Polio-Impfung und Meningitis-Risiko: Ein umfassender Überblick

Die Polio-Impfung, auch bekannt als Kinderlähmungsimpfung, ist ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Gesundheitssystems und zielt darauf ab, die Ausbreitung der Poliomyelitis zu verhindern, einer hoch ansteckenden Viruserkrankung, die zu Lähmungen und sogar zum Tod führen kann. Gleichzeitig spielen auch Impfungen gegen Meningokokken eine wichtige Rolle, um schwere bakterielle Infektionen wie Meningitis zu verhindern. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Polio-Impfung und dem Risiko von Meningitis, die neuesten STIKO-Empfehlungen und gibt einen umfassenden Überblick über beide Krankheitsbilder.

Poliomyelitis (Polio): Eine Bedrohung im Rückgang

Poliomyelitis, kurz Polio oder auch Kinderlähmung genannt, ist eine hoch ansteckende Viruserkrankung, die durch drei Typen von Poliomyelitis-Viren (Typ I, Typ II und Typ III) ausgelöst wird. Die Krankheit kann schwerwiegend sein und in einigen Fällen lebensbedrohlich werden. Das Poliovirus kommt nur beim Menschen vor und wird von Mensch zu Mensch durch fäkal-orale Schmutz- und Schmierinfektionen (äußerst selten über Tröpfchen-Infektion) übertragen. Das mit dem Stuhl ausgeschiedene Virus gelangt durch den Mund in den Körper, beispielsweise über die Hände, Gegenstände, Nahrungsmittel (z.B. Muscheln), entsprechenden Geschlechtsverkehr und Wasser.

Krankheitsverlauf und Symptome

Die Virusausscheidung im Stuhl beginnt etwa 3 Tage nach der Infektion und kann bis zu 6 Wochen, in Einzelfällen bis zu Monaten und Jahren andauern. Eine Ansteckungsfähigkeit besteht, solange das Virus ausgeschieden wird. Falls Poliomyelitis manifest ausbricht, verläuft die Krankheit in verschiedenen Phasen.

  • Abortive Poliomyelitis: Etwa 4 bis 8 Prozent der Infizierten entwickeln grippeähnliche Symptome wie Magen-Darm-Beschwerden, Fieber, Hals- und Kopfschmerzen.
  • Nicht-paralytische Poliomyelitis (aseptische Meningitis): Bei 2 bis 4 Prozent kommt es zu Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelkrämpfen.
  • Paralytische Poliomyelitis: Bei jedem 100. bis 1.000. Infizierten kommt es zu erneutem Fieber, bleibenden, schlaffen Lähmungen der Arm- oder Beinmuskulatur, schlimmstenfalls auch der Sprech-, Schluck- oder Atemmuskulatur.

Die Bedeutung der Polio-Impfung

Vor Einführung breiter Impfkampagnen waren Polioviren weltweit verbreitet. Dank der gezielten Anwendung der Schluckimpfung ist die Erkrankung mit ihren sichtbaren Folgen weitgehend aus unserem Alltagsleben verschwunden, und die WHO hat Europa und somit auch Deutschland im Jahr 2002 als "poliofrei" erklärt. Mittlerweile tritt Polio nur noch in Afghanistan und Pakistan endemisch auf.

Seit 1998 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut in Berlin anstelle der Schluckimpfung (OPV) eine Impfung zur Injektion (IPV) mit einem inaktivierten Impfstoff. Diese Impfung ist geeignet für Säuglinge ab dem vollendeten 2. Lebensmonat, aber auch für Jugendliche und Erwachsene. Für Kinder gibt es Kombinationsimpfstoffe, die zur Grundimmunisierung dreimal gegeben werden. Für Frühgeborene (Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche) sind es vier Impfungen.

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Aktuelle STIKO-Empfehlungen zur Polio-Impfung

Die STIKO empfiehlt:

  • Grundimmunisierung: Alle Säuglinge ab dem vollendeten 2. Lebensmonat. Für Frühgeborene (Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche) sind vier Impfungen empfohlen.
  • Auffrischimpfung: Zwischen dem 9. und vollendeten 16. Lebensjahr einmalige Auffrischimpfung für alle Personen.
  • Weitere Auffrischimpfungen: Nach dem vollendeten 18. Lebensjahr nur noch für bestimmte Risikogruppen (Reisende in Länder mit Polio-Vorkommen, Aussiedler und Migranten in Gemeinschaftsunterkünften und Personen mit beruflicher Exposition z.B. im medizinischen Bereich) sowie bei unvollständiger Dokumentation der Grundimmunisierung.

Meningokokken-Erkrankungen: Selten, aber gefährlich

Meningokokken-Erkrankungen sind in Deutschland insgesamt sehr selten, verlaufen jedoch meist sehr schwerwiegend. Meningokokken verschiedener Typen (Serogruppen) können schwere (invasive) Erkrankungen wie eine bakterielle Hirnhautentzündung (Meningitis) oder eine Blutvergiftung (Sepsis) verursachen.

Erregertypen und Verbreitung

Meningokokken-Erkrankungen werden durch Bakterien der Art Neisseria meningitidis verursacht. Aufgrund unterschiedlicher Oberflächenstrukturen der Bakterien werden 12 verschiedene Untergruppen unterschieden, sogenannte Serogruppen. Schwere (invasive) Erkrankungen werden meist durch die Serogruppen A, B, C, W, X und Y verursacht, wobei die verschiedenen Erreger weltweit unterschiedlich häufig vorkommen.

Die meisten Erkrankungen werden in Deutschland durch Meningokokken der Serogruppe B (58,5 Prozent), gefolgt von den Serogruppen Y (21,3 Prozent), C (11,5 Prozent) und W (7,8 Prozent) verursacht. Andere Serogruppen treten in Deutschland nur sehr selten auf. Altersabhängig treten Meningokokken-Erkrankungen der Serogruppe B überwiegend bei Kindern und Jugendlichen (< 25 Jahre) auf, während Erkrankungen durch Serogruppe Y vor allem ältere Personen (≥ 70 Jahre) betreffen.

Ansteckung und Krankheitsverlauf

Meningokokken können den Nasen-Rachen-Raum besiedeln. Bei engem Kontakt können sie zum Beispiel über Speichel oder Nasensekret übertragen werden. Da Meningokokken außerhalb des Körpers rasch absterben, kommt es bei Begegnungen ohne engen Kontakt in der Regel nicht zu einer Ansteckung.

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Eine Ansteckung kann vor allem zu einer Entzündung der Hirnhäute (Meningokokken-Meningitis) oder zu einer bakteriellen Blutvergiftung (Meningokokken-Sepsis) führen. In manchen Fällen treten beide Erkrankungen gleichzeitig auf. Von der Ansteckung bis zum Ausbruch einer Erkrankung dauert es in der Regel 3 bis 4 Tage, die Zeitspanne kann jedoch zwischen 2 und 10 Tagen liegen.

Zunächst treten kurzzeitig grippeähnliche Symptome auf. In der Folge setzen plötzlich Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel mit schwerstem Krankheitsgefühl ein. Bei einem großen Teil der Erkrankten treten zusätzlich Hautveränderungen auf, vor allem, wenn sich die Infektion im Körper ausbreitet und eine Blutvergiftung entsteht. Bei einer Meningitis kommen unter anderem Erbrechen und Nackensteifigkeit hinzu. Eine Sepsis kann sich durch Blutdruckabfall bemerkbar machen und bis zum Organversagen fortschreiten.

Behandlung und Komplikationen

Meningokokken-Erkrankungen müssen schnellstmöglich im Krankenhaus behandelt werden, da sie fast immer schwer verlaufen und häufig Komplikationen nach sich ziehen. Meningokokken-Erkrankungen werden mit Antibiotika behandelt. Wenn Komplikationen auftreten, können weitere Behandlungsmaßnahmen notwendig werden, unter Umständen auf der Intensivstation.

Eine Meningokokken-Meningitis führt bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen zu Komplikationen wie Krampfanfällen oder Taubheit und bei Kindern auch zu Entwicklungsstörungen. Etwa einer von 100 der Erkrankten verstirbt. Bei einer Sepsis kann es zu Gewebeschädigungen bis hin zum Absterben einzelner Gliedmaßen kommen, so dass eine Amputation nötig werden kann. Rund 13 Prozent der Erkrankten mit septischem Verlauf versterben.

Aktuelle STIKO-Empfehlungen zur Meningokokken-Impfung

Aufgrund der Schwere von Meningokokken-Erkrankungen, der häufigen Komplikationen und der hohen Sterblichkeit empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) verschiedene Impfungen gegen Meningokokken:

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  • Impfung gegen Meningokokken B (MenB): Allen Säuglingen ab dem Alter von 2 Monaten wird die Impfung gegen Meningokokken B empfohlen.
  • Impfung gegen Meningokokken ACWY (MenACWY): Eine Impfung für alle älteren Kinder und Jugendliche im Alter von 12 - 14 Jahren gegen Meningokokken ACWY als Standardimpfung. Nachholimpfungen sollten bis zum 25. Geburtstag erfolgen.
  • Indikationsimpfung: Bei erhöhtem Risiko wird zudem die Impfung mit Meningokokken-ACWY-Impfstoff empfohlen, beispielsweise bei einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche oder bei Langzeitaufenthalten in Ländern mit epidemischen Vorkommen.

Die Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe C (MenC) wird Kleinkindern im Alter ab 12 Monaten nicht mehr empfohlen, da diese Erkrankungen sehr selten geworden sind.

Impfstoffe gegen Meningokokken

Für die Serogruppe B und C sind in Deutschland jeweils monovalente Impfstoffe (Einzelimpfstoffe) zugelassen sowie quadrivalente Impfstoffe (Vierfachimpfstoffe) gegen die 4 Serogruppen A, C, W, und Y (MenACWY). Die STIKO hat ihre Empfehlung zur Impfung gegen die Serogruppe B angepasst und empfiehlt für Säuglinge ab dem Alter von zwei Monaten eine Standardimpfung gegen Meningokokken der Serogruppe B (MenB) mit dem Protein-basierten Vierkomponenten-Impfstoff 4CMenB (Bexsero).

Polio-Impfung und Meningitis-Risiko: Gibt es einen Zusammenhang?

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Polio-Impfung und einem erhöhten Risiko für Meningitis. Die Polio-Impfung schützt vor Poliomyelitis, während Meningitis durch verschiedene Bakterien oder Viren verursacht werden kann, darunter Meningokokken.

Es ist wichtig zu beachten, dass Impfungen im Allgemeinen das Immunsystem stärken und somit vor verschiedenen Infektionen schützen können. In einigen Fällen können Impfungen jedoch auch vorübergehende Impfreaktionen hervorrufen, die Symptomen einer leichten Erkrankung ähneln können. Diese Reaktionen sind jedoch in der Regel harmlos und klingen nach wenigen Tagen wieder ab.

Die Rolle der STIKO und aktuelle Entwicklungen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland ist eine unabhängige экспертный комиссия, die Impfempfehlungen für Deutschland erarbeitet. Die STIKO berücksichtigt bei ihren Empfehlungen die aktuelle epidemiologische Situation, die Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe sowie die individuellen Risiken und Vorteile für die Bevölkerung.

Ende Oktober hat die STIKO die Impfempfehlung für Meningokokken aktualisiert. Die seit 2006 gültige Impfempfehlung für eine einmalige Impfung gegen Meningokokken C mit 12 Monaten - mitsamt den Nachholimpfungen bis 17 Jahre - entfällt. Neue Empfehlung: eine Impfung für alle älteren Kinder und Jugendliche im Alter von 12 - 14 Jahren gegen Meningokokken ACWY als Standardimpfung. Nachholimpfungen sollten bis zum 25. Geburtstag erfolgen.

Da die MenACWY-Impfung zeitgleich mit der zweiten Auffrischimpfung gegen Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten und Polio (Tdap-IPV), sowie mit der HPV-Impfung erfolgen kann, ist die Hoffnung der STIKO, dass die Impfquoten dieser Impfungen steigen werden, in der Altersgruppe, die eher selten in die Praxis kommt. Die STIKO erwartet mit der neuen Impfempfehlung - bei einer angemessenen hohen Impfquote - auch einen indirekten Schutzeffekt vor IME auch in anderen Altersgruppen.

Impfungen im Allgemeinen: Sicherheit und Wirksamkeit

Impfungen sind das wirksamste Mittel zum Schutz vor Infektionskrankheiten. Die Bestandteile des Impfstoffs sind in der Lage, das Immunsystem zu stimulieren, ohne das Auftreten der Infektion zu verursachen, die der Impfstoff verhindern soll. Jeder Impfstoff wird vor seiner Zulassung einer langen Studie unterzogen, um seine Verträglichkeit und Sicherheit zu bewerten sowie seine Fähigkeit, eine wirksame und dauerhafte Immunantwort hervorzurufen, sowohl einzeln als auch in Kombination mit anderen Impfstoffen.

Wenn wir unter der Definition von „sicherem Impfstoff“ ein Produkt verstehen, das völlig frei von Nebenwirkungen ist, dann ist kein Impfstoff zu 100 % sicher. Wenn man dagegen unter „sicher“ einen Impfstoff versteht, der nur sehr selten oder ausnahmsweise schwerwiegende Nebenwirkungen hervorrufen kann und diese dennoch als akzeptabel angesehen werden, gerade weil dieser Impfstoff vor einer größeren Gefahr durch eine Erkrankung schützt, dann ist dies eine Definition, die der Realität besser entspricht.

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