Eine Stimmbandlähmung, auch Rekurrensparese genannt, entsteht durch eine Schädigung des Kehlkopfnervs (Nervus laryngeus recurrens), der die Stimmbänder versorgt. Dies führt dazu, dass sich die Stimmbänder nicht mehr richtig bewegen können, was zu Stimmproblemen und in schweren Fällen zu Atemnot führen kann.
Was sind die Stimmbänder?
Die Begriffe Stimmband und Stimmlippe werden oft synonym verwendet, bezeichnen aber unterschiedliche Strukturen. Zum Sprechen benötigt der Mensch zwei Stimmlippen, die waagerecht im Kehlkopf liegen. Jede Stimmlippe besteht aus drei Schichten:
- Schleimhaut (oberste Schicht)
- Elastische und kollagene Fasern (mittlere Schicht, die eigentlichen "Stimmbänder")
- Muskulatur (unterste Schicht)
Beim Atmen sind die Stimmlippen entspannt, und die Stimmritze (der Raum zwischen den Stimmlippen) ist breit, um einen ungehinderten Luftstrom zu ermöglichen. Beim Sprechen werden die Stimmlippen angespannt, wodurch sich die Stimmritze verengt. Der Luftstrom aus der Lunge versetzt die Stimmlippen in Schwingung, wodurch Töne entstehen. Die Tonhöhe hängt von der Spannung der Stimmlippen ab: Je entspannter sie sind, desto höher der Ton, und je angespannter, desto tiefer der Ton.
Ursachen einer Stimmbandlähmung
Eine Stimmbandlähmung kann verschiedene Ursachen haben. Häufige Ursachen sind:
- Operationen: Insbesondere Operationen an der Schilddrüse können den Kehlkopfnerv schädigen oder durchtrennen. In Deutschland ist dies die häufigste Ursache für eine Stimmbandlähmung.
- Entzündungen: Entzündungen im Halsbereich können den Nerv beeinträchtigen.
- Neurologische Erkrankungen: Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Schlaganfall können die Nervenfunktion beeinträchtigen und zu einer Stimmbandlähmung führen.
- Tumore: Tumore im Hals- oder Brustbereich können auf den Kehlkopfnerv drücken und ihn schädigen.
- Infektionen: Virale Infektionen (z.B. HSV, VZV, EBV) oder bakterielle Infektionen (z.B. Borrelien) können in seltenen Fällen eine Stimmbandlähmung verursachen.
- Idiopathische Stimmbandlähmung: In 20 bis 40 Prozent der Fälle kann keine genaue Ursache für die Stimmbandlähmung festgestellt werden.
Symptome einer Stimmbandlähmung
Die Symptome einer Stimmbandlähmung hängen davon ab, ob nur ein Stimmband oder beide Stimmbänder betroffen sind.
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Einseitige Stimmbandlähmung
Das Hauptsymptom einer einseitigen Stimmbandlähmung ist Heiserkeit. Da sich die Stimmritze aufgrund des gelähmten Stimmbands nicht richtig schließt, entweicht beim Sprechen Luft durch den Spalt. Die Stimme klingt heiser, leise und kraftlos. Lange Gespräche sind anstrengend, und es ist schwierig, beim Singen den Ton lange zu halten. Häufig tritt auch eine Schluckstörung auf, bei der Speichel, Getränke oder Speisen einen Hustenreiz auslösen.
- Heiserkeit
- Leise, kraftlose Stimme
- Anstrengung beim Sprechen
- Schwierigkeiten beim Singen
- Hustenreiz beim Schlucken
Beidseitige Stimmbandlähmung
Sind beide Stimmbänder gelähmt, treten Atemprobleme auf. Die Stimmbänder sind einander sehr nah, wie es normalerweise beim Sprechen der Fall ist. Während der Atmung weichen die Stimmbänder nicht auseinander, sodass die Stimmritze eng bleibt. Die Atemnot tritt meist bei Belastung oder Infekten auf, in schweren Fällen auch in Ruhe. Typischerweise ist beim Einatmen ein Atemgeräusch (Stridor) hörbar. Die Stimme ist bei beidseitiger Stimmbandlähmung meist besser als bei der einseitigen.
- Atemnot, besonders bei Belastung
- Atemgeräusch beim Einatmen (Stridor)
- Relativ gute Stimmqualität
Diagnose einer Stimmbandlähmung
Bei Verdacht auf eine Stimmbandlähmung ist der Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten (HNO-Arzt) der erste Ansprechpartner.
Anamnese (Krankengeschichte)
Der Arzt wird zunächst Fragen zu den aktuellen Beschwerden stellen und wie lange diese schon bestehen. Mögliche Fragen sind:
- Seit wann bestehen Heiserkeit oder Atemprobleme?
- Sind die Beschwerden plötzlich oder schleichend aufgetreten?
- Gibt es einen möglichen Auslöser, wie z.B. eine Operation im Hals- oder Brustbereich, einen viralen oder bakteriellen Infekt oder einen Schlaganfall?
- Wurde eine neurologische Erkrankung diagnostiziert?
Klinische Untersuchung
Anschließend untersucht der HNO-Arzt den Halsbereich und achtet auf mögliche Veränderungen. Um die Stimmlippen einzusehen, verwendet er ein Laryngoskop (Kehlkopfspiegel). Dabei öffnet der Patient den Mund und streckt die Zunge vor. Der Arzt schiebt dann einen kleinen runden Spiegel an Zunge und Gaumenzäpfchen vorbei in den Rachen und beleuchtet diesen mit einer Stirnlampe. Sagt der Patient "hi", stellt sich der Kehldeckel (Epiglottis) auf, und die Stimmlippen werden sichtbar. So kann der Arzt sowohl die Beweglichkeit als auch die Struktur der Stimmlippen beurteilen.
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Alternativ kann eine Lupenlaryngoskopie zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um ein starres oder flexibles Endoskop, mit dem der Arzt die Stimmlippen "um die Kurve" betrachtet und die Untersuchungsergebnisse digital mit einer Kamera aufzeichnet.
Stroboskopie
Bei Verdacht auf ein Problem mit den Stimmbändern führt der Arzt eine Stroboskopie durch. Damit macht er die Einzelschwingungen der Stimmbänder sichtbar, die viel zu schnell sind, um sie mit bloßem Auge zu beurteilen. Das Stroboskop ist ein optisches Gerät, das Lichtblitze auf die Stimmlippen sendet. Dadurch entsteht eine Zeitlupenaufnahme der Stimmbänderschwingungen. Die Untersuchung wird ambulant durchgeführt und ist schmerzlos.
Weitere Untersuchungen
Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen durchgeführt werden, um die Ursache der Stimmbandlähmung zu finden:
- Ultraschalluntersuchung des Halses: Zur Feststellung struktureller Veränderungen im Halsbereich, insbesondere der Schilddrüse.
- Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT): Zur Feststellung von Veränderungen im Hals, im Brustkorb und im Gehirn, die möglicherweise für die Stimmbandlähmung verantwortlich sind.
- Blutuntersuchung: Zum Nachweis von Infektionen mit Viren oder Bakterien.
- Panendoskopie: Untersuchung der Schleimhaut des gesamten Rachens und des Kehlkopfs (inkl. Stimmbänder) mit einem Endoskop unter Vollnarkose, wobei Gewebeproben von verdächtigen Stellen entnommen werden.
Behandlung einer Stimmbandlähmung
Die Behandlung einer Stimmbandlähmung richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Lähmung.
Behandlung der Grunderkrankung
Wenn eine bestimmte Erkrankung wie eine Entzündung, eine neurologische Erkrankung oder ein Schlaganfall die Ursache für die Stimmbandlähmung ist, wird der Arzt diese zunächst behandeln.
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Stimmübungstherapie (Logopädie)
Bei einer einseitigen Stimmbandlähmung kann eine Stimmübungstherapie beim Logopäden in vielen Fällen zu guten Erfolgen führen. Mit gezielten Stimmübungen versucht der Logopäde, die zweite, gesunde Stimmlippe so zu trainieren, dass sie möglichst nahe an die gelähmte heranreicht. Dadurch kann der Patient die Stimmritze wieder schließen, und die Heiserkeit verschwindet.
Es ist wichtig, weiterhin normal zu sprechen, aber die Stimme zu schonen. Räuspern, Schreien oder lautes Singen sollte vermieden werden. Auch Flüstern ist nicht stimmschonend, da es die Stimmbänder mehr anstrengt als es nützt. Langes Schweigen kann jedoch dazu führen, dass sich die Muskulatur der Stimmbänder zurückbildet (Muskelatrophie).
Idealerweise sollte die Stimmübungstherapie so bald wie möglich begonnen und regelmäßig trainiert werden, idealerweise zwei- bis dreimal pro Woche. Zunächst sollte die Stimme unter Anleitung eines erfahrenen Logopäden trainiert werden. Wenn die Übungen gut beherrscht werden, können sie auch zwischen den Übungseinheiten zu Hause durchgeführt werden.
Reizstromtherapie
Begleitend zur Stimmübungstherapie kann bei einer einseitigen Stimmbandlähmung eine Reizstromtherapie sinnvoll sein. Dabei kommt ein spezielles Gerät zum Einsatz, das elektrische Impulse aussendet und dadurch die Muskulatur der Stimmbänder stimuliert.
Der Strom gelangt über zwei unterschiedlich gepolte Elektroden, die der Arzt von außen an den Kehlkopf anlegt, direkt zu den Stimmbändern. Die individuell angepasste Reizstromstärke aktiviert die Muskulatur der Stimmbänder und beschleunigt damit die Regeneration des Nervs.
Während die Stimmbildungsübungen darauf abzielen, dass die gesunde Stimmlippe die Funktion der gelähmten übernimmt, hat die Reizstromtherapie die Regeneration des Nervs und damit die Bewegungswiederkehr der erkrankten Stimmlippe zum Ziel. Auch bei dieser Form der Therapie ist es wichtig, möglichst frühzeitig damit zu beginnen.
Es kann mitunter zwölf bis 24 Monate dauern, bis die Stimmbänder nach einer Lähmung wieder normal funktionieren.
Operation
Wenn Logopädie und Reizstromtherapie nicht erfolgreich sind, kann eine Operation notwendig sein.
- Stimmlippen-Unterfütterung (Augmentation): Dabei wird versucht, die gelähmte Stimmlippe durch verschiedene Substanzen - unter anderem Eigenfett - aufzupolstern, sodass sie ihre eigentliche Funktion wieder aufnimmt und die Stimmritze sich wieder schließt. Der Eingriff wird in örtlicher Betäubung durchgeführt und hinterlässt keine Narben.
- Kehlkopfschrittmacher: Eine relativ neue Methode ist der sogenannte Kehlkopfschrittmacher. Er wird unter die Haut am Brustbein implantiert und stimuliert gezielt den Kehlkopfnerv. Die ausgesendeten elektrischen Impulse bewirken, dass sich die Stimmlippe öffnet.
Prognose einer Stimmbandlähmung
Entscheidend für die Prognose ist, ob der Kehlkopfnerv nur beschädigt oder vollständig durchtrennt wurde - wie beispielsweise bei einer Operation. Ein durchtrennter Nerv wächst nicht mehr zusammen, die Stimmbandlähmung bleibt dauerhaft.
In allen anderen Fällen ist die Prognose deutlich besser: In 80 bis 90 Prozent der Fälle regeneriert sich der Nerv vollständig. Bis die ursprüngliche Stimmleistung wiederhergestellt ist, dauert es jedoch - trotz Therapie - mitunter ein bis zwei Jahre.
Schwerbehinderung bei Stimmbandlähmung
Bleibende Stimmbandlähmungen können das alltägliche Leben stark einschränken, insbesondere bei einer beidseitigen Rekurrensparese. Betroffene sind oft langfristig oder sogar dauerhaft arbeitsunfähig.
Abhängig vom Ausmaß der bleibenden Symptome ist es möglich, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Schwerbehindert ist man, wenn der Grad der Behinderung (GdB) 50 oder mehr beträgt. Für die Ermittlung des GdB sieht die „Verordnungsmedizin-Verordnung“ bei Stimmbandlähmung folgende Kriterien (als Orientierungsrahmen) vor:
- Geringe belastungsunabhängige Heiserkeit: 0-10
- Dauernde Heiserkeit: 20-30
- Nur Flüsterstimme: 40
- Völlige Stimmlosigkeit: 50
Der Grad der Behinderung wird auf Antrag von einem ärztlichen Gutachter individuell bemessen. Für die Ausstellung des Schwerbehindertenausweises ist die Kommunalverwaltung bzw. das Versorgungsamt zuständig.
Leben mit einer Stimmbandlähmung
Eine Stimmbandlähmung kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Neben den körperlichen Beschwerden können auch psychische Belastungen auftreten. Es ist wichtig, sich Unterstützung zu suchen, sei es durch Selbsthilfegruppen, Therapeuten oder andere Betroffene.
Nachteilsausgleiche
Menschen mit Behinderungen haben Anspruch auf Nachteilsausgleiche, die ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen Leben ermöglichen sollen. Diese können je nach Grad der Behinderung variieren und umfassen beispielsweise:
- Ab GdB 30: Hilfen und Nachteilsausgleiche im Beruf
- Mit Schwerbehindertenausweis: Vergünstigte Eintritte in Museen, Theater oder bei Konzerten, vergünstigte Mitgliedsbeiträge z.B. in Sportvereinen.
Chronische Schmerzen
Chronische Schmerzen können ein Begleitsymptom einer Stimmbandlähmung sein, insbesondere wenn Nerven geschädigt wurden. In der ICD-11 werden chronische Schmerzen als eigenständige Erkrankung anerkannt und in primäre und sekundäre chronische Schmerzen unterteilt. Sekundäre Schmerzen sind auf Gewebeschäden zurückzuführen, während primäre chronische Schmerzen nicht oder nur in geringem Maße durch körperliche Schädigungen erklärt werden können.
Die Behandlung chronischer Schmerzen erfordert oft einen interdisziplinären Ansatz, der medizinische, psychologische und physiotherapeutische Maßnahmen umfasst.
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