Verwirrtheitszustände, auch Delir genannt, sind akute Bewusstseinsstörungen, die jeden treffen können, besonders aber ältere Menschen nach Operationen oder bei schweren Erkrankungen. Eine schnelle Diagnose und Behandlung sind entscheidend für die Genesung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Verwirrtheitszuständen.
Einführung
Jährlich erleiden schätzungsweise drei Millionen Menschen in Deutschland ein Delir. Lange Zeit wurde diese Erkrankung des Gehirns unterschätzt. Inzwischen hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Prävention und schnelle Diagnose wichtig sind, um bleibende Schäden zu vermeiden oder zu minimieren.
Was ist ein Delir?
Ein Delir ist eine akute Verschlechterung der Hirnfunktion, die durch Verletzungen, schwere Erkrankungen oder Operationen ausgelöst werden kann. Dabei wird das Gehirn von Entzündungs-Botenstoffen überflutet oder erleidet selbst Schaden, wodurch die Regelmechanismen durcheinandergeraten.
Symptome eines Delirs
Das Chaos im Kopf äußert sich vielfältig:
- Verminderte Aufmerksamkeit
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Schläfrigkeit
- Unruhe
- Plötzlich auftretende Verwirrtheit
- Halluzinationen
- Wahnvorstellungen
- Desorientiertheit
- Verkehrter Tag-Nacht-Rhythmus
- Apathie
- Aggressivität
- Wahrnehmungsstörungen
Es gibt verschiedene Formen des Delirs:
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- Hypoaktives Delir: Apathie, wenig Antrieb, Schläfrigkeit (wird oft übersehen)
- Hyperaktives Delir: Übereifrig, unruhig, aggressiv (auffälliger)
- Mischform: Wechsel zwischen hypoaktivem und hyperaktivem Delir
Ursachen und Risikofaktoren
Ein Delir kann verschiedene Ursachen haben. Es ist wichtig zu beachten, dass ein Delirium ein multifaktorielles Geschehen ist und einzelnen deliranten Episoden nicht notwendigerweise identische Pathomechanismen zugrunde liegen. Nahezu jeder medizinische Zustand kann ein Delirium auslösen. Das Risiko des einzelnen Patienten hängt ab von seiner individuellen Prädisposition und der Stärke der Auslösefaktoren (Vulnerabilitätsmodell).
Zu den Hauptursachen und Risikofaktoren gehören:
- Operationen mit Narkose: Besonders bei älteren Menschen über 65 Jahre.
- Medikamente: Insbesondere deren Wechselwirkungen. Polypharmazie gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren. Vor allem Arzneimittel, die in den Neurotransmitterstoffwechsel eingreifen, können delirante Zustände auslösen. Hier sind vor allem Opioide und Anticholinergika zu nennen.
- Schlafentzug
- Akute Stoffwechselstörungen
- Hohes Alter: 70 % der Betroffenen sind älter als 65 Jahre.
- Herzkreislaufstörungen
- Alkoholabhängigkeit
- Stoffwechselerkrankungen: Z.B. Diabetes.
- Schwere Erkrankung
- Demenz
- Gebrechlichkeit
- Neue oder abgesetzte Medikamente
- Niereninsuffizienz
- Chirurgische Eingriffe
- Infektionen: Blasenentzündung, Lungenentzündung oder Blutvergiftung.
- Flüssigkeitsmangel
- Sehstörungen
- Schwerhörigkeit
- Akuter Schmerz
- Neurologische Erkrankungen: Schlaganfälle, Gehirnentzündungen oder Kopfverletzungen.
- Hormone und Stoffwechsel: Hoher oder niedriger Blutzuckerspiegel, Schilddrüsenunterfunktion, Leberversagen oder Niereninsuffizienz.
- Mangelzustände: Erkrankungen des Gehirns durch einen Mangel an Vitamin B1 oder einen Mangel an Vitamin B12, Folsäure oder Niacin.
- Drogen und andere Substanzen: Übermäßiger Alkoholkonsum, akute Alkoholvergiftung, Cannabinoide, LSD, Meskalin, Kohlenmonoxidvergiftung, Lösungsmittel oder Schwermetalle.
- Psychische Erkrankungen: Angststörung, Panikstörung, Schizophrenie, Wochenbett-Psychose oder Bipolare affektive Störung.
- Hitzschlag
- Hirntumor
- Starke Schmerzen
Je mehr Risikofaktoren ein Mensch hat, umso weniger Auslösefaktoren braucht es, um ein Delir zu entwickeln.
Delir vs. Demenz
Es ist wichtig, ein Delir von einer beginnenden Demenz zu unterscheiden. Ein Delir tritt plötzlich auf und die Symptome klingen bei rechtzeitiger Behandlung in der Regel schnell wieder ab. Eine Demenz hingegen entwickelt sich schleichend. Allerdings kann eine vorher noch nicht erkannte Demenz sich durch ein Delir verschlechtern. Und ein Krankenhausaufenthalt kann eine Demenz verschlechtern oder/und ein Delir auslösen.
Diagnose
Die Diagnose eines Delirs erfolgt in der Regel durch:
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- Gespräch mit dem Patienten und Bezugspersonen: Um die Krankengeschichte zu erheben und Informationen über Veränderungen im Verhalten zu erhalten.
- Körperliche Untersuchung: Um mögliche Ursachen wie Infektionen oder Flüssigkeitsmangel festzustellen.
- Neurologische Untersuchung: Um neurologische Ursachen wie Schlaganfall auszuschließen.
- Psychopathologischer Befund: Um herauszufinden, welche kognitiven Beeinträchtigungen bestehen. Dazu gibt es einfache Tests, zum Beispiel das Aufzählen von Wochentagen oder Ziffern.
- Checklisten (Scores): Spezielle Checklisten helfen bei der Diagnose, insbesondere bei Säuglingen, Kleinkindern und betagten Menschen mit Demenz. Ein gebräuchlicher Fragenkatalog zur Diagnose eines Deliriums ist die Confusion Assessment Method (CAM).
- Weitere Untersuchungen: Blutentnahme, Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT), Untersuchung des Hirnwassers (Liquor), Messung der elektrischen Herzaktivität (EKG), Messung der elektrischen Gehirnaktivität (EEG), Urinprobe und Röntgen.
Behandlung
Die Behandlung eines Delirs zielt darauf ab, die Ursache zu beseitigen und die Symptome zu lindern.
- Behandlung der Grunderkrankung: Z.B. Antibiotika bei Infektionen oder Flüssigkeitszufuhr bei Dehydration.
- Anpassung der Medikation: Absetzen oder Reduzierung von Medikamenten, die das Delir auslösen könnten.
- Nicht-pharmakologische Maßnahmen:
- Sichere Umgebung: Ruhiges, gut beleuchtetes Zimmer, Sturzprophylaxe.
- Orientierungshilfen: Uhr, Kalender, vertraute Gegenstände, Bilder.
- Regelmäßiger Tagesablauf: Fester Tag-Nacht-Rhythmus.
- Vermeidung von Reizüberflutung: Ruhige Umgebung, wenig Lärm.
- Bezugspersonen: Vertraute Personen, die den Patienten betreuen.
- Klare Kommunikation: Ruhige und verständliche Ansprache.
- Frühe Mobilisation: Physiotherapie.
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Exsikkose vermeiden.
- Beachtung von Harnverhalt und Obstipation.
- Medikamentöse Behandlung:
- Antipsychotika: Haloperidol, Olanzapin oder Risperidon zur Beruhigung bei Agitation und Halluzinationen.
- Melatonin: Kann helfen, den Tag-Nacht-Rhythmus zu regulieren.
- Benzodiazepine: Sollten grundsätzlich nicht eingesetzt werden, da die Evidenz für ihre Wirksamkeit fehlt und sie selbst als Auslösefaktoren gelten. Die Anwendung kann im Einzelfall, zum Beispiel beim Delirium tremens, aber gerechtfertigt sein. Zur kurzfristigen Sedierung bei therapierefraktären, starken Erregungszuständen werden Lorazepam oder Midazolam, teilweise in Kombination mit Haloperidol, verwendet.
Prävention
Es gibt verschiedene Maßnahmen, um einem Delir vorzubeugen:
- Frühzeitige Erkennung von Risikopatienten: Sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte im Vorfeld der stationären Aufnahme.
- Detailliert geplante Operationen: Mit möglichst geringer Narkosebelastung.
- Vermeidung bestimmter Medikamente: Insbesondere bei Risikopatienten.
- Information und Schulung der Patienten: Ein informierter Patient hat weniger Stress und kann die Eindrücke besser verarbeiten.
- Förderung eines ungestörten Tag-Nacht-Rhythmus: Auch auf der Intensivstation.
- Frühe Mobilisation: Durch Physiotherapeuten.
- Hilfsmittel: An Hilfsmittel wie Brille und Hörgeräte zu denken hört sich so banal an, ist aber essentiell in der Delir Prophylaxe und auch in der Therapie.
- Delir-Prophylaxe: Wie das Tragen der eigenen Kleidung, Mobilisation und ausreichend Flüssigkeitszufuhr können wir einfach umsetzen.
- Angehörige einbeziehen: Sie können bei der Re-Orientierung helfen und Erinnerungen wachhalten. Rituale von zu Hause können in der Klinik umgesetzt werden.
Auswirkungen eines unbehandelten Delirs
Wird ein Delir nicht behandelt, kann sich der Zustand der Betroffenen verschlechtern.
- Die Ein-Jahres-Überlebensrate sinkt je Delirtag um zehn Prozent.
- Die Gefahr von Komplikationen wie Stürzen steigt.
- Gegebenenfalls müssen Betroffene in einer Langzeit-Pflegeeinrichtung untergebracht werden.
- Es besteht das Risiko dauerhafter kognitiver Einschränkungen.
- Demenzpatienten, die ein Delirium durchleben, zeigen einen beschleunigten Abbau ihrer kognitiven Leistungen.
Brain Fog
"Brain Fog" (Nebel im Gehirn) ist ein Begriff, der eine Reihe von Symptomen wie Verwirrtheit, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit beschreibt. Diese Symptome können durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden, darunter Schlafmangel, Stress, Flüssigkeitsmangel, bestimmte Krankheiten oder Medikamente. "Brain Fog" kann auch als Symptom von Long Covid auftreten.
Was kann man gegen „Brain Fog“ tun?
- Gesünder schlafen
- Mehr bewegen
- Stress abbauen
- Gute Ernährung
- Ursache finden und behandeln
Rolle der Angehörigen
Angehörige spielen eine wichtige Rolle bei der Erkennung, Behandlung und Prävention von Verwirrtheitszuständen. Sie kennen den Patienten oft besser als das Stationsteam und bemerken Auffälligkeiten eher. Sie können bei der Re-Orientierung helfen, Erinnerungen wachhalten und Rituale von zu Hause in die Klinik bringen. Es ist wichtig, dass Angehörige sich auch selbst Pausen gönnen und Unterstützung suchen, da die Situation belastend sein kann.
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