Die Pubertät ist eine aufregende und herausfordernde Zeit, in der sich nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn von Jugendlichen grundlegend verändert. Diese Veränderungen können zu Stimmungsschwankungen, impulsivem Verhalten und einer veränderten Wahrnehmung der Welt führen. Eltern und Erzieher stehen oft vor der Frage, wie sie diese Prozesse verstehen und ihre Kinder bestmöglich unterstützen können.
Die Baustelle im Kopf: Umbauprozesse im jugendlichen Gehirn
Im Alter von etwa elf Jahren beginnt im Gehirn ein tiefgreifender Umbauprozess. Das Nervensystem wird optimiert, ungenutzte Verbindungen zwischen Nervenzellen werden gekappt, während häufig genutzte Verbindungen stabilisiert werden. Diese Baumaßnahmen können zu großem Chaos im Kopf führen und dazu, dass Eltern ihre Kinder kaum noch wiedererkennen.
Effizienzsteigerung durch Umstrukturierung
Während der Reifung bilden sich die Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn, die sogenannten neuronalen Netzwerke. Das Gehirn richtet seine Arbeit effizient aus, indem es ungenutzte Verbindungen kappt und jene stabilisiert, die häufig genutzt werden.
Das Frontalhirn im Wartestand
Das Frontalhirn, das für Ordnung und Strukturierung zuständig ist, leidet am längsten unter dem Umbau und ist während dieser Zeit sozusagen außer Betrieb. Daher kann dieses Hirnareal in der Pubertät das Sozialverhalten nicht hinreichend kontrollieren, was zu wechselnden Launen, mangelnder Impulskontrolle und cholerischen Anfällen führen kann.
Das Belohnungssystem auf Hochtouren
Während die Kontrollinstanz aussetzt, verlangt das Belohnungssystem im Gehirn permanent nach dem Glückshormon Dopamin. Heranwachsende haben einen riesigen Bedarf an Belohnung und Anerkennung, wobei die Bestätigung durch Gleichaltrige am wichtigsten ist. Auch die Risikofreude steigt, vor allem bei Jungen.
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Schwierigkeiten in der Organisation
Vielen Jugendlichen fällt es nicht nur schwer, ihr Verhalten zu kontrollieren und ihre Emotionen zu steuern, sondern auch ihre Arbeit zu organisieren. Es gelingt ihnen teilweise nicht, ihre Handlungen gezielt zu planen, was dazu führt, dass sie Hausaufgaben vergessen oder sich nicht vernünftig auf die nächste Klassenarbeit vorbereiten.
Soziale Medien und ihre Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung
Soziale Medien haben in den letzten Jahren die Entwicklung von Jugendlichen deutlich verändert - vielleicht auch die ihrer Gehirne. Im Vergleich zu früheren Generationen können sie rund um die Uhr sozial mit anderen interagieren, was zu unvorhersehbarem und stetigem sozialen Input in einer Phase führt, in der das Gehirn besonders sensibel auf soziale Belohnungen, aber auch Bestrafungen reagiert.
Habitual Checking Behavior
Likes, Benachrichtigungen und private Nachrichten können jederzeit soziales Feedback bieten, was dazu führen kann, dass Jugendliche konditioniert werden, ihre sozialen Medien habituell zu überprüfen, in der Hoffnung, dieses zu erhalten. Studien zeigen, dass ein Großteil der Jugendlichen ihre elektronischen Endgeräte mindestens stündlich überprüfen und viele mehr oder weniger durchgängig online sind.
Auswirkungen auf die Hirnaktivität
Eine Studie hat gezeigt, dass das Gehirn von Jugendlichen, die regelmäßig soziale Medien nutzen, sich etwas anders entwickelt als das von Jugendlichen, die nur wenig in sozialen Medien unterwegs sind. Jugendliche, die zu Beginn der Studie angaben, gewohnheitsmäßig Nutzende zu sein, hatten im Alter von 12 Jahren eine niedrigere neuronale Empfindlichkeit gegenüber sozialer Antizipation als andere Gleichaltrige. Im Verlauf der Studie stieg die neurale Empfindlichkeit in den gleichen Regionen signifikant an. Bei Jugendlichen, die pro Tag wenig in sozialen Medien unterwegs waren, war der Trend umgekehrt.
Impulskontrolle und soziale Medien
Das Forschungsteam vermutet, dass habituelles Nutzungsverhalten von sozialen Medien bei Jugendlichen die Aktivität von Hirnregionen beeinflussen könnte. Das könnte möglicherweise ein Hinweis darauf sein, dass Jugendliche mit nichtgewohnheitsmäßigem Nutzungsverhalten besser in der Lage sind, impulsives oder habituelles Verhalten zu kontrollieren.
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Fazit der Studie
Die Studie demonstriert, dass das Nutzungsverhalten von sozialen Medien bei Jugendlichen das Gehirn beeinflussen kann. Jugendliche, die täglich viel in den sozialen Medien unterwegs sind, zeigten eine veränderte Sensitivität in verschiedenen Hirnregionen bei erwarteter sozialer Belohnung und Bestrafung. Ob es sich hierbei um eine Kausation oder um eine Korrelation handelt, lässt sich basierend auf den Studiendaten nicht eindeutig beurteilen.
Kognitive und soziale Entwicklung im Jugendalter
Im kognitiven Bereich verändert sich der Stil des Denkens: Die Jugendlichen entwickeln die Fähigkeit, in formalen Operationen zu denken und damit über konkret anschauliche Denkprozesse hinauszugehen. Hypothesen können gebildet, Problemlösungen in Einzelschritten entwickelt, logische Schlussfolgerungen gezogen werden.
Soziales Echo und Anerkennung
Auch im sozialen Bereich wird das Wissen erweitert. Jugendliche schenken ihrem sozialen Echo und der Anerkennung durch andere vermehrt ihre Aufmerksamkeit. Die Fähigkeit zur Introspektion und Selbstreflexion erreicht einen ersten Höhepunkt. Bisherige Bewertungs- und Orientierungssysteme verlieren oftmals ihre Gültigkeit.
Die Suche nach dem Eigenen
Typischerweise begeben sich die Jugendlichen auf eine Suche nach dem “Eigenen“, dabei werden oftmals Nachforschungen zur eigenen Herkunft angestellt oder geografische Recherchen betrieben. Bei wachsender Kritikfähigkeit nehmen die Jugendlichen eine ganz persönliche Stellung zur Welt ein. Autoritäten und Wertsysteme werden nicht ohne Fragen übernommen.
Werte und Moral
Jugendliche können in Wertekrisen geraten, wenn sie in den unterschiedlichen Lebensfeldern ihrer sozialen Umgebung unterschiedliche Werthaltungen erkennen, Verlogenheiten entlarven und häufig eine Unvereinbarkeit feststellen. Die meist hohen Werte-Ideale machen Jugendliche kritisch gegenüber Doppelbödigkeiten von so genannten Moralinstanzen oder sozialen Zielsetzungen.
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Perspektivenübernahme und Konfliktlösung
Viele Jugendlichen entwickeln eine zunehmende Kompetenz nicht nur bei der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, sondern auch der Perspektivenkoordination, d.h. sie können bei Konflikten auch die Sichtweise einer anderen, dritten Person einnehmen. Strategien zur Konfliktlösung verbessern sich somit und soziale Formen des Umgangs mit Erwachsenen sowie mit Gleichaltrigen eröffnen neue Erfahrungshorizonte.
Emotionale Befindlichkeit und Affektsteuerung
Auch wenn im Bereich der emotionalen Befindlichkeit durch den Anstieg der Geschlechtshormone affektive Turbulenzen ausgelöst werden, können zumeist die Mechanismen der Affektsteuerung, Selbstregulation und sozialen Anpassung diese Turbulenzen ausgleichen. Allerdings sind manchmal, je nach Temperament, die vorübergehenden Phänomene der Übersteuerung oder Verhaltensweisen einer Untersteuerung zu beobachten.
Verantwortung und Entscheidungsfindung
Die Jugendlichen lernen zunehmend, dass sie für ihre Entscheidungen Verantwortung tragen müssen. Sie planen voraus, durchdenken Konsequenzen, bewegen sich immer länger im mentalen Vorstellungsraum bevor sie zur Aktion kommen. Die wachsenden kognitiven Leistungen stehen nicht selten im Widerstreit mit den teilweisen hohen affektiven Erregungsspannungen.
Weichenstellungen in der Adoleszenz
Die Phase der Adoleszenz ist durch wichtige Weichenstellungen gekennzeichnet. Nicht nur im Bereich von Ausbildung und persönlicher Karriere, auch in der Zuwendung zu Geschlechtspartnern in der Entwicklung kollegialer und freundschaftlicher Beziehungen werden neue Wege beschritten.
Das Versprechen der Jugend: Kognition und Neurowissenschaften
Neurowissenschaftler und Psychologen vertiefen unser Verständnis des jugendlichen Gehirns. Ihre Arbeit könnte die Bildung und psychische Gesundheit junger Menschen verbessern.
Die Herausforderung der Vermittlung
Erklärungen, die für Kinder funktionieren, wirken auf Jugendliche oft nicht. Das Alter der Jugendlichen mag variieren, das angestrebte Ziel immer mal ein anderes sein - Eltern und Erzieher wollen vielleicht Mobbing und Depressionen bekämpfen oder ein stärkeres Engagement für Mathe und Politik -, das Ergebnis jedoch bleibt gleich.
Status und Respekt
Vor allem anderen geht es Heranwachsenden oft um Status und Respekt. Junge Menschen wollen schlicht nicht von Erwachsenen bevormundet werden. An Stelle von Nährwerttabellen bekamen mehr als 300 Achtklässler und Achtklässlerinnen in Texas spannende Enthüllungsgeschichten vorgesetzt - investigative Storys, die ihnen offenbarten, was für ungesunde Inhaltsstoffe die Lebensmittelindustrie in ihren Produkten verwendet. Die Schüler und Schülerinnen waren empört und griffen in den nächsten drei Monaten in der Cafeteria tatsächlich stärker nach den gesunden Lebensmitteln: Gesunde Ernährung wurde für sie zur Möglichkeit, sich gegen die Manipulation der Lebensmittelindustrie zu wehren.
Sensibilität für soziale Signale
In den letzten Jahren hat die Neurowissenschaft unser Verständnis von der Entwicklung des Gehirns während des Erwachsenwerdens ausgiebig geprägt. Die Adoleszenz beginnt um das zehnte Lebensjahr herum und endet im Alter von Mitte 20. In dieser Zeit wächst das Gehirn recht stark, und die Neuronen stimmen sich feiner aufeinander ein. Auffällig ist auch, dass junge Menschen in jener Phase besonders sensibel auf soziale Signale und Belohnungen reagieren.
Soziales und emotionales Lernen
Neuere Studien beschäftigen sich damit, wie das Umfeld ein jugendliches Gehirn formen kann: Soziales Standing und Akzeptanz verändern das Verhalten offensichtlich deutlich. Während der Adoleszenz öffnet sich vermutlich ein sensibles Zeitfenster für soziales und emotionales Lernen, in dem neurochemische Veränderungen das Gehirn besonders aufnahmebereit für soziales Lernen machen.
Positive Lernerfahrungen verstärken
Immer mehr Forscherinnen und Forscher erkennen in den neuen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen eine Chance, die Dinge anders anzugehen. Die Idee: Wenn ein junges Gehirn auf der Suche nach Erfahrungen ist, sollten Lehrer, Eltern und andere Erwachsene das nutzen, die einen gewissen Einfluss ausüben können. Positive Lernerfahrungen ließen sich damit möglicherweise verstärken, negative Erfahrungen wie Rauchen oder Drogenkonsum abwenden.
Investitionen in die Veränderungsfähigkeit des Gehirns
Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der National Academies of Sciences, Engineering and Medicine (NASEM) in den USA fordern mehr Investitionen in Programme, die die Fähigkeit des Gehirns nutzen, sich während der Adoleszenz zu verändern.
Adoleszenz ist nicht gleich Adoleszenz
Tatsächlich scheinen einige Zeitabschnitte für bestimmte Interventionen besser geeignet zu sein als andere. Im Alter von neun bis elf Jahren ist es vermutlich gut, das Selbstbewusstsein und die Lernmotivation von Kindern zu stärken. Das Ernährungsexperiment zeigt aber, welche Vorteile ein dann etwas veränderter Ansatz haben kann, eine Feinabstimmung von Interventionen für Jugendliche, die gerade die Pubertät hinter sich haben. Auch danach ist es natürlich nie zu spät, einem jungen Menschen mit Schwierigkeiten zu helfen: Die schwerwiegendsten Verhaltens- und Gesundheitsprobleme treten in der Adoleszenz tendenziell mit 16 Jahren und später auf.
Interesse an Status und Respekt nutzen
Die Entwicklungsforschung liefert effektive Ansätze, um die Bildung sowie die körperliche und geistige Gesundheit junger Menschen zu unterstützen. Sie setzen auf das Interesse der Jugendlichen an Status und Respekt, ihr sich entwickelndes Selbstverständnis, einen Platz in der Welt zu finden, und ihr Bedürfnis, einen Beitrag zu leisten und Sinn zu erleben. In der pädagogischen Forschung trifft man auf ähnliche Ideen zum sozialen und emotionalen Lernen. Die Phase von Rebellion und Widerstand der Teenager ist so betrachtet ein Fenster der Möglichkeiten.
Adoleszenz neu denken
Seit den 2000er Jahren werden zunehmend positivere Aspekte der Adoleszenz ins Licht gerückt. Sie fußen auf wichtigen neuen Erkenntnissen der Neurowissenschaften: In der Pubertät beginnt zum einen ein überbordendes Neuronenwachstum, dem dann ein drastisches Zurechtschneiden der neuronalen Verknüpfungen folgt - in einem Ausmaß, das nur von ähnlichen Prozessen in den ersten drei Lebensjahren in den Schatten gestellt wird. Das Gehirn von Jugendlichen reift zum anderen nicht überall und jederzeit gleichförmig.
Ungleichgewicht im Gehirn
Einen Wachstumsschub erfährt das limbische System, ein Verbund von Hirnarealen, die auf Emotionen, Belohnung, Neuheit, Bedrohung und Erwartungen von Gleichaltrigen reagieren. Die Hirnbereiche, die für das Denken, das Urteilsvermögen und die exekutiven Funktionen verantwortlich sind, reifen hingegen langsam und stetig bis zum Erwachsensein. Das Ungleichgewicht, das aus dieser Dynamik entsteht, erklärt die jugendliche Impulsivität ebenso wie ihre Risikobereitschaft sowie ihre Sensibilität für soziale Belohnungen und das Lernen.
Evolutionäre Perspektive
Aus evolutionsbiologischer Sicht macht das durchaus Sinn: Heranwachsende drängt es, die Sicherheit der Familie zu verlassen. Sie wollen die große, weite - ja, die soziale - Welt erkunden. Alles erste Schritte auf dem Weg zum unabhängigen Erwachsenen.
Neuronale Verbindungen und Konnektome
Das »human connectome project« zeigt, dass sich die Gehirne von Erwachsenen in ihren Mustern der neuronalen Verbindungen unterscheiden. Die Gesamtheit neuronaler Verbindungen bezeichnen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als Konnektome. Bei Kindern scheinen Konnektome weniger differenziert zu sein; wirklich unterschiedliche Verbindungsmuster tauchen tatsächlich erst in der Adoleszenz auf, genauer gesagt im Alter zwischen 10 und 16 Jahren.
Soziale Werte und Emotionen
Gerade dann entwickeln sich soziale Werte und mentale Prozesse wie Lernen, Wissen und Denken, aber auch das Wahrnehmen von Emotionen. Bei Mädchen zeigen sich die Veränderungen der Konnektome im Durchschnitt sogar ein bis anderthalb Jahre früher als bei Jungen. Das erinnert auch an den Eintritt in die Pubertät, die bei Mädchen meist ebenfalls früher einsetzt. Womöglich hängt beides zusammen.
Sensible Phasen für soziales Lernen
Die Idee, dass die Adoleszenz eine sensible Periode für soziale und emotionale Verarbeitung darstellt, haben 2014 die Naturwissenschaftlerinnen Sarah-Jayne Blakemore und Kathryn Mills zuerst ausgearbeitet. Frühere Forschungen wie die Theory of Mind waren davon ausgegangen, dass die sozialen und kognitiven Fähigkeiten in der Mitte der Kindheit ausgereift sind. Blakemore und Mills zeigten hingegen, dass sich sozial-kognitive Fähigkeiten wie das Handlungsverständnis und die soziale Aufmerksamkeitslenkung analog zum Netzwerk der Gehirnregionen während der Adoleszenz fortlaufend verändern und das Sozialverhalten Jugendlicher stark beeinflussen.
Bereitschaftszeitfenster des Gehirns
Sensible und kritische Phasen sind Bereitschaftszeitfenster des Gehirns, in denen es darauf wartet, je nach Art des Inputs unterschiedliche neuronale Verbindungen herzustellen. Die Zeitfenster öffnen sich in der Regel dann, wenn für den jeweiligen Entwicklungsschritt besonders relevante Informationen verfügbar sein sollten.
Soziale Funktion und Lernen
Wissenschaftlerinnen und Forscher haben zum Beispiel herausgefunden, dass Singvögel ihre Gesanglernphase hinauszögern können; etwa wenn sie zum Lernen von Liedern - meist in ihrer Pubertät - mehr Zeit brauchen. »Das ist ein großartiges Beispiel für eine sensible Lernphase, die gleichzeitig eine soziale Funktion hat«, sagt Linda Wilbrecht, Wissenschaftlerin von der University of California in Berkeley.
Soziale Konditionierung bei Mäusen
Die Neurowissenschaftlerin Gül Dölen und ihr Team von der Johns Hopkins University haben bei Mäusen ebenfalls eine kritische Phase der Adoleszenz identifiziert. Ihre Forschung knüpfte an eine Beobachtung des verstorbenen estnischen Neurowissenschaftlers Jaak Panksepp an. Er hatte Mäusen zwei verschiedene Arten von Bettlagern präsentiert. Auf dem einen waren die Mäuse allein, auf dem anderen kuschelten sie mit bekannten Tieren. Als die Mäuse anschließend zwischen den Lagern auswählen durften, zeigten vor allem die Jugendlichen eine Vorliebe für die Bettchen, auf denen sie zuvor mit Vertrauten saßen.
Höhepunkt der sensiblen Phase
Um zu ermitteln, wann genau diese sozial konditionierte Platzpräferenz (social conditioned place preference, kurz social CPP) auftritt, führten Dölen und ihr Team mit rund 900 Mäusen aus 14 verschiedenen Altersstufen ähnliche Experimente durch. Das Ergebnis: Ihren Höhepunkt erreichte die sensible Phase gut 42 Tage nach der Geburt, wenn die Mäuse geschlechtsreif werden (beim Menschen entspricht das einem Alter von etwa 14 Jahren). Die kritische Phase geht unter anderem mit Veränderungen im Spiegel des körpereigenen Botenstoffs Oxytocin einher, welches die Plastizität der Synapsen steigert.
Bedeutung sozialer Hinweise
Das Gehirn scheint Informationen plötzlich als Belohnungsreize wahrzunehmen, die es vorher ignorierte. »Auf uns strömen ständig Informationen ein«, fasst Tierforscherin Wilbrecht die Ergebnisse zusammen: »Sobald die Pubertät und die Hormone in Gang kommen, gewinnen die Hinweise plötzlich Bedeutung. Sie haben keine Relevanz, bis wir in die Phase der Adoleszenz übergehen.«
Chancen und Risiken
Die Phasen rapider Veränderung eröffnen die Chance, schnell viel Neues zu lernen - und bergen gleichzeitig das Risiko, sich Schaden einzuhandeln. »Das jugendliche Gehirn ist auf soziales und emotionales Lernen vorbereitet«, sagt der Psychologe Andrew Fuligni von der University of California in Los Angeles: »Um zu lernen, will es erforschen, interagieren und Chancen ergreifen.« Was dabei rauskommt, hänge jedoch davon ab, welche Möglichkeiten des Lernens man jungen Menschen bietet.
Schutzfaktoren und positive Lernerfahrungen
Schädliche Erfahrungen können beispielsweise Negativspiralen in Gang setzen, aus denen einige Jugendliche nur schwer herausfinden. Studien zeigen, dass ein frühes Experimentieren mit Alkohol und Drogen die Wahrscheinlichkeit von Jugendlichen erhöht, süchtig zu werden. Um so wichtiger, wenn das Umfeld von Heranwachsenden Schutzfaktoren bietet: Eine zugewandte Beziehung von Familie und Betreuern gehört dazu, ebenso ein Zugang zu allem, was Jugendlichen ein positives Lernerlebnis ermöglicht.
Beitrag zur Gesellschaft leisten
Fulignis Forschung zeigt etwa, dass Jugendliche das Bedürfnis haben, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Dadurch fühlen sie sich wertgeschätzt und sind besser vor Angst und Depression geschützt. »Das Gehirn ist in den Teenagerjahren teils darauf ausgelegt, zu lernen, wie man seinen Teil zum sozialen Alltag in der Welt beiträgt«, fasst Fuligni seine Erkenntnisse zusammen.
Soziale Protestbewegungen
Es ist kein Zufall, dass aktuelle soziale Protestbewegungen gerade von zum Großteil jungen Menschen angeführt werden. Was Jugendlichen heute lernen (und was nicht), könnte helfen zu verstehen, warum Depressionen, Ängste und Suizidgedanken in diesem Alter zunehmen und in der heutigen Generation besonders häufig sind.
Psychische Gesundheit und unterstützende Diskussionen
Dabei sind sie ebenso Informationen zur psychischen Gesundheit ausgesetzt, die Probleme verstärken können, sagt der Psychologe Nicholas Allen von der University of Oregon. Er erinnert an die umstrittene Netflix-Serie »13 Reasons Why«: In der Serie wird der Selbstmord eines Charakters sehr detailliert dargestellt, was bei jugendlichen Zusehern offenbar zu einem Anstieg von Selbsttötungen geführt hat. »Es hat einen starken Einfluss, ob eine Diskussion unterstützend und lösungsorientiert verläuft oder in einer wenig Hoffnung spendenden Dauerschleife«, sagt Allen.
Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können
Zunächst einmal sollten Sie sich bewusst machen, was die Baustelle im Kopf für Ihr Kind bedeutet. Das hilft, Verständnis für das manchmal schwer erträgliche Verhalten aufzubringen. Achten Sie so gut wie möglich auf regelmäßigen und ausreichenden Schlaf. Teilen Sie Ihrem Kind Ihre Sorgen mit - zum Beispiel im Hinblick auf Drogen oder Mutproben.
Aufklärung und offene Gespräche
Früher oder später landet das Thema Sexualität zwischen Eltern und Kind auf dem Tisch. Mit dem Kind offen darüber zu reden, verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sich emotionale Blockaden bilden. Im Gegenteil: Regelmäßig die Gefühle des Pubertierenden zu erörtern, kann beiden Parteien helfen, einander besser zu verstehen.
Feste Regeln und Freiheiten
Klare Anweisungen und geregelte Anforderungen an das Kind helfen ihm dabei, sich in der Welt Verpflichtungen zu stellen, geregelte Abläufe einzuhalten und damit entgegen seiner Gefühlswelt Verantwortung zu übernehmen. Zu den Regeln gehört aber auch, dem Kind Freiheiten zu lassen - wie etwa eine gesicherte Privatsphäre.
Streit lösen ohne Handgreiflichkeiten
Bei Widerständen und launischem Verhalten des Kindes bleiben Streitereien nicht aus. Wichtig ist es, als autoritärer Elternteil die Oberhand zu behalten, ohne dabei handgreiflich zu werden. Am meisten lernt das Kind, wenn stattdessen gemeinsam eine Lösung gefunden und der Streit nicht langfristig fortgeführt wird.
Vergesslichkeit akzeptieren und Konzepte entwickeln
Wenn das Kind auf dem Weg in die Küche schon wieder vergessen hat, dass es eigentlich den Müll rausbringen soll, ist das nicht immer böser Wille: Während der Pubertät fällt einiges aus dem gedanklichen Raster. Wichtig ist es, von Elternseite keinen zusätzlichen Druck oder Stress aufzubauen - sondern gemeinsam Konzepte, wie zum Beispiel Wochenpläne, zu entwickeln.
Die Entwicklung des Sozialverhaltens
Im kindlichen Entwicklungsverlauf ist eine Vielfalt an Veränderungen im Sozialverhalten zu beobachten. Während im frühen Kindesalter Egoismus und Ungeduld überwiegen, entwickelt sich mit der Zeit mehr Prosozialität.
Gerechtigkeitssinn und strategisches Sozialverhalten
Wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass mit zunehmendem Alter der Sinn für Gerechtigkeit eine immer größere Rolle spielt. So sind beispielsweise Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren immer mehr dazu bereit, Spielgeld, das für sie mit einem echten Wert verbunden ist, mit anderen, ihnen unbekannten Kindern zu teilen. Darüber hinaus agieren sie geschickter beim Teilen als jüngere Kinder, wenn der andere ein Veto-Recht hat. Ältere Kinder passten also ihre Angebote den zu erwartenden Auswirkungen ihres Handelns weitaus besser an als jüngere Kinder. Das zeigt, dass mit steigendem Alter auch strategisches Sozialverhalten bei Kindern zunimmt.
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