Gehirn der Frau: Mythen und Fakten

Die Frage nach Unterschieden zwischen dem Gehirn von Frauen und Männern ist ein viel diskutiertes Thema. Oftmals werden Klischees und Mythen verbreitet, die jedoch wissenschaftlich nicht haltbar sind. Dieser Artikel beleuchtet die Faktenlage und räumt mit einigen gängigen Irrtümern auf.

Geschlechterforschung: Ähnlichkeiten überwiegen

Neurowissenschaftler betonen, dass sich Männer und Frauen ähnlicher sind, als dass sie verschieden sind. Bei den meisten kognitiven Leistungen und der allgemeinen Intelligenz gibt es keine oder nur sehr geringe Unterschiede. Marco Hirnstein von der Universität Bergen in Norwegen erklärt, dass die Unterschiede so gering sind, dass sie praktisch keine Bedeutung haben dürften. Janet Hyde von der University of Wisconsin-Madison veröffentlichte 2005 eine umfassende Überblicksarbeit, die zeigte, dass es bei 80 Prozent der untersuchten Variablen keine oder fast keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

Ein Beispiel für einen deutlichen Unterschied ist die Wurfleistung, bei der Männer im Durchschnitt weiter werfen als Frauen. Dies wird jedoch hauptsächlich auf körperliche Unterschiede wie Größe und Muskelmasse zurückgeführt.

Kognitive Unterschiede: Kleine, aber vorhanden

Eindeutig nachweisbare Differenzen im kognitiven Bereich gibt es beim räumlichen Vorstellungsvermögen, insbesondere bei der "mentalen Rotation". Hier schneiden Männer im Durchschnitt besser ab. Frauen hingegen erzielen meist in Sprachtests bessere Ergebnisse. Allerdings sind auch diese Unterschiede nicht so groß, wie oft angenommen. Hirnstein vergleicht den Unterschied in der mentalen Rotation mit dem Unterschied in der Körpergröße, wobei der Effekt nur halb so groß sei.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Spannbreite der Leistungen innerhalb der Geschlechter viel größer ist als der mittlere Unterschied. Das bedeutet, dass sich zwei Männer in ihren Leistungen in der mentalen Rotation oder in der sprachlichen Kreativität oft stärker voneinander unterscheiden als der Durchschnittsmann von der Durchschnittsfrau.

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Männer- und Frauenhirne: Keine verschiedenen Spezies

Die Vorstellung, dass die Gehirne von Männern und Frauen grundsätzlich verschieden sind, ist falsch. Neurowissenschaftler können einem Gehirn nicht ansehen, ob es einem Mann oder einer Frau gehört. Selbst Computeralgorithmen gelingt dies bestenfalls in 80 Prozent der Fälle, wobei sie hauptsächlich die Größe des Gehirns berücksichtigen.

Auch die Theorie, dass das Gehirn von Männern asymmetrischer sei und die beiden Hirnhälften weniger stark zusammenarbeiten, ist ein Mythos. Studien haben gezeigt, dass dieser Geschlechterunterschied zwar statistisch nachweisbar ist, aber absolut gesehen so gering, dass es unwahrscheinlich ist, dass daraus kognitive Unterschiede entstehen.

Angeboren oder anerzogen?

Die Frage, woher die kleinen Differenzen kommen, die sich finden lassen, ist komplex. Viele Menschen glauben, dass Unterschiede im Gehirn angeboren sein müssen. Dies ist jedoch nicht unbedingt der Fall, da alles, was wir erleben und lernen, das Gehirn verändert. Die Hirnentwicklung ist erst im frühen Erwachsenenalter abgeschlossen, und Einflüsse wie Kultur und Erziehung hinterlassen tiefe Spuren.

Es ist schwierig, biologische und kulturelle Einflüsse eindeutig voneinander zu trennen. Studien an transsexuellen Probanden zeigen, dass Hormone eine Rolle spielen können, aber auch soziale und kulturelle Faktoren eine Rolle spielen könnten.

Psychologen und Genderforscher beobachten, dass Eltern in der Kindererziehung immer noch stark zwischen Jungen und Mädchen differenzieren, was Vorurteile über die Geschlechter verstärken kann.

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Die Grenzen verschwimmen

Viele Genderforscher stellen die Aufteilung der Menschheit in Männer und Frauen grundlegend in Frage. Nicht nur psychologisch lassen sich die beiden Geschlechter kaum voneinander abgrenzen, sondern auch bei biologischen Markern wie Hormonstatus, äußeren Geschlechtsmerkmalen oder der Kombination der Geschlechtschromosomen findet man fließende Übergänge und Zwischenformen.

Auch im Sport zeigt sich, dass die Geschlechtsüberprüfung für weibliche Athleten immer wieder in die Kritik gerät, da das biologische Geschlecht ein fragiles Konstrukt ist.

Mythen rund ums Gehirn

Es gibt viele Mythen über das Gehirn, die sich hartnäckig halten. Hier sind einige der gängigsten:

  • Mythos 1: Die Größe macht den Unterschied. Männer haben im Durchschnitt ein größeres Gehirn als Frauen, aber es gibt keine Verbindung zwischen der Größe des Gehirns und der Intelligenz.
  • Mythos 2: Alkohol zerstört die Gehirnzellen. Mäßiger Alkoholkonsum schädigt die Nervenzellen nicht direkt.
  • Mythos 3: Wir können nur 10 Prozent unseres Gehirns nutzen. Wir nutzen immer und überall unser ganzes Gehirn, wenn auch nicht immer alles gleichzeitig.
  • Mythos 4: Wir haben 100 Milliarden Nervenzellen. Die Zahl liegt eher bei 86 Milliarden.
  • Mythos 5: Wir nutzen eine Gehirnhälfte mehr als die andere. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für Persönlichkeitstypen, die durch die Gehirnhälften bestimmt werden.
  • Mythos 6: Das Gehirn ist tagsüber aktiver als nachts. Das Gehirn ist nachts während des Schlafs sehr aktiv.
  • Mythos 7: Bei Erwachsenen wachsen keine Gehirnzellen mehr nach. Auch im Erwachsenenalter können im Hippocampus und im Striatum neue Neuronen gebildet werden.
  • Mythos 8: Männliche Gehirne sind biologisch bedingt besser bei Mathematik, weibliche Gehirne sind empathischer. Es gibt kleine anatomische Unterschiede, aber diese basieren eher auf sozialen Normen als auf biologischer Entwicklung.

Das weibliche Gehirn: Verletzlich, aber stark

Die Neurologin Lisa Mosconi betont, dass die Gehirne von Männern und Frauen in der Struktur absolut identisch sind. Sie konzentriert sich jedoch auf Frauen, da zwei Drittel aller Alzheimerpatienten Frauen sind. Sie untersucht, was das Gehirn von Frauen anfälliger für bestimmte Krankheiten macht und wie Frauen sich schützen können.

Mosconi weist darauf hin, dass in weiblichen Gehirnen erste Plaques mit Beginn der Wechseljahre auftreten, was möglicherweise mit dem Absinken des Östrogenspiegels zusammenhängt. Sie betont jedoch auch, dass Frauen bei kognitiven Tests besser abschneiden als Männer, selbst unter Alzheimerpatienten. Sie vermutet, dass es im weiblichen Hirn eine besondere Art von Kompensationsfähigkeit gibt.

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Mosconi fordert Frauen auf, selbst die Initiative zu ergreifen und ihr Gehirn als einen Muskel zu betrachten, den sie stärken können, indem sie es richtig ernähren, trainieren und stimulieren.

Die Neurowissenschaftlerin Lise Eliot: Gehirne sind individuell

Die Neurowissenschaftlerin Lise Eliot betont, dass es keine grundlegenden Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen gibt. Sie analysierte über 1.400 Kernspin-Aufnahmen von Gehirnen und fand große Überschneidungen zwischen den Geschlechtern.

Eliot argumentiert, dass das Gehirn plastisch ist und sich an den sich verändernden Körper und die sozialen Erfahrungen anpasst. Sie betont, dass Kinder schon sehr früh den Unterschied zwischen Männern und Frauen lernen und dass dies zu unterschiedlichen Erfahrungen und Geschlechterunterschieden führt.

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