Das menschliche Gehirn, ein komplexes und faszinierendes Organ, steuert unseren Körper, unsere Gedanken und unsere Gefühle. Es ist in zwei Hälften unterteilt, die sich zwar ähneln, aber unterschiedliche Spezialisierungen aufweisen. Dieser Artikel beleuchtet die Funktionen der beiden Gehirnhälften, ihre Zusammenarbeit und die Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Handeln.
Die Anatomie des Gehirns: Zwei Hälften, viele Funktionen
Das Gehirn besteht aus zwei Hälften, der linken und der rechten Hemisphäre, die durch einen dicken Nervenfaserstrang, den Balken (Corpus callosum), miteinander verbunden sind. Jede Hemisphäre besteht aus sechs Bereichen oder Lappen mit unterschiedlichen Funktionen. Das Großhirn, der größte Teil des Gehirns, kontrolliert Bewegungen und verarbeitet Sinneseindrücke von außen. Hier entstehen bewusste und unbewusste Handlungen und Gefühle. Es ist außerdem für Sprache und Hören, Intelligenz und Gedächtnis verantwortlich. Das Kleinhirn im Hinterkopf ist für Bewegungen zuständig. Der Hirnstamm zwischen Großhirn und Rückenmark regelt lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Herzschlag.
Lateralisierung: Die Spezialisierung der Gehirnhälften
Obwohl beide Gehirnhälften eng zusammenarbeiten, sind sie auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert. Diese Spezialisierung wird als Lateralisierung bezeichnet.
Dr. Sofie Valk, Forschungsgruppenleiterin im Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und Forschungszentrum Jülich, erklärt: "Das Gehirn hat - genau wie der restliche Körper - zwei Hälften. So ist zum Beispiel das Gesichtsfeld in eine linke und rechte Hälfte unterteilt, wobei die Information aus der linken Gesichtsfeldhälfte zur rechten Gehirnhälfte und die aus der rechten Gesichtsfeldhälfte zur linken Gehirnhälfte geleitet wird. Außerdem wird die Information der linken Hand an die rechte Gehirnhälfte und die der rechten Hand an die linke Gehirnhälfte geleitet. Die Sinneswahrnehmung ist somit lateralisiert. Das heißt, sie wird bevorzugt oder vollständig in einer der beiden Gehirnhälften verarbeitet."
Ebenfalls klar lateralisiert ist die Kontrolle der motorischen Funktionen: Die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperhälfte und die linke Gehirnhälfte die rechte. Ein klassisches Beispiel für Lateralisierung in der Kognition ist die Steuerung und das Verarbeiten von Sprache, wobei die Ausprägung hier individuell variiert. Wichtige Zentren dafür sind das Wernicke- und das Broca-Areal, die eher in der linken Gehirnhälfte lokalisiert sind. Neue Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch die rechte Gehirnhälfte eine wichtige Rolle bei der Sprachverarbeitung spielt und die Ausprägung der Unterschiede nicht in jedem Menschen gleich ist. Eine weitere Form der Lateralisierung zeigt sich in bestimmten Aspekten der Aufmerksamkeit, für die eher die rechte Gehirnhälfte entscheidend ist.
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Die linke Gehirnhälfte: Logik, Sprache und Analyse
Die linke Gehirnhälfte ist in der Regel für sprachliche und logische Funktionen zuständig. Sie verarbeitet Informationen sequenziell und analytisch. Sie arbeitet nach Regeln und Gesetzen und konzentriert sich auf einen Punkt. Die linke Gehirnhälfte nimmt Details wahr und denkt in logischen Schritten. Sie verarbeitet verbale und mathematische Informationen und steuert die mündliche Darstellung sowie Grammatik und Wortstellung.
Die linke Hemisphäre ist spezialisiert auf:
- Logisches Denken
- Abstraktes Denken
- Bildung von Begriffen
- Analytisches Arbeiten
- Buchstaben, Zahlen
- Einzelheiten, Fakten
- Zeitliches Nacheinander
- Hören, Sprechen, Schreiben und Lesen
- Befolgung von Regeln und Anweisungen
Die rechte Gehirnhälfte: Kreativität, Intuition und Emotionen
Die rechte Gehirnhälfte ist in der Regel für räumliche und kreative Funktionen zuständig. Sie verarbeitet Informationen ganzheitlich und intuitiv. Sie ist kreativ und spontan und interessiert sich für Neugier, Spielen und Risiko. Die rechte Gehirnhälfte besitzt den Überblick und verarbeitet Informationen ganzheitlich. Sie kontrolliert die Körpersprache, Mimik und Gestik und steuert Bewegungen und physische Aktivität sowie künstlerische Leistungen und Erlebnisse wie Musik, Zeichnen und Malen.
Die rechte Hemisphäre ist spezialisiert auf:
- Gefühlsmäßiges Denken
- Konkretes Denken
- Anfassen und Begreifen
- Ganzheitliches Arbeiten
- Integrieren
- Musik, Geräusche
- Farben, Gerüche
- Schriftbilder
- Formen, Bilder, Gestalten
- Räumliches Nebeneinander
- Sehen, Fühlen, Deuten und Verstehen
- Intuition, Kreativität
Das Zusammenspiel der Gehirnhälften: Ein unschlagbares Team
Insgesamt arbeiten die linke und rechte Gehirnhälfte zusammen, um eine optimale Gehirnleistung zu erzielen. Während die linke Gehirnhälfte für analytische Aufgaben zuständig ist, übernimmt die rechte Gehirnhälfte kreative und intuitive Aufgaben. Das Zusammenspiel von rechter und linker Gehirnhälfte ist für uns von großer Bedeutung. Das rechte Zentrum lässt uns erst die volle Bedeutung von Sätzen, nicht nur das Gesagte, sondern das Gemeinte verstehen.
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Mythen und Fakten über die Gehirnhälften
Viele Mythen ranken sich um die Unterschiede zwischen der linken und rechten Gehirnhälfte. Besonders verbreitet ist die Theorie einer "left-brained" versus "right-brained" Persönlichkeit. Das meiste davon ist nicht wissenschaftlich fundiert. Neurowissenschaftler:innen untersuchen funktionelle Asymmetrien der Gehirnhälften, sogenannte Lateralisierungen. Sie messen die Dominanz einer Seite für eine bestimmte Funktion. Beide Gehirnhälften sind immer aktiv, und Gehirntraining von nur einer Hirnhälfte ist ein Mythos.
Es gibt natürlich nicht den linken und rechten Gehirntyp in Reinkultur, genauso wenig wie rein auditive oder visuelle Lerntypen.
Der Ballerina-Test: Ein umstrittenes Konzept
Im Internet kursieren Tests, die vorgeben, feststellen zu können, ob jemand "left-brained" oder "right-brained" ist. Ein Beispiel ist die Animation einer drehenden Ballerina-Tänzerin. Beobachter sollen entscheiden, ob sie die Pirouette als Links- oder Rechtsdrehung wahrnehmen. Daraus werden dann Schlüsse über die Persönlichkeit gezogen. Was steckt dahinter? Jedenfalls keine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse.
Tatsächlich ist die Animation intensiv untersucht in neurowissenschaftlichen Studien. Sie zeigen, dass die rechte Gehirnhälfte stärker involviert ist in die Verarbeitung von menschlichen Bewegungen als die linke. Das könnte erklären, wieso die Drehung von vielen als Rechtsdrehung (d.h., im Uhrzeigersinn) wahrgenommen wird. Diese Interpretation ist allerdings umstritten. Außerdem wurde gezeigt, dass einige Menschen bewusst beeinflussen können, ob sich die Ballerina für sie links- oder rechtsherum dreht. Die wahrgenommene Drehrichtung sagt also nichts darüber aus, ob jemand "mehr links oder rechts denkt". Die rechte Hirnhälfte aktiviert sich bei den meisten Menschen verstärkt, egal in welche Richtung sich die Tänzerin dreht. Schlüsse über die Persönlichkeit lassen sich aus der Wahrnehmung der Tänzerin übrigens leider auch nicht ziehen.
Emotionen und die rechte Gehirnhälfte
Heute wird stattdessen ein Zusammenhang zwischen einer Dominanz der rechten Hirnhälfte und Emotionen wissenschaftlich diskutiert - allerdings nur negativer Emotionen! Auf der Suche nach der Ursache für Depressionen haben Forscher:innen die Valenzhypothese vorgeschlagen. Die Idee ist, dass eine Hyperaktivität der rechten Gehirnhälfte dazu führe, dass negative Gefühle stärker verarbeitet werden, pessimistische Gedanken auftauchen und unkonstruktive Denkmuster entstehen. Aktivität in der rechten Hirnhälfte sei außerdem verknüpft mit Selbstreflektion, die bei depressiven Patient:innen häufig intensiver ist als bei gesunden Menschen. Die rechte Hirnhälfte spielt auch eine wichtige Rolle bei der Anpassung unseres Erregungszustands. Das könnte erklären, wieso depressive Menschen häufig an Schlafproblemen leiden.
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Neglect: Wenn die rechte Gehirnhälfte ausfällt
Menschen, die eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte, meist am Scheitellappen, erlitten haben, zeigen einen sogenannten Neglect. Bei diesem Krankheitsbild passiert etwas, das für Außenstehende schwierig nachzuvollziehen ist: Die linke Hälfte der Welt wird normal wahrgenommen, aber kaum verarbeitet und deshalb ignoriert.
Die rechte Gehirnhälfte ist hauptverantwortlich für einen Großteil der Wahrnehmung von linksseitigen Sinneseindrücken und Bewegung unserer linken Körperhälfte. Daher führt eine Schädigung in der rechten Hirnhälfte zu Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit für die linke Hälfte der Umwelt, genannt linksseitiger Neglect.
Die linke Gehirnhälfte wiederum steuert (die meisten) Bewegungen und Wahrnehmungen der rechten Körperhälfte. Trotzdem folgt auf eine Schädigung der linken Gehirnhälfte nur selten ein rechtsseitiger Neglect. Forscher:innen schließen daraus, dass die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz hat für die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit und zwar sowohl nach links als auch nach rechts.
Die Plastizität des Gehirns: Lernen und Anpassung
Das Gehirn ist ein dynamisches Organ, das sich ständig an neue Erfahrungen anpasst. Diese Fähigkeit wird als Plastizität bezeichnet. Durch Lernen und Training können wir die Verbindungen zwischen den Nervenzellen stärken und neue Verbindungen schaffen. Dies ermöglicht es uns, neue Fähigkeiten zu erlernen und unser Gedächtnis zu verbessern.
Um das Gedächtnis zu verbessern, müssen Synapsen verstärkt werden. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Verbindung zwischen systematischem Denken und Intuition. Um die Zusammenarbeit und Synchronisation beider Gehirnhälften zu stärken, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Multisensorische Aktivitäten: Durchführen von Tätigkeiten, die mehrere Sinne ansprechen und somit beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren.
- Kinesiologische Übungen: Übungen, die die Koordination zwischen beiden Gehirnhälften verbessern sollen.
Es ist wichtig zu beachten, dass Übungen, die angeben, lediglich eine Gehirnhälfte zu trainieren, wissenschaftlich nicht fundiert sind. Bei jeglicher Art von Gehirntraining werden immer beide Hälften aktiv, jedoch in unterschiedlicher Form.
Gehirntraining für mehr Aufmerksamkeit und Konzentration
Obwohl die rechte Gehirnhälfte eine Dominanz für räumliche Aufmerksamkeit hat, arbeiten im gesunden Gehirn die Hälften immer zusammen. Ihre Aufmerksamkeit zu trainieren ist aber trotzdem möglich. Es gibt Übungen, die gezielt diese Funktionen und Fähigkeiten ansprechen: Bei regelmäßigem Training verlängern sie die Aufmerksamkeitsspanne und verbessern den Fokus.