Eine Gehirnerschütterung, medizinisch als leichtes Schädel-Hirn-Trauma bekannt, kann durch ein direktes Trauma gegen den Kopf oder eine indirekte Krafteinwirkung auf den Körper ausgelöst werden, was zu einer Erschütterungsbewegung des Gehirns im Schädel führt. Obwohl Gehirnerschütterungen im Allgemeinen als leichte Verletzungen gelten, da sie typischerweise nicht lebensbedrohlich sind und in den meisten Fällen folgenlos ausheilen, ist es wichtig, sie mit Vorsicht zu behandeln. Die Erholungszeit variiert von Person zu Person, wobei eine vollständige Erholung typischerweise innerhalb von drei Monaten erfolgt. Es gibt jedoch Faktoren, die die Erholungsphase verzögern können, wie höheres Alter, weibliches Geschlecht, Kinder, frühere Gehirnerschütterungen sowie chronische Schmerzen, Depressionen oder Angstzustände.
Sofortmaßnahmen und ärztliche Behandlung
Unmittelbar nach einer Gehirnerschütterung sollte jeder Patient ärztlich behandelt werden, entweder im Krankenhaus oder beim niedergelassenen Arzt. In Deutschland wird in den meisten Fällen eine 24-stündige Überwachung im Krankenhaus empfohlen, um mögliche gefährliche Verletzungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Zusätzliche Verletzungen wie Blutungen im Kopf sind allerdings extrem selten.
Bei Auftreten folgender Symptome innerhalb der ersten Tage nach der Gehirnerschütterung ist eine sofortige ärztliche Vorstellung erforderlich:
- Bleibende oder zunehmende Kopfschmerzen
- Schläfrigkeit, aus der die Person nicht geweckt werden kann
- Wiederholtes, heftiges Erbrechen
- Krampfanfälle
- Schwäche oder Taubheitsgefühle der Extremitäten
- Unruhe
- Verschwommenes Sehen oder ungleiche Pupillengröße
- Austritt von Blut oder klarer Flüssigkeit aus Nase und/oder Ohr
- Verwaschene Sprache
- Unfähigkeit, sich an bekannte Personen oder Umgebungen zu erinnern
- Untypisches Verhalten (vermehrte Verwirrtheit, Reizbarkeit usw.)
Symptome und Verlauf einer Gehirnerschütterung
Obwohl sichtbare Verletzungen meistens fehlen, kann eine Gehirnerschütterung zu verschiedenen körperlichen, kognitiven und emotionalen Symptomen sowie Schlafstörungen führen. Diese Symptome verbessern sich in der Regel mit der Zeit und sind keine Hinweise auf einen dauerhaften Schaden des Gehirns. Meist verschwinden diese Symptome und Zeichen, ohne dass eine spezielle Therapie notwendig ist. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass sich Menschen schneller erholen, wenn sie ihre Verletzung verstehen und lernen, wie sie die vorliegenden Symptome selbst oder mit Unterstützung des behandelnden Arztes behandeln können.
Die Symptome und Probleme, die mit Gehirnerschütterungen einhergehen, sind meist nur kurzfristig und bilden sich innerhalb weniger Stunden bis Tage, manchmal aber auch erst innerhalb von vier Wochen vollständig zurück. Unabhängig davon ist es wichtig, auf den Körper zu hören. Das Gehirn zeigt oft, dass es noch nicht vollständig erholt ist, was sich in vermehrter Müdigkeit, schnellerer Ermüdung, vermehrtem Schlafbedürfnis, Konzentrationsstörungen, Merkstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel usw. bemerkbar machen kann.
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Erholungsphase und schrittweise Steigerung der Aktivitäten
In der Frühphase nach einer Gehirnerschütterung ist es sinnvoll, sich von der Verletzung auszuruhen und zu entspannen. Eine zu frühe Wiederaufnahme von Tätigkeiten oder das Ignorieren immer noch vorhandener oder wieder auftretender Symptome kann im schlimmsten Fall die Erholungsphase verlängern oder die Symptome weiter verschlechtern.
Wenn sich das Gehirn wieder normalisiert, sich also die Symptome mit zunehmender geistiger und körperlicher Belastung bessern, kann man damit beginnen, körperliche und geistige Anstrengungen auszudehnen. Dies sollte jedoch abgestuft, also Schritt-für-Schritt erfolgen, um dem Gehirn nicht zu viel zuzumuten. Diese schrittweise Steigerung der Aktivitäten kann auch helfen, die Phase bis zur Rückkehr zu Arbeit oder Schule sowie auch zur sportlichen Betätigung zu verkürzen.
Tipps für eine schnelle Erholung
- Ruhe und Schlaf: In der akuten Phase, typischerweise nach 24-stündiger Überwachung im Krankenhaus, ist es meist noch nötig, möglichst viel Ruhe einzuhalten und ausreichend Schlaf zu haben. Das Einhalten von Ruhe in dieser subakuten Phase soll nicht nur die körperlichen Aktivitäten (z.B. Erledigen von Hausarbeiten oder Fitnessübungen) sondern auch die geistigen Aktivitäten wie z.B. Lesen, Fernsehen oder Videospiele umfassen. Ein konsequentes Liegen über längere Zeit in einem abgedunkelten Raum ist nicht nötig. Leichte körperliche Belastung oder geistige Aktivität, ohne dass es zu verstärkter Symptomatik kommt, kann den Heilungsprozess sogar verbessern. Achten Sie auf ausreichend Schlaf, denn das trägt zur schnellen Heilung bei.
- Medikamente: Nehmen Sie nur Medikamente ein, die Ihr Arzt Ihnen verordnet hat und fragen Sie Ihren Arzt im Einzelfall, ob Sie Schmerzmittel überhaupt nehmen sollen. Gerade Schmerzmittel können z.B. Kopfschmerzen chronifizieren, also länger auftreten lassen.
- Alkohol und Drogen: Während der Erholungsphase nach einer Gehirnerschütterung sollten Sie auf Alkohol verzichten, denn Alkohol und Drogen können den Heilungsverlauf deutlich verzögern und Sie einem weiteren Verletzungsrisiko aussetzen.
- Fahrtüchtigkeit: Ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren und schnell zu reagieren, könnte durch die Gehirnerschütterung eingeschränkt sein. Fragen Sie Ihren behandelnden Arzt, ab wann Sie sicher Auto fahren oder an komplizierten Maschinen wieder arbeiten können, insbesondere, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sehstörungen vorliegen, Sie langsamer denken, Ihre Reaktionszeit vermindert ist, Ihre Aufmerksamkeit eingeschränkt ist oder Sie meinen, dass Ihr Urteilsvermögen beeinträchtigt ist.
- Gestufte Wiedereingliederung: Versuchen Sie nicht, sofort alle Ihre üblichen Aktivitäten, einschließlich der Arbeit im Beruf oder in der Schule in dem Umfang wieder aufzunehmen, wie Sie es vor der Gehirnerschütterung getan haben. Es wird dringend empfohlen, dass Sie Schritt für Schritt Ihre Routine und Tempo wieder aufnehmen. Vermehrte Pausen können dabei hilfreich sein. Oft ist es sinnvoll, in Schule und Beruf zunächst in Teilzeit zu arbeiten, zu Beginn mit nur ein paar Stunden pro Tag. Dies ist besonders wichtig, wenn Sie vollzeitbeschäftigt oder Schüler sind. Diese gestufte Wiedereingliederung sollte aber mit Ihrem behandelnden Arzt und der Schule bzw. Arbeitgeber abgesprochen werden.
Behandlung von Kopfschmerzen und Schwindel
- Kopfschmerzen: Kopfschmerzen sind eines der häufigsten Symptome nach einer Gehirnerschütterung. Sie können durch Verletzungen des Nervengewebes im Gehirn selbst, aber auch durch Verletzungen der kleinen Halsgelenke, der Muskulatur und der Knochen im Kopf-Hals-Bereich verursacht sein. Auch der Stress nach einer Verletzung kann zu Kopfschmerzen führen. Die Behandlung von Kopfschmerzen ist multimodal und umfasst u.a. die Gabe von Medikamenten, Veränderungen des Lebensstils und Formen der Rehabilitation.
- Schwindel: Schwindel nach einer Gehirnerschütterung kann verschiedene Ursachen haben, wie Verletzungen oder Schädigungen der Gleichgewichtsorgane in den Ohren, eine zusätzliche Verletzung der Halsregion einschließlich der knöchernen Halswirbelsäule, Veränderungen des Sehvermögens oder mögliche Nebenwirkungen bestimmter Medikamente. Informieren Sie Ihren Arzt über Ihren Schwindel, damit eine genauere Abklärung und Behandlung erfolgen kann. Eine vestibuläre Rehabilitation (Gleichgewichtsbehandlung) kann ebenfalls hilfreich sein.
Schlafoptimierung
Im Folgenden werden Verhaltensweisen empfohlen, die helfen können, Ihr Schlafverhalten zu verbessern:
- Verbringen Sie im Bett nur Zeit, um zu schlafen!
- Führen Sie für ein bis zwei Wochen ein Schlaftagebuch.
- Berechnen Sie die tatsächlich geschlafene Zeit (= verbrachte Zeit im Bett minus Zeit für das Einschlafen und das Aufwachen).
- Setzen Sie nach Rücksprache mit Ihrem Arzt ein Zeitfenster fest mit fester Einschlaf- und Aufwachzeit, in dem Sie schlafen wollen/sollen, das etwa so lang ist, wie Sie in den letzten zwei Wochen geschlafen haben. Das Zeitfenster sollte mindestens 5,5 Stunden Schlaf ermöglichen.
- Schlafen Sie mindestens eine Woche in diesem ermittelten Schlafzeitfenster.
- Legen Sie eine definierte Aufwachzeit (auch an Wochenenden) fest und beenden Sie Ihren Schlaf auch wenn Sie das Gefühl haben, nicht ausreichend geschlafen zu haben.
- Optimieren Sie im wöchentlichen Rhythmus Ihr Zeitfenster zum Schlafen auf Basis der von Ihnen empfundenen Schlafmenge und Schlafgüte: Wenn Sie mehr als 85 % der Zeit, die Sie im Bett verbringen schlafen und/oder Sie sich während des Tages ständig schläfrig fühlen, verlängern Sie Ihre Schlafzeit um 15 bis 20 Minuten. Wenn Sie weniger als 85 % der Zeit, die Sie im Bett verbringen schlafen, verringern Sie Ihre Schlaf-Zeit um 15 - 20 Minuten.
- Wiederholen Sie diesen Vorgang, bis Sie eine für Sie ausreichende Qualität des Schlafes und eine ausreichende Schlafdauer erreichen und Sie sich tagsüber nicht mehr müde und schläfrig fühlen.
- Nutzen Sie Ihr Schlafzimmer/Bett zum Schlafen!
- Stehen Sie jeden Morgen zur gleichen Zeit auf, unabhängig von der erreichten Schlafdauer; das Aufrechterhalten einer festen Schlafdauer und Aufwachzeit unterstützt die Regulierung der biologischen Optimierung des Schlaf-Rhythmus.
Neurozentriertes Training und angewandte Neurologie
In den letzten Jahren hat der holistische Ansatz des neurozentrierten Trainings an Bedeutung gewonnen. Durch die differenzierte und präzise Anwendung von Wissen aus der Neuro- und Bewegungswissenschaft sind Ergebnisse möglich, die durch herkömmliche Ansätze meist nicht erreicht wurden.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt das Potenzial der angewandten Neurologie: Eine 19-jährige Skifahrerin litt seit zwei Jahren an immer wieder auftretenden Symptomen wie unwillkürlichen Bewegungen, Gangstörungen, Krämpfen, Atemproblemen und gastrointestinalen Problemen. Die Diagnose lautete "Functional Neurological Disorder". Durch eine neuro-zentrierte Sichtweise und die Identifizierung fehlerhafter Daten in mehreren Sensoren konnte ein individuelles Trainingsprogramm entwickelt werden, das zu einer deutlichen Reduktion der Muskelspannung, verbesserter Stoffwechselsituation, Atemtraining und Schlafoptimierung führte.
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Sporttherapeutische Maßnahmen
Sporttherapeutische Maßnahmen scheinen ein effektives Instrument für die Behandlung nach einer Gehirnerschütterung zu sein. Eine vestibuläre Rehabilitation (VR) scheint sich positiv auf die Symptome Schwindel, Nackenschmerzen und/oder Kopfschmerzen auszuwirken. Ein aerobes Training (AT) kann hingegen unabhängig von der Art der Symptomatik eingesetzt werden und die Genesungszeit sowie mögliche langfristige Symptome nach einer Gehirnerschütterung reduzieren.
Yoga nach Kopfverletzung
Sanftes Yoga kann nach Kopfverletzungen wie Gehirnerschütterung oder Schädel-Hirn-Trauma unterstützend wirken, um den Körper zu stärken und das Gleichgewicht zu fördern. Spezielle Yoga-Sequenzen mit sanften Balance-Übungen zur Stabilisierung des Körpers, ohne Belastung für Hände und Handgelenke und ohne Stützübungen oder Umkehrhaltungen können hilfreich sein.
Prävention von Gehirnerschütterungen im Sport
Kopfverletzungen im Sport lassen sich nicht vollständig vermeiden, aber ihr Risiko und ihre Schwere lassen sich deutlich verringern durch:
- Anpassung von Spielfeldern und Materialien: Im Eishockey werden heute spezielle Banden eingesetzt, die beim Aufprall nachgeben und so die Energie abfedern.
- Schutzausrüstung: In risikoreichen Sportarten wie Radfahren, Hockey, Snowboard, Klettern oder American Football sollte das Tragen von Helmen konsequent durchgesetzt werden.
- Bewusstseinsbildung und Aufklärung: Viele Verletzungen entstehen, weil Symptome ignoriert oder unterschätzt werden.
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