Gehirn, Sprache und Comic: Eine faszinierende Verbindung

Einführung

Die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Gehirn, Sprache und Comics ist ein spannendes Feld, das Einblicke in die Funktionsweise unseres Geistes und die Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten, bietet. Die neurolinguistische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht und ermöglicht es uns, die komplexen Prozesse im Gehirn während des Verstehens, des Spracherwerbs und der visuellen Wahrnehmung zu untersuchen. Comics, als eine Kombination aus Sprache und Bildern, bieten eine einzigartige Möglichkeit, diese Prozesse zu erforschen.

Die neurolinguistische Forschung

Die neurolinguistische Forschung ist ein relativ junger Forschungszweig, der sich seit den 1980er Jahren entwickelt hat. Kognitionswissenschaftler haben begonnen, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu untersuchen, um zu verstehen, wie Sprache verarbeitet wird. Moderne Messtechniken wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) und Elektroenzephalographie (EEG) ermöglichen es, aktive Hirnregionen sichtbar zu machen und Gehirnströme zu messen. Auch Eye-Tracking-Verfahren, die seit Jahrzehnten eingesetzt werden, liefern genauere Ergebnisse als früher.

Die Rolle der Motorik

Die Forschung hat gezeigt, dass körperliche Bewegungen das Sprachverständnis beeinflussen können. Der Satz „Die Frau öffnet die Schublade“ wird schneller und besser verstanden, wenn der Zuhörer gleichzeitig eine ähnliche Armbewegung ausführt. Motorik, die Sprachinhalte widerspiegelt, erleichtert das Verstehen.

Das Zusammenspiel von Sprache und visuellen Beobachtungen

Pia Knoeferle, eine Psycholinguistin an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat sich auf die Untersuchung des Zusammenspiels von Sprachverständnis und visuellen Beobachtungen spezialisiert. Ihre Forschung zeigt, dass der unmittelbare Handlungskontext einen starken Einfluss auf die Sprachverarbeitung hat und möglicherweise sogar dominanter ist als vorgefertigte „Bilder“ im Kopf.

Die Psychologie des Humors und Comics

Dean Shibata von der University of Rochester hat die Reaktionen von Freiwilligen untersucht, die sich Humor-Tests unterzogen. Die Ergebnisse zeigten, dass beim Betrachten von Comics oder Lesen von Witzen der untere Teil des Stirnlappens besonders aktiv war. Dies deutet darauf hin, dass dieser Bereich des Gehirns für die Dekodierung von Humor zuständig ist. Zudem wurde eine verstärkte Aktivität im Nucleus accumbens festgestellt, einem Teil des limbischen Systems, der bisher als Zentrum der Drogenabhängigkeit bekannt war.

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Emotionale Reaktionen auf Comicfiguren

Johanna Kißler und ihre Kollegen haben in einer Studie gezeigt, dass Menschen kurzfristig emotionale Beziehungen zu Comicfiguren empfinden können. Obwohl die Hirnreaktionen auf realistische und comichafte Bilder ähnlich intensiv sind, werden realistische Fotos in einem Areal des visuellen Cortex verarbeitet, das für die Wahrnehmung von Menschen zuständig ist, während auf künstliche Bilder ein Bereich reagiert, der für die Wahrnehmung von Objekten zuständig ist.

Die Uncanny-Valley-Hypothese

Experimente haben gezeigt, dass Übergangsbilder zwischen realistischer und comichafter Darstellung weniger intensive Reaktionen im Gehirn hervorrufen als die beiden Extreme. Dieses Phänomen ist als Uncanny-Valley-Hypothese bekannt. Es besagt, dass wir unwillkürlich kleinste Abweichungen vom echten Aussehen bemerken und diese Fast-Realität ein spontanes Unwohlsein erzeugt.

Comics als Medium zur Förderung der Lesekompetenz

Comics können eine wertvolle Rolle bei der Förderung der Lesekompetenz spielen, insbesondere bei Kindern. Sie schulen die Wort-Bild-Verknüpfung, was das Verständnis von Wörtern im Kontext erleichtert. Kinder fügen zunächst Buchstaben zusammen, bis sich ihnen das ganze Wort erschließt. Werden sie dabei mit Bildern unterstützt, begreifen sie den Inhalt und die Bedeutung besser.

Anforderungen an Kindercomics

Kindercomics sollten eine klare, schnörkellose große Schrift, luftige Sprechblasen und eine einfache Sprache haben, damit Kinder einen guten Zugang haben. Die Themen können vielfältig sein und alles umfassen, was Mädchen und Jungen in diesem Alter bewegt. Für Dreijährige eignen sich Silent Comics, die ohne Wörter auskommen.

Comics und die Lesemotivation

Comics ermöglichen einen niedrigschwelligen Lesezugang. Mit dem Einstiegsbild auf der ersten Seite kann sich das Kind gleich angekommen fühlen, es sieht mit einem Blick den Raum und handelnde Personen, das animiert zum Dranbleiben. Comics können Kindern mit Deutsch als Zweitsprache helfen, ihren Wortschatz zu erweitern und ihr Selbstvertrauen zu stärken.

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Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zum Comiclesen

Aus neurolinguistischer Sicht wird beim Comiclesen das semantische Gedächtnis gefordert, in dem kulturelles Wissen und sprachliche Begriffe abgelegt sind. Weil beim Comiclesen die sprachliche und visuelle Ebene dieses Teils des Gehirns gefordert werden, ist die Datenverarbeitung deutlich höher. Außerdem bildet sich im episodischen Gedächtnis ein permanentes Abbild dessen, was gelesen wird, das sich bei jedem Bild verändert. Dadurch ist die Arbeitsleistung des Gehirns beim Comic größer als beim konventionellen Text.

Comics als Werkzeug der Wissenschaftskommunikation

Comics können ein effektives Werkzeug sein, um wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Projekt "Science Streets" in Leipzig plant, ab Juni 2026 Neuro-Comics im Stadtzentrum zu präsentieren, um den Diskurs zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft zu stärken.

Das Comic "Enlighten Your Clock"

Der Psychologe Manuel Spitschan und seine Masterstudentin Coline Weinzaepflen haben das Comic "Enlighten Your Clock" zum Thema Chronobiologie entwickelt. Das Comic erklärt die Grundlagen der Chronobiologie und gibt Tipps für einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus. Es wurde unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht und steht als PDF zum Download bereit.

Die Vorteile von Comics in der Wissenschaftskommunikation

Comics bieten einen visuellen Zugang zu einer Thematik und haben einen ästhetischen Reiz, den andere Formate nicht transportieren können. Die Struktur der Information ist klar festgelegt und es gibt nur begrenzt Platz pro Panel, um einen Fakt herunterzubrechen.

Kritische Betrachtung

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Comics gleich sind. Einige Comics dienen lediglich der Unterhaltung und haben wenig intellektuellen Nährwert. Andere hingegen richten sich an ein erwachsenes Publikum und erfordern Hintergrundwissen und Aufmerksamkeit. Es ist daher wichtig, bei der Auswahl von Comics auf den Verlag und die behandelten Themen zu achten.

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Comics vs. Bücher

Gute Literatur ist dem Comic in vielerlei Hinsicht überlegen. Bücher beschäftigen den Leser, erweitern den geistigen Horizont und den Wortschatz und haben Eingang in die Kultur gefunden. Das Gedankengut zeitgeschichtlich bedeutsamer Bücher wird sogar in Schulen gelehrt und analysiert. Allerdings können Comics eine wertvolle Ergänzung zur traditionellen Lektüre sein und insbesondere Kinder und Jugendliche zum Lesen motivieren.

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