Bewegungsstörungen bei Säuglingen und Kleinkindern sind ein häufiger Grund für die Vorstellung beim Kinderarzt. Es ist wichtig, die Symptome richtig einzuordnen, da es sich sowohl um harmlose, selbstlimitierende Störungen als auch um schwerwiegende Erkrankungen handeln kann, die eine umfassende Diagnostik und rasche Therapieeinleitung erfordern. Dieser Artikel soll die klinischen Merkmale spastischer Bewegungsstörungen darstellen, die es dem Kinderarzt ermöglichen, diese per Blick- oder Videodiagnose korrekt zu benennen.
Was ist Spastik?
Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort "spasmós" (Krampf), bezeichnet eine krankhaft erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus) aufgrund einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Diese unkontrollierbare Muskelaktivität führt zu dauerhaften Fehlstellungen der Gelenke in Armen und Beinen und damit verbundenen Bewegungseinschränkungen, der sogenannten spastischen Lähmung.
Ursachen von Spastik
Die Ursache einer Spastik ist eine Läsion der Pyramidenbahn, deren Fasern ihren Ursprung im motorischen Kortex (Gyrus präcentralis) haben, im Bereich der inneren Kapsel (Capsula interna) gebündelt werden, in Höhe der Medulla oblongata zur Gegenseite kreuzen und dann im Rückenmark zu den Armen und Beinen ziehen.
Häufigste Ursache ist eine frühkindliche Hirnschädigung im Rahmen einer Frühgeburtlichkeit oder perinatalen Asphyxie. Früher war die infantile Zerebralparese (ICP) meist auf Sauerstoffmangel bei der Geburt zurückzuführen, heutzutage dominieren Komplikationen bei Frühgeburtlichkeit wie Hirnblutung oder periventrikuläre Leukomalazie.
Weitere mögliche Ursachen sind:
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten für Spastik
- Entwicklungsstörungen im Mutterleib (z.B. verminderte Blut- oder Sauerstoffversorgung, Infektionen der Mutter während der Schwangerschaft, Mutationen in den Genen, Verletzungen des Kindes im Mutterleib)
- Schädigungen des Gehirns während oder nach der Geburt (z.B. Sauerstoffmangel, Infektionen des Gehirns des Säuglings, Kernikterus, schwere Kopfverletzung, nachgeburtlicher Schlaganfall)
- Hirntumor
- Schädel-Hirn-Trauma
Risikofaktoren für Spastik
Einige Faktoren erhöhen das Risiko, dass ein Baby mit einer Zerebralparese und damit einhergehender Spastik geboren wird:
- Frühgeburt (vor der 37. Schwangerschaftswoche)
- Niedriges Geburtsgewicht
- Unterdurchschnittliche Geburtsgröße
- Mehrlingsgeburt
- Wenn die Mutter während der Schwangerschaft geraucht, Alkohol getrunken oder Drogen eingenommen hat
Wie kann man einer Zerebralparese vorbeugen?
Bei einer genetisch bedingten Zerebralparese ist dies nicht möglich, aber einige der Risikofaktoren lassen sich durchaus vermeiden. Das gilt vor allem für Alkohol, Rauchen und Drogen. Aber auch beispielsweise Röteln können als Gefährdung ausgeschlossen werden, wenn die Mutter vor der Schwangerschaft dagegen geimpft wird.
Symptome von Spastik bei Säuglingen
Typische Symptome sind:
- Erhöhter Muskeltonus der Extremitäten mit Klappmesserphänomen
- Gesteigerte Muskeleigenreflexe mit verbreiterten Reflexzonen
- Kloni
- Positives Babinski-Zeichen
- Im Vergleich zu anderen Kindern verspätete oder ausbleibende Bewegungsentwicklung (zum Beispiel mit acht Monaten noch nicht sitzen oder mit 18 Monaten noch nicht laufen können)
- Schwäche in einem oder beiden Armen oder Beinen
- Die Muskeln wirken abwechselnd zu steif oder zu schlaff
- Steife oder angespannte Muskeln und gesteigerte Reflexe
- Zittern der Hände
- Zappelige, ruckartige oder unbeholfene Bewegungen
- Schwierigkeiten mit präzisen Bewegungen und der Koordination, zum Beispiel beim Führen der Hand zum Mund
- Zehenspitzengang, gebückter Gang oder Scherengang (kurze Schritte mit zur Körpermitte gezogenen und bei jedem Schritt gekreuzten Beinen)
- Muskelkrämpfe
Formen der Spastik
Spastische Lähmungen können einzelne Muskeln oder ganze Körperbereiche betreffen. Dabei unterscheidet man bei dem Ausmaß der Spastik zwischen folgenden Formen:
- Monoplegie: Die spastische Lähmung tritt nur in einem Bein oder Arm auf.
- Paraplegie: Beide Beine oder Arme sind betroffen.
- Hemiparese: Spastische Lähmungen aller Gliedmaßen der rechten oder linken Körperhälfte.
- Tetraparese: Spastische Lähmungen von Armen, Beinen, Rumpf, Hals und Kopf. Sind bei dieser Form der Störung die Beine stärker betroffen als die Arme, wird das Beschwerdebild als Diparese bezeichnet.
Begleiterscheinungen einer Spastik
Die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit kann mit sehr vielen anderen Beeinträchtigungen, Behinderungen oder gesundheitlichen Problemen einhergehen. Mehr als 75 Prozent der betroffenen Kinder haben Sprachprobleme, zum Beispiel Schwierigkeiten bei der Wortbildung und Aussprache. Auch Lernschwierigkeiten sind häufig und 30 bis 50 Prozent der betroffenen Kinder entwickeln eine mehr oder weniger stark ausgeprägte geistige Behinderung. Darüber hinaus schielen betroffene Kinder häufiger, neigen zu Schwerhörigkeit, Schluckbeschwerden, Inkontinenz oder Epilepsie.
Lesen Sie auch: Schlaganfall und Spastik: Was hilft wirklich?
Diagnose von Spastik bei Säuglingen
Bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) für Babys und Kleinkinder wird auch die motorische Entwicklung des Kindes überprüft. Bei den meisten Kindern mit Zerebralparese wird die Störung innerhalb der ersten zwei Lebensjahre erkannt. Sind die Symptome eines Kindes jedoch nur leicht ausgeprägt, kann sich die Diagnose auch verzögern.
Wenn der Verdacht auf eine Zerebralparese besteht, untersucht der Kinderarzt die motorischen Fähigkeiten des Kindes mit einer Reihe von Bewegungstests und überwacht bei regelmäßigen Kontrollterminen Wachstum, Körperhaltung und Koordination der Bewegungen, die Muskelspannung oder das Hör- und Sehvermögen.
Weitere Untersuchungen dienen dazu, den Verdacht auf eine Zerebralparese zu bestätigen und andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Deshalb sind in der Regel verschiedene Fachärzte beteiligt, die sich den jeweiligen Problemen widmen und gemeinsam ein Team für ein ganzheitliches Behandlungskonzept bilden.
Mögliche Diagnoseverfahren:
- Ausführliches Gespräch (Anamnese): Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Kindes und der Familie.
- Körperliche und neurologische Untersuchung: Der Arzt prüft die Beweglichkeit der Gelenke, Muskelkraft und -anspannung (Ashworth-Skala) sowie die Reflexe und das Schmerzempfinden.
- Bildgebende Verfahren: Digitale Volumentomografie (DVT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) können eingesetzt werden, um die Ausprägung der spastischen Lähmung genauer zu bestimmen. Häm-sensitive Sequenzen in der Magnetresonanztomographie können auf stattgehabte Blutungen hinweisen.
- Elektromyografie (EMG): Die Muskelaktivität wird gemessen, um festzustellen, ob die Erkrankung vom Muskel (Myopathie) oder dem zugehörigen Nerv (Neuropathie) ausgeht.
- Elektroneurografie (ENG): Störungen von Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark (periphere Nerven) können untersucht werden.
- Liquorpunktion: Untersuchung des Nervenwassers.
- Elektroenzephalografie (EEG): Messung der Hirnströme, um beispielsweise Epilepsie auszuschließen.
- Spezielle Laboruntersuchungen (Blut- und Urinbefunde): Zum Ausschluss von Stoffwechselerkrankungen oder genetischen Ursachen.
Behandlung von Spastik bei Säuglingen
Die Behandlung der ICP sollte am besten multimodal erfolgen und verschiedene Elemente wie die Logopädie, die Ergotherapie, Krankengymnastik, Physiotherapie sowie eine medikamentöse Therapie (Benzodiazepine oder Muskelrelaxanzien) beinhalten. Es ist wichtig, kontinuierlich am Muskelaufbau zu arbeiten, damit die Fähigkeiten bestehen bleiben. Auch augen- und ohrenärztliche sowie orthopädische (Gipsverbände oder Schienen) Maßnahmen tragen zu einer Verbesserung der Beschwerden bei.
Lesen Sie auch: Schlaganfallbedingte Spastik mit Botox behandeln
Da die Hirnschädigung selbst nicht heilbar ist, basiert die Behandlung der infantilen Zerebralparese auf einem multidisziplinären Ansatz. Ziel ist es, die Funktionsfähigkeit zu verbessern und Folgeschäden zu vermeiden.
- Physiotherapie: Die Physiotherapie bildet das Fundament der Behandlung und beginnt idealerweise bereits im Säuglingsalter. Spezielle Techniken wie die Bobath-Therapie oder die Vojta-Methode helfen dabei, normale Bewegungsmuster zu fördern. Die Kräftigung der Muskulatur steht ebenso im Fokus wie die Gangschulung mit verschiedenen Gehhilfen.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie konzentriert sich auf die Verbesserung der Handfunktion und die Förderung der Selbstständigkeit im Alltag. Therapeuten trainieren alltägliche Fertigkeiten wie Anziehen, Essen oder Schreiben und verbessern die Bewegungskoordination.
- Logopädie: Bei Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen kommt die Logopädie zum Einsatz. Die Behandlung von Schluckproblemen ist besonders wichtig, um Komplikationen zu vermeiden.
- Medizinische Behandlung: Medikamente zur Spastikreduzierung entspannen die verkrampfte Muskulatur (z.B. Baclofen, Botulinumtoxin).
- Orthopädietechnische Versorgung: Die Orthopädietechnik spielt eine zentrale Rolle bei der Versorgung mit Hilfsmitteln wie Orthesen, Gehhilfen oder Rollstühlen.
- Weitere Therapieansätze: Eine angepasste Schmerztherapie ist wichtig, da viele betroffene Kinder unter chronischen Schmerzen leiden. Bei Schluckproblemen ist eine spezialisierte Ernährungstherapie notwendig. Lokale Vibrationstherapie kann ebenfalls eingesetzt werden.
- Operative Verfahren: Durch operative Verfahren können Verrenkungen oder Fehlbildungen korrigiert werden, sodass die Bewegungsfähigkeit erhalten bleibt. Die Muskulatur wird verlängert oder verlagert, im Anschluss sind eine Immobilisation (10 bis 14 Tage) sowie eine sechswöchige Rehabilitation erforderlich. Mit sechs Jahren gilt eine Operation als ideal, weil Kinder in dem Alter bereits bei der Rehabilitation gut mitarbeiten, da sie ein erstes Verständnis dafür haben, warum der Eingriff für sie bedeutsam ist. In bestimmten Fällen kann eine Neurotomie (Durchtrennung von Nervenfasern) durchgeführt werden, um die Spastik zu mindern.
Leben mit Spastik
Das Leben mit einer infantilen Zerebralparese bringt besondere Herausforderungen mit sich, die sich vom Kindesalter bis ins Erwachsenenalter wandeln.
- Frühförderung und Schulzeit: Frühförderprogramme beginnen oft bereits im Säuglingsalter und umfassen verschiedene Therapieformen sowie die Beratung der Eltern. Bei der Beschulung stehen verschiedene Optionen zur Verfügung: von der integrativen Beschulung in Regelschulen bis hin zu spezialisierten Förderschulen.
- Hilfsmittelversorgung im Alltag: Moderne Hilfsmittel eröffnen neue Möglichkeiten für Selbstständigkeit. Rollstühle verschiedener Ausführungen ermöglichen Mobilität, Kommunikationshilfen wie Sprachcomputer helfen bei Sprachproblemen. Alltagshilfen wie spezielles Besteck oder Anziehilfen fördern die Selbstständigkeit.
- Familienunterstützung: Beratung und Schulung der Angehörigen sind wichtig, um den Umgang mit der Erkrankung zu erlernen.
Die kontinuierliche Weiterentwicklung von Hilfsmitteln und Therapieansätzen verbessert die Lebensqualität stetig.
Prognose bei Spastik
Die Prognose bei infantiler Zerebralparese ist sehr individuell und hängt maßgeblich vom Schweregrad der Hirnschädigung, den betroffenen Hirnregionen und dem Vorhandensein von Begleiterkrankungen ab. Bei leichten Formen der infantilen Zerebralparese, wie der spastischen Hemiparese, ist die Lebenserwartung normal oder nur geringfügig reduziert. Viele Betroffene können ein weitgehend selbstständiges Leben führen, arbeiten und eine Familie gründen.
Menschen mit mittelschweren Formen haben meist nur eine leicht eingeschränkte Lebenserwartung, vorausgesetzt Komplikationen werden rechtzeitig behandelt.
Die moderne medizinische Versorgung hat jedoch die Prognose kontinuierlich verbessert. Viele Betroffene erreichen trotz ihrer Einschränkungen ein hohes Maß an Selbstständigkeit und können mit entsprechender Unterstützung alltägliche Aufgaben bewältigen. Berufliche Integration ist häufig möglich, von der Arbeit in spezialisierten Werkstätten bis hin zu qualifizierten Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Besonders wichtig für eine positive Prognose ist die Früherkennung und der rechtzeitige Therapiebeginn. Das sich entwickelnde Gehirn von Kindern zeigt eine bemerkenswerte Neuroplastizität und kann geschädigte Funktionen teilweise kompensieren. Die Lebensqualität hängt dabei nicht nur von den körperlichen Fähigkeiten ab, sondern auch von sozialer Unterstützung, Bildungsmöglichkeiten und gesellschaftlicher Teilhabe.
Prävention von Spastik
Während der Schwangerschaft sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wichtig, um Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. Ein vollständiger Impfschutz der Mutter gegen Infektionen wie Röteln oder Toxoplasmose kann schwerwiegende Hirnschädigungen beim ungeborenen Kind verhindern. Der Verzicht auf Alkohol, Drogen und Nikotin ist essentiell, da diese Substanzen die Gehirnentwicklung beeinträchtigen können.
Während der Geburt können professionelle Geburtsbetreuung und kontinuierliches Monitoring Komplikationen frühzeitig erkennen. Bei Anzeichen von Sauerstoffmangel ermöglichen schnelle medizinische Interventionen oft die Vermeidung bleibender Schäden.
Nach der Geburt sind Schutzmaßnahmen vor Infektionen wichtig, insbesondere vor Gehirnhautentzündungen. Die Vermeidung von Schädel-Hirn-Traumata durch entsprechende Sicherheitsmaßnahmen ist essentiell.
Trotz aller Präventionsmaßnahmen können nicht alle Fälle verhindert werden, da manche Hirnschädigungen durch unvorhersehbare Ereignisse oder genetische Faktoren entstehen.