Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch starke, oft einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist, die von Übelkeit, Erbrechen und Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen begleitet sein können. Bei Frauen können hormonelle Schwankungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, eine wichtige Rolle bei der Auslösung von Migräneattacken spielen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Migräne und Fruchtbarkeit, die Ursachen menstrueller Migräne, Behandlungsoptionen und die Auswirkungen von Migräne auf Schwangerschaft und Stillzeit.
Menstruelle Migräne: Ein zyklusbedingtes Leiden
Viele Frauen leiden unter menstrueller Migräne, die in den Tagen vor, während oder nach der Menstruation auftritt. Zyklusstörungen und PMS werden vor allem mit Verstimmung und Brustschmerzen (Mastodynie) in Verbindung gebracht. Aber viele Frauen leiden auch unter menstrueller Migräne. Das heißt, in den Tagen ihrer Periode sind sie von beißenden Kopfschmerzen, oft gepaart mit Übelkeit und Erbrechen, geplagt. Man kann sagen, dass viele Frauen in dieser Zeit Schmerzen stärker wahrnehmen, also schmerzempfindlicher sind. Gemäß der internationalen Kopfschmerz-Klassifikation wird die menstruelle Migräne folgendermaßen definiert: Bei mindestens zwei von drei aufeinanderfolgenden Zyklen tritt bei der Frau eine Migräneattacke auf und zwar innerhalb von zwei Tagen vor Einsetzen der Regelblutung bis drei Tage danach. Mit dieser strikten zeitlichen Fixierung trifft das aber nur auf einige Patientinnen mit Migräne zu. Ereignen sich die Kopfschmerzanfälle zusätzlich auch noch zu anderen Zeitpunkten im Zyklusverlauf, lautet der medizinisch korrekte Begriff „menstruell assoziierte Migräne“. Betroffene Frauen leiden unter einem anfallsartigen, meist einseitigen, pulsierenden Kopfschmerz. Der Kopfschmerz kann sich mitunter auch beidseitig manifestieren. Außerdem berichten die betroffenen Frauen zusätzlich von Symptomen wie Übelkeit und Erbrechen sowie Licht- oder Geräuschempfindlichkeit. Meistens macht sich die menstruelle Migräne bereits im zweiten Lebensjahrzehnt bemerkbar und erreicht um das 40. Lebensjahr herum ihr Maximum.
Migräne mit oder ohne Aura
In Europa leidet etwa jede siebte Frau im Alter von 40 Jahren an Migräne. Dabei unterscheidet man zwischen einer Migräne mit Aura und ohne Aura. Von einer Aura spricht man, wenn es vor dem Migräneanfall zu neurologischen Störungen kommt. Das heißt, das Sehvermögen, die Wahrnehmung, das Gleichgewicht oder die Bewegungsfähigkeit sind beeinträchtigt. Gelegentlich kommt es auch zu Wortfindungsstörungen. Eine Aura dauert nur selten länger als eine Stunde an. Ein Zusammenhang zwischen Zyklus und Migräne besteht bemerkenswerterweise vor allem bei der Migräne ohne eine solche Aura. Die Abgrenzung zwischen einer Migräne ohne Aura und Spannungskopfschmerz kann schwierig sein. Deshalb soll die Diagnose „menstruelle Migräne“ laut der ärztlichen Leitlinien frühestens nach fünf erlittenen Attacken erfolgen. Zumal betroffene Frauen auch oft einen Zusammenhang zwischen Menstruation und Migräne sehen, den es gar nicht gibt. Das zeigen wissenschaftliche Studien, in denen die Teilnehmerinnen ein Kopfschmerztagebuch führten.
Hormonsenkung als Auslöser und andere Faktoren
Die menstruelle Migräne ist häufig stärker ausgeprägt, hat mehr Begleitsymptome im Schlepptau und ist schwieriger zu behandeln als andere Migräneformen. Schwangere werden von den Migräneattacken weitgehend verschont, umso mehr, je enger diese an die Menstruation gekoppelt sind. Wenn die Menopause abgeschlossen ist, kann sich das Leiden bessern oder sogar ganz verschwinden. Bei der Entstehung der menstruellen Migräneattacken scheint der - vor der Periode einsetzende - Abfall zuvor hoher Hormonkonzentrationen (Östrogen, Gelbkörperhormone) im Blut eine auslösende Rolle zu spielen. Es gibt außerdem Hinweise auf Störungen in der Schmerzregulierung und im Prostaglandin- und Serotoninstoffwechsel. Inwiefern diese Störungen und die hormonellen Veränderungen aber im Detail für die Schmerzen verantwortlich sind, ist noch unklar. Die Genetik dürfte auch ein Wörtchen mitzureden haben. Ebenso die Epigenetik, also die Umstände, die das Ablesen der Erbinformation beeinflussen. Hier sind unter anderem psychosomatische Aspekte relevant, bei denen es um die Beziehung zwischen Körper und Seele geht - etwa beim Stressverhalten, das individuell sehr unterschiedlich gelebt wird. Stellt man beispielsweise mehreren Frauen die Frage, welchen Einfluss Stress auf ihren Körper hat, wird man keine einheitliche Antwort bekommen. Die einen kommen mit Stress gut zurecht, während bei den anderen Frauen Symptome wie Kopfschmerzen auftreten.
Migräne bei Männern: Weibliche Hormone im Visier
Migräne ist statistisch betrachtet eher eine Frauenkrankheit - deutlich mehr Frauen als Männer sind davon betroffen. Bei Frauen spielen häufig Hormone eine Rolle. Aber welche Faktoren führen bei Männern zu einer Migräneerkrankung? Dazu wurde nun untersucht, ob weibliche Hormone (Estradiol) bzw. Dazu wurden Blutwerte von 17 männlichen Migränepatienten, die aktuell nicht medikamentös behandelt wurden, mit den Blutwerten von 22 Männern ohne Migräne in ähnlichem Alter und Gewicht verglichen. Gemessen wurden die Mengen der Hormone Estradiol (17β-Estradiol E2) und Testosteron (freies Tf). Das Gewicht der Männer lag dabei bei durchschnittlichen BMI-Werten von 20 bis 28 kg/m2. Die Blutproben wurden an einem Tag um 9 Uhr morgens, 12 Uhr mittags, 3 Uhr nachmittags und abends um 6 Uhr entnommen. Bei den Migränepatienten wurde dafür ein migränefreier Tag (interiktal) gewählt. Im Vergleich zu den Kontrollpersonen fand sich bei den Männern mit Migräne messbar andere Hormonmengen. Das Mengenverhältnis von Testosteron zu Estradiol war niedriger bei den Kopfschmerzpatienten. Sie hatten also relativ weniger Testosteron im Blut als die Kontrollen ohne Migräne: Männer mit Migräne hatten im Mittel 3,9-mal mehr Testosteron als Estradiol, Männer ohne Migräne aber 5-mal mehr. Dabei war vor allem die Menge des Estradiol ausschlaggebend: Migränepatienten hatten 96,8 pmol (kurz für pico-Mol; Mol ist ein bei Laborwerten übliches Maß) in jedem Liter Blut, Männer ohne Migräne aber nur 69,1 pmol. Die Testosteronmengen der Männer unterschieden sich dagegen nicht deutlich. Lediglich bei Männern, die Prodrom-Symptome beschrieben (also Symptome, die auf eine kommende Migräne deuten), war der Testosteronwert vor der Migräne erhöht. Die veränderte Hormonlage spiegelte sich auch in anderen Symptomen wieder: Männer mit Migräne zeigten auch häufiger Symptome eines Androgen-Mangels, also eines Mangels an männlichen Hormonen. 11 der 18 männlichen Migränepatienten (61,1 %) berichteten von solchen, häufig auch schwereren Symptomen, aber nur 6 von 22 Männern ohne Migräne (27,3 %). Symptome des Androgenmangels können beispielsweise Erektionsstörungen und Störungen der Fruchtbarkeit, aber auch Verlust an Körperbehaarung sein. Zusammenfassend fand diese Studie, dass normalgewichtige Männer mit Migräne höhere Mengen des Hormons Estradiol aufweisen können und zudem häufiger unter Symptomen eines Mangels an männlichen Hormonen leiden. Die genaue Rolle des Estradiol bei der Entwicklung von Migräne muss noch untersucht werden.
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Therapie der Migräne: Medikamentöse und nicht-medikamentöse Ansätze
Die Therapie von menstrueller Migräne unterscheidet sich prinzipiell nicht von der Standardtherapie bei Migräneattacken. In bestimmten Fällen kann die vorbeugende Einnahme von Medikamenten sinnvoll sein, um die Attacken abzuschwächen oder ihnen vorzubeugen. Ob die Pille als Hormonpräparat als Migräneauslöser in Frage kommt, ist umstritten. Es gibt Hinweise in beide Richtungen: Dass die Pille, insbesondere bei einem östrogenhaltigen Präparat, Anfälle auslöst ebenso wie dass die Pille Anfälle reduziert oder abmildert. Klärung kann nur eine individuelle Beobachtung unter fachärztlicher Anleitung bringen. Beachtet werden sollte auch, dass die Einnahme der Pille bei einer Migräne mit Aura das Schlaganfallrisiko erhöhen kann. Dies gilt besonders für Frauen, die zusätzliche Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufweisen und rauchen. Frauen sollten beim Arzt grundsätzlich ansprechen, dass sie unter Migräne leiden, bevor sie sich die Pille verschreiben lassen.
Die Behandlung hängt von der Schwere und Häufigkeit der Anfälle ab. Es gibt Ansätze zur akuten Behandlung (acute treatment migraine) während eines Anfalls und präventive Maßnahmen, um die Anzahl und Schwere der Anfälle zu reduzieren. Bei leichten bis mittelstarken Migräneattacken sind NSAR (Nichtsteroidale Antirheumatika) die bevorzugten Medikamente. Dazu gehören Acetylsalicylsäure (kurz ASS), die sowohl oral als auch als Infusion gegeben werden kann. Weitere NSAR-Optionen sind Ibuprofen, Diclofenac-Kalium und eine Kombination aus ASS, Paracetamol und Koffein. Mittelschwere bis schwere Migräneattacken werden hauptsächlich anhand von Triptane behandelt. Beispiele für diese Medikamente sind Sumatriptan und Almotriptan. Sie können auf verschiedene Weisen verabreicht werden - von Tabletten über Nasensprays bis hin zu Injektionen. Besonders wirksam ist die subkutane Gabe von Sumatriptan. Triptane wirken, indem sie spezielle Rezeptoren im Gehirn aktivieren und Entzündungen sowie Blutgefäßverengungen hemmen. Triptane können jedoch auch Nebenwirkungen haben, darunter einen kurzzeitigen Blutdruckanstieg, Kältegefühle, Schwindel und Müdigkeit. Bei zu häufiger Anwendung können sie sogar Kopfschmerzen verursachen. In seltenen Fällen können andere Medikamente wie Ergotamintartrat oder Opioide (z. B. Tramadol in Kombination mit Paracetamol) in Erwägung gezogen werden. Bei anhaltende Kopfschmerzen und wenn orale Medikamente nicht helfen, können ASS (in einer speziellen Form) oder Sumatriptan als Injektionen gegeben werden.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Auch in der Schwangerschaft gibt es Möglichkeiten, um einer Migräne vorzubeugen. Nicht-medikamentöse Methoden sind meistens unbedenklich. Verschiedene Entspannungstechniken, Biofeedback oder Akupunktur sind beliebte Prophylaxe-Maßnahmen. Eine weitere hilfreiche Prophylaxe-Maßnahme ist das Meiden von Triggern. Diese lassen sich zum Beispiel mithilfe eines Migräne-Tagebuchs sehr gut aufspüren. Zusätzliche Informationen finden Sie auch im Artikel „Was hilft gegen Migräne?“. Leichter Ausdauersport macht den Kopf frei und entspannt den Geist. Entspannungstechniken gehören zu den wichtigsten nichtmedikamentösen Vorsorgemaßnahmen bei Migräne. Durch gezielte Übungen, wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Autogenes Training, kann sich die Muskulatur entspannen und Stress - ein häufiger Auslöser für Migräne - wird abgebaut. Wichtig ist, regelmäßig zu üben, denn nur dann sind Entspannungstechniken wirklich effektiv. Eine gesunde Ernährung kann sich bei Betroffenen positiv auf die Migräne auswirken. 3 Deshalb sollten Sie vor allem in der Schwangerschaft darauf achten, ausgewogen zu essen. Auch magnesiumreiche Zutaten sind empfehlenswert, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Magnesiummangel Migräneattacken hervorrufen kann. 4 Magnesium ist vor allem in grünem Gemüse, Vollkornnudeln, Naturreis, Quinoa, Hirse und Nüssen enthalten sowie in magnesiumreichem Mineralwasser. Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört auch ausreichend zu trinken. Kühlende Kompressen auf Stirn, Schläfe oder im Genick und beruhigende ätherische Öle (z. B. Auch Akupunktur zeigt bei einigen Betroffenen eine gute Wirkung. Unregelmäßige Schlafzeiten, zu wenig oder zu viel Schlaf können Kopfschmerzen fördern.
Medikamentöse Prophylaxe
Metoprolol, Propranolol und Amitriptylin sind Medikamente, die während der gesamten Schwangerschaft zur Vorbeugung eingenommen werden dürfen. Es gibt zwar ausreichend medizinische Erfahrung zu ihrer Anwendung in der Schwangerschaft, wissenschaftlich geklärt ist die jeweilige Wirkung aber noch nicht lückenlos. Deshalb gilt es auch bei diesen Medikamenten einige Punkte zu beachten: Metoprolol und Propranolol sollen in geringstmöglicher Dosis eingesetzt werden, da es sonst beim Kind (besonders während der Geburt) zu einem verlangsamten Herzschlag (Bradykardie) kommen kann. Wird Amitriptylin bis zur Geburt eingenommen, sind Anpassungsstörungen des Kindes nach der Geburt möglich. Daher ist es ratsam, die Amitriptylin-Dosis etwa zwei Wochen vor dem Entbindungstermin zu reduzieren und das Kind nach der Geburt noch einige Zeit in einer Klinik zu überwachen. Bei allen drei Medikamenten sind regelmäßige Ultraschalltermine zur Überwachung der kindlichen Entwicklung sinnvoll. Topiramat darf in der Schwangerschaft nicht zur Migräne-Prophylaxe eingesetzt werden. Es verursacht Entwicklungsstörungen beim heranwachsenden Kind. Flunarizin wird außerhalb einer Schwangerschaft zur Migräne-Prophylaxe empfohlen. Bei schwangeren Patientinnen gibt es bisher nur wenig Erfahrung mit dem Mittel und seinen möglichen Auswirkungen auf Mutter und Kind. Obwohl es keine Hinweise darauf gibt, dass die Einnahme von Flunarizin zu einer Fehlgeburt führt, sollte die Migräne-Prophylaxe trotzdem mit einem anderen Mittel erfolgen, bei dem mehr Erfahrungswerte vorliegen. Botox OnabotulinumtoxinA (im Volksmund Botox) ist außerhalb der Schwangerschaft ebenfalls ein bewährtes Mittel zur Vorbeugung von chronischer Migräne.
Migräne und Schwangerschaft: Ein besonderer Zustand
Während der Schwangerschaft haben viele Migränepatientinnen weniger, leichtere oder keine Migräneattacken. Dies gilt vor allem bei Migräne ohne Aura, bei der die Attacken im Zusammenhang mit der Menstruation einsetzen. Zudem kann sich die Migräneform ändern, z.B. dass sich eine Migräne mit Aura zu einer Migräne ohne Aura entwickelt. In der Schwangerschaft sollten alle Möglichkeiten zur Vorbeugung ohne Medikamente ausgenutzt werden, da die Einnahme von Medikamenten eventuell die vorgeburtliche Entwicklung beeinträchtigen kann. Auch in der Stillzeit können Medikamente ein Risiko für das Kind bedeuten. Wenn Sie sich unsicher sind, ob Sie während der Schwangerschaft oder Stillzeit z.B. ein bestimmtes Schmerzmedikament einnehmen können, können Sie sich beim Institut Embryotox unter www.embryotox.de > Arzneimittel informieren. In der Übergangsphase in die Wechseljahre, in der Frauen ihre Periode unregelmäßiger bekommen, steigt zunächst das Risiko für häufige Migräneattacken. Eine operative Entfernung der Gebärmutter oder der Eierstöcke ist nicht zu empfehlen. Im Durchschnitt leiden Frauen nach den Wechseljahren seltener an Migräne als während und davor. Oft verschwinden die Migräneattacken oder sie werden seltener, leichter oder klingen schneller ab. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen mit Migräne nach den Wechseljahren ein höheres Risiko für Bluthochdruck haben als Frauen ohne Migräne. Das gilt auch, wenn die Migräne nach den Wechseljahren abgeklungen ist. Betroffene Frauen sollten ihren Blutdruck regelmäßig kontrollieren lassen, um ggf.
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Auswirkungen auf den Schwangerschaftsverlauf
Schwangere Frauen mit einer Migräneanamnese weisen ein höheres Risiko für komplizierte Schwangerschaftsverläufe auf. Sie sollten entsprechend sorgfältig informiert, überwacht und behandelt werden [7]. In einem aktuellen umfangreichen Umbrella Review [96] zeigt sich, dass bei Frauen mit Migräne generell die Wahrscheinlichkeit einer Präeklampsie, eines niedrigen Geburtsgewichtes des Kindes, einer Frühgeburt, einer Plazentaablösung und einer psychischen Erkrankung während der Schwangerschaft höher ist. Das Risiko ist bei einer schweren Migräne >50% erhöht. Eine schwere Migräne begründet eine Risikoschwangerschaft [7, 97, 108]. Schwangerschaft und Migräne haben Hyperkoagulabilität gemeinsam: Während der Schwangerschaft ist Hyperkoagulabilität ein bedeutender Risikofaktor für schwerwiegende kardiovaskuläre Zwischenfälle, einschließlich venöser Thromboembolien und zerebrovaskulären Insulten. Es besteht ein 13-fach höheres Risiko für eine hypertensive Störung [67, 97]. Ein schwerer Migräneverlauf kann ein individuelles Beschäftigungsverbot notwendig machen.
Medikamentöse Behandlung während der Schwangerschaft
Akutmedikamente gegen Migräne sollten nur dann bei Schwangeren angewendet werden, wenn der zu erwartende Nutzen für die Mutter ein mögliches Risiko für das Kind überwiegt. Eine Grundregel sollte dabei sein, die niedrigste wirksame Dosis und die kürzeste Behandlungsdauer anzustreben. Eine Selbstmedikation sollte in der Schwangerschaft vermieden werden und eine ärztliche Verlaufs- und Erfolgskontrolle erfolgen. Sorgfältige und umfassende perikonzeptionelle Beratung ist essentiell, um eine sichere und gesunde Schwangerschaft und postpartale Periode für Mutter und Kind zu fördern [5]. In Anbetracht der weiten Verbreitung von Analgetika ist es wichtig, dass Klarheit über den möglichen Nutzen und die potenziellen Risiken und Schäden der Einnahme von Analgetika während der Schwangerschaft herrscht [66]. Frauen, die während der Schwangerschaft unter schwerer Übelkeit und Erbrechen leiden, haben eine schlechte Lebensqualität und ein erhöhtes Risiko für mütterliche und fetale Komplikationen. Bei Übelkeit und Erbrechen kann Metoclopramid während der gesamten Gravidität verwendet werden. Eine hohe Gabe von Metoclopramid zum Ende der Schwangerschaft kann das Auftreten eines extrapyramidalen Syndroms beim Neugeborenen bedingen. Metoclopramid sollte daher am Ende der Schwangerschaft vermieden werden. Bei schwerer Übelkeit und Unwirksamkeit von Metoclopramid kann Ondansetron unter strenger Indikationsstellung während des 2. und 3. Trimenons eingesetzt werden. Die Auswahl der medikamentösen Attackentherapie erfordert eine individuelle Abwägung des zu erwartenden Nutzens und des möglichen Risikos für die Schwangere und das ungeborene Kind. Eine standardisierte generelle Erstlinientherapie ist aufgrund der sehr unterschiedlichen klinischen Symptomatik der Migräne und der erforderlichen Differentialtherapie nicht zielführend. Eine medikamentöse Attackentherapie sollte nur dann erfolgen, wenn der angestrebte Nutzen überwiegt.
Für die Abwägung des individuellen Nutzens ist zunächst die Kenntnis und der Vergleich der zu erwartenden Wirksamkeit Grundlage. Nachfolgend wird die zu erwartende Wirksamkeit anhand der Number Needed to Treat (NNT) im Vergleich zu einer Placebobehandlung aufgelistet [5, 30, 31, 85, 98, 128]. Der Betrag der NNT gibt die Zahl an Behandlungen an, die nötig sind, um gegenüber Placebo einen positiven Effekt zu erreichen. Aus den Zahlen wird deutlich, dass Sumatriptan 6 mg s.c. mit einer NNT von 2,3 den höchsten Nutzen hat. Setzt man Sumatriptan 100 mg oral bei milden Schmerzintensitäten bei Beginn eines Anfalles ein, beträgt die NNT 3,0. Wird Sumatriptan 100 mg oral bei mittleren oder schweren Schmerzen später im Verlauf der Attacke eingesetzt, beträgt die NNT 4,7. Bei Einsatz von Ibuprofen 400 mg bzw. ASS 900-100 mg beträgt die NNT 7,2 bzw. 8,2. Mit Abstand den geringsten Nutzen weist Paracetamol mit einer NNT von 12 auf. Mit Paracetamol 1000 mg müssen demnach 12 Schwangere behandelt werden, damit man bei einer Patientin einen Nutzen bzgl. Schmerzfreiheit nach zwei Stunden erzielen kann. Aus der Zusammenstellung ergibt sich, dass bzgl. des zu erwartenden Nutzens bei Behandlung der akuten Migräneattacke in der Schwangerschaft Sumatriptan zu präferieren ist. Der Einsatz sollte möglichst früh im Anfall erfolgen. Bestehen schwere Übelkeit und Erbrechen mit gestörter Aufnahme im Magen, kann der subkutane Einsatz von Sumatriptan 6 mg erwogen werden. Es sind auch geringere subkutane Dosierungen in 3 mg oder als Apothekenrezeptur in 2 und 4 mg verfügbar. Für die anderen Triptane liegen weniger umfangreiche Daten vor, weshalb die Aufstellung auf Sumatriptan beschränkt bleibt. Die aktuelle Fachinformation von Sumatriptan weist keine Kontraindikation von Sumatriptan in der Schwangerschaft aus; sie verweist mit der Formulierung „Das Arzneimittel sollte nur dann bei Schwangeren angewendet werden, wenn der zu erwartende Nutzen für die Mutter ein mögliches Risiko für das Kind überwiegt“ auf die individuelle Nutzenabwägung. Ähnliche Formulierungen finden sich auch bei den anderen Triptanen; Frovatriptan wird als Ausnahme in der Schwangerschaft nicht empfohlen. Alternativen in den ersten zwei Schwangerschaftsdritteln mit moderatem Nutzen bei leichten und mittelschweren Migräneattacken sind Ibuprofen und ASS. Diese Medikamente sollten jedoch nicht ab der 20. Für Paracetamol ist der geringste Nutzen zu erwarten. In einer großen US-Längsschnittstudie zur Medikamenteneinnahme während der Schwangerschaft wurden 859.501 Schwangerschaften untersucht, davon hatten 8168 der Frauen Migräne. Das Absetzen von Triptanen in der Schwangerschaft führt dazu, dass während der Schwangerschaft mehr unspezifische Medikamente zur Attackenbehandlung eingesetzt werden, in erster Linie Opioide und Paracetamol [49]. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Empfehlungen zum Absetzen von migränespezifischen Medikamenten zu einer Zunahme anderer, als vermeintlich sicherer empfundener Medikamente führen könnte. Der Wechsel von einer migränespezifischen Behandlung zu einer nichtspezifischen off-label Behandlung wie Paracetamol oder Opioide bei schweren Migräneattacken wird mit verstärkten selbstberichteten Schmerzen in Verbindung gebracht [49, 124]. Dadurch wird der Nutzen solcher Wechsel weiter reduziert.
Mögliche Auswirkungen von Paracetamol
Umfangreiche experimentelle und epidemiologische Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die pränatale Exposition gegenüber Paracetamol Auswirkungen auf die fetale Entwicklung des Kindes bedingen könnte. Die Daten werden teilweise kontrovers bewertet. Nicht-pharmakologische Ansätze sollten bei Migräne in der Schwangerschaft immer als Erstbehandlung versucht werden. Leichte Migräneattacken können in der Schwangerschaft nichtmedikamentös durch Reizabschirmung, Ruhe, Entspannung und Eispackungen behandelt werden.
Migräne und Stillzeit
Auch beim Stillen können Arzneimittel-Wirkstoffe von der Mutter auf das Kind übergehen. Es bestehen etwas weniger Gefahren und Einschränkungen als in der Schwangerschaft, aber auch hier sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen, ob und wann Sie Medikamente wieder einnehmen können. 6 Wegen Migräne auf das Stillen zu verzichten ist jedoch nicht notwendig, denn der Effekt der reduzierten Migräneattacken kann bis in die Stillperiode reichen.
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Sexuelle Funktion und Migräne
Primäre Kopfschmerzen wie Migräne und Spannungskopfschmerzen gehören zu den häufigsten Schmerzsyndromen weltweit. Neben der offensichtlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität gibt es wachsende Hinweise darauf, dass diese Erkrankungen auch die sexuelle Funktion erheblich beeinflussen können. Laut einer systematischen Übersichtsarbeit haben Männer mit Migräne eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, unter erektiler Dysfunktion zu leiden. Studien zeigen, dass zwischen 54,83 % und 80 % der männlichen Patienten mit Migräne oder Spannungskopfschmerzen Anzeichen einer ED aufweisen. Die Auswirkungen von primären Kopfschmerzen auf die sexuelle Gesundheit werden oft unterschätzt. Männer mit ED und Frauen mit sexuellen Funktionsstörungen sollten in der ärztlichen Praxis auch auf mögliche Kopfschmerzprobleme untersucht werden.
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