Gehirnschrumpfung durch Mobbing: Aktuelle Studien und Präventionsansätze

Jeden Tag erleben wir die rasanten Fortschritte digitaler Technologien in allen Lebensbereichen. Doch diese Fortschritte bringen auch Schattenseiten mit sich, insbesondere für Kinder und Jugendliche, die potenziell anfällige Opfer dieser Technologien sind. Studien zeigen, dass Mobbing, insbesondere Cybermobbing, nicht nur psychische Folgen hat, sondern auch zu messbaren Veränderungen im Gehirn führen kann.

Die digitale Welt als Tummelplatz für Mobbing

Die Konfrontation mit Hatespeech, Fake News und Cybermobbing gehört zum Alltag vieler junger Menschen. In der virtuellen Welt suchen sie oft nach Herausforderungen, die sogenannte Challenges mit sich bringen. Diese Challenges, wie die Hot-Chip-Challenge oder die Deo-Challenge, bergen erhebliche Risiken und können zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führen. Seitdem gängige Plattformen mit KI angereichert sind, können deren KI-Chatbots auch zum vertrauensvollen Gesprächspartner werden, wenn man sich nicht Eltern oder Freunden anvertrauen will. Die KI-Chatbots von Meta verwenden die angenehmen Stimmen von Prominenten, um Gespräche mit den Nutzern zu führen.

Der aktuelle Jahresbericht von jugendschutz.net zeigt, dass Kinder und Jugendliche im Netz stark zunehmend mit Hass, Hetze und Desinformation konfrontiert sind. Mit Hilfe von generativer KI können verstörende Inhalte, wie Gewalt- oder sexuelle Darstellungen, leicht erzeugt werden. Dabei werden Alltagsaufnahmen von Kindern und Jugendlichen gezielt aus sozialen Netzwerken kopiert und in speziellen Internetforen mit sexualisierten Texten und Lauten von Pädokriminellen millionenfach geteilt. Meist werden diese Aufnahmen durch KI-generierte Nacktbilder manipuliert. Mit sogenannten Deep-Nudes-Generatoren können die Fotos von bekleideten Kindern mit wenigen Klicks in realistisch wirkende Nacktaufnahmen gewandelt werden. Zusätzlich lassen sich mit Face-Swap-Apps die Gesichter von Personen in echte Pornoszenen reinschneiden. Die Betroffenen haben in der Regel keine Kenntnis darüber.

Die Auswirkungen von Mobbing auf das Gehirn

Mobbing-Opfer haben ein erhöhtes Risiko, psychische Krankheiten wie Depressionen zu erleiden. Interessant ist, dass in Situationen des sozialen Ausgeschlossenseins dieselben schmerzverarbeitenden Areale im Gehirn angesprochen werden, die auch aktiv werden, wenn man in einen Nagel tritt und Schmerz erlebt. Dieser soziale Schmerz wird gleich oder sehr ähnlich verarbeitet wie physischer Schmerz. Und wenn das länger anhält, dann wirkt sich das auch auf die gesamte psychische Befindlichkeit aus. Manche, die Mobbing in der Jugend ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko, später an Depressionen zu erkranken. Es gibt auch Menschen, die eher körperlich krank werden mit körperlichen Beschwerden. Und späte Aggressivität. Wer Mobbingerfahrungen gemacht hat, dessen Belohnungssystem funktioniert nicht mehr und gleichzeitig geht die Fähigkeit verloren, Impulse im eigenen Körper wahrzunehmen.

Eine große europäische Studie aus dem Jahr 2018 analysierte Magnetresonanztomographie-Daten und Fragebögen von 682 jungen Jugendlichen. Darunter befanden sich 36, die von schwerem Mobbing in der Schule leideten. Bei diesen Opfern stellte sich heraus, dass die betroffene Gehirnregion das Putamen war. Seine Funktion: die Koordination von Bewegungen, die Gefühlsregulation sowie die Ermöglichung des Lernens. Der Studie zufolge vergrößerte sich dieser Bereich des Gehirns stärker, je mehr die Jugendlichen gemobbt wurden (im Vergleich zu Kindern, die nicht gemobbt wurden). Zum Verständnis dieser Volumenvergrößerung muss man wissen, dass bei normalen Jugendlichen das Gehirnvolumen schrumpft, was auf den Verlust der synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen zurückzuführen ist. Diese Verringerung des Gehirnvolumens steht in engem Zusammenhang mit dem Erwerb des effektiven Systems der Motivation, der emotionalen Steuerung und des Lernens. In der Pubertät ist das Gehirn jedoch noch sehr flexibel. Mit individueller psychologischer Betreuung kann der Schaden behoben werden.

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Peter Henningsen: "Die Neuroplastitizität sorgt dafür, dass die Erlebnisse in der Wiederholung gebahnt werden. Das ist der Teufelskreis, das Reagieren auf neuerliche soziale Ausgeschlossenheit zu stärkeren Reaktionen führt, weil die entsprechenden Reaktionsmechanismen im Gehirn schon gebahnt sind. Und die dann Impulse immer schneller und intensiver weiterleiten. Weswegen bestimmte Reize dann auch immer stärkere Reaktionen hervorrufen können.

Trauma kann auch die Art und Weise, wie das Gehirn Erinnerungen bildet und speichert, erheblich beeinflussen. Menschen, die ein Trauma erlebt haben, können Schwierigkeiten haben, sich an bestimmte Details des traumatischen Ereignisses zu erinnern, oder sie können sich an das Ereignis in einer fragmentierten oder desorganisierten Weise erinnern. Die langfristigen Auswirkungen von Trauma auf das Gehirn können tiefgreifend sein. Besonders betroffen sind Bereiche wie der präfrontale Kortex, der Hippocampus und die Amygdala. Der präfrontale Kortex, der für die Ausführungsfunktionen verantwortlich ist, kann schrumpfen, was zu Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung und der emotionalen Regulation führen kann. Der Hippocampus, der eine Schlüsselrolle bei der Gedächtnisbildung spielt, kann ebenfalls schrumpfen, was zu Problemen mit dem Gedächtnis und dem Lernen führen kann.

Dissoziation als Folge von Mobbing

Dissoziation ist ein psychologischer Zustand, bei dem es zu einer Trennung zwischen verschiedenen Aspekten des Bewusstseins kommt. Diese Trennung kann das Gedächtnis, die Wahrnehmung, das Identitätsgefühl und das Bewusstsein betreffen. Wenn Realität und Bewusstsein sich trennen, kann dies zu erheblichen Verwirrungen und Stress führen. Betroffene erleben oft, dass ihre Wahrnehmung der Außenwelt verändert ist und sie sich von ihrem eigenen Körper oder ihrer Umgebung entfremdet fühlen. Diese Trennung kann sporadisch auftreten oder auch anhaltend sein und das tägliche Leben und Funktionieren stark beeinträchtigen.

Ein Trauma, insbesondere in der Kindheit, ist eine der häufigsten Ursachen für Dissoziation. Traumatische Ereignisse können überwältigend sein und das psychische System überfordern, was zu dissoziativen Reaktionen führt. Chronischer oder intensiver Stress kann ebenfalls Dissoziation auslösen. Wenn der Stresspegel so hoch ist, dass die Bewältigungsmechanismen überfordert sind, kann der Geist dazu übergehen, sich von der belastenden Realität abzutrennen. Ängste können ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von dissoziativen Zuständen spielen. Die ständige Angst und Besorgnis können dazu führen, dass sich der Betroffene von der Realität distanziert, um sich vor den überwältigenden Gefühlen zu schützen.

Verschiedene psychische Störungen können Dissoziation als Symptom beinhalten. Depersonalisation ist ein Zustand, in dem Betroffene eine Entfremdung von ihrem eigenen Körper oder ihren eigenen Gedanken erleben. Sie fühlen sich oft, als ob sie außerhalb ihres Körpers stehen und sich selbst zusehen. Diese Erfahrung kann sehr beunruhigend sein und führt häufig zu einem Gefühl der Isolation und Verwirrung. Menschen mit Depersonalisation berichten, dass ihre eigene Stimme oder ihre Bewegungen ihnen fremd erscheinen, als ob sie von jemand anderem stammen. Derealisation ist das Gefühl, dass die Außenwelt unwirklich oder fremd ist. Menschen, die an Derealisation leiden, nehmen ihre Umgebung verzerrt wahr, als ob sie durch einen Schleier oder in einem Traum leben. Bekannte Orte und Menschen können plötzlich fremd wirken, und die betroffene Person hat Schwierigkeiten, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Diese Wahrnehmungsstörung führt oft zu starken Ängsten und dem Gefühl, die Kontrolle über die Realität zu verlieren.

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Was tun gegen Mobbing? Prävention und Intervention

Soziales Mobbing darf uns also nicht gleichgültig lassen, sondern muss so früh wie möglich eingegriffen werden. Wichtig sei, dass so schnell wie möglich etwas passiere. Je früher die Situation verändert würde, desto wahrscheinlicher ließen sich Langzeitfolgen noch revidieren. Und das sowohl auf psychosozialer als auch auf neurobiologischer Ebene.

Die Europäische Union hat Regelwerke verabschiedet, die vor allem große Anbieter (Gatekeeper) betreffen. Ziel des „Digital Services Act“ (DSA) ist, illegale Inhalte auf großen Online-Plattformen zu bekämpfen und Verbrauchern deutlich mehr Rechte zu geben und ein sicheres Umfeld zu schaffen. Der DSA ist seit dem 17. Februar 2024 in der gesamten Europäischen Union (EU) gültig. Der DSA sieht vor, dass Plattformen, die für Minderjährige zugänglich sind, angemessene und verhältnismäßige Maßnahmen ergreifen müssen, um deren Privatsphäre, Sicherheit und Schutz zu gewährleisten.

Angesichts der bestehenden Faktenlage haben andere Länder, wie beispielsweise Italien, Niederlande, Großbritannien, Dänemark oder auch Australien, längst die Reißleine gezogen und den Gebrauch privater Smartphones an den Schulen verboten. Deutschland diskutiert noch und da das Schulwesen Ländersache ist, verpflichten die Landesregierungen die Schulen, sich diesbezüglich selbst verbindliche Regeln zu geben. Selbst Elternbeiräten geht diese Regelung nicht weit genug. Bei der Jubiläumsfeier zum 80-jährigen Bestehen des SÜDKURIER verkündete der amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), dass man ab dem Schuljahr 2025/26 nun an allen weiterführenden Schulen das Fach „Medienbildung und Informatik“ schrittweise eingeführen wird. Das ist ja sicherlich ein Fortschritt, allerdings längst überfällig.

Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte: ein wichtiger ist die Psychotherapie, das kann helfen, die jungen Menschen in ihrem Selbstwert wieder zu stabilisieren, dann dass sie Skills üben - ein Training für Fertigkeiten: Wie gehe ich mit der Situation um, dass die anderen nicht mehr auf die Idee kommen, manchmal kann man das auch mit Medikamenten unterstützen.

Die Fähigkeit, mit Stress umzugehen und sich von Traumata zu erholen - bekannt als Resilienz - spielt eine wichtige Rolle bei der Rehabilitation. Resilienz kann durch verschiedene Faktoren unterstützt werden, darunter positive zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstfürsorge und Bewältigungsstrategien. Soziale Unterstützung ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung.

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Therapieansätze bei Dissoziation

In der Privatklinik Friedenweiler setzen wir auf ganzheitliche und innovative Therapieansätze, um Menschen bei der effektiven Bewältigung von dissoziativen Zuständen zu unterstützen. Unser Ziel ist es, unseren Patientinnen und Patienten Methoden zu vermitteln, die es ihnen ermöglichen, ihre dissoziativen Symptome besser zu verstehen und zu bewältigen.

  • Therapie mit der EMDR Methode: Mittels der EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) Methode, können die unterschiedlichen Symptome der Disssoziationen und deren Auslöser bewusst gemacht werden.
  • Tierbegleitete und Tiergestützte Therapie: Die tiergestützte Therapie nutzt den Umgang mit Tieren, um das emotionale Wohlbefinden zu fördern. Diese Form der Therapie kann besonders hilfreich sein, um Gefühle von Entfremdung und Isolation zu mildern, da der Kontakt mit Tieren nachweislich Stress reduziert und das allgemeine Wohlbefinden verbessert.
  • Kreativ- und Kunsttherapie: Die Kreativ- und Kunsttherapie ermöglicht es den Patientinnen und Patienten, durch kreative Ausdrucksformen wie Malen, Zeichnen oder Bildhauerei ihre inneren Erlebnisse zu verarbeiten und auszudrücken. Diese Form der Therapie kann besonders hilfreich sein, um dissoziative Symptome zu lindern, da der kreative Prozess eine Brücke zwischen dem bewussten und unbewussten Erleben schafft.
  • Musik- und Stimmtherapie: Musik- und Stimmtherapie nutzen musikalische Elemente, um emotionale und psychologische Heilungsprozesse zu unterstützen. Diese Therapieform kann besonders wirksam sein, um dissoziative Zustände zu mindern, da Musik und Gesang helfen, tiefer liegende Emotionen freizusetzen und zu verarbeiten.
  • Entspannungsverfahren: Techniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson und geleitete Imagination werden regelmäßig in unserer Klinik angeboten. Diese Methoden zielen darauf ab, körperliche und geistige Entspannung zu fördern und sind effektiv im Abbau von Stress und Angst. Entspannungsverfahren können dazu beitragen, dissoziative Episoden zu reduzieren, indem sie den Betroffenen helfen, einen Zustand der Ruhe und des Wohlbefindens zu erreichen.

Resilienz als Schutzfaktor

Über einen längeren Zeitraum haben die Forscherinnen verfolgt, wie anpassungsfähig das Gehirn der Jugendlichen an psychosoziale Risikofaktoren war. Dafür lagen die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer zweimal im MRT-Scanner, mit einem Abstand von jeweils ein- bis zwei Jahren. „Wir haben uns spezifisch Veränderungen darin angeschaut, inwieweit sich Stressoren, z.B. familiäre Vernachlässigung oder Mobbing in der Schule, auf die mentale Gesundheit von Jugendlichen auswirkt und wie anpassungsfähig sie sind. Was hat sich in der Zeit in deren Gehirn verändert, das ein Vorteil für ihre Fähigkeit zur positiven Anpassung, oder Resilienz, sein könnte? Und da zeigten die Jugendlichen, die mit dem Alter resilienter wurden, eine stärkere Myelinisierung im präfrontalen Kortex.

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