Tinnitus, ein Leiden, das Millionen Menschen betrifft, äußert sich in der Wahrnehmung von Ohrgeräuschen ohne externe Schallquelle. Diese Geräusche können als Pfeifen, Zischen, Brummen, Rauschen oder Ohrensausen beschrieben werden und variieren in Lautstärke und Lokalisation. Während vorübergehende Ohrgeräusche nach Lärmbelastung normal sind, spricht man von Tinnitus, wenn die Geräusche länger anhalten. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Tinnitus, insbesondere im Zusammenhang mit Gehirnscans, und stellt neue Forschungsergebnisse vor, die zu einem besseren Verständnis und potenziellen Behandlungsansätzen führen könnten.
Formen und Symptome des Tinnitus
Es gibt zwei Hauptformen von Tinnitus:
- Objektiver Tinnitus: Diese seltene Form wird durch tatsächliche körpereigene Geräusche verursacht, wie das Pulsieren des Gefäßsystems oder Muskelzuckungen.
- Subjektiver Tinnitus: Dies ist die weitaus häufigere Form, bei der keine externe Schallquelle gefunden werden kann. Die Geräusche werden nur vom Betroffenen wahrgenommen.
Die wahrgenommenen Geräusche können auf einem oder beiden Ohren oder diffus "im Kopf" lokalisiert sein. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter Begleitsymptomen wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, innerer Unruhe oder Stimmungsschwankungen. Tinnitus kann auch zu Stress, Angst und depressiven Verstimmungen führen.
Diagnose und Ursachenforschung
Die Diagnose von Tinnitus beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, bei der die Dauer, Veränderung und mögliche Auslöser der Ohrgeräusche erfragt werden. Auch Begleitbeschwerden wie Schwindel, Hörverlust oder Schmerzen im Kiefer- und Nackenbereich sowie die seelische Belastung werden erfasst.
Es folgt eine körperliche Untersuchung, einschließlich der Spiegelung von Gehörgang und Trommelfell, Hör- und Sprachtests sowie speziellen Messungen zur Überprüfung der Funktion des Innenohrs und der Hörbahn. Je nach Befund können weitere Untersuchungen notwendig sein, wie Gleichgewichtstests oder eine Überprüfung der Halswirbelsäule und der Kieferfunktion. Bei einseitigem oder pulsierendem Tinnitus ist eine erweiterte Abklärung besonders wichtig, da ein pulssynchroner Tinnitus ein Hinweis auf eine vaskuläre Erkrankung sein kann.
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Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom mit vielen verschiedenen Ursachen. Häufig steht er in Zusammenhang mit Hörstörungen, Lärmbelastung oder altersbedingtem Hörverlust. Stress, psychische Belastungen und Schlafstörungen können die Wahrnehmung eines Tinnitus verstärken oder auslösen. Funktionsstörungen im Bereich des Kiefers und der Halswirbelsäule können ebenfalls eine Rolle spielen, da Muskeln und Nerven in diesen Regionen direkten Einfluss auf das Hörsystem nehmen können.
Die Rolle des Gehirns bei Tinnitus
Die Wissenschaft ging lange davon aus, dass subjektiver Tinnitus im Innenohr entsteht. Doch moderne bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) und die Magnetoenzephalographie (MEG) haben gezeigt, dass die neuronale Aktivität bei Tinnitus-Patienten in verschiedenen Gehirnarealen verändert ist.
Neuronale Veränderungen und Hörbahn
Die Sinneszellen des Innenohrs sind tonotop angeordnet, was bedeutet, dass Zellen am Beginn der Hörschnecke für hohe Frequenzen und Zellen am Ende für tiefe Frequenzen zuständig sind. Werden Sinneszellen geschädigt, verschlechtert sich das Hörvermögen in den entsprechenden Frequenzbereichen. Die Nervenzellen in der primären Hörrinde, die für diese Frequenzbereiche zuständig sind, erhalten dann ungewohnt schwache Signale. Diese Nervenzellen können ihre Verbindungen zu benachbarten Zellen in ungünstiger Weise verändern, was die normale Signalverarbeitung stört.
Prädiktive Codierung und adaptive stochastische Resonanz
Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zwei zentrale Prozesse im Gehirn bei der Entstehung von Tinnitus eine Rolle spielen:
- Prädiktive Codierung: Dieser Prozess ermöglicht es dem Gehirn, eingehende Reize basierend auf früheren Erfahrungen vorherzusagen und zu interpretieren.
- Adaptive stochastische Resonanz: Dieser Prozess verstärkt schwache Signale durch Hinzufügen von Rauschen, insbesondere wenn die Hörsinneszellen im Innenohr geschädigt sind.
Dem neuen Modell zufolge entsteht Tinnitus durch die Kombination beider Prozesse: Die adaptive stochastische Resonanz erzeugt ein Verstärkerrauschen, das dann von der prädiktiven Codierung irrtümlich als realer Hörreiz interpretiert wird.
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Emotionale Verarbeitung und Tinnitus
Studien haben gezeigt, dass Tinnitus-Patienten Emotionen anders verarbeiten als gesunde Menschen. Bei gesunden Probanden reagiert die Amygdala, der Sitz grundlegender Emotionen, auf emotionale Geräusche. Bei Tinnitus-Patienten ist diese Reaktion jedoch schwächer. Stattdessen werden andere Hirnareale wie der Parahippocampus und die Insula aktiv. Dies deutet darauf hin, dass sich das Gehirn an das ständige Ohrgeräusch angepasst hat, indem es die Sensibilität der Amygdala herunterregelt und emotionale Reize in andere Hirnareale umleitet.
Die Forscher konstatieren, dass das Netzwerk, das Gefühle verarbeitet, bei Tinnitus-Patienten verändert ist. Diese Erkenntnisse könnten neue Wege für die Behandlung von Tinnitus eröffnen, indem die komplexe Wechselwirkung von Tinnitus und der Verarbeitung von Emotionen berücksichtigt wird.
Türhüter-Theorie
Eine weitere Theorie besagt, dass das Gehirn über einen "zentralen Türhüter" verfügt, der unwichtige Sinnesreize filtert. Bei Tinnitus-Patienten funktioniert dieser Filter möglicherweise nicht richtig, sodass auch interne oder externe Reize, die normalerweise unterdrückt würden, wahrgenommen werden. Die Botenstoffe Dopamin und Serotonin spielen eine wichtige Rolle bei der Funktion dieses neuronalen Schaltkreises.
Neue Behandlungsansätze
Die aktuellen Behandlungsansätze für Tinnitus zielen in der Regel darauf ab, den Leidensdruck zu reduzieren und den Umgang mit dem Ohrgeräusch zu verbessern. Eine der wirksamsten Methoden ist die kognitive Verhaltenstherapie, die hilft, die Bewertung und den Umgang mit dem Ohrgeräusch zu verändern. Auch psychoedukative Gespräche und Hörgeräte können hilfreich sein.
Stimulation des Vagusnervs
Amerikanische Forscher haben im Tierversuch eine neue Methode entwickelt, um Tinnitus zu behandeln. Sie stimulierten den Vagusnerv gleichzeitig mit dem Vorspielen von Tönen. Dadurch konnten sie den Umbau von Nervenverknüpfungen im Gehirn rückgängig machen und eine Art Neustart der betroffenen Hirnareale bewirken.
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Medikamentöse Behandlung
Bisher gibt es keine Medikamente, die einen chronischen Tinnitus verringern oder gar beenden können. Studien haben gezeigt, dass Medikamente wie Ginkgo Biloba und Betahistin nicht besser wirken als eine Placebo-Behandlung. Kortison wird nur in der Akutphase empfohlen. Wenn andere Erkrankungen zu einem Tinnitus führen, kann deren medikamentöse Behandlung indirekt auch zu einer Verbesserung der Tinnitus-Symptomatik führen. Bei Depressionen und Angsterkrankungen haben bestimmte Psychopharmaka eine belegte Wirkung.
Warnzeichen und wann man einen Arzt aufsuchen sollte
In den meisten Fällen ist ein Tinnitus zwar belastend, aber nicht gefährlich. Es gibt jedoch bestimmte Warnzeichen, die immer ärztlich abgeklärt werden sollten:
- Plötzlich auftretender Hörverlust
- Starker Schwindel
- Einseitige neurologische Ausfälle
- Pulsierendes Ohrgeräusch, das mit dem Herzschlag synchronisiert ist
Forschung und Studienteilnahme
Die Forschungsgruppe der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen untersucht, welche Prozesse im Gehirn dafür verantwortlich sind, dass akut auftretende Ohrgeräusche chronisch werden. Sie suchen noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer für ihre Studien. Die Forschenden verfolgen verschiedene Ansätze, um Risikofaktoren für die Entwicklung von Tinnitus zu identifizieren und neurophysiologische Prozesse aufzudecken, die eine Chronifizierung von Ohrengeräuschen begünstigen.