für die Entwicklung von Demenz nach wiederholten Kopfverletzungen machen.
Präventive Maßnahmen und Reaktionen
Auch wenn Stand heute keine sichere Evidenz vorliegt, bedeutet das jedoch nicht, dass noch keine Maßnahmen zur Prophylaxe erarbeitet und angewandt werden können.«
Internationale Reaktionen
Während in den USA und Großbritannien für Kinder und Jugendliche unter 12 Jahren Kopfbälle inzwischen verboten sind, geht der DFB in enger Abstimmung mit Experten wie Prof. Reinsberger einen anderen Weg. Die Verkleinerung von Spielfeldern und Toren und den daran angepassten neuen Wettbewerbsformen im Kinder- und Jugendfußball tragen beispielsweise dazu bei, Kopfkontakte mit dem Ball zu reduzieren. Anders als in anderen Ländern beinhaltet der deutsche Weg weiterhin Kopfballtraining - allerdings mit Fokus auf der richtigen Kopfballtechnik, mit nur geringem Übungsumfang und leichteren Bällen sowie einer erhöhten Sensibilität von Trainern.
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Empfehlungen des DFB
Prof. Reinsberger erklärt: »Wir halten diesen Weg für sinnvoll, denn wenn später Kopfbälle erlaubt sind und die Jugendlichen die korrekte Technik nicht beherrschen, kann das noch gefährlicher sein. Die Empfehlungen für den Fußball werden zukünftig entsprechend weiterer Daten bei Bedarf kontinuierlich angepasst werden.«
Richtlinienänderungen
2022 beschloss auch der DFB Änderungen im Kinder- und Jugendfußball im Sinne eines „altersgerechten Umgangs mit dem Kopfballspiel“; dies beinhaltet z.B. neue Wettbewerbsformen, kleinere Tore und Spielfelder oder das Erlernen der richtigen Kopfballtechnik mit geringem Übungsumfang und leichteren Bällen. Es gibt jedoch auch Rufe aus der medizinischen Fachwelt, das so genannte Köpfen wie in anderen Ländern vor dem Jugendalter ganz zu verbieten. Regelmäßige Bewegung ist auch eine relevante Säule der Demenzprävention.
Perspektiven und Ausblick
„Auch in dieser Studie bestätigte sich ein erhöhtes Demenz-Risiko bei ehemaligen Fußballern. Anders als in der Studie aus Schottland war das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen allerdings nicht ganz so ausgeprägt (1,5-fach versus 3,5-bis 5-fach), und es bestand auch nur für Demenzen, nicht aber für M. Parkinson“, kommentiert Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Sport ist für alle Altersgruppen zweifellos wichtiger Bestandteil eines gesunden Lebensstils und regelmäßige Bewegung ist auch eine relevante Säule der Demenzprävention. Kopftraumata durch Kopfbälle scheinen beim Fußball diesen Effekt jedoch umzukehren.
Weitere Forschung notwendig
Es ist wichtig zu betonen, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die genauen Ursachen für das erhöhte Demenzrisiko bei Fußballspielern zu verstehen und wirksame Präventionsstrategien zu entwickeln. Zukünftige Studien sollten sich auf die langfristigen Auswirkungen von wiederholten subklinischen Kopfverletzungen konzentrieren und die Rolle genetischer und umweltbedingter Faktoren berücksichtigen.
Verantwortungsvoller Umgang mit dem Kopfballspiel
Unabhängig von den noch offenen Fragen ist es wichtig, einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Kopfballspiel zu fördern, insbesondere im Kinder- und Jugendfußball. Dies beinhaltet die Vermittlung der richtigen Kopfballtechnik, die Reduzierung der Anzahl von Kopfbällen im Training und die Sensibilisierung für die Risiken von Kopfverletzungen.