Die menschliche Kognition ist ein komplexes Zusammenspiel von bewussten und unbewussten Prozessen. Während das bewusste Denken uns unmittelbar präsent ist und Entscheidungen, Wahlmöglichkeiten und logisches Schlussfolgern beinhaltet, operiert das unbewusste Denken im Hintergrund und beeinflusst unsere Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Entscheidungen auf subtile Weise. In diesem Artikel werden die Unterschiede zwischen bewusstem und unbewusstem Denken untersucht, wobei auf die neuesten Forschungsergebnisse und Erkenntnisse aus der Psychologie und den Neurowissenschaften eingegangen wird.
Was ist Intuition?
Oft wird Intuition als ein mystisches Phänomen betrachtet, eine Art sechster Sinn oder gar eine göttliche Eingebung. Psychologen betrachten Intuition jedoch als eine unbewusste Form der Informationsverarbeitung. Sie definieren Intuition als Gefühle, die rasch im Bewusstsein auftauchen und uns in eine bestimmte Richtung lenken, ohne dass uns die Gründe dafür vollständig bewusst sind. Diese Gefühle können uns jedoch stark beeinflussen und uns dazu bringen, unmittelbar danach zu handeln.
Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin betont, dass Intuition weder eine Laune noch Hellseherei ist, sondern eine Form unbewusster Intelligenz. Er sieht Intuition als gleichbedeutend mit einer Bauchentscheidung, bei der wir uns auf ein starkes Gefühl verlassen, auch wenn uns die Gründe dafür nicht näher bekannt sind.
Heuristiken als Grundlage intuitiver Entscheidungen
Einige Forscher, wie Gigerenzer, nehmen an, dass Intuition auf einfachen Heuristiken basiert. Heuristiken sind Faustregeln, die es uns ermöglichen, schnelle Entscheidungen zu treffen, indem sie die Mehrzahl der vorhandenen Informationen ausklammern oder relevante durch irrelevante Informationen ersetzen.
Ein Beispiel hierfür ist das Verhalten eines Baseballspielers, der einen hoch geschlagenen Ball fangen möchte. Anstatt die Flugbahn des Balls genau zu berechnen, greift der Spieler unbewusst auf die Heuristik zurück, den Ball zu fixieren und die Laufgeschwindigkeit so anzupassen, dass der Blickwinkel konstant bleibt.
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Obwohl Heuristiken zu schnellen Entscheidungen führen können, ist empirisch nicht zweifelsfrei belegt, dass sie tatsächlich die der Intuition zugrunde liegenden Prozesse der Informationsbearbeitung beschreiben.
Zwei Systeme des Denkens nach Kahneman
Daniel Kahneman, ein Wirtschaftsnobelpreisträger, unterscheidet in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" zwei Systeme des Verstandes:
- System 1 (unbewusstes System): Dieses System arbeitet automatisch, schnell und ohne willentliche Steuerung. Es kommt zum Einsatz, wenn wir die Feindseligkeit aus einer Stimme heraushören oder auf einen Blick erkennen, dass 2+2=4 ist.
- System 2 (bewusstes System): Dieses System ist akribisch und erfordert Aufmerksamkeit. Es stellt komplizierte Berechnungen an und kann eine wohlüberlegte Wahl zwischen verschiedenen Optionen treffen, beispielsweise beim Vergleich von Waschmaschinen.
Kahneman argumentiert, dass es gute evolutionäre Gründe für das flinke unbewusste System gibt, da es die Überlebenschancen erhöhte, Bedrohungen oder Gelegenheiten schnell zu erkennen und umgehend darauf zu reagieren.
Kognitive Fallen und Denkverzerrungen
Obwohl das unbewusste System normalerweise zuverlässig arbeitet, kann es in kognitive Fallen tappen und Denkverzerrungen zum Opfer fallen. Ähnlich wie Gigerenzer geht Kahneman davon aus, dass einfache Heuristiken der Intuition zugrunde liegen. Allerdings können diese Heuristiken dazu führen, dass relevante Informationen durch irrelevante Informationen ersetzt werden, was zu Fehlentscheidungen führen kann.
Ein bekanntes Beispiel ist die Aufgabe: "Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?" Intuitiv antworten viele Menschen mit 10 Cent, obwohl die richtige Antwort 5 Cent lautet.
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Kahneman zufolge versagt das bewusste System oft in seiner Kontrollfunktion und neigt dazu, den Entscheidungen des unbewussten Systems im Nachhinein einen rationalen Anstrich zu verpassen.
Bedingungen für erfolgreiche Intuition
Die Frage, wie hilfreich Intuition bei Entscheidungen ist und wo sie versagt, ist komplex. Daniel Kahneman und Gary Klein haben in einem Fachaufsatz die Bedingungen für erfolgreiche berufliche Intuitionen herausgefiltert. Sie stellten fest, dass Intuition dann erfolgreich ist, wenn die berufliche Umwelt stabil ist und zuverlässige Hinweise zu der jeweiligen Situation liefert. Zudem ist es wichtig, dass die Person ein schnelles und eindeutiges Feedback erhält, ob sie mit ihrer Intuition richtig gelegen hat.
Henning Plessner von der Universität Heidelberg betont, dass Intuition auf viel Wissen und bewusster Erfahrung beruht. In der Entscheidungssituation selbst denkt man dann nicht mehr viel nach.
Die Rolle des Unterbewusstseins
Neben dem bewussten Geist existiert das Unterbewusstsein, das eine Vielzahl von Prozessen steuert, die unser Leben und unsere Gesundheit erhalten. Es speichert Erinnerungen, reguliert den Herzschlag und die Körpertemperatur, filtert Blut, wandelt Sauerstoff um, speichert Überzeugungen, löst Probleme, beeinflusst Träume und steuert Reflexe.
Das Unterbewusstsein ist anpassungsfähig und kann durch neue Reize oder Lebenserfahrungen verändert werden. In den ersten sieben Lebensjahren prägen sich die grundlegenden Programme des Unterbewusstseins, die einen Großteil unserer Gedanken, Entscheidungen und Verhaltensweisen beeinflussen.
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Stummi: Die stumme Steuerzentrale im Gehirn
Wolfgang Prinz, ein Psychologe und Kognitionswissenschaftler, beschreibt das Unterbewusstsein als eine "stumme Steuerzentrale" namens "Stummi", die für uns Entscheidungen trifft. Stummi möchte vor allem unser Überleben sichern und trifft Entscheidungen auf Basis von Erfahrungen und Gefühlen.
Stummi hängt in der Vergangenheit fest und steuert unser Verhalten durch die Ausschüttung von Hormonen. Obwohl es gut ist, dass wir über viele Dinge nicht permanent nachdenken müssen, mag Stummi Veränderungen gar nicht und schon gar nichts Neues.
Die Suche nach dem Unbewussten in der Hirnforschung
Die Hirnforschung hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Bewusstes und Unbewusstes im Gehirn interagieren. Alireza Sibaei von den Alexianern in Köln setzt das "Mind Beagle" ein, um die Gehirnaktivität von Wachkomapatienten zu untersuchen und herauszufinden, ob sie Reize wahrnehmen.
Steven Laureys von der Universität Liège hat mithilfe des funktionellen Magnetresonanztomogramms gezeigt, dass einige Wachkomapatienten in der Lage sind, sich vorzustellen, Tennis zu spielen, was auf ein Restbewusstsein hindeutet.
Michele Farisco von der Universität Uppsala argumentiert, dass Bewusstsein eine fundamentale Eigenschaft des lebendigen Gehirns ist und in zwei Modalitäten auftreten kann: Wir sind uns etwas gewahr oder nicht. Er sieht einen bewussten Geist, der Aufgaben gezielt löst, und einen unbewussten Geist, der immer arbeitet, aber normalerweise im Verborgenen bleibt.
Experimentelle Studien zum Unbewussten
Ran Hassin von der Hebräischen Universität in Jerusalem glaubt, dass das Unbewusste ähnliche Fähigkeiten besitzt wie der bewusste Geist. Er hat Experimente durchgeführt, die zeigen sollen, dass wir sogar Rechenaufgaben unbewusst lösen können.
Katharina Henke von der Universität Bern hat experimentell untersucht, ob der Hippocampus auch unbewusste Erlebnisse speichern und verarbeiten kann. Ihre Studien legen nahe, dass unbewusstes Erinnern und Lernen auch bei anspruchsvolleren Aufgaben möglich ist.
Kritik an der Forschung zum Unbewussten
Die Forschung zum Unbewussten ist nicht unumstritten. Guido Hesselmann und Markus Rothkirch von der Berliner Charité weisen auf methodische Probleme hin, die die Ergebnisse einiger Studien in Frage stellen. Sie betonen, dass die Effekte des Unbewussten oft zeitlich begrenzt und relativ klein sind.
Unbewusste Wahrnehmungsverzerrungen (Unconscious Bias)
Unconscious Bias sind unbewusste Wahrnehmungsverzerrungen, die unsere Entscheidungen und unser Verhalten beeinflussen können. Sie entstehen, weil unser Gehirn dazu neigt, Muster zu erkennen und Menschen und Dinge in Kategorien einzuteilen. Diese Muster können jedoch von Vorurteilen geprägt sein, die in unserer Gesellschaft zirkulieren.
Ein Beispiel für Unconscious Bias ist der Affinity Bias, bei dem wir eine unbewusste Präferenz gegenüber Menschen haben, die uns in Art, Verhalten oder Aussehen ähneln.
Obwohl wir uns nicht komplett von Unconscious Bias befreien können, können wir lernen, ihre Wirkungen abzuschwächen und bewusstere Entscheidungen zu treffen.
Intuition als komplexes Denken
Gary Klein argumentiert, dass Intuition kein "siebter Sinn" ist, sondern komplexes Denken, bei dem das Unbewusste Informationsbruchstücke blitzschnell zusammensetzt und eine kurze Botschaft ans Bewusstsein schickt.
Die Illusion des bewussten Geistes
Der Neurowissenschaftler Nick Chater hält den menschlichen Geist für überbewertet. Er argumentiert, dass wir nur winzigste Ausschnitte der Welt wahrnehmen und uns Illusionen über unser Selbst machen. Wir erfinden im Moment, was mit uns los ist, und haben keinen Zugang zu unseren mentalen Prozessen.
Chater zufolge gibt es kein Unterbewusstsein, sondern nur die parallel prozessierende, verteilte Anstrengung unseres Gehirns, sich einen Reim auf die Welt zu machen. Er betont, dass wir Produkte unserer Vergangenheit sind und uns eher wie Traditionen auffassen sollten.
Bewusstsein als universell verfügbarer Arbeitsspeicher
Stanislas Dehaene, ein Neurowissenschaftler, beschreibt Bewusstsein als eine entwickeltes System, das es uns ermöglicht, Informationen aufzugreifen und dafür zu sorgen, dass sie innerhalb eines Übertragungssystems wirksam bleibt. Er vergleicht Bewusstsein mit der Zwischenablage des Computers, in der Informationen abgelegt und anderen Programmen zugänglich gemacht werden können.
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