Die Geburt eines Babys ist ein freudiges Ereignis, kann aber auch eine Quelle von Stress und Belastung für das Neugeborene sein. Verschiedene Faktoren während der Schwangerschaft und Geburt können zu Problemen führen, die sich auf die Gesundheit und Entwicklung des Babys auswirken. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen für Nervenprobleme bei Babys im Zusammenhang mit der Geburt, einschließlich des sogenannten KISS-Syndroms, Geburtstraumata und anderer Faktoren.
Das KISS-Syndrom: Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung
Das KISS-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung) ist ein Begriff, der von dem Chirurgen Heiner Biedermann im Jahr 1993 eingeführt wurde. Es beschreibt eine Fehlstellung im Kopfgelenk, dem Gelenk zwischen dem Schädel und dem ersten Halswirbel (Atlas), sowie in der Wirbelsäule, die durch Blockierungen oder Muskelzug verursacht wird.
Ursachen des KISS-Syndroms
Die Ursachen des KISS-Syndroms sind vielfältig. Dazu gehören:
- Geburtstraumata: Die Anwendung von Saugglocke oder Zange, das Kristellern (starker Druck auf den Bauch der Mutter) und Kaiserschnitte können zu starken Belastungen und Drucksituationen führen. Bei Kaiserschnitten fehlt dem Baby die Kompression durch den Geburtskanal, was zu Verspannungen in der Nackenmuskulatur führen kann.
- Platzmangel in der Gebärmutter: Eine ungünstige Lage des Babys (Beckenendlage, Querlage), Mehrlingsschwangerschaften oder ein hohes Geburtsgewicht können den Platz in der Gebärmutter einschränken.
- Wehen: Lange oder vorzeitige Wehen können starken Druck auf den Kopf des Babys ausüben.
- Unfälle: Auch Unfälle vor oder nach der Geburt können ein KISS-Syndrom auslösen.
Symptome des KISS-Syndroms
Man unterscheidet zwei Arten des KISS-Syndroms:
- KISS 1: Fixierte asymmetrische Haltung (Bananenhaltung), Kopf- und Gesichtsasymmetrien, asymmetrische Schädelform, haarlose Flecken auf dem Schädel, erhöhte Spannung in der Halswirbelsäule, asymmetrisches Robben oder Krabbeln, Lieblingsseite beim Drehen des Kopfes.
- KISS 2: Überstreckung nach hinten, Abflachung am Hinterkopf, Schwierigkeiten beim Saugen, Sabbern, Reflux, verlängerter Moro-Reflex (Schreckreaktion), Schwierigkeiten beim Aufrichten und Krabbeln.
Auswirkungen unbehandelten KISS-Syndroms
Wird ein KISS-Syndrom nicht behandelt, kann dies zu folgenden Problemen führen:
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- Ungleichmäßiges Stillverhalten (bevorzugte Brustseite)
- Aufgedrehtheit und häufiges Weinen
- Geringere Frustrationsgrenze
- Schlafstörungen
- Dreimonatskoliken
Behandlung des KISS-Syndroms
Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für das KISS-Syndrom:
- KiSS- oder Atlas-Therapie: Ärzte versuchen, den Wirbel mit einem kurzen Impuls in die richtige Position zu schieben. Die Gesellschaft für Neuropädiatrie warnt jedoch vor Manipulationen in diesem Bereich.
- Physiotherapie: Bobath- oder Vojta-Therapie.
- Osteopathie oder Craniosakraltherapie: Sanfte Techniken zur Lösung von Verspannungen und Ausgleich von Asymmetrien.
- Manuelle Therapie: Bei einem muskulären oder funktionellen Torticollis (Schiefhals).
Osteopathische Behandlung des KISS-Syndroms
Osteopathen behandeln das KISS-Syndrom mit sanften Techniken, um Verspannungen im Nacken- und Halsbereich zu lösen und Asymmetrien auszugleichen. Sie betrachten den Körper ganzheitlich und suchen nach Zusammenhängen zwischen verschiedenen Körperteilen. Die Behandlung ist sanft und für Babys gut geeignet. Viele Krankenkassen übernehmen mittlerweile die Kosten für Osteopathie.
Wissenschaftliche Anerkennung des KISS-Syndroms
Das KISS-Syndrom ist in der evidenzbasierten Medizin nicht als gesicherte Diagnose anerkannt und nicht in der ICD (International Classification of Diseases) gelistet. Es gibt jedoch reale funktionelle Auffälligkeiten bei Säuglingen, die einer fachkundigen Abklärung und Behandlung bedürfen.
Gesichtslähmungen nach der Geburt
Unter der Geburt können beim Neugeborenen leichte Gesichtslähmungen auftreten, insbesondere bei der Verwendung einer Zange. Laut einer Studie gehen diese Lähmungen meist von alleine zurück und erfordern keine weitere Behandlung. Es ist jedoch ratsam, einen HNO-Arzt oder Neurologen aufzusuchen, um andere Ursachen auszuschließen.
Pudendusneuralgie und Geburt
Die Pudendusneuralgie ist eine Nervenschädigung, die Schmerzen im Intimbereich verursacht. Eine natürliche Geburt kann ein Risikofaktor für die Entstehung oder Verschlimmerung einer Pudendusneuralgie sein. Dammrisse, Dammschnitte und Beckenbodentraumata erhöhen das Risiko zusätzlich. In manchen Fällen kann ein Kaiserschnitt eine Überlegung wert sein, um jahrelange Nervenschmerzen zu vermeiden.
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Geburtstrauma und Plexus brachialis
Bei einer natürlichen Geburt wird das Baby durch den engen Geburtskanal gedrückt, was zu Hämatomen führen kann. In seltenen Fällen (1 bis 5 von 1000 Lebendgeburten) kommt es zu einer Verletzung des Plexus brachialis, einem Nervengeflecht, das für die Bewegung des Armes zuständig ist.
Risikofaktoren für Plexus brachialis Verletzungen
- Hohes Geburtsgewicht (über 4000 Gramm)
- Lang dauernde Geburt
- Zangengeburt
Diagnose und Behandlung von Plexus brachialis Verletzungen
Die Diagnose erfolgt anhand einer klinischen Untersuchung. Betroffene Kinder haben unterschiedliche Grade der Lähmung in Schulter, Ellbogen, Handgelenk oder Hand. In den meisten Fällen erholen sich die Kinder innerhalb von zwei bis drei Monaten vollständig. Bei bleibenden Lähmungen können Operationen sinnvoll sein, um die Nerven zu rekonstruieren oder zu transplantieren.
Entwicklungs- und Wachstumsstörungen durch Plexus brachialis Verletzungen
Eine Verletzung des Plexus brachialis kann die Entwicklung des Nervensystems, des Skeletts, der Muskulatur und der Faszien beeinträchtigen. Es ist wichtig, dass die Kinder alle Entwicklungsstadien einer normalen Entwicklung durchmachen. Eine ärztliche Begleitung bis zum Ende der Wachstumsphase ist notwendig, um mögliche Fehlstellungen zu korrigieren.
Osteopathie bei Geburtstrauma
Viele Kinderosteopathen sind der Ansicht, dass Säuglinge häufig ein leichtes Geburtstrauma zurückbehalten, sei es durch eine intensive Geburt, den Einsatz einer Saugglocke oder einen Kaiserschnitt. Die Folgen können sich in einer stark angespannten Muskulatur, andauerndem Schreien, Fütterungsstörungen oder Schlafproblemen zeigen.
Auswirkungen der Geburt auf den Schädel
Während Schwangerschaft und Geburt wirken enorme Kräfte auf den Körper eines Babys ein, insbesondere auf den Kopf- und Halsbereich. Die Enge im Geburtskanal kann zu einer Verschiebung der Schädelknochen oder der oberen Halswirbel führen. Auch eine um den Hals gewickelte Nabelschnur kann die obere Halswirbelsäule beeinträchtigen.
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Osteopathische Behandlung bei Säuglingen
Osteopathen ertasten das Gewebe des Babys Schicht für Schicht und spüren so Verspannungen, Bewegungseinschränkungen und Funktionsstörungen auf. Sie untersuchen den Schädel, die Wirbelsäule, den Bauch und den Brustkorb sowie den Hüft- und Beinbereich. Die ganzheitliche Therapieform nutzt die Kraft der Hände und die dadurch aktivierten Selbstheilungskräfte des Körpers.
Osteopathie nach Kaiserschnitt
Aus Sicht der Osteopathie sollte bei Kaiserschnitt-Babys der natürliche Weg durch den Geburtskanal nachgeahmt werden, was durch zweckgerichtete Therapiemaßnahmen zumindest in Ansätzen erreicht werden kann.