Ein verregneter Ostersonntag in der Gegend von Wolfsburg markierte einen Wendepunkt im Leben von Pamela Krischer-Teichmann. Ein Autounfall schleuderte die damals 17-Jährige durch die Frontscheibe, und sie verlor das Bewusstsein. Was folgte, war eine Erfahrung, die ihr Leben für immer verändern sollte: eine Nahtoderfahrung (NTE). Die Geschichte von Pamela ist kein Einzelfall. Viele Menschen berichten von ähnlichen Erlebnissen an der Schwelle zum Tod. Doch was genau passiert in diesen Momenten? Handelt es sich um Halluzinationen, Hirnaktivitäten oder gar um einen Blick ins Jenseits? Die Forschung zu Nahtoderfahrungen und dem Fortbestehen des Gehirns außerhalb des Körpers ist ein komplexes Feld, das Wissenschaftler, Mediziner und Philosophen gleichermaßen beschäftigt.
Was ist eine Nahtoderfahrung?
Eine Nahtoderfahrung (NTE) ist ein tiefgreifendes Erlebnis, das Menschen in lebensbedrohlichen Situationen oder in der Nähe des Todes erfahren. Diese Erfahrungen sind vielfältig und individuell, weisen aber dennoch einige gemeinsame Merkmale auf.
Typische Merkmale einer Nahtoderfahrung
- Außerkörperliche Erfahrung (AKE): Das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen und von außen zu betrachten. Viele Menschen berichten, ihren Körper von oben zu sehen oder im Raum zu schweben.
- Lichtphänomene: Wahrnehmung eines hellen Lichts, oft am Ende eines Tunnels. Dieses Licht wird oft als warm, liebevoll und einladend beschrieben.
- Tunnel-Erfahrung: Das Gefühl, durch einen dunklen Tunnel zu reisen.
- Lebensrückblick: Das Leben zieht wie ein Film vor dem inneren Auge vorbei. Dabei werden wichtige Ereignisse, sowohl positive als auch negative, noch einmal erlebt.
- Begegnungen: Begegnungen mit verstorbenen Verwandten, Freunden oder spirituellen Wesen.
- Positive Gefühle: Gefühle von Frieden, Ruhe, Glückseligkeit und Akzeptanz.
- Verändertes Zeitgefühl: Das Gefühl, dass die Zeit keine Rolle mehr spielt.
Die Häufigkeit von Nahtoderfahrungen
Nahtoderfahrungen sind gar nicht so selten, wie man vielleicht denkt. In einer repräsentativen Umfrage gaben mehr als vier Prozent aller Deutschen an, so etwas durchgemacht zu haben. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands wären das mehr als drei Millionen Menschen. Ziemlich genau gleich viele Männer wie Frauen outeten sich als Nahtoderfahrene. Die alten und die neuen Bundesländer lagen ebenfalls gleichauf, Stadt und Land, Arm und Reich, Protestanten und Katholiken: An der vermeintlichen Schwelle zum Tod sind offensichtlich alle gleich.
Ursachen und Auslöser von Nahtoderfahrungen
Der Begriff "Nahtoderfahrung" legt nahe, dass die geschilderten Erlebnisse vorwiegend in Todesnähe auftreten. Dies ist aber nicht der Fall. Es gibt zahlreiche, sehr unterschiedliche Auslöser dafür, wie zum Beispiel Verkehrsunfälle, intraoperative Zwischenfälle, neurologische Erkrankungen, kardiologische Komplikationen, Geburt, Suizidversuche oder Meditationseffekte. In einer repräsentativen Erhebung in Deutschland gab etwa die Hälfte der Befragten an, sich in einer wirklich lebensbedrohlichen Situation befunden zu haben. Nur sechs Prozent waren sich sicher, klinisch tot gewesen zu sein, wobei sich ihr Urteil mehr an ihrer subjektiven Verfassung als an einem objektiven klinischen Befund orientierte. Offen ist nach wie vor die zentrale Frage, ob sich die Nahtoderfahrungen intensivieren, je näher die Betroffenen an die Grenze zum biologischen, das heißt irreversiblen Tod gekommen sind. Nach heutiger Sicht genügt für die Entwicklung allein schon der subjektive Eindruck und die Überzeugung, dem Tode nahegekommen zu sein.
Wissenschaftliche Erklärungsansätze für Nahtoderfahrungen
Die Wissenschaft versucht, Nahtoderfahrungen auf verschiedene Weise zu erklären. Dabei werden sowohl neurologische, biologische als auch psychologische Faktoren berücksichtigt. Hier sind einige der gängigsten Erklärungsansätze:
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Neurologische Erklärungen
- Hypoxie-Hypothese: Nahtoderfahrungen entstehen durch eine Mangelversorgung des Gehirns mit Sauerstoff (Hypoxie). Dies geschieht in der Regel bei einem Herzstillstand. Über verschiedene Botenstoff-Systeme im Gehirn kommt es zu einer plötzlichen und intensiven Steigerung des Wachheitsgrades des Gehirns und zu Enthemmungsprozessen, die denen gleichen, die bei Fieber, Anästhesie oder unter psychotropen Drogen auftreten. Eine Vielzahl ungelöster Fragen. Damit erklärt man die Überwachheit, die Beschleunigung der Gedanken und Bilder sowie den filmartig ablaufenden Lebensrückblick. Ähnliche Erfahrungen treten auch bei einem erhöhten arteriellen Partialdruck von Kohlendioxid (Hyperkapnie) auf. Durch die dadurch veränderten Blutgas-Verhältnisse im Gehirn können Lichterscheinungen, Außerkörper-Erfahrungen und mystische Visionen entstehen.
- Schläfenlappen-Hypothese: Bei Stimulation des rechten Schläfenlappens treten Erlebnisse der Außerkörperlichkeit auf. Werden tiefere Strukturen gereizt, führt dies darüber hinaus zu Schwebegefühlen, mystischen und religiösen Erlebnissen. Nach oder während eines traumatisierenden Ereignisses werden körpereigene Opiate (Endorphine), Neurotransmitter (Botenstoffe) oder beide freigesetzt, wodurch Schmerzfreiheit, Euphorie und Abspaltungserlebnisse entstehen, während gleichzeitig die Sauerstoffspannung im Gehirn abnimmt. Diese beiden Vorgänge führen in ihrer Kombination zu epilepsieähnlichen Entladungen in Strukturen des Schläfenlappens. Dadurch kommt es zu komplexen Halluzinationen und dem Lebensrückblick. Breiten sich diese Entladungen in weitere Hirnareale aus, entstehen neue Halluzinationen (Lichtsensationen, Tunnel-Erfahrung, Begegnung mit außerirdischen Wesen und religiösen Figuren).
- Neurotransmitter-Hypothese: Dies ist insofern eine partikuläre Hypothese, als sie sich nur auf ein einziges Rezeptoren-System im Gehirn beschränkt und dessen Interaktion mit anderen weitgehend außer Acht lässt. Hierbei spielt der Botenstoff Ketamin eine wichtige Rolle. Durch ihn lassen sich experimentell Tunnel-Erfahrungen, Lichterscheinungen oder Kommunikation mit mythischen Wesen im Sinne einer Modell-Psychose erzeugen.
Psychologische Erklärungen
Psychologische Erklärungsansätze entstammen überwiegend der klassischen Psychoanalyse. Der Mensch könne nicht akzeptieren, dass er sterben muss, und schaffe sich - als Abwehrmaßnahme - eine Gegenvorstellung wie die Vorspiegelung, dass der Geist die Körperhülle verlassen könne und so nicht mehr durch den Tod gefährdet sei. Die akute Krisensituation versetze den Organismus in einen Alarmzustand, der zu einer Übererregung der Wahrnehmungsprozesse führe und diese so von der Wahrnehmung der realen Krisensituation abspalte. Diese Depersonalisationstheorie, die normale Abwehrprozesse beschreibt, erklärt die Nahtoderfahrungen wohl kaum; denn die Depersonalisationserlebnisse der Betroffenen sind keineswegs von unangenehmen Gefühlen des Realitätsverlustes gekennzeichnet, vielmehr empfinden sie diese als angenehm und real. Grotesk mutet schließlich die Erklärung der Tunnel-Erlebnisse an, die eine Erinnerung an die Passage durch den Geburtskanal darstellen würden.
Die AWARE-Studie
Die internationale experimentelle Langzeitstudie „AWARE“ (Awareness during Resuscitation) galt der Frage, ob es während der Bewusstlosigkeit und in der Reanimationsphase von Patienten mit Herzstillstand Außerkörper-Erfahrungen geben kann, ob sie sich also an Personen oder Gegenstände erinnern können, die während ihrer Bewusstlosigkeit um sie waren und die sie von oben, von außerhalb ihres Körpers, gesehen haben. In 25 Kliniken wurden 2060 Patienten untersucht. Die Anzahl derer, die nach der Reanimation interviewt werden konnten, war mit fünf Prozent überraschend gering. Nahtoderfahrungen hatten nur sieben Patienten, und lediglich zwei Patienten berichteten, die Bilder gesehen zu haben, die oberhalb ihres Körpers von den Studienleitern angebracht waren. Außer der Frage, wie sinnvoll und den Regeln klugen psychologischen Experimentierens gemäß eine solche Studie überhaupt ist, bleibt offen, was damit eigentlich erklärt oder sogar bewiesen werden sollte: ein nicht-ortsgebundenes Bewusstsein, ein nicht-stofflicher Körper oder eine neue bislang unbekannte Daseinsform?
Die kulturelle Prägung von Nahtoderfahrungen
Historische, ethnologische und soziokulturelle Untersuchungen haben stets die große Bandbreite von Nahtoderfahrungen betont; ihre Ausgestaltung und Deutung hängt größtenteils von kulturellen Einflüssen ab, zum Beispiel den Jenseitsvorstellungen. Während Begegnungen mit anderen Wesen und Lebensräumen beispielsweise ein allgemeines Merkmal zu sein scheinen, tauchen die Tunnel-Erfahrungen und der Lebensrückblick vorwiegend in christlichen und buddhistischen Kulturen auf. Bei den Ureinwohnern von Nordamerika, Australien und den pazifischen Inseln sind sie dagegen äußerst selten. Es spricht also kaum etwas für die vielfach geäußerte Behauptung, bei Nahtoderfahrungen handle es sich um invariante, universale Phänomene (im Sinne einer philosophia perennis). Selbst innerhalb eines Kulturraums sind die Variationen beträchtlich. Dies zeigte sich auch in Deutschland bei einem Vergleich von West- und Ostdeutschen. So gab es etwa negative Erfahrungen sehr viel häufiger unter Ost- als unter Westdeutschen (60 Prozent beziehungsweise 28,6 Prozent). Seltener waren bei Ostdeutschen Außerkörper- und Lichterfahrungen sowie das Gefühl, sich in einer anderen Welt zu befinden. Unterschiede gab es auch in den Deutungsmustern. Die Herkunft der Nahtoderfahrungen deuteten die Ostdeutschen meist nicht-religiös, das heißt agnostisch und atheistisch. Anders die Westdeutschen: Sie bevorzugten „volksreligiöse“ oder „neureligiöse“ Interpretationen, was eher für eine christlich geprägte Weltsicht spricht. Die Berichte sind also geprägt durch die Art und Weise, wie persönliche Erlebnisse entstehen und wie sie auf dem Hintergrund kommunikativ vermittelten Wissens, zum Beispiel über das Sterben, den Tod und das Jenseits, gedeutet und berichtet werden.
Die Auswirkungen von Nahtoderfahrungen auf das Leben der Betroffenen
Dass Nahtoderlebnisse ganze Biografien prägen, ist unbestritten. Die meisten ändern danach ihr Leben. Manche suchen sich einen anderen Beruf. Andere werden religiös.
Viele Menschen mit Nahtoderlebnissen werden danach stark gläubig. Interviews zwei oder acht Jahre nach der Reanimation eines Herzstillstandes ergaben, dass die Angst vor dem Sterben und dem Tod nachließ, dass sich die Einstellung zu gewohnten Lebenszielen veränderte und eine tiefere Spiritualität erwuchs. Es waren gerade diese transformatorischen Effekte, die ein gewaltiges Medienecho hervorriefen und die Jenseitshoffnungen beflügelten. Die bittere Nachricht aber ist, dass diese empirischen Befunde aus Längsschnittstudien nur auf ein paar wenigen Personen beruhen - in den immer wieder herangezogenen Publikationen stets weniger als zehn. Von einem belastbaren Befund kann also keine Rede sein.
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Christine Brekenfeld etwa erzählt ähnlich beglückt über ihre Nahtoderfahrung wie Krischer-Teichmann. Obwohl sie dabei ihr ungeborenes Kind verloren hat. Brekenfeld ist eine quirlige Berlinerin Ende 40 mit neugierigen Augen und blitzenden Ohrringen. "Wenn ich Wissenschaftler, die selbst keine solche Erfahrung gemacht haben, darüber sprechen höre", sagt sie, "dann kommt mir das oft so vor, als würden Blinde über Farben dozieren." Selbst hat sie sich vor ihrer NTE nie mit diesem Thema beschäftigt. "Ich war ein sehr rationaler Mensch. Bis vor knapp neun Jahren, im Juli 2004.
Pamela Krischer-Teichmann wiederum arbeitet an einem Buch über ihre NTE und die Folgen. Aus dem Jenseits habe sie eine Art siebten Sinn mitgebracht, sagt die Arzthelferin. Manchmal spüre sie zum Beispiel auf den ersten Blick, was einem Kranken fehle. Und bis heute spreche die Stimme aus dem Himmel gelegentlich zu ihr. Im Straßenverkehr etwa erhalte sie die Warnung: "Vorsicht, abbremsen!" - und kurz darauf komme ihr ein Wagen entgegengerast. Sie hofft, dass in Zukunft noch mehr Menschen von diesen Kräften aus dem Jenseits profitieren werden. Denn irgendeinen Sinn müsse es ja haben, dass sie vom Tod gerettet worden sei.
Das Gehirn außerhalb des Körpers: Visionen und Realität
Dem russischen Unternehmer Dmitri Itzkow, Gründer des Medienkonzerns New Media Stars, sind die Ansätze von LifeNaut zu zaghaft. Er beschäftigt etwa 30 Wissenschaftler, die nicht nur Persönlichkeiten digitalisieren, sondern das komplette Gehirn in einen Roboterkörper verpflanzen sollen. Das soll bis 2045 geschehen. Vorher gibt es noch eine Menge zu tun: "Wir müssen herausfinden, wie wir das Gehirn mit Energie versorgen und am Leben halten können", sagt Itzkow.
Itzkow stellt sich die Entwicklung in vier Phasen vor: In Phase A kontrolliert das Gehirn per Telepräsenz einen Roboterkörper. In Phase B entsteht ein System, das die Funktionen des Gehirns außerhalb des menschlichen Körpers aufrechterhalten kann. In Phase C wird die Persönlichkeit eines Menschen vom Gehirn unabhängig reproduzierbar sein, und in Phase D wird der Androiden-Körper durch ein Hologramm ersetzt. Humanoide Roboter, so glaubt der russische Unternehmer, werden schon etwa 2020 in Massenproduktion hergestellt. "Sie werden beliebter sein als Autos", sagt Itzkow. Er ist überzeugt, dass Menschen sich dann zunehmend über Telepräsenz von Robotern vertreten lassen und so in die künstlichen Körper mental hineinwachsen. 2045 werde der künstliche Körper dem biologischen überlegen sein. "Wir implementieren nicht bloß eine Technik", sagt Itzkow.
Forschung an abgetrennten Schweineköpfen
Diese Debatte haben US-amerikanische Wissenschaftler kürzlich befeuert, indem sie in abgetrennten Schweineköpfen noch nach mehreren Stunden „Aktivitäten“ nachgewiesen haben. Aber die Gehirne dieser Tiere waren per Definition nicht tot, das wurde nicht nachgewiesen. Man hat die Tiere in einer Schlachterei geköpft und dann ganz schnell gekühlt, indem man die Hirne mit einer Art Kochsalzlösung durchspült hat. Dann hat man die Gehirne in aller Ruhe so operiert, dass man Stunden später mit einem hochkomplizierten Perfusionssystem eine Nährlösung hindurch schicken konnte. Und an diesen präparierten Gehirnen konnte man schließlich nachweisen, dass Hirnzellen sehr lange - mehrere Stunden - überleben können. In verschiedenen Tests haben diese Zellen zum Beispiel auf Medikamente reagiert, oder elektrische Aktivität gezeigt. Das galt aber nur für Gruppen von Nervenzellen, und nicht für das Gehirn als Ganzes in seiner Funktion. Das ist eine sehr spannende und natürlich auch spektakuläre Studie. Man mag sich fragen, warum solch ein Experiment überhaupt gemacht wurde, aber der Hintergrund ist, dass man schon seit Jahrzehnten nach Wegen sucht, um Hirnzellen vor dem Untergang zu schützen. Nun wurde der Nachweis geführt, dass dies möglich ist, und zwar nicht wie vorher schon bei kleineren Tieren, sondern bei Schweinen, deren Anatomie der menschlichen sehr ähnlich ist. Daraus kann man einiges lernen für alle Ereignisse, die die Hirndurchblutung unterbrechen - also beispielsweise Schlaganfälle, oder Unterkühlung oder das Ertrinken. Auch wenn in der Studie nicht genau steht, wie die Nährflüssigkeit zusammengesetzt war, so zeigt sie doch, dass man mit einer Blut-ähnlichen Flüssigkeit Nervenzellen im Gehirn über einen längeren Zeitraum überleben lassen kann. Das hat beim Menschen noch nie funktioniert, obwohl es auch schon seit den 1990er Jahren immer wieder versucht wurde. Hier hat man nun schon zehn Minuten nach der Abtrennung der Köpfe einen Zustand erreicht, der es erlaubt hat, Teilfunktionen des Gehirns über eine bislang unerreicht lange Zeitspanne zu erhalten.
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