Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das nicht nur für kognitive Funktionen wie Denken, Gedächtnis und Sprache verantwortlich ist, sondern auch eine bedeutende Rolle bei spirituellen Erfahrungen spielt. In diesem Artikel werden wir die verschiedenen Aspekte der spirituellen Bedeutung des Gehirns untersuchen, von den Funktionen der verschiedenen Hirnhemisphären bis hin zu den Auswirkungen von Meditation und religiösen Erfahrungen auf die Gehirnaktivität.
Das menschliche Gehirn: Eine Einführung
Das Gehirn ist das wichtigste Organ des Menschen und befindet sich im Kopf, in der Schädelhöhle. Das Vorderhirn, auch Großhirn genannt, bildet den größten Teil des Gehirns und besteht aus zwei Hälften, den sogenannten Hemisphären. Diese beiden Hemisphären sind durch Nervenfaserbündel miteinander verbunden und tauschen ständig Informationen aus.
Funktionen der Hirnhemisphären
Beide Hirnhälften sind symmetrisch und spiegelbildlich angeordnet. Sie arbeiten über Kreuz, wobei die rechte Hirnhälfte die linke Körperseite und die linke Hirnhälfte die rechte Körperseite steuert. In ihrer Aufgabenverteilung ergänzen sie sich und sind unterschiedlich spezialisiert.
- Linke Hirnhälfte: Logisch, abstrakt, analytisch, zuständig für Hören, Sprechen, Schreiben und Lesen.
- Rechte Hirnhälfte: Zuständig für Sehen, Fühlen, Deuten, Verstehen und räumliches Vorstellungsvermögen. Sie ist bildhaft, gefühlsbetont, schöpferisch und der Bereich von Kreativität und Intuition.
Die rechte Gehirnhälfte wird oft im Zusammenhang mit weiblicher Energie, Intuition, Mondenergie, Künstlerischem und Kreativem gesehen, während die linke Hirnhälfte mehr mit dem Männlichen, der rechten Körperhälfte, der Sonne, Durchsetzung und Ratio in Verbindung gebracht wird.
Die Theorie der Hirnhemisphären in der Psychologie
In den 1970er Jahren war die Theorie von linker und rechter Hirnhälfte besonders wichtig. Man sprach über Hirnhemisphären. Seitdem ist es etwas stiller um diese Theorien geworden, da linke und rechte Hirnhälfte anscheinend nicht so eindeutig für Vernunft bzw. Gefühl verantwortlich sind. In der Volkspsychologie spricht man jedoch manchmal immer noch davon, dass jemand „rechtshirnig“ oder „linkshirnig“ ist.
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Parallelen im Yoga: Ida und Pingala
Im Yoga finden wir Ida und Pingala, zwei Energiekanäle. Ida verläuft auf der linken Seite und ist Träger der Mondenergie. Ida beherrscht die rechte Gehirnhälfte. Pingala beherrscht die rechte Körperhälfte und die linke Gehirnhälfte. Ida ist also die Mondenergie und Pingala die Sonnenenergie. Pingala, die Sonnenenergie, ist aktiv, durchsetzungsstark, warm, enthusiastisch und damit die linke Hirnhälfte und rechte Körperhälfte. Ida, die Mondenergie, ist die rechte Gehirnhälfte und linke Körperhälfte, auch linkes Nasenloch.
Kulturelle Unterschiede in der Hirnaktivität
Westliche Gehirne neigen kulturbedingt zu einer verstärkten Aktivität der linken Gehirnhälfte. Idealerweise liegt das Verhältnis der Rechts-, Links-Aktivität der Gehirnhälften bei psychisch gesunden Menschen im Verhältnis von 1,05 - 1,10.
Meditation und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Durch regelmäßiges Üben von Yoga, Atemtechniken und Meditation wird die Anzahl der Alphawellen im rechten Hirn verstärkt, was die Aktivität der beiden Gehirnhälften immer mehr angleicht. Wissenschaftliche Studien bestätigen insbesondere die positiv verändernden Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn.
Forschungsergebnisse zur Meditation
Hirnforscher Wolf Singer und der buddhistische Mönch und Molekularbiologe Mathieu Ricard haben sich mit den nachweisbaren Veränderungen von regelmäßiger Meditation auf das Gehirn und das Bewusstsein beschäftigt (siehe z.B. „Hirnforschung und Meditation: Ein Dialog“). Das Max-Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (Abteilung soziale Neurowissenschaften) hat unter der Leitung von Prof. Tania Singer im Jahr 2013 mit dem „ReSource Projekt“ begonnen, eine weltweit einzigartige, groß angelegte Studie mit Laien durchzuführen, in denen Teilnehmer in Meditationstechniken trainiert werden und täglich alltagsbegleitend meditieren. Dabei werden sie mittels fMRI (funktionelle Magnetresonanztomographie) wissenschaftlich untersucht, um die durch Meditation bewirkten Auswirkungen auf das Gehirn festzustellen.
Yoga und Atemtechniken
Eine Studie zeigt, dass nur 10 Minuten täglich Yoga nach vier Wochen anatomische Veränderungen auslösen: Das emotionale Verarbeitungszentrum verändert sich, und die Gefühle werden anders verarbeitet, zumindest wenn man es richtig macht und sich auf den ruhigen Atem fokussiert. "Das ursprüngliche Yoga in Indien hat immer Bewegung mit der Atmung verbunden. Ein Ziel dabei war immer, einen ruhigen Atemrhythmus zu finden. Die Atmung und Beweglichkeit löst entsprechende Frequenzen aus", sagt der Trainings- und Bewegungswissenschaftler Prof. Wolfgang Schöllhorn.
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Gehirnwellen und Meditation
Wenn wir tiefenentspannt sind, kommen wir in den niedrigen Theta-Frequenzbereich des Gehirns, der zwischen vier und acht Hertz liegt. Wenn dieser Bereich aktiv wird, wird der Parasympathikus aktiviert, und Dopamin wird vermehrt ausgeschüttet. Der Parasympathikus ist Teil des vegetativen Nervensystems und sorgt dafür, dass wir uns entspannen können. "Mit dem Parasympathikus wird unter anderem das Immunsystem aktiviert", sagt Schöllhorn.
Abhängig vom Zustand und der Aktivität des Menschen schwingen seine Gehirnwellen in unterschiedlichen Frequenzbändern. Die Gehirnwellenaktivität spielt sich vor allem im Frequenzbereich von 0 bis 40 Hz ab.
- Alphawellen (13 - 8 Hz): Treten in entspannter, wacher Grundhaltung mit geschlossenen Augen auf, bei leichter bis mäßiger Entspannung, leichter Meditation, nach dem Aufwachen, vor dem Einschlafen. Alphawellen gelten als das Tor zur Meditation und als Brücke zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein. Sie sind notwendig, damit Informationen aus dem Theta-Bereich (Unterbewusstsein) in unser Wachbewusstsein gelangen können.
- Thetawellen (8 - 4 Hz): Sind die Wellen des Unterbewussten. Sie treten insbesondere beim Einschlafen, leichtem Schlaf (Traum, REM-Phase), tiefer Entspannung, Hypnose, Meditation, Wachträumen auf. Die Thetawellen werden mit Kreativität und Spiritualität in Verbindung gebracht. Schwingen die Gehirnwellen im Thetabereich, fällt es dem Übenden leicht, in einen meditativen Zustand zu versinken.
Langfristige Auswirkungen von Meditation
Langfristige Meditation hat Auswirkungen auf das Gehirn. Jede Meditation führt zu einer Umschaltung in Richtung Entspannungsreaktion und stärkt bestimmte Hirnareale, die sowohl zum Empfinden von Freude als auch zur Fähigkeit der Selbststeuerung wichtig sind. Menschen, die regelmäßig meditieren, haben andere Hirnwellenmuster als Menschen, die nicht meditieren, und sie steigen nicht so schnell auf einen Stressimpuls ein. Meditation hilft auch, die Aktivierung bewusstseinsmäßig besser zu steuern. Menschen, die regelmäßig meditieren, entwickeln bestimmte Hirnareale stärker, zum Beispiel den Präfrontalen Cortex. Buddhistische Mönche, die über lange Jahre viel meditieren, nehmen im vorderen Teil des Hirns an Hirnmasse zu.
Spiritualität und Gehirn: Die Rolle des Gehirns bei religiösen Erfahrungen
Wissenschaftler haben erstmals Hirnareale identifiziert, die an religiösen Erfahrungen beteiligt sind. Italienische Mediziner entdeckten an Patienten mit Hirntumoren, dass die hinteren Scheitellappen des Großhirns maßgeblich die Spiritualität eines Menschen beeinflussen. Das Gefühl fürs große Ganze sitzt offenbar in bestimmten Gehirnregionen.
Studien zur Selbsttranszendenz
Forscher der Universität Udine untersuchten bei Krebspatienten das Gefühl der Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich nicht nur als Ich, sondern als Teil eines großen Ganzen zu fühlen. Die Wissenschaftler prüften, wie sich diese Eigenschaft veränderte, wenn die Tumore entfernt wurden, und glichen dies zudem mit den durch die Operation verursachten Schäden ab. Bestimmte Verletzungen der hinteren Scheitellappen beider Hirnhälften verstärkten bei den Patienten das Gefühl der Selbst-Transzendenz. Somit beeinflusst die Aktivität dieser Hirnareale die spirituelle und religiöse Haltung eines Menschen.
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Das periaquäduktale Grau (PAG) als spirituelles Zentrum
Bostoner Wissenschaftler des Brigham and Women’s Hospital in Boston meinen, Spiritualität und Religiosität in einem bestimmten Gehirnschaltkreis lokalisieren zu können. Sie fanden heraus, dass die selbstberichtete Spiritualität einem spezifischen Hirnschaltkreis zugeordnet war, der sich auf das periaquäduktale Grau (PAG) konzentrierte, einer Hirnstammregion, die an zahlreichen Funktionen beteiligt ist, darunter Angstkonditionierung, Schmerzmodulation, altruistisches Verhalten und bedingungslose Liebe. Die Ergebnisse zur Religiosität aus einem zweiten Datensatz stimmten mit diesen Befunden überein.
Die ältesten Hirnregionen und Spiritualität
Die älteste Region des Gehirns, aus der heraus es erst erwachsen ist, ist direkt mit Spiritualität verbunden. Wenn Menschen dort Beschädigungen hatten, hat sich ihre Spiritualität merklich verändert. Je nachdem, welche Gehirnregion betroffen war, war sie verstärkt oder geschwächt. Das periaquäduktale Grau (PAG) ist eine sehr alte Region im Gehirn, die an ganz basalen Funktionen wie Liebe und Altruismus beteiligt ist.
Religiosität und Spiritualität: Potenzial und Vernunft
Religiosität und Spiritualität können das Beste aus dem Menschen herausholen. Man kann damit tatsächlich zum Beispiel eine Auffassung entwickeln: Ich setze mich für andere ein, ich forsche, ich liebe, ich unterstütze. Religiosität und Spiritualität haben ein enormes Potenzial, aber wie wir das einsetzen, dafür brauchen wir auch noch die Vernunft. Man kann mit diesen Fähigkeiten aus Menschen Heilige machen, aber man kann eben aus ihnen auch Extremisten machen.
Religiöse Musikalität und Individualität
Man spricht in diesem Zusammenhang auch von religiöser Musikalität, ein Begriff, den Max Weber geprägt hat. Analog zur Musikalität geht man davon aus, dass manche Menschen empfänglich für religiöse Gefühle und Spiritualität sind und andere nicht. Jeder Mensch hat ein anderes Gehirn, und wir müssen auch im religiösen und spirituellen Bereich unsere Individualität ernster nehmen.
Natur und Kultur in der Spiritualität
Wir Menschen haben alle eine Veranlagung zu Sprachfähigkeit, zu Musikalität, zu Kreativität. Aber Veranlagung allein reicht ja noch nicht, wir müssen dann auch eine Sprache oder ein Musikinstrument oder eine Kunst erst lernen. Und genau so ist es mit Religiosität und Spiritualität auch. Es ist ein Teil unserer biologischen Ausstattung, was auch bedeutet, dass es nichts bringt, jemanden zu etwas zwingen zu wollen, was die Person vielleicht gar nicht anspricht.
Neurotheologie: Die Suche nach Gott im Gehirn
In der Anfangszeit der Neurotheologie gab es eine große Euphorie in der Neurowissenschaft, dass man jetzt klären könne, ob es Gott gibt oder nicht. Man kann heute sagen, dass Gott im Gehirn erfahren wird, dass die Leute entsprechende Erfahrungen machen. Die können wir aber immer noch so erklären, dass wir sagen, das ist eine nützliche Illusion, das wäre dann der evolutionäre Atheismus, wir sagen, das ist halt eine Täuschung, die sich quasi bewährt hat. Der Agnostizismus sagt, nein, wir können es nicht wissen, was dahintersteckt. Und der evolutionäre Theismus sagt, das zeigt doch - wie Teilhard de Chardin gesagt hat -, die ganze Evolution geht auf Gott zu und das ganze Universum strebt auf die Erkenntnis Gottes zu.
Die Bedeutung des Stammhirns für religiöse Gefühle
Während die meisten Hirnoperationen keine signifikanten Veränderungen in der Religiosität nach sich zogen, war dies für Eingriffe in einem bestimmten Teil des Stammhirns anders. Wurde das sogenannte Periaquäduktale Grau (PAG) verletzt, änderte sich das spirituelle Empfinden der Patienten teilweise radikal, wie Ferguson und sein Team feststellten. Das Periaquäduktale Grau liegt im innersten Bereich des Mesencephalons und damit im oberen Teil des Hirnstamms. Wie sich nun zeigt, ist dieser evolutionär alte Hirnteil offenbar auch eng mit der Erzeugung religiöser Gefühle und Vorstellungen verknüpft.
Spiritualität als etwas Neues?
Spiritualität erscheint oft als etwas Neueres in der Entwicklung des Menschen. Die Wissenschaft ist heute davon überzeugt, dass unterschiedliche Hirnareale an religiösen Gefühlen beteiligt sind. Das periaquäduktale Grau ist ein ziemlich alter Teil des menschlichen Gehirns, das an ganz grundlegenden Gefühlen wie Schmerz, Angst und Fluchtreflexen beteiligt ist und offenbar auch mit Religion und Spiritualität zu tun hat.
Heilung und Spiritualität
Die Hirnforscher der Harvard University haben aber auch noch ein anderes Ziel: Indem sie der Spiritualität im menschlichen Gehirn nachspüren, wollen sie zu besseren Heilungsprozessen beitragen. Denn das religiöse Heil und die medizinische Heilung sind nicht nur sprachlich eng verwandt. In der Geschichte der Menschheit gingen Heilung und Spiritualität immer Hand in Hand. Erst in der Moderne haben wir sie voneinander getrennt.
Achtsamkeit und Spiritualität
Ein gutes Beispiel für die Verbindung von Heilung und Spiritualität sei Achtsamkeit. Aus der Achtsamkeitsforschung wissen wir, dass bestimmte Übungen bestimmte Hirnareale stimulieren. Spiritualität und Religiosität sind tief im Hirn verwurzelt, und sie haben auch mit Ängsten, Krankheit und Gesundheit zu tun.
Das Gehirn verändern: Möglichkeiten der positiven Veränderung
Unser Gehirn bleibt bis ins hohe Alter formbar, und wir haben jederzeit die Chance, es zum positiven zu verändern und unser neueres Gehirn auszubauen. Wir können beispielsweise unseren Frontallappen aufbauen, auch indem wir mal mit kleinen Gewohnheitsveränderungen anfangen und diesen Teil unseres Gehirns trainieren. Wir können uns hiervon inspirieren lassen und eine schlechte Angewohnheit verändern, indem wir mit etwas ganz Kleinem anfangen, z.B. die 3. Tasse Kaffee weglassen oder die Angewohnheit, sich selbst klein zu machen, zu kritisieren, durch einen neuen Satz ersetzen.
Meditation als Werkzeug zur Veränderung
Meditation kann unser Gehirn verändern. Wenn wir uns dabei ertappen, wie wir schlecht von uns denken, setzen wir diesem Satz einen neuen gegenüber, z.B. mal für 40 Tage, und schauen, was passiert. Dieser neue Satz kann uns helfen, uns aufzurichten und größer zu werden, wenn wir an ihn denken.
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