Sind übersinnliche Erfahrungen wie Gedankenlesen und Hellsehen nur Einbildung, oder können geistige Kräfte Materie beeinflussen? Seit über 160 Jahren versucht die Parapsychologie, diese Fragen zu beantworten.
Begriff, Anliegen und Geschichte der Parapsychologie
Die Parapsychologie entstand im 19. Jahrhundert aus dem Mesmerismus und Spiritismus und ist ein Vorläufer der wissenschaftlichen Psychologie. Ihr Ziel ist die rationale Erklärung "übersinnlicher" oder "paranormaler" Phänomene. Franz Anton Mesmer glaubte an ein feinstoffliches Fluidum, das das Universum durchdringt und sowohl das stabile System der Sterne als auch ein gesundes Nervensystem beeinflusst. Krankheit wurde als eine Störung dieses Fluidums angesehen.
Im Jahr 1852 gründete Edward W. Benson in Cambridge die "Ghost Society", die sich wissenschaftlich mit okkulten Phänomenen beschäftigte. Daraus entstand 1882 die "Society for Psychical Research" (SPR), die als Beginn der Parapsychologie gilt. In den USA wurde 1884 die "American Society for Psychical Research" unter der Leitung von William James gegründet. Max Dessoir prägte 1889 den Begriff "Parapsychologie" für außergewöhnliche Phänomene wie Gedankenübertragung und Tischerücken.
Psi-Phänomene: Eine Klassifizierung
Der Begriff "Psi-Phänomene" wird heute verwendet, um die Gesamtheit paranormaler und parapsychologischer Vorgänge zu beschreiben. Die Parapsychologie im engeren Sinne beschäftigt sich mit der psychophysikalischen Anomalieforschung. Psi-Phänomene werden in drei Gruppen unterteilt:
- Außersinnliche Wahrnehmung (ASW): Telepathie, Hellsehen und Präkognition.
- Psychokinese: Beeinflussung physikalischer oder biologischer Systeme ohne bekannte Kräfte, wie z.B. Löffelbiegen.
- Nahtoderfahrungen: Erlebnisse von Menschen, die kurzzeitig klinisch tot waren.
Pioniere und Institute der Parapsychologie
Bereits 1911 wurden an der Stanford-Universität Studien über außersinnliche Wahrnehmung und Psychokinese durchgeführt. Joseph B. und Louisa E. Rhine gelten als Pioniere der wissenschaftlichen Parapsychologie. In den 1930er Jahren führten sie an der Duke-Universität umfangreiche Experimentalstudien durch, die zeigten, dass Psychokinese und außersinnliche Wahrnehmung zu schwachen, aber stabilen und statistisch überzufälligen Effekten führen können. In der Folge wurden an mehreren Universitäten Lehrstühle für Parapsychologie eingerichtet.
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1950 wurde in Freiburg im Breisgau das "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene" (IGPP) gegründet, das weltweit größte Institut seiner Art. Es führt umfangreiche Forschungs- und Beratungstätigkeiten durch.
Gegenwärtiger Stand der akademischen Parapsychologie
Die Begriffe Parapsychologie und Psi-Forschung werden zunehmend vermieden, um Assoziationen mit Esoterik und Okkultismus zu vermeiden. Stattdessen sprechen Forscher von "außergewöhnlichen Erfahrungen" oder "psychophysikalischer Anomalieforschung". Sie konzentrieren sich auf objektiv erkennbare Anomalien, die stark bewusstseinsabhängig sind. Dem Bewusstsein und der Wahrnehmung wird als aktive Elemente der Realität besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und veränderte Bewusstseinszustände werden differenziert untersucht.
Konkurrierende Erklärungsansätze und Skeptizismus
Die Parapsychologie versucht, einen Weg zwischen wissenschaftlichem Skeptizismus und naiver Okkultgläubigkeit zu finden. Skeptiker bieten drei Erklärungen für das persönliche Überzeugtsein von Psi-Phänomenen:
- Persönlichkeitsvariablen: Psi-Gläubige sind eher religiös, jünger und suggestibler.
- Tricktäuschung: Psi-Gläubige sind anfälliger für Trickbetrüger.
- Zufall: Die Trefferquote in Experimenten wie dem Ganzfeld-Experiment liegt nur geringfügig über dem Zufall.
Skeptiker kritisieren methodische Mängel, mangelnde Wiederholbarkeit der Ergebnisse und das Fehlen empirisch überprüfbarer Theorien in der parapsychologischen Forschung.
"PSI Wars": Der Kampf um die Deutungshoheit
In der Parapsychologie stehen sich empirische und weltanschaulich geprägte Forscher oft feindlich gesinnt gegenüber. Es gibt einen Kampf um die Deutungshoheit ungewöhnlicher Erfahrungen. Skeptiker-Verbände haben Preisgelder für den Beweis telepathischer Informationsübermittlung ausgeschrieben. Trotz dieser Konflikte suchen parapsychologische Forscher weiterhin nach Erklärungen für Psi-Anomalien, da diese nachweislich auftreten und mit konventionellen Theorien nicht zu erklären sind.
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Neue Impulse durch die Quantenphysik
Lange Zeit waren Signalübertragungstheorien in der parapsychologischen Forschung maßgeblich. In den letzten Jahren hat die Forschung neue Impulse durch Anleihen bei der Quantenphysik erhalten. Robert Jahn und Brenda Dunne haben ein psychophysikalisches Modell konzipiert, das auf quantentheoretischen Strukturen beruht. Sie postulieren, dass Bewusstsein wellen- und teilchenartige Eigenschaften besitzt. Die Wellennatur kann viele Psi-Optionen ermöglichen.
Nach Belz ähneln sich parapsychologische und quantenmechanische Phänomene, weil sie plötzlich und unerwartet auftreten, keine ersichtliche Ursache haben, unabhängig von Zeit und Raum zu sein scheinen, flüchtig sind, einen besonderen Bedeutungsgehalt zu haben scheinen und sich als sinnvolle Zufälle erweisen.
Psi-Phänomene werden jetzt als "nichtlokale Beziehung in einem verschränkten System" verstanden, bei denen das Bewusstsein als Element des Systems behandelt wird.
Parapsychologie und Transpersonale Psychologie
Die Parapsychologie wird derzeit auch stärker im Spektrum der Transpersonalen Psychologie aufgegriffen. Das Konzept "Spiritualität", das von der Transpersonalen Psychologie favorisiert wird, weist überraschende Parallelitäten zur quantenmechanischen Vorstellung nichtlokaler Verschränktheit auf. Psi-Phänomene werden jetzt als "nichtlokale Korrelation in einem verschränkten System" verstanden. In der Transpersonalen Psychologie ist das Bewusstsein ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.
Einschätzung der Parapsychologie
Bis heute sind manche Fähigkeiten und Eigenheiten der Seele ein Geheimnis geblieben. Trotz umfangreicher Forschungsanstrengungen sind grundlegende Fragen der Parapsychologie ungelöst. Es ist fraglich, ob es jemals allgemein gültige Erklärungen für Psi-Phänomene geben wird, die ähnlich zuverlässig wie Naturgesetze sind. Die entwickelten quantenmechanischen Modelle sind vermutlich zu vage und unspezifisch, um zuverlässige Aussagen über parapsychologische Phänomene liefern zu können.
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Die Parapsychologie hat jedoch Verdienste im Hinblick auf eine kritische Realitätsprüfung. Sie hat spiritistische Séancen und das Löffelbiegen entmystifiziert und zu einer nüchternen Betrachtung ungewöhnlicher Erfahrungen beigetragen.
Fallbeispiele und Experimente
Marcel Polte und die Telekinese
Marcel Polte wollte beweisen, dass er mit der Kraft seiner Gedanken ein Stück Folie bewegen kann. Die "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP) bot ihm 10.000 Euro, falls er seine übersinnlichen Kräfte beweisen könnte. Polte glaubt, er könne die Schwingungsmuster seines Gehirns verändern und so in Gleichklang mit dem Schwingungsmuster des Gegenstandes bringen.
Der Test fand an der Universität Würzburg statt. Polte sollte ein Stück Folie, das auf der Spitze einer Nadel lag, durch Gedankenkraft rotieren lassen. Um sicherzustellen, dass nur Gedanken die Bewegung verursachen, wurde eine Glasvase über den Versuchsaufbau gestülpt.
Nach drei Stunden gab Polte auf. Er sagte, es habe daran gelegen, dass er zu Hause nicht mit Anfassen geübt habe. Außerdem wünschte er sich, den Test unter kontrollierteren Bedingungen zu wiederholen, ohne die Abdeckvase.
Alexander Mörsdorf und die Wünschelrute
Alexander Mörsdorf wollte prüfen, ob sich Störfelder im Raum befinden. Als "selbstständiger Geo-Pathologe" behauptete er, Wasseradern und Strom im Boden orten zu können. Er sollte sagen, ob Stromkabel im Hörsaal unter Spannung stehen.
Mörsdorf führte einige Rituale durch, bevor er den Test begann. Er schritt durch die Reihen des Hörsaals, schwingt die Arme und machte die Merkel-Raute. Nach einer Stunde wurde er gefragt, wie lange er noch für die Vorbereitung benötige.
Der eigentliche Test ging dann schnell. Mörsdorf gab klare Signale mit seinem Kreuzpickel. Am Ende hatte er 26 von 50 Kabeln richtig identifiziert, was dem Zufall entsprach.
Die Psi-Spione der CIA
Während des Kalten Krieges spionierten sechs ASW-Begabte im Rahmen der "Operation Stargate" für die CIA und das Pentagon. Sie sollten Psi-Attacken des KGB kontern und eigene Aktionen unterstützen.
Joe McMoneagle, ein Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIA, wurde zu einem Helden, weil er Zeichnungen eines neuen Sowjet-U-Bootes lieferte und voraussagte, wann es aus der Werft auslaufen würde. Er spürte auch das "Volksgefängnis" der Revolutionäre in Padua auf, in dem der US-General James Dozier gefangen gehalten wurde.
Ein Gutachten des US-Kongresses besagte, dass die Psi-Späher in 80 Prozent aller Fälle versagt hätten. Eine Trefferquote von 20 Prozent war jedoch zu viel für ein reines Zufallsergebnis.
Experimente mit Zufallsgeneratoren
In der Parapsychologie werden Zufallsgeneratoren verwendet, um außersinnliche Wahrnehmung, Psychokinese und Präkognition nachzuweisen. Testpersonen sollen mit Willenskraft Prozesse beeinflussen, die sonst nur dem Zufall unterliegen.
Helmut Schmidt baute einen Zufallsgenerator, der den Zerfall radioaktiver Nuklide misst. Eine Elektronik verwandelt die gemessenen Zerfälle in eine Folge von Zufallszahlen, die beispielsweise das Licht in einem Lampenkreis im Uhrzeigersinn oder anders herum weiterrücken lassen. Testpersonen sollen erreichen, dass das Licht bevorzugt in nur eine Richtung läuft.
Robert Jahn und Brenda Dunne vom PEAR-Institut in Princeton nutzen das "weiße Rauschen" einer elektrischen Diode, um Zufallszahlen zu erzeugen. Versuchspersonen sollen den Durchschnittswert der Zufallszahlen durch ihre "Intention" ändern.
Telepathie-Experimente im Ganzfeld
Robert Morris von der Universität Edinburgh experimentiert mit Telepathie. Er ließ zwei Räume bauen, die schalldicht und gegen elektromagnetische Strahlung abgeschirmt sind. Im "Ganzfeld" werden Sinnesreize von den Probanden ferngehalten. Sie sollen in einen Wachschlaf sinken, der günstigste Zustand für den Empfang gedanklich übertragener Bilder sein soll.
Die "Sender" sitzen im Nebenraum und sollen den Inhalt von Bildern und Videostreifen an den Empfänger übermitteln. Am Ende jeder Sitzung sollen die Probanden dasjenige Bild auswählen, das ihrem Wachtraum am nächsten kam.
In einer kürzlich abgeschlossenen Versuchsreihe ließ Morris die Sender einfach weg. Die Trefferquote der Empfänger blieb jedoch unverändert, was darauf hindeutet, dass sie hellsichtig sein könnten.
Hochsensibilität: Eine besondere Form der Wahrnehmung
Menschen mit Hochsensibilität verfügen über eine niedrige sensorische Reizschwelle, das heißt, sie können besonders viele und schwach ausgeprägte Sinneseindrücke wahrnehmen. Sie verarbeiten Sinneseindrücke gründlicher und reagieren in reizintensiven Situationen stärker und sind schneller überstimuliert.
Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern eine normale Variation in der Reizverarbeitung. Es gibt verschiedene Ausprägungen von Hochsensibilität:
- Sensorische Sensibilität: Verstärkte Wahrnehmung von Sinnesreizen aus der Außenwelt.
- Emotionale Sensibilität: Besonders ausgeprägte Wahrnehmung im zwischenmenschlichen Bereich.
- Intellektuelle Sensibilität: Starkes Gefühl für Logik und komplexe Zusammenhänge.
Hochsensible Menschen können ihre Hochsensibilität für sich nutzen und zu einer Superkraft entwickeln. Sie können neues Wissen besonders gut abspeichern, sind gute Zuhörer und erleben ihre Umwelt detail- und facettenreicher. Es ist wichtig, dass sie ihre Hochsensibilität erkennen und verstehen, um ihre eigenen Grenzen zu setzen und Überreizung entgegenzusteuern.
Telepathie: Wahrheit oder Mythos?
Das Thema Telepathie fasziniert Menschen immer wieder. Die Wissenschaft konnte das Vorhandensein von Telepathie bis heute weder beweisen noch widerlegen. Es gibt verschiedene Theorien, die versuchen, Telepathie zu erklären:
- Das Unterbewusstsein: Die fünf Sinne können sehr viel mehr aufnehmen, als uns bewusst ist.
- Das "schlechte" Gewissen: Wer Verbotenes tut, fühlt sich per se beobachtet.
- Die selektive Erinnerung: Das Gehirn speichert nur ganz bestimmte Eindrücke.
Parapsychologie in der Sowjetunion
In der Sowjetunion wurde die Parapsychologie als "Biokommunikation" bezeichnet und die dahinter vermutete Kraft als "Bioenergie". Wissenschaftler widmeten sich der Parapsychologie und glaubten, dass die Entdeckung der Energie der außersinnlichen Wahrnehmung von der gleichen Bedeutung sein wird wie die der Atomenergie.
Es gab Experimente zur Telepathie, Psychokinese und zum "Hautsehen". Die Ergebnisse waren jedoch oft umstritten und wurden von Skeptikern als Humbug entlarvt.
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