Was passiert, wenn wir sterben? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit Anbeginn der Zeit. Während spirituelle und religiöse Vorstellungen oft Trost und Erklärungen bieten, versucht die Wissenschaft, den Schleier des Unbekannten mit Hilfe empirischer Forschung zu lüften. Eine aktuelle Studie der Universität Michigan hat nun für Aufsehen gesorgt, da sie unerwartete Hirnaktivitäten bei Sterbenden aufzeigt. Diese Ergebnisse könnten möglicherweise Nahtoderfahrungen erklären, werfen aber gleichzeitig neue Fragen auf und werden von einigen Wissenschaftlern kritisch hinterfragt.
Unerwartete Hirnaktivität im Sterbeprozess
Jimo Borjigin von der University of Michigan untersuchte die Gehirne von Sterbenden mithilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG). Dabei beobachtete sie bei einigen Patienten kurz vor dem Tod enorme Aktivitäten in Hirnbereichen, die normalerweise für das Bewusstsein zuständig sind. Selbst sechs Minuten, nachdem der Körper keinen Sauerstoff mehr erhielt, feuerten bei manchen Menschen noch Synapsen, die normalerweise bei Träumen und Halluzinationen aktiv sind und realistische Erfindungen im Kopf erschaffen.
Borjigin selbst zeigte sich überrascht: „Viele dachten, das Gehirn sei nach dem klinischen Tod inaktiv. Wir zeigen, dass das definitiv nicht der Fall ist. Wenn überhaupt, ist es während des Sterbeprozesses viel aktiver als selbst im Wachzustand."
Diese Ergebnisse könnten eine neurologische Grundlage für Nahtoderfahrungen liefern, bei denen Menschen in Grenzzuständen zwischen Leben und Tod von außerkörperlichen Erfahrungen, dem Sehen eines hellen Lichts oder dem Wiedererleben von Erinnerungen berichten.
Nahtoderfahrungen: Ein Blick ins Jenseits oder Hirngespinste?
Die Interpretation von Nahtoderfahrungen ist vielfältig. Einige sehen darin einen Beweis für ein Leben nach dem Tod oder eine Verbindung zu höheren Mächten. Andere betrachten sie als reine Hirngespinste, die durch die außergewöhnliche physiologische Situation des Sterbens hervorgerufen werden.
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Die Beobachtung, dass die Gehirne der Sterbenden die gleichen Bereiche aktivieren, die auch bei Träumen, Meditation oder Halluzinationen aktiv sind, stützt die These, dass Nahtoderfahrungen eine subjektive Realität erzeugen können, die nicht unbedingt mit der objektiven Realität übereinstimmen muss.
Kritische Stimmen und alternative Erklärungen
Trotz der aufregenden Ergebnisse warnen viele Wissenschaftler vor voreiligen Schlüssen. Auch das Borjigin-Labor selbst betont, dass die Medien die Ergebnisse übertrieben darstellen. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die Forschungsergebnisse Nahtoderfahrungen nicht beweisen und nicht einmal neu sind:
- Bekannte Phänomene: Forscher wissen seit Jahrzehnten, dass sterbende Gehirne elektrische Impulse senden. Neu ist lediglich das Ausmaß und die spezifische Lokalisation dieser Aktivität.
- Oberflächliche Impulse: Einige Experten argumentieren, dass diese Impulse oberflächlich sind und keinen Schluss auf ein funktionierendes Bewusstsein zulassen.
- Alte Daten: Die untersuchten Patientendaten stammen aus dem Jahr 2014 und wurden lediglich erneut ausgewertet.
- Hirntote Patienten: Die Studie untersuchte hirntote Patienten, denen die lebenserhaltenden Maßnahmen abgestellt wurden. Es ist fraglich, ob Menschen ohne höhere Hirnfunktionen diese plötzlich im Sterbeprozess wiedererlangen können.
- Geringe Stichprobengröße: Die Studie umfasste lediglich vier Sterbende, von denen nur zwei die beschriebenen Hirnaktivitäten zeigten.
- Unklare Bedeutung: Die Bedeutung der Hirnaktivitäten ist unklar. Viele Wissenschaftler halten sie für eine Schockreaktion des Gehirns, das den Tod mit allen Mitteln verhindern will.
- Seltene Phänomene: Nur ein geringer Prozentsatz der Überlebenden eines Herzstillstands berichtet von Nahtoderfahrungen. Dies deutet darauf hin, dass sie eher die Ausnahme als die Regel sind und möglicherweise durch andere Faktoren als das Sterben selbst verursacht werden.
Was passiert in den letzten Minuten des Gehirns?
Neuere Forschungen haben sich darauf konzentriert, die Gehirnaktivität in den letzten Minuten des Lebens genauer zu untersuchen. Eine Gruppe von Medizinern auf einer Intensivstation in Kanada beobachtete beispielsweise, dass die Gehirnaktivität einer Patientin sieben Minuten lang anhielt, nachdem ihr lebenserhaltendes System abgeschaltet worden war. Die Hirnströme liefen weiter, als ob die Person schliefe, selbst nachdem die Ärzte sie für klinisch tot erklärt hatten.
Rajalakshmi Tevar hat die letzten sieben Minuten hypothetisch in verschiedene Phasen unterteilt:
- Minute 1: Erinnerungen an die Geburt, das Krankenhaus, die Eltern.
- Minute 2: Glückliche Momente, Kindheitserinnerungen, Zeit mit Freunden und Familie.
- Minute 3: Enge Beziehungen, Liebeserlebnisse, erste Küsse und Umarmungen.
- Minute 4: Einsame und traurige Momente, Verlust von geliebten Menschen.
- Minute 5: Rückblende auf die wunderbaren Momente des Lebens.
- Minute 6: Beurteilung des eigenen Lebens, Bewertung guter und schlechter Taten.
- Minute 7: Geheimnisvoll und unvorhersehbar, keine klaren Erinnerungen.
Es ist wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um eine spekulative Einteilung handelt, die nicht wissenschaftlich belegt ist.
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Die Rolle von Neurochemikalien
Während des Sterbeprozesses werden im Gehirn verschiedene chemische Stoffe wie Dopamin, Melatonin und Serotonin in hoher Konzentration freigesetzt. Wissenschaftler vermuten, dass diese Stoffe eine Rolle bei der Entstehung von Nahtoderfahrungen spielen könnten.
Parallelen zur Migräne und anderen neurologischen Erkrankungen
Interessanterweise gibt es Parallelen zwischen den Hirnaktivitäten im Sterbeprozess und denen bei Migräne oder Schlaganfällen. Der Neurologe Jens Dreier erforscht sogenannte "spreading depolarizations" - große Aktivitätswellen, die bei verschiedenen Hirnerkrankungen und auch beim Sterben auftreten.
Diese Wellen breiten sich mit einer Geschwindigkeit von etwa drei Millimetern pro Minute über das gesamte Gehirn aus und können ähnliche Empfindungen wie bei einer Migräneaura auslösen. Es wird vermutet, dass die Lichterscheinungen kurz vor dem Tod auf diesen pathophysiologischen Prozess zurückgehen könnten.
Die Bedeutung von Sauerstoffmangel
Ein zentraler Faktor im Sterbeprozess ist der Sauerstoffmangel im Gehirn. Wenige Sekunden nach einem Herzstillstand sinkt die Sauerstoffkonzentration im Gehirn, was dazu führt, dass die Nervenzellen in einen Sparmodus wechseln und die neuronale Aktivität massiv gedrosselt wird. Nach etwa 30 bis 40 Sekunden ist die gesamte Hirnaktivität erloschen.
Allerdings sterben die Nervenzellen in dieser Phase noch nicht ab. Sie befinden sich lediglich in einem Zustand der Hyperpolarisation, in dem sie nicht mehr erregt werden können. Erst wenn die Sauerstoffversorgung über längere Zeit ausbleibt, kommt es zu einer riesigen Depolarisationswelle, die letztendlich zum Zelltod führt.
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