Gehirnaktivität beim Beten: Ein Vergleich verschiedener Religionen

Die Frage, ob spirituelle Erfahrungen von Christen echte Begegnungen mit dem lebendigen Gott sind oder lediglich auf neuronalen Prozessen basieren, beschäftigt Forscher und Gläubige gleichermaßen. Die westliche Kultur ist seit der Aufklärung von einem Reduktionismus geprägt, der religiöse Überzeugungen und Erfahrungen zunehmend naturwissenschaftlich zu erklären versucht. Fortschritte in den Neurowissenschaften haben zu Experimenten geführt, die Gehirnaktivitäten während religiöser Praktiken untersuchen und sogar versuchen, spirituelle Erfahrungen künstlich hervorzurufen.

Neurowissenschaftliche Experimente zur Erforschung religiöser Erfahrungen

Verschiedene Forschungsansätze werden verfolgt, um die neuronalen Grundlagen religiöser Erfahrungen zu ergründen. Einige Experimente konzentrieren sich auf mystische Erfahrungen wie Meditation. Dabei wird die Gehirnaktivität der Versuchspersonen während des meditativen Zustands mithilfe von bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) aufgezeichnet. So können Durchblutungsmuster und aktive Gehirnbereiche identifiziert werden, die für die Meditation charakteristisch sind.

Andere Forscher versuchen, Erfahrungen, die sich wie Begegnungen mit dem Übernatürlichen anfühlen, künstlich herzustellen, indem sie Gehirnvorgänge durch physikalische oder chemische Mittel beeinflussen. Ein bekanntes Beispiel ist Michael Persingers sogenannter Religionshelm. Dabei wird den Probanden ein Helm aufgesetzt, der durch die Erzeugung eines schwachen Magnetfeldes auf das Gehirn einwirkt. Persinger berichtet, dass die Stimulierung der rechten Gehirnhälfte durch schwache, komplexe Magnetfelder bei etwa 80 % der normalen Probanden das Gefühl einer Präsenz hervorruft.

Ein weiterer Forschungsansatz vergleicht das Gehirn von religiösen Personen mit dem von nicht-religiösen Personen. Hier wird angenommen, dass chemische Ursachen oder der Aufbau des Gehirns dazu führen, dass manche Menschen von religiösen Erfahrungen berichten und andere nicht. Es wird spekuliert, dass möglicherweise der dorsolaterale präfrontale Kortex oder andere neuronale Netzwerke nicht richtig funktionieren, was zu mangelnder Kontrolle und erhöhter Leichtgläubigkeit führen könnte.

Skepsis und Kritik an neurowissenschaftlichen Erklärungen religiöser Erfahrungen

Trotz der Fortschritte in den Neurowissenschaften gibt es auch Skepsis und Kritik an reduktionistischen Erklärungsversuchen religiöser Erfahrungen. Kritiker argumentieren, dass die in der Bibel aufgezeichneten Erfahrungen völlig anders sind als die im Labor erzeugten. Keine Erfahrung, die unter kontrollierten Bedingungen eingeleitet wurde, ist ihnen ähnlich, und es gibt keine Hinweise darauf, dass solche Erfahrungen überhaupt künstlich hergestellt werden können.

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Ein weiteres Argument ist, dass die Neurowissenschaft zwar zeigen kann, dass alle Erfahrungen aus der Gehirnaktivität hervorgehen, aber nicht beweisen kann, dass diese Erfahrungen keine transzendente Realität haben. Zum Vergleich: Wenn ich eine Giraffe sehe, ist mein Gehirn bei diesem Anblick in einem bestimmten Zustand. Wenn durch sorgfältige Hirnkartierung genau festgestellt werden könnte, welche Bereiche des Gehirns bei dem Anblick von Giraffen aktiv sind, würde das nicht bedeuten, dass es in Wirklichkeit keine Giraffen gibt.

Darüber hinaus machen die wenigsten Menschen dramatische übernatürliche Erfahrungen, und sie sind weder der Regelfall noch maßgebend für das christliche Leben. Stattdessen ist es gekennzeichnet von Erfahrungen wie die der Bekehrung: die Überführung von Sünde, die Gewissheit von Vergebung und Erlösung, persönliche Veränderung, Wandeln im Geist und nicht im Fleisch, die Gegenwart und der Trost Gottes und der Glaube, dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist und Gott ihn von den Toten auferweckt hat.

Die Rolle des Gehirns bei der Interaktion mit Gott

Aus biblischer Sicht ist es völlig logisch, dass wir durch unsere kognitiven Fähigkeiten und Neigungen dazu veranlagt sind, mit Gott zu interagieren. Es ergibt Sinn, dass der Boden durch die Art und Weise, in der wir gemacht sind, dazu vorbereitet ist, und das schließt auch unser Gehirn mit ein. Die christliche Lehre über die menschliche Natur beinhaltet, dass wir geistliche Wesen sind, die dazu geschaffen wurden, Gott zu kennen. Er erschafft und erhält uns, Körper und Seele, jeden Augenblick unseres Lebens. Er interagiert mit uns sowohl auf geistlicher als auch auf körperlicher Ebene - ein Kennzeichen des Mensch-Seins.

Die Wahrnehmung Gottes im Gehirn beim Gebet

Eine Studie von Uffe Schjödt am Institut für Religionswissenschaften im dänischen Aarhus untersuchte die Hirnaktivitäten von gläubigen Erwachsenen, wenn sie zu Gott beten. Die Ergebnisse zeigten, dass sich bei den strenggläubigen Versuchspersonen die Hirnaktivitäten beim Beten markant von denen unterschieden, die beim inneren Gespräch mit dem Weihnachtsmann gemessen wurden. Zusätzlich unterschieden sich die Gehrinaktivitäten der Gläubigen beim Gottesgebet deutlich von denen der Nichtgläubigen. Die Forscher stützten sich auf die Untersuchung von Hirnströmen und kamen zu dem Schluss, dass Beten ähnlich intensiv wirkt wie ein Gespräch.

Ideologische Denkstrukturen und Kognitive Rigidität

Die Neurowissenschaftlerin Leor Zmigrod von der Universität Cambridge untersucht ideologische Denkstrukturen im Gehirn und die kognitive Rigidität. Sie interessiert sich für den Moment, in dem Menschen in starren Denkmustern verharren und sich gegen neue Denkweisen verwehren. Ihre Forschung deutet darauf hin, dass bestimmte psychologische Veranlagungen Menschen für Ideologien prädisponieren können.

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Spiritualität und Belohnungszentren im Gehirn

Laut einer Studie der Universität Utah aktivieren religiöse und spirituelle Erfahrungen die Belohnungsnetzwerke im Gehirn - und zwar auf die gleiche Weise wie Drogen, Spielen (Wetten), Musik, Liebe und Sex. Die Forscher fanden heraus, dass starke spirituelle Gefühle reproduzierbar mit der Aktivierung des Nucleus accumbens einhergingen - eine wichtige Gehirnregion im Netzwerk Belohnung.

Die neurobiologische Heimat spiritueller Erfahrungen

Eine Studie in der Fachzeitschrift Cerebral Cortex hat eine mögliche neurobiologische Heimat für spirituelle Erfahrungen identifiziert - für das Gefühl der Verbindung zu etwas Größerem als man selbst. Die Aktivität im parietalen Cortex (Rinde des Scheitellappens), einem Bereich des Gehirns, der an der Wahrnehmung von einem selbst und anderen sowie an der Aufmerksamkeitsverarbeitung beteiligt ist, scheint ein gemeinsames Element bei Personen zu sein, die eine Reihe von spirituellen Erfahrungen gemacht haben.

Neurotheologie: Wissenschaftlicher Durchbruch oder Neuro-Ideologie?

Die Neurotheologie versucht, Religiosität des Menschen wissenschaftlich zu erklären. In der Evolutionspsychologie beschäftigt man sich schon länger mit der Frage, wie Religionen entstehen können. Eine mögliche Erklärung zielt auf die Vorteile, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Strömung mit sich bringen kann: beispielsweise den engeren Zusammenhalt (während man sich allerdings von anderen Gruppen abgrenzt), dadurch bessere Gesundheit und eine höhere Kinderzahl. Die Beschreibung solcher Nebeneffekte sagt allerdings nichts darüber aus, ob die Inhalte religiöser Strömungen zutreffen - etwa über die Existenz eines Gottes oder von Göttern, über die Schöpfung und die Möglichkeit eines Jenseits.

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