Gedächtnislücken nach Schlaganfall: Ursachen und Therapieansätze

Was geschieht, wenn sich das Leben von einer Sekunde zur anderen verändert und die Folgen, obwohl nicht immer sichtbar, den Alltag dennoch stark beeinträchtigen? Schlaganfälle gehören zu den häufigsten Ursachen für erworbene Behinderungen und sind somit kein Randthema. Der Verlauf eines Schlaganfalls ist entscheidend für den Erfolg der Rehabilitation und dafür, ob Betroffene wieder ein selbstständiges Leben führen können. Eine frühzeitige Erkennung und gezielte Behandlung verbessert die Prognose deutlich. Jährlich erleiden in Deutschland etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall, wobei jeder Fünfte in den ersten Wochen verstirbt. Ein Jahr später sind etwa 64 Prozent der Überlebenden pflegebedürftig und rund 15 Prozent leben in stationären Einrichtungen. Damit ist der Schlaganfall die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen in Deutschland. Etwa 80 % der Betroffenen sind über 60 Jahre alt.

Neuropsychologische Folgen eines Schlaganfalls

Die Neuropsychologie ist ein psychologisches und neurowissenschaftliches Fachgebiet an der Schnittstelle zu Neurologie und Psychiatrie. Sie untersucht, wie hirnorganische Schädigungen kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Funktionen beeinflussen, und entwickelt darauf aufbauend diagnostische und therapeutische Konzepte.

Wie kommt es, dass ein Schlaganfall die kognitive und emotionale Welt so tiefgreifend verändern kann - manchmal versteckt, manchmal offensichtlich? Grundsätzlich führt er zu einer Unterbrechung der Hirndurchblutung, meist durch einen Gefäßverschluss (ischämischer Schlaganfall), seltener durch eine Blutung (hämorrhagischer Schlaganfall). Für die neuropsychologischen Folgen sind Ort und Ausmaß der Schädigung entscheidend: Läsionen in „strategischen“ Arealen - etwa an Knotenpunkten für Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Planung - können selbst bei einem kleinen Infarkt komplexe Netzwerke aus dem Gleichgewicht bringen. Die Beeinträchtigungen gehen oft weit über den direkt geschädigten Bereich hinaus. Bei Diaschisis kommt es zu zusätzlichen Ausfällen in unversehrten Arealen, weil deren Netzwerkpartner ausgefallen sind. Eine Neuroinflammation, die durch Immunzellen wie Mikroglia und Astrozyten ausgelöst wird, setzt einerseits schädigende Prozesse in Gang, kann aber auch schützend wirken und Reparaturmechanismen anstoßen. Gleichzeitig können zentrale Neurotransmittersysteme (Dopamin, Serotonin, Acetylcholin und GABA) aus dem Gleichgewicht geraten. Dies kann zu Antriebsschwäche, kognitiven Defiziten und Persönlichkeitsveränderungen führen.

Nach einem Schlaganfall werden vertraute Denkmuster oft zu verschlungenen Pfaden. Erst im Alltag wird vielen Betroffenen und ihren Angehörigen bewusst, welche starken Auswirkungen kognitive und emotionale Veränderungen nach einem Schlaganfall haben können. Oft sind es nicht die körperlichen Einschränkungen, sondern subtile, aber einschneidende Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungsplanung und Sprache, die die Lebensqualität und Selbstständigkeit wesentlich beeinträchtigen.

Häufige kognitive Defizite nach einem Schlaganfall

  1. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Laut Schätzung der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe leiden bis zu 80 % aller Schlaganfall-Betroffenen insbesondere in der Akutphase darunter. Besonders betroffen ist die Fähigkeit, sich länger zu fokussieren, Ablenkungen zu widerstehen und mehrere Aufgaben zu bewältigen.
  2. Gedächtnisstörungen: Diese betreffen vor allem das episodische Gedächtnis, also die Erinnerung an persönliche Ereignisse, sowie das prospektive Gedächtnis, das für die Erinnerung an geplante Handlungen zuständig ist.
  3. Exekutive Funktionsstörungen: Insbesondere nach frontalen und subkortikalen Läsionen sind exekutive Funktionen wie Handlungsplanung, Flexibilität, Fehlerkontrolle und Zielausrichtung beeinträchtigt. Typische Symptome reichen von starker Antriebsarmut und Apathie bis hin zu Impulsivität, Enthemmung oder Beharrungsneigung.
  4. Sprachstörungen (Aphasie): Je nach Lokalisation der Schädigung können eine Broca- oder eine Wernicke-Aphasie, eine globale Aphasie oder eine mildere Variante wie eine Wortfindungsstörung auftreten. Obwohl die Intelligenz unverändert bleibt, ist das Sprachvermögen deutlich beeinträchtigt. Wie die Deutsche Hirnstiftung betont, können selbst geringe sprachliche Einschränkungen gravierende Folgen für die Kommunikation, die Selbstständigkeit und die berufliche Wiedereingliederung haben. Diese Defizite werden von Außenstehenden oft unterschätzt. Eine frühzeitige und kontinuierliche Sprachtherapie sowie die Einbeziehung des sozialen Umfelds verbessern die Prognose.
  5. Neglect: Ein Neglect, also das Ausblenden der gegenüberliegenden Raum- oder Körperhälfte, tritt oft nach rechtshemisphärischen Parietalläsionen auf (meist wird die linke Seite ignoriert). Betroffene übersehen dann beispielsweise Gegenstände oder Personen, stoßen sich einseitig an oder essen nur von einer Tellerhälfte.
  6. Apraxie: Bei einer Apraxie sind erlernte Handlungsfolgen nicht mehr korrekt ausführbar, obwohl die Motorik und die Sprache an sich intakt sind. Komplexe Bewegungsabfolgen wie das Zähneputzen oder das Ankleiden geraten durcheinander. Ursache sind in der Regel parietale Läsionen.
  7. Vaskuläre kognitive Störung/Demenz: Ein Teil der Patientinnen und Patienten entwickelt im Verlauf eine vaskuläre kognitive Störung bis hin zur Demenz, die sich durch kombinierte Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Exekutivdefizite sowie durch emotionale Veränderungen auszeichnet.

Unsichtbare kognitive Folgen erschweren oftmals den Wiedereinstieg in Beruf und Sozialleben.

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Emotionale und Verhaltensänderungen nach einem Schlaganfall

Kaum ein Schlaganfall betrifft ausschließlich die kognitiven Funktionen. Mindestens ebenso prägend sind Veränderungen der Stimmung, der Motivation und des Sozialverhaltens. Für Betroffene und ihre Angehörigen sind diese Symptome oft noch schwerer zu verstehen und zu bewältigen als die körperlichen Folgen.

  1. Depressive Störungen: Gehören zu den häufigsten neuropsychiatrischen Folgen eines Schlaganfalls. Sie äußern sich in gedrückter Stimmung, Interessenverlust, Hoffnungslosigkeit, vermehrtem Grübeln, Schlafstörungen bis hin zu Suizidgedanken.
  2. Angststörungen: Neben depressiven Symptomen leiden viele Betroffene unter Ängsten, beispielsweise vor einem erneuten Insult, vor Abhängigkeit, Kontrollverlust oder sozialer Isolation. Typisch sind anhaltende Sorgen, Vermeidungsverhalten und körperliche Unruhe.
  3. Weitere emotionale und Verhaltensänderungen: Neben Depressionen und Angststörungen treten bei Betroffenen eines Schlaganfalls häufig weitere beeinträchtigende emotionale und Verhaltensänderungen auf. In der Akutphase kann sich beispielsweise eine ausgeprägte Apathie mit Antriebslosigkeit, Initiativmangel und fehlender emotionaler Resonanz entwickeln. Im Unterschied zur Depression werden diese Symptome jedoch nicht von Traurigkeit dominiert. Ein weiteres häufiges Problem ist die sogenannte Post-Stroke Fatigue: Diese anhaltende Erschöpfung, die sich durch Schlaf bzw. Ruhe nicht verbessern lässt, betrifft die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit gleichermaßen und schränkt das Alltagsleben oft massiv ein. Sie kann eigenständig oder zusammen mit depressiver Stimmung auftreten. Selten, aber für das Umfeld besonders belastend, ist das Auftreten von Affektinkontinenz bzw. einer pseudobulbären Affektstörung. Dabei zeigen Betroffene unwillkürliche, plötzlich einsetzende Gefühlsausbrüche wie Lachen oder Weinen, die nicht mit der eigentlichen Stimmungslage übereinstimmen. Manche PatientInnen entwickeln nach einem Schlaganfall auch eine erhöhte Reizbarkeit, Impulsivität und gesteigerte Aggressivität.

Diese emotionalen und Verhaltenssymptome können die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen erheblich beeinträchtigen und die Rehabilitationsprognose verschlechtern.

Diagnostik neuropsychologischer Störungen nach Schlaganfall

Eine differenzierte Diagnostik neuropsychologischer Störungen nach einem Schlaganfall bildet die Grundlage für eine erfolgreiche, individuelle Rehabilitation. Das Ziel besteht darin, auch unsichtbare Defizite gezielt zu erkennen und zu behandeln, um die Chancen auf eine Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben zu maximieren. Bereits im Akutkrankenhaus werden kurze Screening-Verfahren wie das Montreal Cognitive Assessment (MoCA), der Mini-Mental-Status-Test (MMST) oder DemTect eingesetzt, um kognitive Störungen rasch zu erfassen. Für die detaillierte Therapieplanung werden anschließend aufeinander abgestimmte Testbatterien eingesetzt, darunter Verfahren für das Gedächtnis (z. B. Wechsler Memory Scale), die Aufmerksamkeit (Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung, TAP), die Exekutivfunktionen (Behavioural Assessment of the Dysexecutive Syndrome, BADS) und die Sprache.

Neben den Testverfahren ist die alltagsnahe Beurteilung entscheidend. Mittels Bildgebung (CT oder MRT) können Läsionen lokalisiert, alternative Diagnosen ausgeschlossen und das Ausmaß der Schädigung eingeschätzt werden. Ein besonderer diagnostischer Schwerpunkt liegt auf der Prüfung der Krankheitseinsicht, beispielsweise bei einer Anosognosie. Fehlt den Betroffenen das Bewusstsein für die eigenen Einschränkungen, sinkt oftmals die Motivation zur Mitarbeit. Jeder Mensch hinterlässt einen einzigartigen Eindruck, so individuell wie die neuropsychologischen Folgen nach einem Schlaganfall.

Prognose und Prädiktoren

Nach einem Schlaganfall stehen für Betroffene und Angehörige nicht nur die aktuellen Beeinträchtigungen im Vordergrund, sondern vor allem die Frage, wie wahrscheinlich eine Rückkehr in ein selbstständiges und zufriedenes Leben ist. Anhaltende Störungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutiven Funktionen gehören zu den stärksten Prädiktoren für bleibende funktionelle Einschränkungen. Sie erhöhen das Risiko für einen langfristigen Pflegebedarf, wiederholte Krankenhausaufenthalte und eine höhere Sterblichkeit. In vielen Fällen sind diese Effekte sogar deutlicher ausgeprägt als bei motorischen Beeinträchtigungen. Für die Alltagskompetenz sind besonders jene Fähigkeiten entscheidend, die eine selbstständige Organisation, Prioritätensetzung, Risikoeinschätzung und die Einhaltung von Routinen ermöglichen.

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Eine ungünstige Prognose droht insbesondere bei schweren exekutiven Defiziten, chronischer Fatigue, persistierender Depression oder fehlender Krankheitseinsicht (Anosognosie).

Therapieansätze bei neuropsychologischen Störungen

Die Behandlung neuropsychologischer Störungen ist ein zentraler Bestandteil der modernen Schlaganfallrehabilitation. Ziel ist es nicht nur, einzelne Defizite zu lindern, sondern die Lebensqualität, Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe insgesamt bestmöglich wiederherzustellen. Zusätzlich können medikamentöse Interventionen - zum Beispiel zur Förderung von Aufmerksamkeit oder Stimmung - sowie psychotherapeutische Angebote zur Bewältigung emotionaler Belastungen zum Einsatz kommen. Entscheidend ist, dass die im Klinikalltag erreichten Fortschritte in den realen Alltag übertragen werden. Dies betrifft sowohl die Selbstversorgung und Mobilität als auch die berufliche und soziale Wiedereingliederung. Hierbei spielt die enge Abstimmung zwischen den beteiligten Disziplinen - Neurologie, Neuropsychologie, Logopädie, Ergo- und Physiotherapie sowie Sozialberatung - eine Schlüsselrolle.

Neuropsychologische Rehabilitation

Ziel der neuropsychologischen Rehabilitation ist die Reduzierung der durch die Hirnschädigung eingetretenen Behinderung, die ohne Intervention chronisch werden würde. Hierbei wird angenommen, dass einzelne Verhaltensweisen und Fähigkeiten bestimmten Regionen des Gehirns zugeordnet werden können. Durch ein auf den Patienten abgestimmtes Training wird versucht, die Folgeschäden des Schlaganfalls im Alltag zu minimieren. Für den Therapieverlauf und die Therapieplanung ist es wichtig, zunächst die Defizite und die Ressourcen (verbleibenden Fähigkeiten) des Patienten zu erfassen und darauf aufbauend gemeinsam mit dem Patienten die Therapieziele festzulegen.

Wahrnehmungsfähigkeit. Alle diese Leistungen sind wichtig für die Alltagsbewältigung und ein Ausfall einzelner oder mehrerer Funktionen kann die Einschränkung bzw. Die neuropsychologische Diagnostik wird häufig im Krankenhaus oder ähnlichen Institutionen durchgeführt. Den Patienten werden eine Reihe von Aufgaben vorgelegt und Fragen gestellt. Das Lösungsverhalten des Patienten gibt Aufschluss über die zugrunde liegende Hirnleistungsstörung und Hinweise auf die daraus resultierenden alltäglichen Schwierigkeiten. Wann die Behandlung beendet oder abgebrochen werden kann. Anhand einer Verlaufsuntersuchung sind Aussagen über den Behandlungserfolg und/oder einer Progredienz der Symptomatik möglich.

Therapieansätze im Überblick

  • Restitution: Wiederherstellung der durch die Hirnschädigung verlorenen kognitiven Funktionen.
  • Kompensation: Ist eine Funktion irreversibel ausgefallen, können manche Verhaltensweisen und Leistungen durch andere psychische Funktionen übernommen und ausgeglichen werden. Eine spezielle kompensatorische Strategie stellt die Anpassung der sozialen Situation des Patienten an mögliche bleibende Einschränkungen dar.
  • Auswahl der Trainingsmethoden: Orientiert sich am Schweregrad sowie an der Belastbarkeit der Patienten. Insbesondere für die spezifische Rehabilitation der Apraxie, dem Verlust der willentlichen Ausführung komplexer Bewegungen und Handlungen, für das Training der visuell-räumlichen Vernachlässigung (Neglect) und von Gesichtsfelddefekten bei Schlaganfallpatienten finden sich gute Wirksamkeitsnachweise.
  • Unspezifische Stimulation: Bei diesem Therapieansatz werden allgemeine und nicht zielgerichtete Sinnesanregungen zur Steigerung globaler Leistungen eingesetzt (z.B. "Snoezelen").
  • Spezifische Stimulation: Grundlage eines Trainings spezifischer Leistungen ist ein detailliertes Wissen über die Art und das Ausmaß kognitiver Störungen und setzt Fachkenntnisse über die Funktionsweisen des Gehirns sowie methodische Kenntnisse der Therapieverfahren und Therapieplanung voraus.
  • Computergestützte Verfahren: Für das Training von Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, aber auch zur Rehabilitation der Einschränkungen durch ein Gesichtsfelddefekt werden oftmals computergestützte Verfahren eingesetzt. Diese haben den Vorteil, dass der Schweregrad variiert werden kann, was eine Anpassung an das Leistungsniveau des Patienten erlaubt. Darüber hinaus kann dem Patienten seine Leistungsfähigkeit unmittelbar nach oder während des Trainings rückgemeldet werden.
  • Training von Gesichtsfelddefekten: In einer klinischen Studie wurde die Wirksamkeit eines restitutiven computergestützten Trainings von Gesichtsfelddefekten nachgewiesen.
  • Aufmerksamkeitstraining: Mittels computergestützten Training können spezifische Aufmerksamkeitsprozesse (längerfristige Aufmerksamkeitszuwendung) trainiert werden, wobei derzeitig der Beleg einer verbesserten Alltagskompetenz noch aussteht.
  • Störungsorientierte nicht computergestützte Verfahren: Ein Beispiel für ein störungsspezifisches Training findet sich für die Rehabilition der Apraxie. Mit den Patienten wurden verschiedene Gesten unter verschiedenen Bedingungen eingeübt. Diese Intervention führte zu einer Reduzierung apraktischer Fehler bei der Ausführung komplexer Gesten.
  • Strategietraining: Das Einüben gezielter mentaler und/oder externer Strategien ist ein häufig angewandtes Kompensationstraining.
  • Einsatz von Hilfsmitteln: Der Einsatz von Hilfsmitteln z.B. das Führen eines Tagebuches bei Gedächtnisstörungen bietet eine weitere Kompensationsmöglichkeit der beeinträchtigten Funktionen.
  • Psychotherapeutisch orientierte Einzelgespräche: Eine psychotherapeutische Betreuung wird in der Regel bei psychiatrischer Begleitsymptomatik durchgeführt. Am häufigsten sind depressive Anpassungsstörungen. In besonders schwierigen Phasen des Anpassungsprozess erfolgt eine psychotherapeutische Begleitung der Patienten und/oder deren Angehörigen. Diese ist überwiegend begrenzt auf die Dauer des stationären Aufenthaltes.

Oftmals kompensieren Patienten ihre Defizite durch einen erhöhten Zeitaufwand und vermehrte Anstrengung, für viele Tätigkeiten wird folglich mehr Zeit benötigt. Die Möglichkeiten neuropsychologischer Rehabilitation sind begrenzt. Seit kurzem werden "virtuelle Welten" zur Diagnostik und Rehabilitation kognitiver Störungen erprobt.

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Medikamentöse Therapie

Die Nervenzellen im Gehirn verständigen sich untereinander über verschiedene Botenstoffe (Neurotransmitter) und regulieren somit unser Denken und unsere Bewegungen. Die wichtigsten Neurotransmitter, die mit kognitiven Funktionen in Zusammenhang gebracht werden sind die Acetylcholine, Dopamine, Norepinephrine und Glutamat. Neuro-Psychopharmaka greifen in die Prozesse auf Neurotransmitterebene ein. Eine Antidepressive Medikation wirkt sich positiv auf die emotionale Stimmungslage aus, führt aber nicht zwangsläufig zu keiner vollständigen Remission einer Depression nach Schlaganfall. Die Effektivität von Antidepressiva zur Prävention einer Depression wurde hingegen noch nicht ausreichend belegt.

Eine demenzielle Entwicklung als Spätfolge nach einem Schlaganfall tritt bei ca. 30% der Patienten auf. Bei Patienten mit einer vaskulären Demenz beeinflusst die Gabe von ChE-Hemmer die Kognition positiv. Memantin verhindert die Nervenüberreizung durch den Botenstoff Glutamat. Es blockiert den Wirkort von Glutamat an den Nerven, den Methyl-D-Aspartat-Rezeptor (NMDA) und gehört daher zur Gruppe der NMDA-Antagonisten. Die Medikation mit Memantin führt bei Patienten mit einer vaskulären Demenz ebenfalls zu einer Verbesserung kognitiver Leistungen.

Ambulante neuropsychologische Therapie

Seit 2012 ist die ambulante neuropsychologische Therapie eine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung, sofern eine klare Indikation vorliegt und die Behandlung durch entsprechend qualifizierte Therapeutinnen oder Therapeuten erfolgt. Das Angebot reicht von Einzel- und Gruppentherapien bis zu computergestützten Trainings. Ziel ist die alltagsnahe Förderung kognitiver Fähigkeiten und die Unterstützung bei Teilhabeproblemen, etwa im Beruf. Die Zuweisung erfolgt in der Regel durch Haus- oder Fachärzte.

Im Rahmen der ambulanten Therapie werden Strategien für den Alltag vermittelt und geübt. Kognitive Fähigkeiten werden zunächst in der Sitzung trainiert, oft auch PC-gestützt. Dann erhalten die Patienten gezielt Übungen für zu Hause. Über eine DiGa, eine verschriebene digitale Gesundheitsanwendung, können sie diese PC-gestützten Übungen auch zu Hause machen. Wichtig sind zudem Übungen, die man in den Alltag integrieren kann. Wenn die Patientinnen noch jüngere Kinder oder Enkel haben, werden zum Beispiel geeignete Brettspiele gesucht, die dann gemeinsam in der Familie gespielt werden können. So werden die kognitiven Fähigkeiten von Kind und Elternteil trainiert. Eine andere klassische alltagsnahe Aufgabe wäre: Planen Sie bis zur nächsten Sitzung einen Ausflug. Woran müssen Sie denken? Wer kommt mit? Was packen Sie ein? Ein großer Teil der Therapie ist auch psychologische Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung: über das Erlebte zu sprechen und wie es den Patientinnen dabei geht. Ein zentrales Thema ist immer wieder die Rollenveränderung innerhalb der Beziehung oder der Familie.

Bei schwerer betroffenen Patientinnen werden oft die Angehörigen mit einbezogen. Sie sind dann beim Erstgespräch dabei. Oft werden auch Zwischengespräche mit den Angehörigen und den Patientinnen gemeinsam angeboten. Darin wird auf die Entwicklung geschaut. Es wird geklärt, wo zu Hause noch die größten Baustellen sind. Es wird überlegt, was noch fehlt, um eine berufliche Widereingliederung zu probieren.

Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt regulär 60 Sitzungen. Manchmal braucht man die gar nicht, weil die Therapieziele vorher erreicht sind. Es gibt aber auch Patient*innen, mit denen man nochmal auf bis zu 80 Sitzungen verlängert.

Frühzeitige Erkennung und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Eine erfolgreiche Rehabilitation nach einem Schlaganfall hängt entscheidend von der frühzeitigen Erkennung und kontinuierlichen Behandlung neuropsychologischer Störungen ab. Da sich kognitive und emotionale Einschränkungen oft schleichend entwickeln, können sie leicht übersehen werden. In modernen Schlaganfallzentren beginnt die Prävention bereits während der Akutbehandlung. Neben der medizinischen Stabilisierung sollten alle Patientinnen und Patienten routinemäßig auf kognitive und emotionale Störungen untersucht werden. Bewährte Kurztests, wie der MoCA oder Screenings für Neglect und Aphasie, ermöglichen die frühzeitige Identifizierung auch leichter Defizite.

Die bestmögliche Versorgung erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. NeurologInnen, NeuropsychologInnen, PsychiaterInnen, LogopädInnen, ErgotherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, Sozialdienste und Reha-BeraterInnen sollten gemeinsam Versorgungspfade gestalten. Regionale Schlaganfallzentren, spezialisierte Rehakliniken und ambulante Netzwerke erleichtern den nahtlosen Übergang zwischen Klinik, Rehabilitation und häuslicher Versorgung.

Spezielle Patientengruppen

Je nach Patientengruppe können sich neuropsychologische Störungen nach einem Schlaganfall in Form, Schwere und Verlauf deutlich unterscheiden. Die Häufigkeit von Schlaganfällen bei Menschen unter 60 Jahren nimmt zu. Für diese meist noch im Berufs- und Familienleben stehende Gruppe bedeutet ein Schlaganfall häufig einen tiefgreifenden Einschnitt in den Lebensverlauf. Selbst leichte kognitive Einschränkungen können die Arbeitsfähigkeit, das Familienleben und die soziale Integration spürbar beeinträchtigen. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für sekundäre psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Anpassungsstörungen, da der abrupte Übergang von Selbstständigkeit zu Abhängigkeit als besonders belastend erlebt wird.

Bei Patientinnen und Patienten, die bereits unter kognitiven Störungen oder affektiven Erkrankungen leiden, fallen die Folgen eines Schlaganfalls meist stärker aus und halten länger an. Die kumulative Belastung durch die Vorerkrankung reduziert die vorhandenen Ressourcen und erschwert die Kompensation. In solchen Fällen ist eine besonders frühzeitige und umfassende Diagnostik notwendig, gefolgt von einer Therapie, die an den vorhandenen Fähigkeiten ansetzt und gezielt Ressourcen schont. Eine vollständige Wiederherstellung des früheren Funktionsniveaus ist oft nicht möglich.

Nach mehreren oder beidseitigen Schlaganfällen sind die neuropsychologischen Störungsbilder oft besonders komplex. Oft bestehen Einschränkungen in Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen, Motivation und Emotionsregulation gleichzeitig. Diese Patientengruppe benötigt in der Regel eine langfristige, multiprofessionelle Begleitung. Technische Alltagshilfen, wie beispielsweise Erinnerungs-Apps oder elektronische Orientierungssysteme, können die Selbstständigkeit fördern. Somit benötigen spezielle Patientengruppen eine maßgeschneiderte, flexible und oft längerfristige Versorgung.

Forschung und zukünftige Entwicklungen

Die Forschung zu neuropsychologischen Störungen nach einem Schlaganfall entwickelt sich dynamisch weiter. Fortschritte in der Bildgebung und bei molekularen Markern, wie etwa funktionelle MRT-Verfahren, Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) oder genetische Analysen, ermöglichen es zunehmend, bereits früh subtile Störungen neuronaler Netzwerke zu erkennen. Auch individuelle Risikoprofile für einen ungünstigen Verlauf oder eine besondere Anfälligkeit für bestimmte Störungen könnten in Zukunft eine personalisierte Therapie ermöglichen.

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