Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die mit vielfältigen Symptomen wie Muskelspastiken, Schwäche und Koordinationsstörungen einhergehen kann. Um diesen Beschwerden entgegenzuwirken und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, rückt das Muskelkontraktionstraining immer stärker in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Trainingsansätze und Therapieformen, die speziell auf die Bedürfnisse von MS-Patienten zugeschnitten sind.
Bedeutung des Muskelkontraktionstrainings bei MS
Kraft bedeutet die Fähigkeit, durch Muskeltätigkeit Widerstände zu überwinden, zu halten oder ihnen entgegenzuwirken. Bei Menschen mit MS kann die Kraft reduziert sein - vor allem in der unteren Körperhälfte, aber auch an der oberen Extremität. Einige Studien zum Krafttraining bei MS zeigen, dass es durch Training zu einer Verbesserung der Kraft zwischen 7 % und 32 % kommen kann.
Allgemeine Richtlinien für das Krafttraining bei MS:
- Wenig Gewicht, viele Wiederholungen
- Beine auch funktionell trainieren (z.B. Laufband, Kletterwand)
- Pausen einhalten
- Ausweichbewegungen beachten
- Keine pathologischen Muster nutzen
- Nicht überhitzen
- Physiologische Synergien (z.B. Abstützen) dürfen genutzt werden
Elektrostimulation: Gezielte Anregung von Nerven und Muskeln
Die Elektrostimulation hat sich als schonende, nicht-medikamentöse Therapieform bei neurologischen Beschwerden etabliert und gewinnt auch bei MS zunehmend an Bedeutung. Sie bedient sich eines physikalischen Prinzips, bei dem elektrische Signale entweder die gewohnten Nervensignale ersetzen oder deren Wirkung ergänzen. Dadurch können Schmerzen gelindert, Muskeln gestärkt und die Beweglichkeit verbessert werden.
Funktionsweise der Elektrostimulation
Elektrostimulation nutzt elektrische Impulse, um gezielt Nervenfasern und Muskeln anzuregen - ganz ohne Medikamente. Über Elektroden, die auf der Haut kleben, wird ein definierter Stromimpuls ins Gewebe geleitet. Diese direkte elektrische Einwirkung verändert das Ruhepotential der Nerven- und Muskelzellen. In der Folge können Schmerzen blockiert, die Durchblutung gesteigert oder Muskelzuckungen ausgelöst werden. So wird etwa der physiologische Reiz eines Nervs mithilfe eines Stromimpulses direkt ausgelöst. Jeder Impuls erzeugt eine Muskelkontraktion. So können auch gelähmte oder sehr schwache Muskeln trainiert werden.
Anwendungsbereiche der Elektrostimulation bei MS
- Spastiklockerung: Elektrostimulation kann MS-assoziierte Spastik lockern und die Muskelfunktionen verbessern. Studien zeigen, dass neuromuskuläre Stimulation (NMES) bei MS-Patienten die übermäßige Rückenmarksaktivität reduziert, was zu gesteigerter Beweglichkeit führt.
- Schmerzlinderung: Elektrostimulation kann Schmerzen lindern, verspannte Muskeln dehnen und dadurch die Beweglichkeit steigern.
- Muskeltraining: Jeder Impuls erzeugt eine Muskelkontraktion. So können auch gelähmte oder sehr schwache Muskeln trainiert werden.
- Weitere Einsatzbereiche: Die Elektrotherapie unterstützt zudem bei sensomotorischen Neuropathien (z. B. bei Diabetes), Muskelschwund oder als Ergänzung in der Parkinson-Therapie.
Formen der Elektrostimulation
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Hier sendet das Gerät niedrigfrequente Impulse aus, die gezielt Nerven im Rückenmark beeinflussen und dadurch das sogenannte „Schmerztor“ verschließen. Die Schmerzleitung wird abgeblockt und das störende Signal wird weniger stark wahrgenommen.
- Neuromuskuläre Stimulation (EMS/NMES): Hier wird mit stärkerer Spannung an den motorischen Nerven gearbeitet. Jeder Impuls erzeugt eine Muskelkontraktion. So können auch gelähmte oder sehr schwache Muskeln trainiert werden.
Elektrostimulation im Alltag
Elektrostimulation kann problemlos im Alltag eingesetzt werden, sei es zu Hause oder in der Praxis. Moderne Reizstrom-Geräte sind kompakt und leicht bedienbar. Klebepads lassen sich an Armen, Beinen, Schultern oder am Rücken anbringen, je nach Beschwerden.
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- Gerätetyp wählen: Je nach Einsatz gibt es verschiedene Reizstrom-Geräte. Einfache TENS-Geräte sind vor allem für die Schmerzbehandlung gedacht, EMS-Geräte aktivieren gezielt die Muskulatur. Für spezielle Anwendungen wie Gangtraining gibt es auch FES-Systeme.
- Eigenanwendung zu Hause: Viele Patienten nutzen tragbare TENS- oder EMS-Geräte für die häusliche Anwendung. Nach fachlicher Einweisung können die Elektroden selbstständig an Rücken, Schultern oder Beinen platziert und die Stimulationsstärke über das Gerät geregelt werden.
- Anwendung mit Fachbegleitung: Komplexere Systeme werden unter therapeutischer Anleitung eingesetzt. Beispiel: der Ganzkörper-Anzug Mollii Suit mit 58 integrierten Elektroden. Dieses Reizstrom-Garment ist speziell für neurologische Patienten entwickelt. Es stimuliert entgegengesetzt arbeitende Muskelgruppen (agonistisch-antagonistisch), um Verspannungen zu lösen und die Beweglichkeit zu steigern.
Wichtige Hinweise zur Anwendung der Elektrostimulation
- Achten Sie auf saubere, trockene Haut vor dem Anlegen der Elektroden. Vermeiden Sie öl- oder lotionhaltige Substanzen, die die Leitfähigkeit stören. Wechseln Sie die Klebepads bei Verschleiß.
- Intensität dosieren: Starten Sie mit sehr niedriger Stromstärke und erhöhen Sie die Intensität nur allmählich, bis ein deutliches, aber keinesfalls schmerzhaftes Kribbeln wahrgenommen wird.
- Elektrodenplatzierung: Kleben Sie die Pads genau nach Anleitung auf. Ein kleiner Versatz kann die Wirkung erheblich verändern. Reinigen und trocknen Sie die Haut vor dem Anlegen. Vermeiden Sie aufgekratzte Haut, entzündete Areale oder frische Narben.
- Regelmäßige Betreuung: Lassen Sie Ihren Therapieplan von Fachleuten begleiten. Da sich Beschwerden über die Zeit verändern können, ist es sinnvoll, Reizparameter (Frequenz, Pulsbreite, Stimulationsdauer) bei Bedarf anzupassen.
- Nebenwirkungen: Elektrostimulation ist sehr gut verträglich. Gelegentlich kann es zu Hautrötungen oder leichtem Kribbeln unter den Elektroden kommen.
- Kontraindikationen beachten: Personen mit Herzschrittmacher, Defibrillator oder bestimmten Herzrhythmusstörungen sollten vor Anwendung ärztlichen Rat einholen. Auch bei Epilepsie, akuten Entzündungen oder in der Schwangerschaft wird Vorsicht empfohlen. Verwenden Sie kein E-Stimulationsgerät in nasser Umgebung.
- Sitzungsdauer: Als Richtwert gelten meist 20-30 Minuten pro Sitzung. Je nach Therapieziel können Sitzungen mehrfach täglich oder mehrmals pro Woche stattfinden.
- Batteriezustand: Überprüfen Sie vor jeder Anwendung den Ladezustand (bzw. die Batterien) des Geräts. Schwache Batterien können die Reizstärke verringern.
- Dranbleiben: Elektrostimulation entfaltet ihre Wirkung meist erst nach mehreren Wochen konsequenter Anwendung. Seien Sie geduldig und setzen Sie die Therapie gemäß der Empfehlung fort. Bei fortschreitender Besserung können Intervalle angepasst werden.
Vibrationstraining: Passive Bewegungstherapie mit SiWAVE und Power Plate
Neben der Elektrostimulation stellt das Vibrationstraining eine weitere vielversprechende Option zur passiven Bewegungstherapie dar. Geräte wie SiWAVE und Power Plate nutzen Schwingungen, um Muskelkontraktionen auszulösen und somit Trainingseffekte zu erzielen, ohne dass aktive Anstrengung erforderlich ist.
SiWAVE Schwingungsgeräte
SiWAVE Schwingungsgeräte verfügen über unterschiedliche Modi, die es ermöglichen, entweder kurz zu lockern oder intensives Muskeltraining zu betreiben. Auf den SiWAVE Geräten sind unterschiedlichste Übungen möglich - diese können ganz individuell auf Ihre körperliche Einschränkung abgestimmt werden. Die Schwingungstherapie ist sehr effektiv.
Power Plate Training
Beim Power Plate Training wird der Körper durch Vibrationen in Schwingung versetzt, was zu Muskelkontraktionen führt. Das eigentliche Vibrationstraining besteht aus sehr kurzen Trainingsintervallen mit Übungen mit einer Dauer von 30 bis 60 Sekunden. Dazu zählen Übungen wie Sit-up (Rumpfbeuge), Push-up (Liegestütze) oder Squat (Kniebeuge). Um möglichst viele Muskelgruppen in Dein Training einzubeziehen, wird meist sehr abwechslungsreich trainiert, sodass Dein Körper ganzheitlich gefordert wird. Dazu gehört ein gesunder Mix aus statischen und dynamischen Übungen. Anfänger:innen beginnen meist mit neun Minuten des Widerstandsprogramms, gefolgt von neun Minuten des Dehnungs-, Massage- und Entspannungsprogramms, jeweils mit niedriger Frequenz- und Amplitudeneinstellung.
Wichtige Hinweise zum Power Plate Training:
- Trinken Sie ausreichend, dies unterstützt die Muskelerholung.
- Grundsätzlich sollten POWER PLATE® Übungen immer unter der Anleitung von lizenzierten Fitnesstrainer:innen erfolgen. Nicht nur die Körperhaltung und die korrekte Ausführung der Bewegungen ist bei der POWER PLATE® Nutzung sehr wichtig. Auch müssen Amplitude, Frequenz und vor allem die Belastung bzw. Impulsstärke richtig gewählt werden.
Koordinationstraining: Aktivierung komplexer Bewegungsabläufe
Jede Bewegung, die ein Mensch ausführt, setzt komplexe Abläufe in Gang - auch wenn es sich scheinbar um isolierte Teilbewegungen wie das Heben eines Armes handelt. Wer zum Beispiel eine Kiste trägt, betätigt dabei den ganzen Körper - vom kleinen Zeh bis zum Bizeps in den Oberarmen.
Bei MS-Erkrankten können die Vielfältigkeit der Bewegungen je nach Krankheitsstadium eingeschränkt und die Koordination gestört sein. Bei schwerer Betroffenen stellen sich häufig Muskelverkrampfungen / Spastik ein. Diese können sich immer weiter verfestigen, während andere Bewegungsabläufe gar nicht mehr ausgeführt werden. Diese starren, spastischen Muster sind jedoch auf Dauer nicht alltagstauglich - sie führen zu übermäßiger Anstrengung und Verschleiß. Die Folgen: Einschränkung der Mobilität und Schmerzen.
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Koordinationstraining und Aktivität können aus der Spastik heraus-führen, so dass viele Alltagsbewegungen wie Aufstehen, eine Treppe hochsteigen oder sich ins Bett legen wieder leichter und mit weniger Schmerzen ausgeführt werden können. Koordinationstraining kann aus der Spastik herausführen. Alltagsbewegungen wie Aufstehen oder eine Treppe steigen können dann wieder leichter fallen und Schmerzen verringert werden!
Gerätegestütztes Training: Gezielte Kräftigung und Koordination
Verschiedene Geräte können im Rahmen des Muskelkontraktionstrainings bei MS eingesetzt werden, um gezielt Kraft und Koordination zu verbessern.
Seilzuggerät
Das Seilzuggerät (oder für den häuslichen Bereich das Theraband) ist sehr vielseitig und verbessert die Koordination sowie die Kraft und Ausdauer. In erster Linie werden die Rumpfmuskeln, der Schultergürtel, die Hüftmuskeln, Knie und Ellenbogen trainiert. Der Therapeut analysiert zunächst die vorhandene Bewegungsfähigkeit des MS-Erkrankten, um geeignete Übungen festzulegen. Ergibt zum Beispiel eine Ganganalyse, dass bestimmte Bewegungskomponenten beim Gehen fehlen, können diese am Seilzuggerät gezielt geübt werden. Die Übungen haben Verbesserungen zum Ziel, die dem schwer MS-Erkrankten im Alltag helfen können. Je nach Befindlichkeit und Übungseinheit kann der MS-Patient im Stehen, Sitzen (auch im Rollstuhl) oder Liegen trainieren. Die Intensität des Trainings - Anzahl der Gewichte, Anzahl der Einzelübungen und Serien - legt der MS-erfahrene Therapeut oder Trainer fest. Angestrebt werden je nach Ziel (Schnellkraft und Kraftausdauer) 50 bis 80 Prozent der Maximalleistung. Das Training sollte mindestens zwei- bis viermal in der Woche stattfinden. Nach ein bis zwei Wochen werden die Leistungsfähigkeit erneut beurteilt und das Programm eventuell angepasst.
Vorteile: Das Seilzuggerät ist sehr viel-seitig. Es kann gezielt bestimmte Muskelgruppen trainieren und in der Übungsintensität problemlos angepasst werden.
Bedenken: Es besteht die Gefahr, dass sich die Trainierenden überfordern und dass vorhandene spastische Bewegungsmuster trainiert werden.
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Schwingstab
Beim Schwingstab handelt es sich um eine elastische Stange mit Gewichten an beiden Enden, die durch rhythmische Armbewegungen in Schwingung versetzt wird. Ziel sind ein Aufbau der Körperstabilität und eine Verbesserung der Koordination von Rumpf, Arm und Hand. Geübt wird abwechselnd mit beiden Armen, je nach individueller Leistungsfähigkeit einige Minuten lang.
Vorteile: Übungen mit dem Schwingstab dienen der Verbesserung von Koordination, Rumpfstabilität und Körperhaltung und können auch bequem zu Hause durchgeführt werden.
Bedenken: Menschen mit Schultergelenkschmerzen können den Schwingstab nicht einsetzen, wenn sie dabei Schmerzen haben.
Beinpresse
Die Beinpresse ist als unterstützendes Gerät geeignet, um die Kraft in den Waden, Oberschenkeln und dem Gesäß zu trainieren. Für MS-Erkrankte wichtig: Es sollte zur selben Zeit immer nur ein Bein trainiert werden, da sonst die Gefahr besteht, dass das stärkere Bein die Leistung für das schwächere übernimmt. Vorsicht ist auch bei Spastik geboten. Wenn die Knie zu stark zusammendrücken, dann ist die Beinpresse weniger geeignet. Die MS-Kranken sollten dann lieber an die Kletterwand gehen.
Vorteile: Die Beinpresse trainiert gezielt das Gesäß, die Waden- und Oberschenkelmuskulatur.
Bedenken: Bei starker Spastik ist die Beinpresse weniger geeignet.
Allgemeine Trainingstipps für MS-Erkrankte
- Beginnen Sie mit einfachen Aufwärmübungen.
- Überanstrengen Sie sich nicht zu sehr. Wenn Sie sich nicht mehr wohlfühlen, legen Sie eine Pause ein.
- Machen Sie regelmäßige Pausen.
- Planen Sie eine geringere Wiederholungsfrequenz der Übungen als Gesunde ein.
- Entspannen Sie nach dem Training. Wenn Sie sehr lange brauchen, um sich wieder zu erholen, war möglicherweise das Pensum zu hoch. Reduzieren Sie es beim nächsten Training.
- Trinken Sie ausreichend.
- Falls Sie unter dem Uhthoff-Phänomen leiden, sorgen Sie für eine Kühlung (z.B. durch Kühlkleidung) während des Trainings und vermeiden Sie bei hohen Temperaturen Anstrengungen im Freien.
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