Mathematik kann für Kinder eine Quelle der Frustration sein. Oft werden Rechenaufgaben als lästige Pflicht empfunden und Zahlen als abstrakte, trockene Konzepte wahrgenommen. Dieser "Mathe-Frust" ist weit verbreitet und beginnt oft schon in der Grundschule. Doch es gibt innovative Methoden, die Mathematik in ein spannendes und freudvolles Erlebnis verwandeln können. Gehirngerechtes Rechentraining setzt genau hier an, indem es die natürlichen Lernprozesse des Gehirns berücksichtigt und Mathematik auf eine Weise vermittelt, die Kinder begeistert und motiviert.
Was bedeutet gehirngerechtes Rechentraining?
Gehirngerechtes Rechentraining ist ein Ansatz, der darauf abzielt, Mathematik so zu vermitteln, dass sie den natürlichen Lernprozessen des Gehirns entspricht. Es geht darum, Lerninhalte auf eine Weise zu präsentieren, die das Gehirn optimal aufnehmen, verarbeiten und speichern kann. Dies beinhaltet die Berücksichtigung verschiedener Aspekte wie:
- Motivation: Kinder lernen besser, wenn sie motiviert sind und Spaß am Lernen haben.
- Emotionen: Positive Emotionen fördern das Lernen, während negative Emotionen es behindern können.
- Sinneswahrnehmung: Das Einbeziehen verschiedener Sinne (Sehen, Hören, Fühlen, Bewegen) kann das Lernen effektiver machen.
- Verknüpfung mit Vorkenntnissen: Neues Wissen sollte an bereits vorhandenes Wissen anknüpfen, um das Verständnis zu erleichtern.
- Wiederholung und Übung: Regelmäßige Wiederholung und Übung sind wichtig, um das Gelernte zu festigen.
Vera F. Birkenbihl war eine Pionierin auf dem Gebiet des gehirngerechten Lernens. Sie entwickelte zahlreiche Methoden und Techniken, die darauf abzielen, das Lernen effizienter, stressfreier und nachhaltiger zu gestalten. Ihre Arbeit hat unzähligen Menschen geholfen, Wissen auf eine ganz neue Weise zu begreifen und zu vermitteln.
"Magische Mathematik": Ein spielerischer Ansatz
Ein Beispiel für gehirngerechtes Rechentraining ist der Ansatz der "Magischen Mathematik". Hier werden Zahlen, Grundrechenarten und logische Muster in fesselnde Spiele, Rätsel und Zaubereien verpackt. Der Spaßfaktor ist enorm wichtig, aber Zaubertricks mit Mathe sind weit mehr als nur Unterhaltung. Sie stärken die Selbstwirksamkeit, fördern logisches Denken und Problemlösungsfähigkeiten, erhöhen die Frustrationstoleranz, automatisieren das Kopfrechnen und verbessern die kommunikative Kompetenz.
Selbstwirksamkeit stärken
Ein Kind, das einen Trick erfolgreich vorführt und die Verblüffung bei Eltern oder Freunden sieht, erlebt ein starkes "Ich kann das!"-Gefühl. Dies stärkt das Selbstvertrauen und die Motivation, sich weiterhin mit Mathematik auseinanderzusetzen.
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Logisches Denken und Problemlösung
Um den Trick zu verstehen, muss das Kind die logische Abfolge der Schritte nachvollziehen. Es lernt, Muster zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies fördert das logische Denken und die Fähigkeit, Probleme zu lösen.
Frustrationstoleranz erhöhen
Was, wenn der Trick fehlschlägt? Dann beginnt die Fehlersuche - eine essenzielle mathematische Kompetenz. Das Kind lernt, mit Fehlern umzugehen und aus ihnen zu lernen. Dies erhöht die Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen.
Kopfrechnen automatisieren
Viele Tricks, wie die "Magische 7", erfordern das blitzschnelle Abrufen von Zahlenzerlegungen oder kleinen Rechenoperationen. Dies automatisiert das Kopfrechnen und erleichtert das Lösen von komplexeren Aufgaben.
Kommunikative Kompetenz
Wer einen Trick vorführt, muss die "Spielregeln" klar erklären. Der spannendste Moment ist das "Lüften des Geheimnisses". Wenn ältere Kinder beginnen zu fragen: "Warum kommt da immer 3 heraus?", öffnet sich die Tür zur echten Mathematik. Sie beginnen, Muster zu erkennen. Das Entschlüsseln, warum ein Trick funktioniert (z. B. dass sich eine Variable ‚x‘ am Ende herauskürzt), ist pures vor-algebraisches Denken.
Ein "magisches Toolkit" für den Grundschulbereich
Hier sind einige "magische Tricks", sortiert nach Schwierigkeitsgrad, die Sie sofort mit Kindern im Grundschulalter ausprobieren können:
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Trick 1: Der Würfel-Trick
- Der Zaubertrick: Sie (der Zauberer) drehen sich um. Ein Kind darf einen normalen Spielwürfel werfen. Dann soll es den Würfel unter einem Becher verstecken. Nun drehen Sie sich wieder um. Das Kind soll den Becher kurz hochheben, sich die Augenzahl merken und den Würfel wieder verstecken. Nun tippen Sie mit Ihrem Zauberstab gegen den Becher und verkünden die Zahl, die unter dem Becher liegt!
- Das Geheimnis: Sie haben das Kind gebeten, sich die Zahl zu merken. Nun soll es die Zahl nehmen und im Kopf +2 rechnen. Dann +5, dann -3, dann - die Zahl, die es sich gemerkt hat. Dann +3. Die Zahl, die nun herauskommt, ist die gewürfelte Zahl.
- Pädagogischer Wert: Das Kind übt spielerisch die „Partnerzahlen“ der 7 (Zahlenzerlegung). Es rechnet blitzschnell „7 minus X“.
Trick 2: Die geheime Zahl
- Der Zaubertrick: Bitten Sie das Kind, sich heimlich eine beliebige Zahl auszudenken (z. B. 5). Dann geben Sie folgende Anweisungen: "Verdopple deine geheime Zahl." (z. B. 10) "Addiere 4 hinzu." (z. B. 14) "Teile das Ergebnis durch 2." (z. B. 7) "Zieh deine ursprüngliche Zahl wieder ab." (z. B. 2) "Addiere 1 hinzu." (z. B. 3). Nun erraten Sie die Zahl, die das Kind sich ausgedacht hat.
- Das Geheimnis: Das Ergebnis ist immer 3, egal mit welcher Zahl das Kind startet. Wenn wir die geheime Zahl ‚x‘ nennen, lautet die Rechnung: (2*x + 4) : 2 + 1 - x. Löst man das auf, rechnet man: (x + 2) + 1 - x. Das x fällt weg, und es bleibt immer 3 übrig.
- Pädagogischer Wert: Dieser Trick fördert das Verständnis für algebraische Konzepte und das Rechnen mit Variablen.
Trick 3: Die Quersumme
- Der Zaubertrick: "Denk dir eine beliebige Zahl zwischen 1 und 10 aus." (z. B. 6) "Multipliziere sie mit 9." (z. B. 54) "Bilde die Quersumme der neuen Zahl." (z. B. 5+4=9) "Nimm diese Zahl minus 5". (z. B. 9-5=4). Nun erraten Sie die Zahl, die das Kind sich ausgedacht hat.
- Das Geheimnis: Das Ergebnis ist immer 4. Jede Zahl von 1 bis 10, multipliziert mit 9, ergibt ein Ergebnis (z. B. 9, 18, 27, 36…), dessen Quersumme immer 9 ist. Wenn der Mitspieler also in Schritt 3 die Quersumme bildet, landet er zwangsläufig bei der 9. Zieht man davon 5 ab, kommt immer 4 heraus!
- Pädagogischer Wert: Intensives Training der Quersummenbildung (Addition) und der Subtraktion.
Trick 4: Fehlende Ziffer
- Der Zaubertrick: Ein Kind soll sich eine beliebige Zahl mit mehreren Ziffern ausdenken (z. B. 4125). Dann soll es die Quersumme (Summe der Ziffern) bilden (4+1+2+5 = 12). Jetzt der Clou: Das Kind soll die Quersumme von der ursprünglichen Zahl abziehen (4125 - 12 = 4113). Dann soll es eine Ziffer aus dem Ergebnis (z. B. die 3) wegstreichen und die restlichen Ziffern in beliebiger Reihenfolge nennen (z. B. "1, 4, 1"). Sie erraten die fehlende Ziffer.
- Das Geheimnis: Eine Zahl, die entsteht, wenn man ihre Quersumme von ihr abzieht, ist immer durch 9 teilbar. Wenn das Kind Ihnen die Ziffern "1, 4, 1" nennt, rechnen Sie im Kopf die Quersumme (1+4+1 = 6). Sie wissen, die nächste durch 9 teilbare Zahl ist die 9. Es fehlt also 9 - 6 = 3.
- Pädagogischer Wert: Intensives Training der Quersummenbildung (Addition) und der Subtraktion.
Trick 5: Das Kalender-Quadrat
- Der Zaubertrick: Bitten Sie ein Kind, auf einem beliebigen Kalenderblatt ein 3×3-Quadrat (also 9 Tage, z. B. von Montag bis Mittwoch drei Wochen lang) zu markieren. Das Kind muss Ihnen nur die kleinste Zahl (die Zahl links oben im Kasten) verraten. Sie berechnen im Kopf die Summe aller 9 Zahlen.
- Das Geheimnis: Die Summe aller 9 Zahlen ist immer das Neunfache der mittleren Zahl. Die mittlere Zahl ist immer 8 größer als die kleinste Zahl. Wenn das Kind also "8" sagt, rechnen Sie 8 + 8 = 16 (mittlere Zahl). Dann rechnen Sie 16 * 9 = 144. Die Summe aller Zahlen im Quadrat ist 144.
- Pädagogischer Wert: Dieser Trick trainiert intensiv die Mustererkennung (die Struktur des Kalenders, bei dem eine Zahl immer 7 größer ist als die darüber).
Trick 6: Die umgedrehte Zahl
- Der Zaubertrick: Das Kind soll eine dreistellige Zahl aufschreiben. Die einzige Regel: Die erste und die letzte Ziffer müssen sich unterscheiden, und die erste Ziffer sollte größer als die letzte sein (z. B. 721). Dann geben Sie folgende Anweisungen: "Drehe die Zahl um." (z. B. 127) "Subtrahiere die kleinere von der größeren Zahl." (z. B. 721 - 127 = 594) "Drehe das Ergebnis um." (z. B. 495) "Addiere die beiden Zahlen." (z. B. 594 + 495). Sie erraten das Ergebnis.
- Das Geheimnis: Das Ergebnis ist immer 1089.
- Pädagogischer Wert: Abgesehen vom intensiven Rechentraining (besonders der Subtraktion mit Übertrag) steckt hier eine tiefe mathematische Struktur. Das Ergebnis der Subtraktion (Schritt 2) ist immer eine Zahl, deren mittlere Ziffer 9 ist und deren Außenziffern sich zu 9 addieren (z. B. 495 -> 4+5=9; 396 -> 3+6=9).
Trick 7: Die Fibonacci-Folge
- Der Zaubertrick: Sie bitten einen Mitspieler, zwei beliebige (kleine) Zahlen untereinander zu schreiben (z. B. 3 und 5). Nun soll der Mitspieler diese beiden Zahlen addieren und das Ergebnis darunterschreiben (8). Dann soll er die letzte Zahl und die vorletzte Zahl addieren und das Ergebnis wieder darunterschreiben (5+8=13). Dies soll er so lange fortführen, bis er 10 Zahlen untereinander stehen hat (also eine Zahlenreihe aus 10 Zahlen). Nun soll der Mitspieler alle 10 Zahlen addieren und Ihnen das Ergebnis nennen. Sie erraten das Ergebnis, bevor er fertig addiert hat.
- Das Geheimnis: Sie nehmen die 7. Zahl in der Reihe und multiplizieren sie mit 11. Das Ergebnis ist die Summe aller 10 Zahlen. Im Beispiel: Die 7. Zahl ist 55. 55 · 11 = 605.
- Pädagogischer Wert: Massives, spielerisches Training der Addition (Kopfrechnen mit Übertrag).
Trick 8: Schuhgröße und Alter
- Der Zaubertrick: Dieser Trick wirkt wie echtes Gedankenlesen, da er persönliche Daten "errät". Sie wetten mit einem Mitspieler (z.B. einem Kind in der 4. Klasse), dass Sie sein Alter und seine Schuhgröße erraten können. Geben Sie folgende Anweisungen: "Nimm deine Schuhgröße (nur die ganze Zahl, z. B. 37)." "Multipliziere sie mit 5." (z. B. 185) "Addiere 50 hinzu." (z. B. 235) "Multipliziere das Ergebnis mit 20." (z. B. 4700) "Addiere nun 1025." (Wichtig: Diese Zahl gilt für das Jahr 2025. Für jedes andere Jahr muss die Zahl angepasst werden. Für 2024 wäre die Zahl 1024, für 2026 wäre sie 1026 usw.) (z. B. 5725) "Ziehe dein Geburtsjahr ab." (z. B. 2015). Die Person nennt Ihnen nur das Endergebnis (z. B. "3710"). Sie erraten die Schuhgröße und das Alter.
- Das Geheimnis: Die Zahl, die Sie erhalten, kombiniert Schuhgröße und Alter. Die ersten Ziffern sind die Schuhgröße (37), die letzten beiden Ziffern sind das Alter (10). Die Algebra dahinter (S = Schuhgröße, J = Geburtsjahr): ((S · 5) + 50) · 20 + 1025 - J vereinfacht sich zu 100 · S + (2025 - J).
- Pädagogischer Wert: Dieser Trick fördert das Verständnis für algebraische Konzepte und das Rechnen mit Variablen.
Trick 9: Die Matrix
- Der Zaubertrick: Zeichnen Sie eine 4x4 Matrix auf ein Blatt Papier. Schreiben Sie in jedes Feld eine beliebige Zahl. Bitten Sie einen Mitspieler, vier Zahlen auszuwählen. Die Regel: Es darf nur eine Zahl pro Zeile und eine Zahl pro Spalte sein. (Wenn der Mitspieler z. B. die Zahl in der ersten Zeile und ersten Spalte auswählt, darf er weder in der ersten Zeile noch in der ersten Spalte eine weitere Zahl auswählen. Er muss also eine Zahl aus einer der anderen Zeilen und Spalten wählen). Nun soll der Mitspieler die vier Zahlen addieren und Ihnen das Ergebnis nennen. Sie haben das Ergebnis schon vorhergesagt und auf einen Zettel geschrieben.
- Das Geheimnis: Die Summe der vier Zahlen ist immer gleich, egal welche Zahlen der Mitspieler auswählt. Sie müssen also vorher die Summe berechnen und auf den Zettel schreiben. Am einfachsten geht das, wenn Sie beim Ausfüllen der Matrix darauf achten, dass die Summe jeder Zeile und jeder Spalte gleich ist.
- Pädagogischer Wert: Dies trainiert systematisches Vorgehen, Kombinatorik und natürlich Kopfrechnen (Addition).
Tipps für die Präsentation
Der Erfolg dieser Tricks hängt stark von der Präsentation ab. Es geht nicht darum, ein "Arbeitsblatt" abzuarbeiten. Präsentieren Sie den Trick zunächst selbst. Seien Sie der "Magier". Bauen Sie Spannung auf ("Ich habe eine übernatürliche Fähigkeit…", "Pass genau auf…"). Der häufigste Fehler ist, die Lösung sofort zu verraten. Viel besser ist forschendes Lernen. Stellen Sie Sokrates’sche Fragen: "Glaubst du, das funktioniert auch mit einer anderen Zahl? Probier’s mal!" oder "Was fällt dir an den Zahlen auf, die du addiert hast?". Lassen Sie das Kind selbst zum Entdecker werden. Sobald das Kind den Trick verstanden hat, wird es ihn vorführen wollen. Ermutigen Sie es! "Zeig das doch mal Papa/Oma/deinem Freund." Jetzt haben Sie die Motivation elegant vom Trick auf die dahinterliegende Fähigkeit übertragen.
Weitere Methoden für gehirngerechtes Rechentraining
Neben der "Magischen Mathematik" gibt es noch weitere Methoden, die sich für gehirngerechtes Rechentraining eignen:
- Mindmapping: Mindmaps sind eine visuelle Methode, um Informationen zu strukturieren und zu verknüpfen. Sie können verwendet werden, um mathematische Konzepte darzustellen und Zusammenhänge zu verdeutlichen.
- Speedolino: Speedolino ist ein Lernspiel, das das Kopfrechnen auf spielerische Weise trainiert. Es fördert die Konzentration, die Merkfähigkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit.
- ALMUT-Technik: Die ALMUT-Technik ist eine Lernmethode, die auf dem Prinzip der Assoziation basiert. Sie hilft, sich Informationen leichter zu merken und abzurufen.
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