Zwangsstörungen: Ursachen im Gehirn und neue Therapieansätze

Zwangsstörungen sind eine neuropsychiatrische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Hirnfunktionen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung dieser Störung spielen.

Was sind Zwangsstörungen?

Unter einer Zwangsstörung versteht man eine neuropsychiatrische Erkrankung, die zu den psychischen Störungen gezählt wird. Betroffene verspüren einen inneren Zwang, bestimmte Handlungen auszuführen oder bestimmte Dinge zu denken. Experten zufolge gilt ein Zwang dann als krankhaft, wenn der Betroffene seelisch darunter leidet und seine Zwänge ihn in seinem Alltagsleben einschränken.

Es gibt verschiedene Formen von Zwangsstörungen. Zu den häufigsten zählen:

  • Kontrollzwang: Hierbei kontrollieren Betroffene beispielsweise mehrmals, ob die Tür verschlossen ist.
  • Zählzwang: Dieser äußert sich dadurch, dass ein Mensch verschiedene alltägliche Dinge wieder und wieder zählt.
  • Waschzwang: Bei dieser Form besteht ein übertriebenes Hygieneverhalten.

Je nachdem, ob es sich um Gedanken oder Taten handelt, unterscheidet man Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Dabei muss aber nicht jeder dieser Gedanken bzw. Handlungen zwingend krankhaft sein, es kann sich auch um eine eher harmlose Macke oder einen Tick handeln.

Die Krankheit ist keineswegs nur bei Jugendlichen und Erwachsenen verbreitet: Bei etwa 20 Prozent aller Betroffenen kommt es bereits im Kindesalter bis zehn Jahren zur Entwicklung der Störung; dabei sind Jungen etwas häufiger betroffen als Mädchen. Diagnostiziert wird die Erkrankung jedoch oftmals erst viele Jahre später. An solchen und anderen Zwangsstörungen leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung wenigstens einmal im Leben.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Ursachen von Zwangsstörungen im Gehirn

Die genauen Ursachen von Zwangsstörungen sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen, darunter genetische Veranlagung, Veränderungen im Gehirn und Umwelteinflüsse. Heutige Modelle der Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen sind sogenannte "multifaktorielle Modelle".

Genetische Faktoren

Familienuntersuchungen und Zwillingsstudien zeigen, dass es eine erbliche Vorbelastung für die Zwangsstörung gibt. Für Angehörige von Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, besteht ein 3- bis 12-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer Zwangsstörung zu erkranken. Womöglich ist dieser genetische Einfluss bei Zwangsgedanken und bei einem frühen Beginn der Störung besonders hoch.

Neben einer bestimmten Genstruktur sind aber auch in noch entscheidenderem Ausmaß bestimmte Lernerfahrungen für die Entstehung einer Zwangsstörung verantwortlich. Dabei geht es vor allem um die mangelnd ausgeprägte Fähigkeit Zwangsbetroffener, mit unangenehmen Emotionen, insbesondere Aggression und Angst umzugehen.

Veränderungen im Gehirn

Inzwischen weiß man, dass bei Menschen mit einer Zwangserkrankung der Frontallappen des Gehirns überaktiv ist. Er kontrolliert unter anderem die sogenannten Basalganglien. Das sind Hirnstrukturen, die für die motorischen Abläufe zuständig sind. Erhärtet wird diese Hypothese dadurch, dass Menschen, deren Basalganglien durch Tumore oder Kopfverletzungen beeinträchtigt sind, häufiger Zwangsstörungen entwickeln. Bildgebende Untersuchungen weisen auf eine Veränderung des Hirnstoffwechsels und der Hirnaktivität in bestimmten Arealen hin. Es ist bis heute aber unklar, ob die Veränderungen von Hirnstoffwechsel und -aktivität eine Ursache der Zwangsstörung oder nur deren Begleiterscheinung sind.

Darüber hinaus scheint bei Menschen mit Zwangsstörung der Serotoninhaushalt im Gehirn gestört zu sein. Serotonin ist ein wichtiger Nervenbotenstoff (Neurotransmitter). Vielen Patienten helfen Medikamente, die den Serotoninspiegel erhöhen. Auch scheinen bestimmte Botenstoffe im Gehirn (sogenannte "Neurotransmitter", v.a.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Eine Studie ist nun den neurochemischen Grundlagen der Erkrankung auf den Grund gegangen. Sie zeigt, dass hinter diesen belastenden Störungen mehr steckt als ein rein psychisches Problem. Demnach ist im Gehirn zwanghafter Personen das Verhältnis der Botenstoffe Glutamat und GABA verschoben. Auch bei gesunden Menschen ist ein erhöhter Glutamatspiegel mit zwanghaften Tendenzen assoziiert.

Probanden mit Zwangsstörung zeigten in beiden Hirnregionen ein verschobenes Verhältnis von GABA und Glutamat. Im Vergleich zu gesunden Probanden hatten Personen mit Zwangsstörung einen erhöhten Spiegel des erregenden Neurotransmitters Glutamat und einen geringeren Spiegel des hemmenden Neurotransmitters GABA.

Umwelteinflüsse

Auslöser einer Zwangsstörung sind häufig belastende Ereignisse. Jegliche Überforderung erzeugt den Wunsch nach Kontrolle. Wenn die Situation für die Person jedoch nicht zu bewältigen ist, dienen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zum einen als Ablenkung. Zum anderen verschaffen Zwangsgedanken und -handlungen Personen, die ängstlich sind und ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit haben, die Illusion, im Grunde unkontrollierbare Ereignisse kontrollierbar zu machen. Sie hoffen zum Beispiel, dass durch bestimmte Rituale Unglücke vermieden werden.

Mitunter trägt die Erziehung zur Entstehung einer Zwangsstörung bei. Kinder, die eher ängstlich sind, werden durch überbehütendes Verhalten der Eltern zusätzlich verunsichert. Sie lernen von den Eltern, bedrohliche Situationen zu meiden, anstatt sich ihnen zu stellen. Auch Eltern, die sehr kritisch mit den Kindern sind oder perfektionistische Ansprüche haben, fördern möglicherweise eine Zwangsstörung beim Nachwuchs.

Verschiedene psychologische Einflussfaktoren können eine Rolle spielen, insbesondere: Erziehung, verunsichernde und/oder traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit, spätere negative Lebensereignisse und auch die Persönlichkeit des Betroffenen zählen dazu. So können die Erziehung hin zu sehr starker Reinlichkeit oder ein zu geringer Freiraum des Kindes für eigene Entscheidungen zu späteren Zwängen beitragen. Auch ungünstige Umgangsweisen mit ersten Zwängen können dazu führen, dass diese aufrechterhalten werden. Hierzu zählt insbesondere ein starkes Vermeidungsverhalten, welches verhindert, dass die Betroffenen erfahren, dass auch ohne die Ausführung der Zwangsrituale nichts Schlimmes passiert.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Ein sehr bekanntes psychologisches Erklärungs-Modell betont den Aspekt der Bewertung und Verarbeitung von aufdringlichen Gedanken (kognitives Modell). Danach sind unangenehme und aufdringliche Gedanken, etwa die Befürchtung, beim Autofahren einen Fußgänger zu überfahren, für sich alleine genommen noch nicht problematisch. Sie treten bei den meisten Menschen gelegentlich auf, werden aber nicht weiter beachtet und haben deshalb keine Konsequenzen. Bei Menschen, die darauf besonders stark reagieren, z.B. mit Angst- und Schuldgefühlen, können sich solche Gedanken aber verfestigen und das Handeln bestimmen. Beispielsweise wird dann dieselbe Strecke mehrfach abfahren, um zu überprüfen, ob die Befürchtung stimmen könnte.

Entscheidend für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Zwangserkrankungen sind bestimmte Lernerfahrungen, Lebensereignisse und Persönlichkeitsfaktoren. Häufige Kindheitserfahrungen, die Menschen mit Zwängen gemachthaben, sind seitens des Elternhauses hohe Leistungserwartungen und Strenge, hohe moralische Standards und ein eher überbeschützender Erziehungsstil, welcher wenig Autonomie ermöglichte. Als überdauernde Persönlichkeitsfaktoren können bei den Betroffenen dann z.B.

Neue Forschungsergebnisse

Neue Forschungsergebnisse könnten den Weg zu besseren Therapiemöglichkeiten ebnen. In der Forschung sucht man nach Therapiemöglichkeiten, die gezielter wirken und dabei weniger Nebenwirkungen mit sich bringen. Bedeutend ist in diesem Zusammenhang, die auslösenden Faktoren, die man mitunter in der Störung bestimmter Hirnfunktionen vermutet, genauer zu entschlüsseln.

Professor Kai Schuh vom Physiologischen Institut der Universität Würzburg und sein Team erforschen in Zusammenarbeit mit der Psychiatrie und der Neurologie die Grundlagen von Zwangserkrankungen. „Wir haben jetzt an einem Mausmodell nachgewiesen, dass allein ein Fehlen des Proteins SPRED2 ein übersteigertes Sauberkeitsverhalten auslösen kann“, sagt er. Das sei bedeutsam, weil für diese Art von Leiden noch kein klarer Auslöser identifiziert ist.

Das Protein SPRED2 kommt in allen Zellen des Körpers vor, besonders konzentriert tritt es im Gehirn auf - und zwar in den Basalganglien und der Amygdala-Region. Normalerweise hemmt das Protein einen wichtigen Signalweg der Zelle, die so genannte Ras/ERK-MAP-Kinase-Kaskade. „Es ist vor allem der gehirnspezifische Initiator des Signalwegs, die Rezeptortyrosinkinase TrkB, die hier verstärkt aktiv ist und die überschießende Reaktion der nachgeschalteten Komponenten bewirkt“, erklärt die Biologin Dr. Wird die übermäßig aktive Signalkaskade im Tiermodell mit einem Hemmstoff beruhigt, führt das zu einer Milderung der Zwangshandlungen. Zudem konnte die Würzburger Forschungsgruppe die Zwangsstörung - in Analogie zur gängigen Therapie beim Menschen - mit einem Antidepressivum behandeln.

Wenn ein molekularer Signalweg in der Gehirnregion Amygdala zu stark aktiviert ist, kann das zu Zwangsstörungen führen.

In ihrem Versuch, der mit Mäusen durchgeführt wurde, entdeckten die Wissenschaftler, dass es zu einem übertriebenen Reinigungsverhalten kommen kann, sobald das Protein SPRED2 nicht mehr vorhanden ist. Dieses kommt normalerweise in besonders konzentrierter Form in der Amygdala-Region sowie in den Basalganglien im Gehirn vor und übernimmt dort die Aufgabe der Hemmung der Ras/ERK-MAP-Kinase-Kaskade, dem besagten Signalweg.

Nun soll herausgefunden werden, ob andere Mittel nicht ebenso effektiv sein könnten, ohne dass es dabei aber zu Nebenwirkungen kommt. Denn Arzneien, die die auslösende Kaskade hemmen könnten, gibt es bereits, und zwar in Form von Krebsmedikamenten.

Behandlung von Zwangsstörungen

Zwangsstörungen werden in der Regel psychotherapeutisch behandelt. Nicht immer bringt diese Methode Erfolg, sodass mitunter auch auf Arzneimittel wie Antidepressiva zurückgegriffen werden muss. Zwangsstörungen werden in der Regel mithilfe der Kognitiven Verhaltenstherapie behandelt. Mitunter kombiniert man diese auch mit einer medikamentösen Behandlung. Es gibt aber auch Fälle, in denen weder Psychotherapie noch Medikamente eine Wirkung zeigen; dann erweist sich die Tiefe Hirnstimulation, bei der dem Patienten Elektroden (so genannte Hirnschrittmacher) ins Hirn implantiert werden, als sinnvoll.

Durch die erstmals aufgedeckte Verbindung von Zwangserkrankungen mit der Ras/ERK-MAP-Kinase-Signalkaskade ergeben sich auch neue Ansatzpunkte für Therapiemöglichkeiten. Die Ergebnisse legen neue Strategien für die medikamentöse Behandlung von Zwangsstörungen nahe, die auf verfügbaren Medikamenten basieren, die Glutamat regulieren. Bereits heute zielen manche Behandlungen auf ein Glutamat-Ungleichgewicht im Gehirn ab.

Bedeutung der Forschung für Betroffene

Die Erforschung der Ursachen von Zwangsstörungen im Gehirn ist von großer Bedeutung für Betroffene. Durch ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen können gezieltere und wirksamere Therapien entwickelt werden. Dies kann dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Zwangsstörungen deutlich zu verbessern.

tags: #gehirn #bei #zwangsgedanken