Das Gehirn des Musikers: Aufbau, Funktion und Unterschiede

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das eine Vielzahl von Funktionen ausführt, darunter auch die Verarbeitung von Musik. Musik ist ein außerordentlich komplexes Phänomen, das aus einer Aneinanderreihung von Tönen, Akkorden, Klangfarben, Melodien, Harmonien, Rhythmen und Metren besteht. Um Musik zu erleben, muss das Gehirn eine enorme Dekodierungs- und Sinngebungsleistung erbringen. In den letzten Jahren haben Forscher erhebliche Fortschritte beim Verständnis der neuronalen Mechanismen erzielt, die an der Musikverarbeitung beteiligt sind.

Die Liebe des Gehirns zur Musik

Musik aktiviert viele Zentren im Gehirn, die für die Analyse von Klängen zuständig sind. Diese Zentren ermöglichen es uns, aus dem Frequenzdurcheinander, das von einem Orchester oder einer Band erzeugt wird, ein musikalisches Erlebnis zu machen. Das Gehirn dekodiert und interpretiert Musik, indem es verschiedene Bestandteile wie Tonhöhe, Rhythmus, Melodie und Harmonie analysiert.

Der Weg der Musik im Gehirn

Wenn Klänge ins Ohr gelangen, nehmen die Sinneszellen der Cochlea (Hörschnecke) die Frequenzen auf und wandeln sie in Nervenimpulse um. Diese Signale gelangen zuerst in den Hirnstamm, den ältesten Teil des Gehirns, der eine erste Grobbeurteilung vornimmt. Der Hirnstamm ermittelt Lautstärke, Tonhöhe und die Position der Schallquelle.

Von dort aus gelangen die Nervenimpulse in die linke und rechte Hörrinde, die sich im Schläfenlappen der Großhirnrinde befinden. Die primäre Hörrinde analysiert einzelne Töne und verfügt über eine tonotope Karte, auf der die Nervensignale entsprechend ihrer Tonfrequenz geordnet werden. Um jedoch die Struktur einer Melodie, den Takt eines Rhythmus oder die Dynamik eines Musikstücks auszuwerten, müssen weitere Gehirnregionen aktiv werden, die mit der Hörrinde vernetzt sind. Diese Regionen befinden sich vor allem in der Schläfenregion und im Stirnhirn.

Spezialisierung der Hemisphären

Einige Aufgaben bei der Musikverarbeitung teilen sich die linke und rechte Hemisphäre. Die rechte Hemisphäre ist vor allem dann aktiv, wenn das Gehirn Tonhöhen und Melodien miteinander vergleicht. Die linke Hemisphäre ist vor allem für die Verarbeitung von Rhythmen zuständig. Dies gilt jedoch hauptsächlich für Nicht-Musiker oder Laienmusiker. Profimusiker analysieren Musik anders, indem sie sie automatisch in Intervalle und Harmonien zerlegen und benennen. Daher nutzen sie beim Musikhören auch Sprachfunktionen des Gehirns, die vorwiegend in der linken Hemisphäre lokalisiert sind.

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Amusie: Wenn Musik nicht ankommt

Nicht jeder Mensch kann Musik richtig wahrnehmen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leiden unter Amusie, einer Störung der Musikverarbeitung. Betroffene haben Schwierigkeiten, Tonhöhen, Melodien oder Rhythmen zu erkennen. In schweren Fällen kann Musik wie das Zuschlagen von Autotüren klingen.

Die Wissenschaftlerin Isabelle Peretz von der Universität Toronto hat einen umfassenden Test entwickelt, um die verschiedenen Formen von Amusie präzise zu diagnostizieren. Sie schätzt, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung Musik nicht richtig wahrnehmen kann. Viele Betroffene schämen sich jedoch für ihre Musikschwäche und sprechen nicht darüber.

Musik und Sprache: Zwei Seiten einer Medaille?

Musik und Sprache haben Gemeinsamkeiten: Beide dienen der Kommunikation und sind hochorganisierte Kombinationen von Tonhöhen, Klangfarben, Akzenten und Rhythmen, deren Aufbau bestimmten Regeln folgt. Stefan Kölsch vom Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung in Leipzig hat herausgefunden, dass „schiefe“ Akkorde dieselben Gehirnregionen reizen wie grammatikalisch falsche Sätze. Dies deutet darauf hin, dass unser Gehirn einen Sinn für die Bedeutung und Struktur von Musik hat, der im Wesentlichen ähnlich funktioniert wie bei der Analyse von Semantik und Syntax der Sprache.

Kölsch ist davon überzeugt, dass musikalische Eigenschaften wie Rhythmus, Melodie und Akzent fundamentale Informationen enthalten, die für das Erlernen von Sprache und Sprachverständnis unerlässlich sind. Ohne Musik oder Musikalität wären wir vermutlich nicht imstande, eine Sprache zu erlernen.

Musikalische Genialität: Angeboren oder erlernt?

Wenn jedem Menschen eine gewisse Musikalität in die Wiege gelegt ist, was ist dann der Ursprung von musikalischer Genialität? Sind Mozart oder Ravel von Geburt an bevorzugt? Hatten sie vielleicht sogar ein Musik-Gen? Lutz Jäncke, Neuropsychologe von der Universität Zürich, nimmt an, dass „ein gewisser Grad“ an Musikalität angeboren sei. Aber damit aus einer Begabung ein genialer Musikus wird, sei sehr viel Einsatz nötig.

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Intensives Musizieren im Kindesalter hinterlässt sichtbare Spuren im Gehirn. Ähnlich wie Liegestütze den Bizeps schwellen lassen, lässt musikalisches Training das Gehirn wachsen. Gottfried Schlaug von der Harvard Medical School in Boston stellte fest, dass das Kleinhirn von Musikern mehr graue Substanz enthält und ihre primäre Hörrinde stärker ausgeprägt ist als das von Nicht-Musikern. Außerdem ist bei Musikern das Corpus Callosum größer, die Hirnstruktur, die linke und rechte Hirnhälfte verbindet.

Die Plastizität des Gehirns

Das Gehirn ist außerordentlich plastisch und kann sich in Abhängigkeit von Erfahrungen ständig neu organisieren. Diese Eigenschaft ermöglicht es uns, auch im Erwachsenenalter noch ein Instrument zu lernen oder nach einer Hirnschädigung die Musikwahrnehmung wiederzuerlangen. Tests haben gezeigt, dass das Denkorgan damit schon während der ersten Übungsstunde beginnt.

Die positiven Auswirkungen des Musizierens

Musizieren hat viele positive Auswirkungen auf das Gehirn und den Körper. Es fördert die soziale Entwicklung, verbessert die Konzentration, reduziert Stress und kann sogar Schmerzen lindern. Studien haben gezeigt, dass musizierende Kinder eine höhere auditive und visuelle Aufmerksamkeit sowie eine höhere Lese-Rechtschreibkompetenz aufweisen. Musizieren kann auch die kognitive Reserve erhöhen und so das Risiko von leichten kognitiven Störungen und Demenz verringern.

Unterschiede im Gehirn von Musikern und Nicht-Musikern

Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Gehirnen von Musikern und Nicht-Musikern. Musiker haben ein größeres Corpus Callosum, mehr graue Substanz in bestimmten Hirnregionen und eine stärkere Vernetzung zwischen verschiedenen Hirnarealen. Diese Unterschiede sind das Ergebnis intensiven musikalischen Trainings und zeigen, wie sich das Gehirn an die Anforderungen des Musizierens anpasst.

Fokale Dystonie: Wenn das Gehirn sich "übernimmt"

Bei einigen wenigen Musikern scheint sich das Gehirn allerdings zu „übernehmen“. Eckart Altenmüller untersuchte Pianisten, die unter der so genannten focalen Dystonie leiden. Sie können manche Finger einer Hand nicht mehr einzeln, sondern nur noch zu zweit bewegen. Der Hannoveraner Mediziner entdeckte bei Musikern, die unter dieser Bewegungsstörung litten: Die Gebiete, die die einzelnen Finger im Gehirn repräsentieren, sind so groß geworden, dass sie sich überlagern.

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Die Rolle der Übung und des Talents

Obwohl Veranlagung eine Rolle für den musikalischen Erfolg spielt, ist Übung ein entscheidender Faktor. Wer ein perfekter Musiker werden will, muss viel Zeit investieren. Studien haben gezeigt, dass die Abschlussbenotung von Musikstudenten direkt mit der Anzahl ihrer Übungsstunden korreliert. Nur diejenigen Studenten, die im Schnitt 7500 Stunden an ihren Instrumenten geübt hatten, wurden später Solisten.

Die Bedeutung der frühen musikalischen Förderung

Je früher man beginnt, ein Instrument zu spielen, desto deutlicher sind die strukturellen Veränderungen im Gehirn. Diese Veränderungen bleiben anscheinend bis ins hohe Alter erhalten. Musiker im fortgeschrittenen Alter haben ein weit überdurchschnittlich gutes Arbeitsgedächtnis und zeigen viel weniger alterungsbedingten Abbau im Gehirn als Nichtmusiker.

Musiktherapie: Melodische Behandlungsmethoden

Musik wird auch bei konkreten Erkrankungen als Musiktherapie eingesetzt. Dabei gibt es Formen, bei denen die Teilnehmenden selbst Musik machen oder sich zumindest aktiv mit ihr beschäftigen, und das passive Zuhören. Solche Musiktherapien kommen in den unterschiedlichsten Bereichen zum Einsatz und werden zunehmend in klinischen Studien untersucht. Ein Anwendungsgebiet ist beispielsweise die Demenz. Gerade Betroffene, die unter Ängsten oder Aggressionen leiden, können davon profitieren.

Musikgeschmack: Eine Frage der Prägung

Was einem Menschen gefällt, ist eine Frage davon, was er oder sie kennt. In der Regel hören wir Musikarten, mit denen wir aufgewachsen sind. Die Persönlichkeitseigenschaften und Werte spielen ebenso eine Rolle wie die Stimmung. Auch die Art und Weise, wie Musik verfügbar ist, beeinflusst den Geschmack.

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