Das menschliche Gedächtnis ist ein komplexes System, das uns ermöglicht, Informationen aufzunehmen, zu speichern und wieder abzurufen. Es ist die Grundlage für unser Lernen, unsere Erfahrungen und unsere Identität. In der Wissenschaft werden hauptsächlich drei Gedächtnismodelle unterschieden: das Ultrakurzzeitgedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen diesen Gedächtnisspeichern, ihre Funktionen und wie sie zusammenarbeiten, um unsere Merkfähigkeit zu beeinflussen.
Die drei Gedächtnismodelle im Überblick
Das Ultrakurzzeitgedächtnis (UKZ)
Das Ultrakurzzeitgedächtnis, auch sensorisches Gedächtnis genannt, steht am Anfang des Gedächtnisprozesses. Es speichert Informationen, die über unsere Sinne aufgenommen werden, für einen sehr kurzen Zeitraum von etwa 0,5 bis 2 Sekunden. Während dieser Zeit werden die Informationen auf ihre Wichtigkeit hin überprüft und gefiltert. Nur ein geringer Teil der Informationen schafft den Sprung ins Kurzzeitgedächtnis.
Funktionsweise und Kapazität:
Das UKZ hat eine enorme Aufnahmekapazität und kann Millionen von Informationen speichern, die für die Orientierung an einem Ort notwendig sind. Die Speicherzeit ist von der Sinnesmodalität abhängig. Akustische Informationen werden meist länger, bis zu 2 Sekunden, sensorisch abgespeichert.
Alltagsbeispiel:
Ein Beispiel für die Funktion des UKZ im Alltag ist das schnelle Gehen oder Laufen mit geschlossenen Augen. Man fühlt sich für 0,5 bis 2 Sekunden noch recht sicher, bis einem plötzlich die Angst überkommt und man die Augen öffnen muss, da man die Orientierung verloren hat. Nach dieser kurzen Zeit ist die im UKZ gespeicherte Repräsentation der Umgebungssituation verloschen.
Das Kurzzeitgedächtnis (KZG)
Das Kurzzeitgedächtnis, oft auch als Arbeitsgedächtnis bezeichnet, ist ein besonders wichtiger Teil unseres Gedächtnis. Es nimmt Informationen nur über einen kurzen Zeitraum auf und verarbeitet sie, bevor sie entweder verblassen oder erfolgreich ins Langzeitgedächtnis gelangen.
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Speicherdauer und Kapazität:
Die Speicherdauer des Kurzzeitgedächtnisses beträgt nur zwischen 20 Sekunden und maximal einer Stunde. Diese Zeitspanne resultiert aus den unterschiedlichen Ergebnissen verschiedener wissenschaftlicher Experimente. Alle Informationen, die wir über einen Zeitraum von mehr als 1 Stunde gespeichert haben, befinden sich bereits im Langzeitgedächtnis. Das Kurzzeitgedächtnis hat ein unfassbar limitiertes Aufnahmevermögen.
Bestimmung der eigenen Gedächtnisspanne:
Die begrenzte Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses lässt sich leicht anhand eines kleinen Experiments verdeutlichen:
Decke die oben stehenden Zahlenreihen mit einem Blatt Papier ab. Es sind insgesamt 6 Zahlenreihen, wobei die erste Zahlenreihe aus 4 einzelnen Ziffern und die letzte Zahlenreihe aus 9 Ziffern besteht. Deine Aufgabe ist es nun, angefangen mit der ersten Zahlenreihe, jede Zahlenreihe absolut fehlerfrei zu lernen und dann im Anschluss aufzuschreiben. Allerdings gibt es dabei etwas zu beachten: Man muss jede Ziffer im Abstand von 1 - 2 Sekunden laut vorlesen und sie nur einmal angucken. Probiere es nun mit der ersten Zahlenreihe und schreibe die vier Ziffern dann gleich auf. Jetzt kannst Du gleich kontrollieren, ob es richtig war. Wahrscheinlich schon, oder? Nun lese die nächste - nunmehr fünfstellige - Zahlenreihe langsam (wieder im Abstand von 1 - 2 Sekunden) laut vor und schreibe die gelernte Zahl wieder auf (die vorherige 4-stellige Zahl ist nicht mehr wichtig und kann vergessen werden). Das ging auch noch ganz gut, oder? Nun versuche es aber in entsprechender Weise mit den anderen Zahlenreihen.
In der Regel können sich Menschen 6 bis 7 Ziffern bzw. sonstige Informationseinheiten merken. Dies gilt unabhängig davon, ob man den Test mit Ziffern, Buchstaben, Wörtern, Richtungsänderungen, Tonabfolgen oder Farben macht.
Arbeitsgedächtnis:
Das Kurzzeitgedächtnis wird oft auch als Arbeitsgedächtnis bezeichnet, da es für das Lösen von Denkaufgaben unerlässlich ist. Der begrenzte Umfang unseres Kurzzeitgedächtnisses bestimmt den Schwierigkeitsgrad von Denkaufgaben.
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Verletzlichkeit des Kurzzeitgedächtnisses:
Das Kurzzeitgedächtnis ist verletzlich bezüglich aufgenommener und zwischengespeicherter Informationen. Wenn man beispielsweise von einem Freund eine Telefonnummer gesagt bekommt und sich diese merken möchte, aber dann das Gespräch fortgesetzt wird und andere Zahlen genannt werden, kann es passieren, dass die Telefonnummer aus dem Kurzzeitgedächtnis verdrängt wird und verloren geht.
Das Langzeitgedächtnis (LZG)
Das Langzeitgedächtnis ist der wohl bekannteste Gedächtnisspeicher. Informationen, die es ins Langzeitgedächtnis schaffen, können dort potentiell unbegrenzt lange gespeichert werden.
Eigenschaften des Langzeitgedächtnisses:
Unbegrenzte Speicherdauer: Die Beständigkeit der gespeicherten Information ist mutmaßlich unbegrenzt. Viele Gehirnforscher sind der Meinung, dass man im Grunde nichts vergessen kann, was einmal im Langzeitgedächtnis abgespeichert worden ist. Das Wissen ist im Grunde noch vorhanden, nur leider kann man es nicht mehr wiederfinden.
Unbegrenzte Kapazität: Die Speicherkapazität unseres Langzeitgedächtnisses ist unbegrenzt. Beim Lernen müssen Sie sich diese Gedanken dagegen nicht machen - egal, wie viel wir lernen, um vielleicht 1 Million in einer der Wissensshows „abzusahnen“. Unser Langzeitspeicher wird niemals voll sein.
Kurze Abrufzeit: Wir haben enorm effiziente Mechanismen, um Informationen mit großer Sicherheit in Sekundenbruchteilen abrufen zu können; und das bei einer unglaublich großen Datenmenge, die bei jedem von uns im Langzeitgedächtnis vorhanden ist.
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Organisation des Langzeitgedächtnisses:
Das Langzeitgedächtnis wird in verschiedene Gedächtnisformen unterteilt, die unterschiedliche Inhalte abspeichern.
- Deklaratives Gedächtnis: Besteht aus persönlichen Erinnerungen (episodisches Gedächtnis) und dem Faktenwissen (semantisches Gedächtnis).
- Nicht-deklaratives Gedächtnis: Umfasst Fertigkeiten wie Laufen, Schreiben oder Fahrradfahren, aber auch erlernte Ängste oder Konditionierungen.
Der Hippocampus und das Langzeitgedächtnis:
Der Hippocampus, eine Struktur im Gehirn, überführt bewusst gelernte Gedächtnisinhalte vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis. Dies passiert vor allem im Schlaf. Experimente mit Ratten haben ergeben, dass auch bei der Formung von Inhalten des Langzeitgedächtnisses, die ursprünglich ohne Beteiligung des Hippocampus entstanden waren, im Schlaf auf den Hippocampus zurückgegriffen wird.
Merkfähigkeit: Wenn das Gedächtnis nachlässt
Erinnerungen sind für uns kleine Anker im Alltag. Sie geben uns Halt, lassen uns von Erlebtem lernen und verbinden uns mit anderen Menschen. Doch was, wenn genau diese Fähigkeit nachlässt und es immer schwerer fällt, sich an Dinge zu erinnern? Merkfähigkeitsstörungen können vieles durcheinanderbringen.
Was ist eine Merkfähigkeitsstörung?
Eine Merkfähigkeitsstörung kann vorliegen, wenn du Probleme hast, neue Informationen aufzunehmen, zu speichern und zu einem späteren Zeitpunkt korrekt wieder abzurufen. Diese Schwierigkeiten können sich sowohl auf das Kurzzeit- als auch das Langzeitgedächtnis auswirken. Betroffene haben in der Regel Probleme, sich Namen, Termine oder Aufgaben zu merken und vergessen häufig wichtige Details.
Ursachen von Merkfähigkeitsstörungen:
Im ersten Schritt ist es wichtig zu verstehen, dass eine Merkfähigkeitsstörung nicht automatisch auf eine schwerwiegende Erkrankung hindeutet. Vielmehr sind es oft Phasen oder leicht zu behebende Ursachen, die dahinterstecken. Das Risiko für Merkfähigkeitsstörungen steigt mit zunehmendem Alter und in Phasen von extremem Stress besonders an. Ein weiterer wichtiger Faktor ist deine Schlafqualität. Während der Schlafphase verfestigt unser Gehirn die tagsüber gelernten Inhalte. Chronischer Schlafmangel kann die Merkfähigkeit beeinträchtigen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Sollten bei dir über einen längeren Zeitraum mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, die dich in deinem Alltag massiv einschränken, dann hole am besten ärztlichen Rat ein. Besonders wenn weitere Symptome wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Verwirrtheit hinzukommen, solltest du das unbedingt abklären lassen. In der Arztpraxis können mögliche Ursachen identifiziert werden und du erfährst, ob tatsächlich eine Merkfähigkeitsstörung vorliegt.
Tipps zur Verbesserung der Merkfähigkeit:
Loci-Methode: Eine Gedächtnistechnik, bei der man sich Informationen anhand von Orten merkt.
Spaced Repetition: Teile komplexe Lerneinheiten in kleine Einheiten auf, wiederhole das Gelernte regelmäßig und wende es nach Möglichkeit auch praktisch an.
Achtsamkeit: Achte auf den gegenwärtigen Moment und vermeide Ablenkungen.
Gesunder Lebensstil: Achte auf gesunde Ernährung, ausreichend guten Schlaf und regelmäßige Bewegung.
Gedächtnistraining: Trainiere dein Gedächtnis regelmäßig mit unterschiedlichen Methoden.
Wie das Gehirn Erinnerungen "markiert"
Eine neue Studie hat gezeigt, dass das Gehirn von Menschen und Säugetieren über ein System verfügt, das unterscheidet, ob eine Lebenserfahrung wichtig für unsere Arbeit oder unser weiteres Leben ist. Forscher haben herausgefunden, dass Zellen im Hippocampus des Gehirns im Wachzustand nach einem bestimmten Muster arbeiten. Dabei senden Nervenzellen in einem bestimmten Bereich des Hippocampus, dem Gyrus dentatus, synchrone Signale aus, die etwa 50 Millisekunden lang anhalten. Erfahrungen aus dem Wachzustand, die als wichtig erachtet werden, werden in dauerhafte Erinnerungen umgewandelt, während andere keine dauerhaften oder nachhaltigen Erinnerungen bilden. Das Gehirn entscheidet instinktiv und autonom darüber, was wichtig ist.
Was wir daraus lernen können:
Unser Gehirn nicht mit zu vielen gleichformatigen Informationen zu überlasten, sondern eher in unterschiedlichen Ebenen zu denken und verschiedene Tätigkeiten und geistige Fähigkeiten zu kombinieren. Mit Erfolgen verbundene Ereignisse, die auf eine Pause folgen, sind eher im Langzeitgedächtnis zu finden.
Gedächtnis & Konzentration fördern
Unser Gedächtnis vollbringt täglich Höchstleistungen. Die Erinnerung an die erste große Liebe, die Fähigkeit zu Rechnen oder zu Lesen oder sich die Hauptstadt von Frankreich merken - all das sind kognitive Fähigkeiten, die ohne unser Gedächtnis gar nicht erst möglich wären. In stressigen oder belastenden Phasen, kann es jedoch vorkommen, dass unser Gedächtnis nachlässt.
Wie funktioniert unser Gehirn?
Das menschliche Gehirn ist individuell und einzigartig und vollbringt jeden Tag erstaunliche Leistungen. Die unterschiedlichsten Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen werden sortiert, gefiltert und in unserem Gedächtnis abgespeichert. Unser Gehirn ist also stets damit beschäftigt, aus der Fülle von Eindrücken, die wichtigsten Informationen herauszufiltern. Mit unseren fünf Sinnesorganen - Riechen, Schmecken, Fühlen, Sehen und Hören - nehmen wir diese Informationen auf. Milliarden von Nervenzellen sorgen dafür, dass die Informationen schließlich miteinander verbunden werden können. Jede Informationsverarbeitung führt zu einer Veränderung der Nervenzellen im Gehirn.
Wie lassen sich Gedächtnisstörungen feststellen?
Ob eine krankhafte Veränderung der Gedächtnisleistung vorliegt, kann mithilfe verschiedener Tests festgestellt werden. Zunächst wird überprüft, ob eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Vitamin-B12-Mangel vorliegen. Sollte die Symptomatik unklar sein, kann auch eine Nervenwasseruntersuchung durchgeführt werden. Oft wird auch die Hirnstromkurve gemessen, da verlangsamte Schwingungen in diesen Kurven ebenfalls auf eine Gedächtnisstörung schließen lassen. Um festzustellen, ob eine Aterienverkalkung vorliegt, wird auch die Halsschlagader untersucht. Können diese Ursachen ausgeschlossen werden, muss eine eventuelle psychische Erkrankung abgeklärt werden.
Steigerung der Gedächtnis- und Konzentrationsleistung:
Eine Steigerung der Gedächtnis- und Konzentrationsleistung kann oft mit einfachen Mitteln erzielt werden.
Gehirnnahrung: Für eine gute Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeit benötigt unser Gehirn ausreichend Nährstoffe. Da unser Blutzuckerspiegel vor allem morgens nach dem Aufstehen tief ist, sollte man dem Körper ausreichend Kohlenhydrate in Form von Volkornbrot oder Müsliprodukten zu sich führen. Auch wertvolle Vitamine, die in Obst wie Bananen, Äpfeln oder Birnen enthalten sind, sollten beim Frühstück nicht fehlen. Zum Mittagessen empfiehlt sich fettarmes Fleisch, Gemüse und Salate. Auf Hochtouren kommt unser Gehirn auch durch Omega-3-Fettsäuren, die in Fisch (vor allem Lachs, Thunfisch, Sprotte und Hering) enthalten sind. Für eine gesunde Funktionsfähigkeit unseres Gehirns ist natürlich auch Wasser wichtig. Schüler und Studenten, die sich gerade in einer stressigen Prüfungsphase befinden oder Berufstätige mit einer zeitaufwendigen Tätigkeit, haben oft nicht die Zeit frisch zu kochen und alle wichtigen Nährstoffe über die Nahrung aufzunehmen. Für sie gibt es die Möglichkeit, ihr Gedächtnis durch sogenannte Gehirnnahrung fit zu halten. Um das Gehirn auf Hochtouren zu bringen, empfiehlt sich Gehirnnahrung mit Omega-3-Komplex, Vitamin-B12-Komplex sowie Magnesium und Calcium.
Gedächtnistraining: Unsere geistige Leistungsfähigkeit kann auch durch Gedächtnistraining verbessert werden. Im Internet gibt es zahlreiche Übungen, die unser Gedächtnis trainieren. Ein ganzheitliches und effektives Gedächtnistraining sollte alle Sinne und beide Gehirnhälften miteinbeziehen. So werden Lernfähigkeit und Erinnerungsvermögen gesteigert und eine lebenslange Forderung des Gehirns, kann sogar Alzheimer entgegenwirken. Eine tolle Übung ist zum Beispiel Telefonnummern auswendig zu lernen anstatt auf den Handyspeicher zurückzugreifen. Eine weitere effektive Übung ist, die Einkaufsliste zu Hause zu lassen und sich beim Einkaufen an alle Waren auf der Liste zu erinnern. Merken Sie sich außerdem Passwörter, Benutzernamen und PINS auswendig. Viele kostenlose Apps bieten heutzutage außerdem die Möglichkeit das Gehirn mithilfe von Rätseln und Spielen zu trainieren.
Pflanzliche Hilfe: Neben Gehirnnahrung und Gedächtnistrainings greifen auch immer mehr Menschen auf pflanzliche Alternativen zurück. Studien konnten die positive Wirkung von Ginkgo auf die mentale Leistungsfähigkeit nachweisen. Ginkgo Präparate sind sehr gut verträglich und haben positive Effekte auf unsere Gehirnzellen. Der Wirkstoff der Pflanze gewährleistet die Energieversorgung der Zellen und ist sogar in der Lage, geschädigte Zellen zu reparieren. Darüber hinaus fängt Ginkgo freie schädliche Radikale ab und fördert die Durchblutung des Gehirns.
Das sensorische Gedächtnis: Die Verbindung zur Wahrnehmung
Das sensorische Gedächtnis stellt die Verbindung zwischen Wahrnehmung und Gedächtnis dar. Es wird auch sensorisches Register, Ultrakurzzeitgedächtnis oder ikonisches Gedächtnis genannt. Im sensorischen Gedächtnis erfolgt die Verarbeitung von Reizen nach der Aufnahme aus der Außenwelt. Dieser Prozess läuft unbewusst ab. Nicht jeden Reiz, den unsere Sinne aufnehmen, nehmen wir auch bewusst war. Es handelt sich hier um kurze flüchtige Sinneseindrücke davon, was eben erst wahrgenommen wurde, zum Beispiel was wir gerade gehört haben. Die Reize werden kurz zwischengespeichert und wenn sie wichtig sind an das Kurzzeitgedächtnis weitergegeben. Die einfließende Information wird vor Bewusstwerden gefiltert, so dass wir nicht von Reizen überflutet werden. Dabei gibt es Unterschiede in der Dauer der Zwischenspeicherung.
Das Kurzzeitgedächtnis: Ein Zwischenspeicher
Das Kurzzeitgedächtnis ist der erste bewusste Teil des Gedächtnisses. Es erhält einkommende Informationen aus dem sensorischen Gedächtnis. Dieser Teil des Gedächtnisses ist ein Zwischenspeicher für Informationen, die nachfolgend aufrechterhalten, manipuliert, weiterverarbeitet werden oder auch verloren gehen. Ein Beispiel: Schlägt man im Telefonbuch eine Telefonnummer nach, so wiederholt man sie beim Gang zum Telefon, um sie dann wählen zu können. Die Information wird also aufrechterhalten. Nach Eingabe der Nummer kann man sich oft nur noch an wenige Zahlen erinnern. Wird man beim Gang zum Telefon beim Wiederholen der Nummer durch einen Mitbewohner gestört, der eine Frage stellt, so kann die Information (die Telefonnummer) ebenso verloren gehen, da man neuen Input erhält. Das Kurzzeitgedächtnis hat nämlich eine eingeschränkte Kapazität; sie ist auf ca. 5 - 9 Informationseinheiten beschränkt, die gleichzeitig gehalten werden können. Diese können im zeitlichen Rahmen von wenigen Sekunden bis Minuten fortbestehen. Eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung von Informationen im KZG spielt die Aufmerksamkeit. So reagiert es empfindlich auf Störungen wie Geräusche, wie im obigen Beispiel beschrieben. Dabei wurde die Aufmerksamkeit auf einen anderen Inhalt gelenkt, wodurch die Telefonnummer nicht mehr vollständig erinnert werden konnte. Werden Erinnerungen im KZG aufrechterhalten oder manipuliert, so spricht man vom Arbeitsgedächtnis. Eine Manipulation kann z.B. Kopfrechnen sein, da man die einzelnen Komponenten der Rechenaufgabe verbinden muss (2 + 5 = 7).
Die Untersysteme des Arbeitsgedächtnisses
Das Arbeitsgedächtnis ist untergliedert in verschiedene Untersysteme. Zu diesen gehören die phonologische Schleife, der episodische Puffer, der räumlich-visuelle Notizblock sowie die zentrale Exekutive, die die drei vorhergehenden kontrolliert sowie sich mit ihnen austauscht. Die phonologische Schleife, der episodische Puffer und der räumlich-visuelle Notizblock dienen als Zwischenspeicher der Informationen für eine weitere Bearbeitung.
Die phonologische Schleife: Ist für die zeitlich begrenzte Speicherung von verbaler Erinnerung innerhalb des Arbeitsgedächtnisses zuständig. Informationen werden ähnlich wie bei der Wiederholungsschleife eines Tonbandgeräts immer wieder abgespielt. Soll man sich beispielsweise eine Telefonnummer merken, so wiederholt man immer wieder die Zahlenfolge. Das innere Sprechen während der Wiederholung ist unersätzlich für die Funktionsweise der phonologischen Schleife und des verbalen Arbeitsgedächtnisses.
Der räumlich-visuelle Notizblock: Ist der geistige Zwischenspeicher im Arbeitsgedächtnis für visuelle und räumliche Informationen. Dieser kommt beispielweise zum Einsatz, wenn wir anhand von Straßenplänen einen Weg beschreiben oder uns einen Gegenstand vorstellen, den wir innerlich drehen. Der räumlich-visuelle Notizblock hat wie die phonologische Schleife eine begrenzte Kapazität von ungefähr 2 Sekunden.
Die zentrale Exekutive: Ist eine Art Kontrollinstanz für die phonologische Schleife und den räumlich-visuellen Notizblock. Sie filtert die eingehenden Informationen aus dem sensorischen Gedächtnis nach ihrer Wichtigkeit. Wichtige Informationen werden dann an die zuständigen Speicher weitergegeben. Visuelle und räumliche Infos werden im räumlich-visuellen Notizblock bearbeitet, sprachliche von der phonologischen Schleife. Die zentrale Exekutive leitet Informationen jedoch nicht nur weiter, sie leitet auch die Aufmerksamkeit auf die gerade gebrauchte Speicherinstanz. Außerdem ist die zentrale Exekutive für die Manipulation der Information zuständig.
Weitere Faktoren, die das Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigen sind Stress, Angst, Überlastung, Alkohol, Krankheiten wie Depressionen und einige Medikamente.
Das Langzeitgedächtnis: Unser Speicher für alles Erlebte
Das Langzeitgedächtnis ist unser Speicher für alles, was wir bisher erlebt haben und alles, was wir im bisherigen Leben gelernt haben. Das Langzeitgedächtnis bildet für jeden Mensch das Tor zu seinen Erlebnissen, dem Wissen, das man im Laufe des Lebens erwirbt und zu den Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man lernt. Die Erinnerung an den ersten Kuss ist genauso gespeichert wie die Fähigkeit, einen Salto zu machen.
Die Unterteilung des Langzeitgedächtnisses
Unterteilt wird das Langzeitgedächtnis in das deklarative und das non-deklarative Gedächtnis.
Deklaratives Gedächtnis: Im deklarativen Gedächtnis werden Erinnerungen gespeichert, die bewusst zugänglich sind und mit Worten beschrieben werden können; wie selbsterlebte Ereignisse und Faktenwissen. Das deklarative Gedächtnis wird auch explizites oder bewusstes Gedächtnis bezeichnet da die gespeicherten Inhalte beschrieben werden können (deklarieren = erklären) und explizit sind, also bewusst zugänglich sind. Es wird unterteilt in das episodische und das semantische Gedächtnis. Eine Gemeinsamkeit der beiden Untersysteme ist die flexible Kommunikation der Erinnerungen.
Episodisches Gedächtnis: Speichert Erinnerungen an autobiographische Ereignisse. Dazu zählen Situationen, die man selbst erlebt hat, über die man dadurch ein hohes Detailwissen hat und meist Auskunft über Orte und Zeitangaben geben kann. Ein weiteres Merkmal von autobiographischen Erinnerungen ist die flexible Kommunikation der Erinnerung.
Semantisches Gedächtnis: Inhalte des semantischen Gedächtnisses kann man auch als Faktenwissen bezeichnen. Dazu gehört das Wissen über Begriffe, Objekte und Tatsachen. Fakten sind meist ohne Rahmenbedingungen gespeichert; das heißt, wir wissen nicht mehr, wann und wo wir dies gelernt haben. Diese Art von Wissen benötigt zumeist mehrmaliges Wiederholen, bis eine Information gespeichert ist.
Non-deklaratives Gedächtnis: Im non-deklarativen Gedächtnis werden Fertigkeiten gespeichert, die durch Üben verbessert werden können. Sie werden erworben und abgerufen, ohne dass man sich dessen immer bewusst ist. Fertigkeiten umfassen alle möglichen Bewegungs- und Handlungsabläufe unseres Alltags. Dazu zählen nicht nur komplexe Fertigkeiten wie Fußball spielen, lesen oder sprechen, sondern auch vermeintlich einfache wie der Griff nach einer Tasse. Viele Fertigkeiten wurden schon früh in der Kindheit erworben und an den Prozess kann man sich zumeist gar nicht erinnern. Fertigkeiten werden durch Wiederholungen gelernt und verbessert. Das prozedurale Gedächtnis speichert ab, wie Fertigkeiten ausgeführt werden; daher ist eine Fertigkeit im Vergleich zu Inhalten/Erinnerungen im deklarativen Gedächtnis meist schwer zu benennen.
Enkodierung, Konsolidierung und Abruf
- Enkodierung: Die Übersetzung der Informationen aus der Außenwelt (oder des Körpers) in einen neuronalen Code, so dass das Gehirn diese Informationen lesen kann.
- Konsolidierung: Prozesse im Gehirn, die zu einer dauerhaften Speicherung von Informationen führen. Dabei werden die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die die zu einer Episode gehörenden Informationen verarbeiten, verstärkt. Dadurch bilden sich Netzwerke von Nervenzellen aus, welche die zu einer Erinnerung gehörenden Informationen gespeichert haben.
- Abruf: Der Abruf von gespeicherten Informationen aus dem Gedächtnis kann bewusst oder unbewusst geschehen.
Enkodierungsprozesse beeinflussen den Behaltenserfolg und den Abruf von gelernter Information. Informationen werden besser gespeichert, wenn sie bedeutungsvoll sind. Außerdem hilft es, neue Informationen mit bereits gelerntem Wissen zu verknüpfen, um es leichter abrufen zu können. Vor allem wenn man es mit selbstbezogenem Wissen verknüpft oder über die Bedeutung der zu lernenden Information nachdenkt, ist dies effektiver, als stumpfes Wiederholen. Weiterhin verbessert sich der Abruf, wenn die Rahmenbedingungen beim Lernen dieselben sind wie beim Abruf. Dies trifft sowohl für den physikalischen Kontext wie die Umgebung oder die Körperposition zu, als auch für die Erscheinungsform der Information (Wörter, Bilder, anderes).
Verschiedene Formen des non-deklarativen Gedächtnisses
Sensumotorische Fertigkeiten: Tätigkeiten wie Autofahren, Tanzen oder aus einem Glas trinken. Dies sind gelernte Bewegungsmuster, die anhand von Sinneseindrücken ausgeführt werden.
Kognitive Fertigkeiten: Aufgaben, bei denen wir unser Gehirn zum Lösen von Problemen einsetzen oder zum Anwenden von Strategien einsetzen.
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