Das Gehirn einschalten: Eine unterhaltsame Erklärung

Ehrlich gesagt, finde ich den Blick in den Körper des Menschen immer ein wenig ekelig. Faszinierend ist er zwar auch, das stimmt - aber vor allem doch ziemlich ekelig. Ein bestimmtes Organ hat es mir nun aber seit vielen vielen Jahren doch ziemlich angetan, und das ist unser Gehirn.

Das faszinierende Gehirn: Mehr als nur eine "Cola-Flasche"

Das Gehirn eines Menschen wiegt so viel wie so eine große 1,5 Liter Flasche Cola. Es besteht vor allem aus ziemlich viel Wasser, dann Eiweiß, Zucker (Kohlenhydrate) und Fett - zusätzlich noch eine Prise Mineralien und so Zeugs. Ich schätze, das kostet im Laden alles zusammen keinen müden Euro. Aber dieses Organ hat es echt in sich! Das Gehirn ist ein Organ, das für unsere Wahrnehmung, unser Denken und unsere Handlungen unerlässlich ist. Es ermöglicht uns, die Welt um uns herum zu erleben und zu verstehen.

Sehen: Ein komplexer Prozess

Schauen wir uns einmal das Sehen an. Wenn man abends das Licht am Schalter ausmacht, ist es dunkel, man sieht im gleichen Augenblick nichts mehr. Das heißt: wir sehen gar nicht die Dinge selbst - die sind ja auch bei Dunkelheit alle noch da -, sondern nur das Licht, das aus der Lampe kommt, dann von diesen Dingen abprallt und schließlich in unsere Augen fällt. Daher entsteht der gleiche Effekt der Dunkelheit, wenn man das Licht anlässt aber seine Augen schließt: Augen zu - Welt weg, Augen auf - Welt wieder da!

Nur am Rande der Großstadt: Man kann an jeden beliebigen Punkt eines Zimmers gehen und sich dann in alle möglichen Richtungen drehen - von jedem Punkt aus kann man dann den gesamten Raum vor sich sehen. Das heißt: In gewisser Weise befindet sich an jedem einzelnen Punkt des Zimmers ein mögliches Bild des Raumes und zwar in allen möglichen Richtungen - und dieses genaue Bild erscheint, sobald sich Dein Auge dort befindet!

Nun würde allerdings das Auge allein noch nicht so richtig weiterhelfen. Auch ein Fotoapparat kann nicht wirklich sehen - wir selbst sind es ja, die hinterher das Bild sehen, das er aufgenommen hat; aber der Fotoapparat sieht nichts und schon gar nicht weiß er, dass er Bilder macht. Wir können sehen, weil unsere Augen in einem Kopf stecken und der wiederum auf unserem Körper, wobei die Sache mit dem Sehen deutlich erleichtert wird, wenn dieser Körper lebendig ist - was bei Deinem Körper hoffentlich gerade der Fall ist. (Wenn Du jetzt gerade irgendwie unsicher bist, schaue besser noch einmal nach!)

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Okay, wie geht es denn jetzt weiter mit dem Licht, das in die Augen fällt? Nun, es wird durch die Hornhaut, die Linse und den Glaskörper bis zur Netzhaut im Inneren unserer Augen geführt. Diese Netzhaut enthält viele lichtempfindliche Nervenzellen - die produzieren die ganze Zeit irgendwelche Signale. Man soll ja nicht mehr “klick” sagen, sagen die Experten für Gehirn, aber ich finde es sehr anschaulich, mir vorzustellen, dass die Nervenzellen in der Netzhaut die ganze Zeit “klick klick klick” machen. (Das machen die natürlich unhörbar leise - sonst würde man ja vor lauter Lärm im Auge gar nichts mehr sehen können, logisch.) Wenn jetzt Licht ankommt und auf so eine Nervenzelle trifft, dann macht diese Nervenzelle nur ein wenig anders “klick klick” als vorher, zum Beispiel ein bisschen schneller oder ein bisschen langsamer. Die Nervenzelle, nennen wir sie der Einfachheit halber Klaus, nimmt aber nicht das Licht auf, sondern das Leben des Lichtteilchens endet an der Netzhaut, aus die Maus - Klaus frisst das Lichtteilchen sozusagen und weg ist es. Mit dem einzigen Ergebnis, dass Klaus nun für einen sehr kurzen Augenblick minimal anders funkt als vorher. So ein Auge ist also irgendwie eine ziemliche Sackgasse für Lichtteilchen, und es ist gar keine gute Idee in so ein Auge rein zu fliegen, wenn man als Lichtteilchen eigentlich noch etwas anderes vorhatte.

Okay, jetzt ist das Licht also weg und Klaus macht kurz “kliiiiick kliiiiick” statt “klick klick”. Dieses ganze Geklicker wird nun weiter geleitet. So eine Nervenzelle hat nämlich sogenannte Fortsätze, also eine Art “Arme”. Die können zwar nicht greifen oder so was, aber die sind lang und erreichen andere Nervenzellen in ihrer Nähe oder auch Nervenzellen, die viele Zentimeter entfernt irgendwo anders im Gehirn liegen. So kann Klaus seine “klick klick”-Aktivität an die nach geschalteten Nervenzellen funken. Diese nachgeschalteten Nervenzellen machen auch den lieben langen Tag (und natürlich auch nachts) nichts anderes als “klick klick”. Und wenn jetzt Klaus, die Nervenzelle in der Netzhaut, auf einmal “kliiiiick kliiiiiick” macht, dann kann es sein, dass die Aktivität der anderen, nachgeschalteten Nervenzellen, die Klaus funken hören, auch ein ganz kleines Bisschen verändert wird. Aber echt nur ganz ganz wenig!

Stellen wir uns vor, wir schauen jetzt mal von außen mit einer Röntgenbrille in den Kopf eines Kindes, das gerade etwas Bestimmtes sieht und das rein zufällig eine Nervenzelle mit Namen Klaus in der Netzhaut seines Auges hat. Sagen wir das Kind heißt Marie. Wir könnten das ganze Licht, das sie am Ende ja irgendwie sehen kann (sie sagt ja wenigstens, dass sie etwas sieht!), nirgendwo im Gehirn von Marie wiederfinden - es wurde ja von Klaus und seinen Kollegen in der Netzhaut schon längst “aufgefressen”. Das Gehirn sitzt im Schädel, einem hohlen fußballförmigen Knochen; deswegen müssen wir uns das Gehirn als einen ziemlich düsteren Ort vorstellen. Außerdem ist es dort glitschig und deutlich wärmer als in dem Zimmer, in dem Du gerade sitzt (das Gehirn ist fast so warm wie die Badewanne, in die Deine Eltern Dich samstagnachmittags immer reinstecken)! Also: dunkel, glitschig, warm, und - wie wir gleich zu Anfang schon festgestellt haben - keinen müden Euro wert, das ist unser Gehirn. Und nun die Eine-Millionen-Dollar-Preisfrage: Wie um Gottes willen soll man bitteschön mit so einem merkwürdigen Teil im Kopf SEHEN können?

Aber es ist so: Nur wenn diese ganzen Nervenzellen in unserem Kopf - es sind Dutzende, Hunderte, Tausende, Millionen, Milliarden von Nervenzellen! -, nur wenn die alle richtig “klicken” und “ticken” und “funken”, können wir irgendetwas sehen, sobald wir die Augen aufmachen und das Licht einschalten!

Die Alleskönner-Zentrale: Was das Gehirn alles kann

Und auch Hören geht nur mit dem Gehirn! Und die Wärme des Badewassers spüren! Und einen Witz verstehen! Und lachen! Und Vokabeln lernen! Und Rechnen! Und Riechen! Und an den ersten Schultag zurück Denken! Und Wissen, wie der amerikanische Präsident heißt! Und und und …

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Ganz ehrlich? Wir könnten absolut gar nichts, wenn wir nicht dieses eigenartige Organ namens Gehirn in unserem Kopf hätten, nichts, nada, niente, nothing, rien, absolut Null komma Null! Um der oder die zu sein, der oder die Du bist, brauchst Du unbedingt Dein ganz persönliches Gehirn.

Denken wir noch ein wenig weiter: Marie sagt, dass sie mich sehen kann! Ich meine, ich geb ja gerne zu, dass ich die Lichtteilchen, die mich treffen, nicht daran hindere, wieder von mir abzuprallen. Und ich kann auch nicht ausschließen, dass sich das ein oder andere dieser an mir abgeprallten Lichtteilchen in Maries Auge verirrt und dort (unter anderem) von Klaus gefressen wurde - was mir auch ein wenig Leid tut für das arme Lichtteilchen, aber was kann ich denn dafür? Ich glaube den Hirnforschern auch gerne, dass in Maries Gehirn eine Menge los ist und dass die ganze Zeit unzählige “klick klick klick”-Signale hin und her geschickt werden. Aber, sorry guys, dieses Gehirn in seinem dunklen Schädelkasten hat mich noch nie im Leben gesehen - sonst hätte ich es ja auch schon gesehen! - und es hat absolut keine Ahnung, was Licht ist (weil Klaus ja immer alles auffrisst und dann nur die langweiligen immergleichen Klicks durch die Gegend funkt) - wie bitteschön soll das Gehirn da wissen können, wie ich aussehe? Ist es nicht eine völlig verrückte Vorstellung, dass ausgerechnet ein Organ, das gleichsam in ewiger Dunkelheit vor sich hin-“klickt”, etwas “sehen” können soll??!

Halten wir fest: Marie sieht mich, das lässt sich leicht überprüfen mit einigen wenigen Tests: Ich hebe die Hand. Marie sagt: “Du hebst die Hand.” Ich kneife meine Augen zu. Marie sagt: “Du kneifst Deine Augen zu.” Aber ich bin doch nicht in das Gehirn von Marie hinein geklettert! Das Licht, das von mir abgeprallt ist, ist nicht in Maries Gehirn eingedrungen - es hat nur ein ganz klein wenig die “klick klick”-Aktivität beeinflusst, die dort ohnehin die ganze Zeit abläuft. Und das Ergebnis von alldem ist, dass Marie mich sehen kann, dass sie ihre ganze Umgebung sehen, hören, riechen, schmecken, tasten, also: wahrnehmen kann! - Mir läuft echt ein Schauer über den Rücken, wenn mir klar wird, dass das ja auch in diesem Augenblick für mich selbst gilt! Ich spüre ja nichts von meinem Gehirn! Genau an der Stelle meines Körpers, wo ich eigentlich meinen Kopf mit dem Gehirn spüren müsste, erlebe und spüre ich die Welt! Das Gehirn kommt in meinem Erleben überhaupt nicht vor - das müssen mir die Hirnforscher erst mühsam erklären - und doch ist das Gehirn absolut entscheidend, damit es mich gibt und meine Welt.

Die Welt im Kopf: Ein Spiegelbild der Realität

Irgendwie ist die Welt, die wir um uns herum wahrnehmen und in der wir uns offensichtlich aufhalten und befinden, also auch in unserem Kopf drin - aber natürlich nicht die richtige Welt (die passt da ja gar nicht da rein), sondern irgendetwas von dieser Welt, was unserem Gehirn genügt, um uns damit dann die ganze Welt zu zeigen! Ich bin in der Welt drin, die Welt umgibt und umfasst mich - aber die Welt ist in gewisser Weise umgekehrt auch in mir drin, und ich umfasse die ganze Welt mit meiner Wahrnehmung! Sogar Lichtjahre entfernte Sterne kann ich nachts am sternklaren Himmel sehen - das heißt: auch die kommen irgendwie in meinen Kopf rein, und mein Gehirn kann sie mir dann zeigen! Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830-1886) hat darüber ein sehr schönes Gedicht geschrieben (natürlich auf Amerikanisch), nach dessen Titel ich auch diesen Aufsatz benannt habe: The brain is wider than the sky …. Das Gehirn ist weiter als der Himmel …

Es müsste Euch jetzt eigentlich klar geworden sein, wie diese merkwürdige Feststellung - das winzige Gehirn sei weiter als das endlose Universum - zu verstehen ist! Dass die Welt sich uns zeigt und wir dann über sie nachdenken können, obwohl wir selbst doch nur ein klitzekleines Teilchen Sternenstaub in diesem gigantischen Kosmos sind, das ist wirklich erstaunlich.

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Das "Harte Problem": Ein Rätsel ohne Lösung?

Ich würde mal behaupten, dass das Staunen über diese einerseits ganz und gar alltägliche, andererseits aber auch sehr bemerkenswerte Tatsache der Anfang und die Kernfrage aller Philosophie ist. Es ist The Hard Problem, das echt schwer zu lösende Rätsel, das Rätsel aller Rätsel. Normalerweise enden Rätsel immer mit ihrer Auflösung; irgendwo am Ende des Rätsels oder des Heftes stehen dann die richtigen Lösungsbuchstaben, meist auf den Kopf gedreht. Bei dem Rätsel, das ich hier beschrieben habe, kennt bisher niemand die Lösung. Niemand.

Man muss sogar sagen, dass wir das Rätsel erst seit wenigen Jahrzehnten etwas genauer kennen und beschreiben können; denn unseren Vorfahren war die absolut entscheidende Bedeutung des Gehirns in unserem Kopf nicht annähernd so bewusst wie uns heute (und manche wollen auch heute noch nicht einsehen, dass der menschliche Geist von Hirnvorgängen in unserer Schädelgrube abhängig ist). In der Hirnforschung - den sogenannten Neurowissenschaften - treffen sich heute weltweit Tausende von Naturwissenschaftlern, Mathematikern, Psychologen und Philosophen, um das Rätsel aller Rätsel, nämlich das Rätsel von Gehirn und Bewusstsein, zu lösen. Die Fortschritte, die wir in der Hirnforschung erzielen, helfen auch bei der Behandlung von Erkrankungen des Gehirns, von denen leider Menschen in jedem Alter, also auch Kinder betroffen sein können. Ich selbst arbeite hier in Bonn in einer berühmten Spezialklinik, wo wir Patienten mit Epilepsie behandeln, darunter auch viele Kinder. Und wir können heute den meisten Patienten schon richtig gut helfen! Ich würde mich daher sehr freuen, wenn ich den einen oder die andere von Euch mit meinem kleinen Aufsatz ermutigt hätte, eines Tages - wenn Ihr die Schule hinter Euch gebracht und vielleicht studiert habt - mit uns gemeinsam an diesem super spannenden Thema zu forschen! Wer weiß - vielleicht ist ja einer oder eine von Euch der neue Albert Einstein oder die neue Marie Curie, die The Hard Problem lösen werden!

Humor als "Gehirn-Booster"

Lernen ist etwas Ernstes. Lernen ist Mühe, Anstrengung, Disziplin, Über­windung des inneren Schweinhunds. Wer im Instrumentalspiel weiterkommen möchte, braucht unzählige Stunden des Übens, Versuchens, Trainierens. Im Unterricht wird abgeliefert, es wird belohnt, aber auch getadelt und gemahnt. Davor haben viele Lernende Respekt, einige auch Angst. Sie sind ­angespannt, unsicher und fürchten das Urteil der Lehr­person. Das wiederum verschärft die Fehlerquote, frustriert und demotiviert. Ein wahrer Teufelskreis. Glücklich die, die einen Lehrer oder eine Lehrerin haben, die mit Humor unterrichten. Humor ist eine Haltung. Die Realität wird heiter betrachtet. Das schafft Distanz und Gelassenheit gegenüber einer Situation oder einem Thema, gleichzeitig auch Nähe durch die verbindende Kraft des gemeinsamen Lachens. Viele wissenschaftliche Studien belegen die physischen Veränderungen allein durch das heiter gestimmte Gesicht, das Lächeln (Mundwinkel nach oben) oder durch das Lachen. Die dadurch frei gesetzten Endorphine (Glückshormone) vermindern Stressreaktionen, bauen Spannung ab, verbessern das Immunsystem und verringern Schmerzen. Ein humorvoller Unterricht bedeutet deshalb: angstfreier Raum, Heiterkeit, Ermutigung, Antrieb, Genießen, Gelassenheit und Fehlertoleranz. Humor im Unterricht bedeutet aber nicht, Witze zu erzählen oder sich lustig zu machen. Lachen oder Lächeln sind Zeichen der Friedfertigkeit. Wir zeigen unserem Gegenüber, dass wir ihm freundlich gesinnt sind. Evolu­tionsgeschichtlich lässt sich erklären, warum wir instinktiv ständig sein Gesicht scannen: Wir wollen sicher sein, dass wir nicht unvermittelt „angegriffen“ werden. Wir suchen nach Mikrozeichen, die uns warnen und vor Aggression bewahren. Auf unbewusster Ebene geschieht so ein reger Austausch von Reiz und Reaktion. In einem Bruchteil einer Sekunde attribuiert unser Gehirn Eigenschaften wie Sympathie/Antipathie, Attraktivität oder Bedrohlichkeit. Wer echt und authentisch wirken möchte, muss also an seiner inneren Haltung gegenüber dem Schüler oder der Schülerin oder bezüglich des Unterrichts arbeiten.

Anekdoten und Beispiele: Empathie im Lernprozess

Die folgenden Geschichten und Beispiele zeigen vor allem, dass Kinder dort abgeholt werden müssen, wo sie sind, um eine empathische, lernfördernde Atmosphäre herzustellen. Sie sind oft überflutet und absorbiert von Erlebnissen und Eindrücken aus ihrem alltäglichen Umfeld und Erleben.

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