Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der schätzungsweise 10-15 % der Bevölkerung betroffen sind. Es gibt mehr als 240 verschiedene Kopfschmerzarten, von denen Migräne eine ist. Sie kann sich in unterschiedlichen Schweregraden und Sonderformen manifestieren. Dieser Artikel befasst sich mit den Ursachen, Symptomen und Behandlungsmöglichkeiten von Migräne, insbesondere bei schweren Verlaufsformen.
Was ist Migräne?
Migräne ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken, die von mittlerer bis hoher Intensität sein können. Die Schmerzen werden oft als pulsierend oder pochend beschrieben und verstärken sich bei körperlicher Aktivität. Typische Begleiterscheinungen sind Übelkeit, Erbrechen sowie Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit. Viele Patienten ziehen sich während einer Attacke in einen dunklen, ruhigen Raum zurück.
Episodische vs. Chronische Migräne
Man unterscheidet zwischen episodischer und chronischer Migräne. Von einer chronischen Migräne spricht man, wenn über einen Zeitraum von drei Monaten oder länger an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen auftreten, wobei an mindestens acht Tagen davon die Kriterien einer Migräne erfüllt sind.
Migräne mit und ohne Aura
Eine weitere Unterscheidung wird zwischen Migräne mit und ohne Aura getroffen. Bei der Migräne mit Aura treten vor oder während der Kopfschmerzphase neurologische Symptome auf, wie z. B. Sehstörungen (Flimmern, Blitze), Sensibilitätsstörungen (Kribbeln) oder Sprachstörungen.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Grundlage der Migräne sind sehr wahrscheinlich genetisch festgelegte Instabilitäten von Ionenkanälen an Nervenzellen oder Energiepumpen an Stützgewebezellen des Gehirns, sog. Gliazellen.
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Mögliche Auslöser (Trigger)
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Diese sogenannten Trigger sind individuell verschieden und können sein:
- Stress: Sowohl akuter Stress als auch Entspannung nach Stress können Migräneattacken auslösen.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können Menstruation, Schwangerschaft oder Wechseljahre Migräneattacken beeinflussen.
- Schlafstörungen: Schlafmangel oder ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus können Trigger sein.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Alkohol (insbesondere Rotwein), Schokolade oder Kaffee können Migräne auslösen. Auch das Auslassen von Mahlzeiten oder unzureichende Flüssigkeitszufuhr kann eine Rolle spielen.
- Umweltfaktoren: Lärm, grelles Licht, starke Gerüche, Wetterumschwünge oder Höhenlagen können Migräneattacken begünstigen.
Symptome
Die Symptome einer Migräne können vielfältig sein und variieren von Person zu Person. Typische Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Meist einseitig, pulsierend oder pochend, von mittlerer bis hoher Intensität. Die Schmerzen verstärken sich bei körperlicher Aktivität.
- Übelkeit und Erbrechen: Treten häufig begleitend auf.
- Licht- und Geräuschempfindlichkeit: Betroffene sind empfindlich gegenüber hellem Licht und lauten Geräuschen.
- Aura: Bei Migräne mit Aura treten neurologische Symptome wie Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen auf.
- Weitere Symptome: Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Schwindel, Nackenschmerzen, Appetitlosigkeit.
Prodromalphase
Viele Migränepatienten erleben bereits Stunden oder Tage vor der eigentlichen Kopfschmerzattacke sogenannte Prodromalsymptome. Diese können Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Heißhunger, häufiges Gähnen oder Verdauungsprobleme umfassen.
Schwere Verlaufsformen
Bei schweren Verlaufsformen der Migräne können die Symptome besonders ausgeprägt sein und die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen. Zu den schweren Verlaufsformen zählen:
- Chronische Migräne: Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat.
- Status migränosus: Eine Migräneattacke, die länger als 72 Stunden anhält.
- Migränöser Infarkt: In seltenen Fällen kann es im Rahmen einer Migräneattacke zu einem Schlaganfall kommen.
- Migralepsie: Eine seltene Form, bei der es innerhalb einer Stunde nach einer Migräne mit Aura zu einem epileptischen Anfall kommt.
- Persistierende Migräne-Aura ohne Hirninfarkt: Aura-Symptome bestehen über eine Woche oder länger, ohne dass ein Hirninfarkt vorliegt.
Diagnose
Die Diagnose einer Migräne wird in der Regel anhand der typischen Beschwerdeschilderung und einer neurologischen Untersuchung gestellt. Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen.
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Anamnese
Der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um die Art, Häufigkeit, Dauer und Begleitsymptome der Kopfschmerzen zu erfassen. Auch mögliche Auslöser und familiäre Vorbelastungen werden erfragt.
Neurologische Untersuchung
Bei der neurologischen Untersuchung werden die Hirnnerven, die मोटरik, die Sensibilität und die Koordination überprüft.
Zusatzuntersuchungen
In einigen Fällen können Zusatzuntersuchungen erforderlich sein, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Dazu gehören:
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) des Gehirns.
- Elektroenzephalographie (EEG): Zur Untersuchung der Hirnströme.
- Lumbalpunktion: Entnahme von Nervenwasser zur Untersuchung.
Behandlung
Die Behandlung der Migräne zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern und die Häufigkeit und Schwere der Attacken zu reduzieren. Sie umfasst sowohl Akuttherapie als auch Prophylaxe.
Akuttherapie
Die Akuttherapie dient der Behandlung der akuten Migräneattacke. Sie sollte möglichst frühzeitig begonnen werden.
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- Schmerzmittel: Leichte bis mittelschwere Migräneattacken können mit rezeptfreien Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol behandelt werden. Es ist wichtig, eine ausreichend hohe Dosis einzunehmen.
- Triptane: Bei mittelschweren und schweren Migräneattacken, die nicht auf Schmerzmittel ansprechen, können Triptane eingesetzt werden. Triptane sind spezifische Migränemittel, die an Serotonin-Rezeptoren im Gehirn wirken und die Blutgefäße verengen.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika eingenommen werden.
- Ergotamine: Ergotamine (Mutterkornalkaloide) wurden früher zur Behandlung schwerer Migräneattacken eingesetzt. Sie werden jedoch heute aufgrund ihrer Nebenwirkungen und des Risikos eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes nicht mehr empfohlen.
Prophylaxe
Die Migräneprophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken zu reduzieren. Sie wird empfohlen, wenn:
- Drei oder mehr Migräneattacken pro Monat auftreten.
- Die Migräneattacken die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
- Die Akuttherapie nicht ausreichend wirksam ist oder zu viele Nebenwirkungen verursacht.
Zur Migräneprophylaxe stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:
- Betablocker: Propranolol oder Metoprolol.
- Antidepressiva: Amitriptylin.
- Antiepileptika: Valproinsäure oder Topiramat.
- Calciumkanalblocker: Flunarizin.
- CGRP-Antikörper: Erenumab, Fremanezumab oder Galcanezumab. Diese relativ neuen Medikamente richten sich gegen den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt.
- Botulinumtoxin A: Kann bei chronischer Migräne eingesetzt werden.
Neben der medikamentösen Prophylaxe gibt es auch nicht-medikamentöse Maßnahmen, die helfen können, Migräneattacken vorzubeugen:
- Regelmäßiger Ausdauersport:
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, autogenes Training, Yoga oder Meditation.
- Akupunktur:
- Verhaltenstherapie:
- Ernährungsumstellung: Vermeidung von Trigger-Nahrungsmitteln.
- Stressmanagement:
- Biofeedback:
Stationäre Behandlung
In einigen Fällen kann eine stationäre Behandlung in einer Schmerzklinik erforderlich sein, insbesondere bei:
- Status migränosus:
- Medikamenteninduziertem Kopfschmerz:
- Komplizierten Migräneattacken:
- Schweren Begleiterkrankungen:
In einer Schmerzklinik können die Patienten umfassend untersucht und behandelt werden. Es werden sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Therapien eingesetzt. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und den Medikamentengebrauch zu reduzieren. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. Hartmut Göbel bietet beispielsweise eine spezielle Therapie für Migräne und andere Kopfschmerzerkrankungen an.
Leben mit Migräne
Migräne kann eine chronische Erkrankung sein, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt. Es ist wichtig, die Erkrankung zu verstehen, die eigenen Trigger zu kennen und eine individuelle Behandlungsstrategie zu entwickeln.
Kopfschmerztagebuch
Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Kopfschmerzen zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren.
Selbsthilfegruppen
Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann hilfreich sein, um mit der Erkrankung besser umzugehen.
Unterstützung durch Familie und Freunde
Es ist wichtig, dass Familie und Freunde die Erkrankung verstehen und die Betroffenen unterstützen.
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