Die faszinierende Welt des Gehirns: Sprache, Lernen und Plastizität

Einführung

Unser Gehirn ist ein bemerkenswertes Organ, das uns nicht nur das Denken und Handeln ermöglicht, sondern auch die Fähigkeit verleiht, Sprachen zu erlernen. Während Kinder oft mühelos neue Sprachen aufnehmen, scheint es für Erwachsene eine größere Herausforderung zu sein. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen, die dem Spracherwerb zugrunde liegen, und untersucht, wie sich die Lernprozesse im Laufe des Lebens verändern. Dabei stützen wir uns auf aktuelle Forschungsergebnisse und Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, um ein umfassendes Bild der komplexen Beziehung zwischen Gehirn, Sprache und Lernen zu zeichnen.

Neuroplastizität: Die Grundlage des Lernens

Die Fähigkeit unseres Gehirns, sich an neue Erfahrungen anzupassen und zu verändern, wird als Neuroplastizität bezeichnet. Diese Plastizität ist besonders in der Kindheit ausgeprägt, wenn das Gehirn wie ein Schwamm neue Informationen aufsaugt. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden ständig neu geknüpft und aktualisiert, was es Kindern ermöglicht, schnell Fortschritte in ihrer Entwicklung zu machen, sei es in ihren Bewegungen oder eben in der Sprache.

Kinder als "Sprachschwämme"

Kinder haben in der Regel keine Sprachhemmungen, weil ihnen ein paar Vokabeln fehlen oder sie mit der Grammatik unsicher sind. Sie lernen vor allem unbewusst durch die soziale Interaktion. Das Wahrnehmen der Intention anderer Menschen und das Erkennen von Mustern sind grundlegend für den kindlichen Spracherwerb. Grammatik entsteht, wenn man sprachliche Konstruktionen aus wiederkehrenden Symbolfolgen formt. Kinder erkennen und übernehmen diese Muster aus dem Sprachfluss, der sie umgibt. Die Frage nach dem Sinn oder einer Motivation stellt sich gerade in den ersten Lebensjahren nicht. In einer kritischen Phase braucht ein Kleinkind ein bis zwei Wiederholungen, um sich ein neues Wort zu merken. Im Prinzip sind Kinder wie Aufnahmegeräte. Sie hören etwas, bearbeiten und kategorisieren die Informationen und geben es sofort wieder.

Die Rolle von GABA

Eine Forschungsgruppe um Sebastian Frank von der Universität Regensburg hat entdeckt, dass der Neurotransmitter GABA dabei wohl von besonderer Bedeutung ist. Die Psychologen konzentrierten sich auf die so genannte retroaktive Interferenz: Möchte man sich auf die Schnelle viel einprägen, kann man sich die ersten Informationen meist schlechter merken, weil sie von den darauf folgenden überschrieben werden. Die Forschenden vermuteten, dass ein Kinderhirn solche konkurrierenden Daten besser voneinander abschirmen und sich deshalb mehr nacheinander einprägen kann. Man weiß bereits, dass der Botenstoff GABA dafür verantwortlich ist, eine Gedächtnisspur zu stabilisieren. Womöglich schützt er bei Kindern vor einem Überschreiben von Informationen. Die Sache hat allerdings einen Haken: Das GABA-System bildet sich erst im Lauf der Jugend vollends aus, weshalb die Konzentration des Neurotransmitters bei Kindern geringer ist als bei Erwachsenen. Wie können junge Sprösslinge trotz dieser vermeintlich schlechteren Ausgangslage retroaktive Interferenzen so viel besser vermeiden? Um dem nachzugehen, untersuchte die Forschungsgruppe 13 acht- bis elfjährige Kinder und 14 Erwachsene mittels funktioneller Magnetresonanzspektroskopie und analysierte die Konzentration des Botenstoffs vor, während und nach visuellen Gedächtnisübungen. Wie vermutet, war der GABA-Spiegel in den Kinderhirnen vor dem Training geringer. Im Gegensatz zu den Erwachsenen schoss er bei der jüngeren Versuchsgruppe nach einer Übung jedoch hoch. »Offenbar steigt die GABA-Konzentration bei Kindern nach aufeinander folgenden Lerneinheiten«, sagt Frank.

Die Bedeutung der frühen Kindheit

In den ersten Monaten nach unserer Geburt saugt unser Gehirn Sprachlaute auf wie ein Schwamm. „Im ersten Lebensjahr ist das Gehirn eines Kindes quasi darauf geeicht, Informationen über die Laute zu sammeln und zu speichern, die für die Sprache um sie herum wichtig sind“, erklärt Lara Pierce von der McGill University in Montreal. „Das ist der erste Schritt in der Sprachentwicklung.“ So zeigen Studien, dass schon Säuglinge darauf reagieren, wenn ihnen statt der gewohnte Sprache eine Fremdsprache vorgespielt wird. Gleichzeitig sorgt die hohe Plastizität des Gehirns in den ersten Lebensjahren dafür, dass Kleinkinder in neuer Umgebung sehr schnell umschalten und eine neue Sprache lernen können. Das gilt beispielsweise für Kinder, die als Waisen von Eltern in einem anderen Land adoptiert werden - in Zeiten der Globalisierung keine Seltenheit. Dass solche Kinder enorm schnell die neue Sprache lernen und meist ihre ursprüngliche Muttersprache sogar vergessen, ist schon länger bekannt.

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Spracherwerb im Erwachsenenalter: Eine Herausforderung, aber nicht unmöglich

Obwohl die Neuroplastizität im Laufe des Lebens abnimmt, bleibt unser Gehirn lernfähig. Erwachsene können also weiterhin Sprachen lernen, wenn auch nicht mehr so beiläufig wie in der Kindheit. Mit zunehmendem Alter lässt unsere Gedächtnisleistung nach. Es fällt uns deutlich schwerer, Dinge zu behalten oder auswendig zu lernen. Das gilt natürlich auch für das Lernen von Vokabeln. Erwachsene können das nicht. Sie brauchen viel mehr Wiederholungen, bis sie ein Wort und seine Bedeutung gespeichert haben.

Unterschiede im Lernprozess

Bei Erwachsenen ist der Lernprozess viel kopflastiger. Sie brauchen eine Motivation, ein Ziel, für das sie sich anstrengen, vielleicht eine Liebe über Sprachgrenzen hinweg, der Wunsch, sich besser im Lieblingsurlaubsland zurechtzufinden, oder die Aussicht auf eine Karriere in einem internationalen Unternehmen. Dieses konkrete Ziel wollen sie am liebsten auf einem didaktisch zielführenden Weg erreichen - mit Unterricht, Tests und vorgegebenen Sprachsituationen. Mit dem mühelosen impliziten Lernen aus der Kindheit hat das wenig zu tun.

Strategien für erfolgreiches Lernen im Erwachsenenalter

Um im Erwachsenenalter erfolgreich eine neue Sprache zu lernen, ist es wichtig, die Lernstrategie anzupassen. Erwachsene haben höher entwickelte kognitive Systeme und können neu erlernte Sprachkenntnisse anhand ihrer grundlegenden Lernerfahrung integrieren. Wenn Sie das Erwachsenenalter erreicht haben, wissen Sie mehr über sich selbst und die Lerntechniken, die bei Ihnen funktionieren. Durch Ihre Lebenserfahrung können Sie im Gegensatz zu den meisten Kindern Zusammenhänge erkennen. Und diese Zusammenhänge sind besonders beim Erlernen einer Fremdsprache hilfreich. Wenn Sie bereits über andere Sprachkenntnisse verfügen, kann dies eine große Hilfe sein. Mit zunehmendem Alter verstehen Sie die Bedeutung der Sprache besser. Studien haben gezeigt, dass Erwachsene die diskursiven und konzeptionellen Aspekte einer Sprache erfolgreicher lernen, als Kinder.

Regelmäßige Interaktion mit Muttersprachlern und die Sprachroutine sind entscheidend. Kinder hingegen lernen unter idealen Bedingungen: Sie haben viel Zeit zum Spielen und zur sozialen Interaktion und bekommen kontinuierlich Input und individuelle Förderung durch Eltern, Verwandte oder pädagogische Fachkräfte. Wir Erwachsenen sprechen mit ihnen, machen etwas vor, reagieren auf ihr Verhalten und kommentieren. Dieses gemeinsame Tun ist sehr wichtig für den Spracherwerb und schafft die Basis für sprachliche Regeln.

Die Angst vor Fehlern spielt eine große Rolle. Stattdessen ist die neue Sprache für viele nur eine Sache unter mehreren im stressigen Alltag zwischen Familie, Beruf und Freizeit. Könnte man sich in Vollzeit auf die Fremdsprache konzentrieren und ein Sprachbad nehmen wie die Kinder, wäre der Erfolg größer als mit täglich zehn Minuten Vokabeln vor dem Einschlafen.

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Die Rolle der Motivation

Motivation ist für viele Erwachsen eher ein Nachteil, denn es fällt ihnen schwer, die richtige Motivation zum Erlernen einer Sprache zu finden. Kinder hingegen werden durch eine Vielzahl an Faktoren motiviert. Das Erlernen von Sprachen in der zweiten Lebenshälfte ist jedoch keine vergebliche Liebesmüh. Für die Begegnung mit anderen Kulturen sind schon einfache Sprachkenntnisse ein großer Gewinn. Zudem zeigt die Forschung, dass geistige Anregung unser Gehirn länger fit hält und sogar Krankheiten wie Alzheimer in Schach halten kann. Natürlich können wir nicht erwarten, mit 50 oder 70 Jahren eine neue Sprache perfekt zu erlernen. Aber um sich im Urlaub zu verständigen, ist auch das ältere Gehirn noch gut in der Lage.

Die Auswirkungen der Muttersprache auf das Denken

Welche Muttersprache wir sprechen und ob wir ein- oder zweisprachig aufwachsen, beeinflusst viele unserer Denkprozesse. Jetzt zeigt sich: Die zuerst gelernte Sprache vergisst unser Gehirn nie. Selbst wenn wir in unserer frühen Kinderzeit nur wenige Monate lang eine Sprache gelernt haben und diese heute längst vergessen haben, prägt sie noch die Funktionsweise unseres Gehirns, wie eine Studie mit aus China adoptierten Kindern belegt.

Die Prägung durch die erste Sprache

Pierce und ihre Kollegen haben dies nun anhand von Kindern untersucht, die als Kleinkinder aus China nach Frankreich gekommen und von französischen Eltern adoptiert worden waren. Die Kinder waren bei Adoption im Durchschnitt erst ein Jahr alt und hatten ab diesem Zeitpunkt kein Wort chinesisch mehr gehört oder gesprochen. Zum Zeitpunkt der Studie waren diese Kinder zwischen 10 und 17 Jahre alt. Für ihr Experiment spielten die Forscher den Kindern eine Reihe von Pseudowörtern vor und baten sie, immer dann auf einen Knopf zu drücken, wenn sie ein französisch klingendes Wort hörten. Während des Tests zeichneten die Wissenschaftler die Hirnaktivität ihrer kleinen Probanden mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie /fMRT) auf. Das Ergebnis: Bei den rein französischen Kindern waren während der Aufgabe vor allem die Areale aktiv, die den phonologischen Arbeitsspeicher unseres Gehirns bilden - wie erwartet. Bei den zweisprachig aufgewachsenen Kindern kamen dagegen weitere Hirnareale hinzu, die allgemein für Aufmerksamkeit und non-verbales Gedächtnis zuständig sind. „Das zeigt, dass das Gehirn dieser Kinder alternative Systeme hinzuzieht, um die Aufgabe zu bewältigen“, erklären die Forscher. Das Überraschende aber: Das gleiche Muster der zusätzlichen Aktivierung zeigte sich auch bei den Kindern, die zwar als Kleinkind Chinesisch gehört hatten, aber seither komplett einsprachig aufgewachsen waren. „Dies deutet darauf hin, dass diese Kinder das Französische heute anders verarbeiten als komplett einsprachige Kinder“, sagt Pierce. Dass das Gehirn die typischen Laute der ersten Sprache tatsächlich nie vergisst, zeigte ein weiterer Test: Spielten die Forscher den adoptierten Kindern chinesische Laute vor, reagierte ihr Gehirn genauso wie bei einsprachig chinesisch aufgewachsenen - obwohl die Kinder keinerlei bewusste Erinnerung mehr an ihre ursprüngliche Sprache besaßen. Nach Ansicht der Forscher belegt dies, dass der erste Kontakt mit einer Sprache das Gehirn dauerhaft prägt. Selbst wenn wenig später eine zweite Sprache zur Muttersprache wird, bleibt sie für das Gehirn die Sekundärsprache - egal wie fließend und automatisch sie gesprochen wird.

Lernen als aktiver Prozess: Mehr als nur ein Schwamm

Das Gehirn von Kindern ist darauf vorbereitet, dies zu lernen. Die Reize, die es dafür braucht, sucht es sich notfalls auch selbst. Denn eine angeborene Lernfähigkeit für binomische Formeln oder die lateinische Grammatik gibt es dagegen nicht. Und ein Schwamm ist das kindliche Gehirn eben auch nicht. Lernen ist ein aktiver Prozess und kein passives Aufsaugen. Deswegen können wir das Wissen über unseren Kindern auch nicht einfach irgendwie ausgießen.

Individuelle Lernstile

Individuellen Lernstil nennt man so was. Nach Meinung mancher Experten ist der jedem von uns angeboren. Oft werden dabei vier Typen unterschieden (es gibt aber auch andere Einteilungen): der Kommunikative, der am besten durch Gespräche mit anderen lernt, der Motorische oder Haptisch-Motorische, der Aktion und Bewegung, also "learning by doing", braucht, der Visuelle, das wäre also ich, und der Auditive, meine Mitbewohnerin. Dass ich lieber sehe als höre, ist sicher meine generelle Präferenz - immerhin mag ich auch keine Hörbücher. Wie ich lerne, richtet sich außerdem danach, was ich lerne. Vokabeln lerne auch ich am besten, wenn mich jemand abhört und ich sie in Gesprächen mit anderen anwende. Den Lebenszyklus des kleinen Leberegels verinnerliche ich besser über Bilder. Statt sich in starre Typenschubladen einzuordnen, die uns die Art zu lernen vorschreiben, hat man besser ein Repertoire verschiedener Lernstrategien parat. Die helfen auch, den Lernstoff vielfältig einzuüben und zu wiederholen. Dadurch verankert er sich an verschiedenen Orten in meinem Kopf und kann leichter behalten und wiedergegeben werden. Und auch mein ganz individuelles Lernziel bestimmt die besten Lernwege.

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Die Bedeutung des Lernziels

Das Lernen selbst ist beim Lernen also eigentlich erst der zweite Schritt. Wichtig ist das Ziel. Und das muss realistisch sein, sonst bin ich zu schnell frustriert. Am besten stecke ich dabei auch gleich ein paar Zwischenetappen ab, indem ich den Lernstoff portioniere. Und schon das Erreichen der Zwischenziele, und nicht erst des Endziels, ist dann eine Belohnung wert.

Lebenslanges Lernen: Die Schlüssel zu einem fitten Gehirn

Aus Routine lernt man wenig, aber bei jeder neuen Anforderung haben wir die Chance zu lernen. Das funktioniert in jedem Alter. Vielleicht sind wir dabei nicht mehr ganz so flink. Denn vieles haben wir inzwischen schon bis zur Automatisierung gelernt. Das macht uns effektiv. Immer wenn sich Situationen ändern, müssen wir jedoch mühsam und ganz bewusst umlernen. Kinder dagegen können oft ganz unbefangen neu lernen. Und haben das neue Handy darum schneller begriffen als wir. Dafür habe ich als Erwachsener beim Lernen den Vorteil einer breiteren Wissensbasis. Neue Informationen kann ich deswegen schnell strukturieren, mit Bekanntem verknüpfen und so auch besser behalten. Je mehr und je Vielfältigeres man gelernt hat, desto leichter fällt damit auch alles zukünftige Lernen. Unsere Lernfähigkeit steigern wir also einfach, indem wir lernen - von Anfang an.

Tipps für ein aktives Gehirn im Alter

  • Bewegung: Bewegung, eingebaut in den Lebens- und Arbeitstag ist der wichtigste Schlüssel, um zum einen möglichst lange jung im Kopf zu bleiben und auch um neurodegenerative Erkrankungen möglichst lange aufzuhalten.
  • Lernen: ein Leben lang Lernen, nicht nur um die Neugierde zu befriedigen, sondern auch um Reserven und Kompensationsmöglichkeiten anzulegen gegen den gesetzmäßig ablaufenden Abbau im Gehirn. Aber auch um Lösungen schneller finden zu können, zumal der, der viel weiß, auch leichter assoziativ Neues mit Bekanntem verbinden kann.
  • Soziale Kontakte: Freunde und ein soziales Umfeld, ja sogar karitative Tätigkeiten halten jung, ungewollte Einsamkeit ist dagegen ein chronischer Stressfaktor für das Gehirn und verkürzt dauerhaft die Lebensfähigkeit vieler Neurone. Nichts ist anstrengender, aber auch belohnender für das Gehirn, als in Gemeinschaft etwas zu tun. Und alles was Neurone anstrengt, hält sie auch länger jung.
  • Lachen: Man lacht nur, wenn man auch aufmerksam, konzentriert und achtsam zugehört hat - das reduziert den schädlichen Dauerstress für das Gehirn und trainiert vor allem den Stirnlappen, der im Alter überproportional altert.
  • Gesunde Ernährung: Seefische enthalten Jod und die schützenden Omega-3/6-Fettsäuren und sollten deshalb regelmäßig auf dem Speiseplan stehen.
  • Neue Routinen: Immer wieder mit Gewohnheiten brechen und neue Routinen etablieren hält das Gehirn ebenfalls länger jung. Das strengt besonders den Stirnlappen an, denn wir müssen uns, um alte Routinen neuronal zu überschreiben, besonders konzentrieren, und das trainiert das Arbeitsgedächtnis, welches durch Alterungsprozesse im Gehirn besonders gefährdet ist. Nimmt es ab, ist man leichter ablenkbar.

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