In der heutigen schnelllebigen Welt ist die Fähigkeit, Probleme effektiv zu lösen, von entscheidender Bedeutung. Lösungsorientiertes Denken, ein Ansatz, der sich auf die Findung von Lösungen anstatt auf die Analyse von Problemen konzentriert, hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Neurowissenschaften liefern wertvolle Einblicke in die Gehirnstruktur und -funktionen, die diesem Denkprozess zugrunde liegen. Dieser Artikel untersucht die Beziehung zwischen der Gehirnstruktur und dem lösungsorientierten Denken und beleuchtet, wie wir unser Gehirn trainieren können, um kreativer, flexibler und widerstandsfähiger zu werden.
Die Neurowissenschaft des lösungsorientierten Denkens
Das Gehirn ist ein komplexes Organ mit verschiedenen Regionen, die für unterschiedliche Funktionen zuständig sind. Der präfrontale Kortex (PFC), der sich im vorderen Teil des Gehirns befindet, spielt eine entscheidende Rolle beim lösungsorientierten Denken. Der PFC ist für exekutive Funktionen wie Planung, Entscheidungsfindung, Problemlösung und kognitive Flexibilität verantwortlich.
Wenn wir mit einer Herausforderung konfrontiert werden, aktiviert der PFC verschiedene neuronale Netzwerke, um potenzielle Lösungen zu generieren und zu bewerten. Dieser Prozess umfasst die Integration von Informationen aus verschiedenen Gehirnregionen, einschließlich des limbischen Systems, das für Emotionen zuständig ist, und des Hippocampus, der für das Gedächtnis zuständig ist.
Die Rolle des limbischen Systems
Das limbische System spielt eine wichtige Rolle beim lösungsorientierten Denken, da es Emotionen und Motivationen beeinflusst. Alle Informationen, die wir wahrnehmen, werden im limbischen System mit Emotionen aufgeladen. Jede Information hat eine Emotion, jeder Gedanke hat eine Emotion. Diese Emotionen gehen entweder in Richtung „gut für mich“ oder in Richtung „schlecht für mich“. „Gut für mich“ bedeutet „hin zu“ - Nähe aufbauen, Freude zeigen. „Schlecht für mich“ heißt „weg von“ - Achtung, Gefahr, Misstrauen, Angst, Zurückhaltung, Skepsis.
Wenn wir uns in einem positiven emotionalen Zustand befinden, schüttet das Gehirn den Botenstoff Dopamin aus. Dopamin macht wach, aktiviert uns, macht uns ungeduldig und lenkt die Aufmerksamkeit auf alles, was uns nützlich erscheint und den nächsten Moment oder unser ganzes Leben verschönern könnte. Dopamin ist der Botenstoff, der uns nach Lösungen suchen lässt, wenn wir Probleme sehen. Dopamin sorgt für gute Laune und wird auch als Glücksbotenstoff bezeichnet.
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Um die Produktion von Dopamin anzukurbeln, können wir Neugierde wecken und Vorfreude erzeugen. Chefs sollten deshalb nur gut gelaunt in die Praxis kommen, alle anderen Mitarbeiter der Praxis natürlich ebenso.
Die Bedeutung innerer Bilder
Eine weitere wichtige Erkenntnis der Gehirnforschung ist, dass wir ein Bildergehirn haben. Wir denken in Bildern, unsere Millionen unbewusst emotional aufgeladenen Signale erzeugen ständig innere Bilder. Folglich wäre es von Vorteil, wenn Sie Ihre Kommunikation mit sprachlichen Bildern oder Fotos anreichern. Es gibt Rhetoriktrainings, in welchen das bildhafte Sprechen trainiert werden kann. Als andere Möglichkeit sollten in der Praxis von jedem Patienten Mundaufnahmen im Überblick und mit der Intraoralkamera gemacht werden - und zwar bei der Erstbefundung und im Behandlungsverlauf.
Überwindung von Verhaltensblockaden
Wir haben im Gehirn eine sogenannte Verhaltensblockade, die einen Gedanken daran hindern soll, sogleich in die Tat umgesetzt zu werden. Wir durchdringen diese Blockade dann, wenn wir beide Emotionsrichtungen aktivieren. Wir müssen erfassen, was wir vermeiden wollen, welche Katastrophe verhindert werden soll UND welche guten Gefühle und welches Schöne wir mit unserer Entscheidung und unserem Verhalten erwarten dürfen. Beides gehört zusammen, unser Gehirn aktiviert unser Handlungsprogramm immer im „Weg von“ und im „Hin zu“. Nach neuester Gehirnforschung ist es nicht ganz korrekt, nur den Vorteil, den Nutzen oder das glorreiche Ziel darzustellen, sondern es ist besser, auch die Katastrophe, das Leid, die schlechten Gefühle, die wir meiden wollen, anzusprechen. Wir entscheiden unser Verhalten zumindest unbewusst immer, wirklich immer, im „Weg von“ UND „Hin zu“.
Strategien zur Förderung des lösungsorientierten Denkens
Nachdem wir nun die neurowissenschaftlichen Grundlagen des lösungsorientierten Denkens untersucht haben, wollen wir uns einigen Strategien zuwenden, die uns helfen können, diese Fähigkeit zu entwickeln und zu stärken.
Die erfolgreiche Beratungsstrategie
Die erfolgreichste Beratungsstrategie sieht nun folgendermaßen aus. Der erste Schritt besteht in der Befundung des Istzustandes. Wenn die Mundpflege des Patienten optimal ist und die Zähne, das Zahnfleisch, die Zunge, der Mundraum gesund sind, so wäre die Frage: Was tun, damit es so bleibt? Die Antwort könnte lauten: Regelmäßig zur Prophylaxe kommen. Wenn aber beim Patienten Plaque, Zahnstein oder gar Blutungen und gerötetes Zahnfleisch festzustellen sind, sollten Sie so vorgehen:
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- Erster Schritt: der Befund: Sie zeigen dem Patienten das Röntgenbild und fragen ihn, ob er wissen möchte, was die hellen und dunkleren Flecken auf dem Bild bedeuten und ob er wissen will, was genau Ihre Untersuchung mit der Sonde und die sonstigen Untersuchungen wie Plaquebefund und Sichtbefund ergeben haben. Mit „möchten Sie wissen“ wird die Neugierde geweckt und die Dopaminproduktion im Gehirn angekurbelt. Wenn der Patient sich jetzt vorbeugt und Sie fragend anschaut, zeigt er, dass er neugierig ist. Er ist jetzt aufmerksamer und merkt sich Ihre Worte wesentlich besser. Dann stellen Sie mit wenigen Worten die Lage dar. Zeigen Sie ihm die Großaufnahmen und verweisen auf Plaque und andere Details, aber alles nur kurz und bündig.
- Zweiter Schritt: die Risikoanalyse: Fragen Sie den Patienten (nach einer kleinen Atempause und einem problematisch wirkenden Gesichtsausdruck), was mit seinen Zähnen passiert, wenn keine Behandlung erfolgt. Der Patient muss in die Situation (ausgelöst durch Ihre Frage) gebracht werden, sich mit dieser Katastrophenfrage auseinanderzusetzen. Erläutern Sie ihm daraufhin die Risiken.
- Dritter Schritt: die Rettung, die Behandlung: „Damit wir die Katastrophe verhindern und Sie wieder einen gesunden Mund mit einem frischen Atem haben, möchte ich mit Ihnen folgendermaßen vorgehen.“ Ihr Behandlungsvorschlag sollte danach kurz, klar und eindeutig formuliert werden. Zeigen Sie dem Patienten Vorher-Nachher-Bilder von anderen Patienten, auf denen natürlich nur deren Mund zu sehen ist.
Das Gespräch darf insgesamt nicht länger als sechs Minuten dauern. Sie dürfen auf keinen Fall abschweifen oder etwas näher erläutern. Auch dürfen keine Zwischenfragen des Patienten zugelassen werden, was Sie mit klaren Gesten verhindern können. Wichtig ist, dass Sie dieses Gespräch kurz halten, da sich das Gehirn nur maximal sieben Minuten auf ein Thema konzentrieren kann.
Vorfreude erzeugen
Wie können wir nun Vorfreude, den zweiten Dopamin-Pusher, erzeugen? Sie könnten Ihre Terminerinnerung folgendermaßen formulieren: „Sehr geehrte Frau Meier, ich möchte Sie an Ihren nächsten Prophylaxetermin in unserer Praxis/Klinik am kommenden Donnerstag um 14 Uhr erinnern, damit Sie sich heute schon auf uns freuen können. Denn Sie wissen: Prophylaxe macht gesünder und attraktiver.“
Bei der Begrüßung dürfen Sie auch Ihre Patienten fragen, ob sie sich auf den Prophylaxetermin gefreut haben.
Förderung einer positiven Denkweise
Eine positive Denkweise ist entscheidend für das lösungsorientierte Denken. Pessimisten werden wesentlich weniger motiviert und aktiv auf die Themenstellungen des Lebens zugehen als Optimisten. Beide leben in derselben Realität - das Denken schafft allerdings eine eigene Bewertung und somit eine subjektive Form der Realitätswahrnehmung, die dann als „Wirklichkeit“ wahrgenommen wird.
Um eine positive Denkweise zu fördern, ist es wichtig, negative Gedanken und Überzeugungen zu identifizieren und sie durch positivere und konstruktivere zu ersetzen. Dies kann durch Selbstreflexion, Achtsamkeitspraxis oder professionelle Unterstützung durch einen Coach oder Therapeuten erreicht werden.
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Resilienz entwickeln
Resilienz ist die Fähigkeit, sich von Widrigkeiten zu erholen und gestärkt daraus hervorzugehen. Resiliente Menschen sind besser in der Lage, mit Stress umzugehen, Herausforderungen anzunehmen und lösungsorientiert zu denken.
Die moderne Resilienzforschung kommt aus der Entwicklungspsychologie. Ein wichtiges Ergebnis der Kauai-Studie war, dass Resilienz kein festgelegter Charakterzug ist. Kinder, die zunächst wenig resilient wirkten, konnten durch neue unterstützende Beziehungen oder Lebensveränderungen Resilienz entwickeln. Die Kauai-Studie zeigt uns, dass Resilienz nicht angeboren sein muss, sondern durch Beziehungen, Strategien und Optimismus entwickelt werden kann.
Lösungsorientierte Fragetechniken
Ein sehr hilfreiches Tool, das beim lösungsorientierten Arbeiten hilft, ist das Stellen der richtigen Fragen. Was dabei die „richtige“ Frage ist, lässt sich jedoch am Anfang nicht vorhersehen. Beim lösungsorientierten Denken und Arbeiten lernt man Fragen zu stellen, die uns dazu zwingen, „outside of the box“ zu denken. Fragen zum Perspektivwechsel („Wie würde Deine Großmutter/Chefin/Steuerberaterin/etc. Du siehst, teilweise führen die Fragen in eine völlig neue, unvorhersehbare Richtung und genau darin liegt die Stärke dieses Ansatzes. Wenn Du möchtest, kannst Du so ein ernstes Problem gar komplett ad absurdum führen und auch das hat einen handfesten Vorteil: Du kannst drüber lachen.
Lösungsorientierte Führung
Konstruktive Konfliktstrategien sind deshalb so wirksam, weil sie drei zentrale Führungsaufgaben erfüllen: Sie reduzieren Bedrohung, erhöhen Verstehbarkeit und erzeugen Zielklarheit.
Genau diese Faktoren entscheiden im Gehirn darüber, ob Menschen blockieren oder kooperieren. Die vermeintliche „Schwierigkeit“ eines Konflikts ist selten sachlich begründet - sie ist nahezu immer ein neurobiologisches Phänomen. Führungskräfte, die diese Mechanismen kennen, arbeiten schneller, ruhiger und nachhaltiger. Konflikte werden nicht länger als Störung wahrgenommen, sondern als Führungsmoment, in dem Wirkung sichtbar wird.
Die erste konstruktive Strategie ist die Klärung durch Dialog. Die Führungskraft stellt offene Fragen, hört zu und versucht zu verstehen, was für den anderen gerade relevant ist. Aus neurobiologischer Sicht passiert dabei etwas Entscheidendes: Das Gehirn des Gegenübers registriert soziale Sicherheit. Die Amygdala wird beruhigt, der präfrontale Cortex wird aktiviert. Plötzlich wird das, was vorher emotional aufgeladen war, wieder verhandelbar.
Die zweite konstruktive Strategie ist die Kooperation - der bewusste Schritt weg vom Gegeneinander hin zum Miteinander. Neurobiologisch wirkt Kooperation, weil sie das Zugehörigkeitssystem aktiviert. Menschen fühlen sich als Teil eines gemeinsamen Prozesses, nicht als Gegner.
Eine dritte wirkungsvolle Strategie ist der Kompromiss. Fairness aktiviert starke neuronale Belohnungsmechanismen. Perspektiven werden als gerechter empfunden, und Menschen akzeptieren Lösungen deutlich schneller und nachhaltiger.
Eine vierte konstruktive Strategie ist die Moderation oder Mediation durch die Führungskraft. Ein neutraler Dritter senkt die Bedrohungswahrnehmung und verhindert emotionale Eskalationen.
Die fünfte und oft am stärksten wirksame Strategie ist die lösungsorientierte Führung. Der Vorteil: Das Gehirn liebt Ziele. Fokussierung aktiviert Dopamin, das wiederum Motivation, Kreativität und Handlungsfähigkeit steigert.
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