Gehirn und Bewusstsein: Eine philosophische Einführung

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gehirn und Bewusstsein beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Wie kann etwas so Subjektives wie Bewusstsein in einer physikalischen Welt existieren? Dieser Artikel bietet eine Einführung in die philosophischen Kernfragen und Lösungsansätze im Zusammenhang mit dem Gehirn und dem Bewusstsein.

Das Leib-Seele-Problem: Eine philosophische Herausforderung

Seit der Antike und insbesondere seit René Descartes im 17. Jahrhundert haben sich Philosophen mit dem Leib-Seele-Problem auseinandergesetzt. Descartes postulierte eine Trennung zwischen der "res extensa" (der ausgedehnten, körperlichen Substanz) und der "res cogitans" (der denkenden, geistigen Substanz). Diese dualistische Sichtweise wirft die Frage auf, wie diese beiden unterschiedlichen Substanzen miteinander interagieren können.

Die Philosophie bietet grundsätzlich zwei unterschiedliche Lösungsansätze für das Körper-Geist-Problem an:

  • Dualismus: Materielle und geistige Dinge sind zwei vollkommen unterschiedliche Phänomene.
  • Monismus: Es gibt nur physische Dinge und Prozesse. Das Mentale wird oft als Illusion oder als etwas letztlich Physisches betrachtet.

Varianten des Dualismus

  • Interaktionistischer Dualismus: Nimmt an, dass Körper und Geist wechselseitig aufeinander einwirken. Mentale Phänomene wie Willensakte können Aktivitäten im Gehirn beeinflussen, und umgekehrt wirken sich physische Reize auf das Bewusstsein aus. Ein Problem dieses Ansatzes ist, wie ein immaterieller Geist auf die materielle Welt einwirken kann, ohne die Energiegesetze zu verletzen.
  • Epiphänomenalismus: Bewusstsein ist lediglich eine Begleiterscheinung von Hirnprozessen. Kausales Wirken verläuft nur in eine Richtung: Aktivitäten im Gehirn verursachen mentale Prozesse, aber das Bewusstsein kann körperliche Prozesse nicht beeinflussen. Ein Vergleich ist die Pfeife einer Lokomotive: Der Dampf erzeugt den Ton, aber der Ton beeinflusst die Maschine nicht.

Monistische Ansätze

  • Eliminativer Materialismus: Leugnet die Existenz von Bewusstsein überhaupt. Mentale Zustände werden als Artefakte einer vorwissenschaftlichen Theorie betrachtet, die uns in die Irre führt. Paul Churchland argumentiert, dass wir eines Tages auf mentales Vokabular verzichten werden, wenn neurowissenschaftliche Theorien menschliches Verhalten genauer erklären können.
  • Identitätstheorie: Bewusstsein und physische Aktivitäten im Gehirn sind identisch. Bewusstsein wäre damit letztlich nichts anderes als Hirnprozesse. Kritiker bemängeln, dass diese Theorie die subjektive Erlebnisqualität (Qualia) nicht erklären kann.

Funktionalismus: Eine Alternative zum Biologismus

Manche Materialisten betrachten Bewusstsein und andere geistige Phänomene als reine Funktionen, die auf unterschiedliche Weise realisiert werden können. Ähnlich wie man künstliche Herzen entwickeln konnte, nachdem man die Funktion des Herzens ermittelt hatte, könnte man prinzipiell auch künstliches Bewusstsein schaffen, indem man zum Beispiel einen Computer auf die richtige Weise programmiert.

Das schwierige Problem des Bewusstseins (The Hard Problem of Consciousness)

Der Philosoph David Chalmers unterscheidet zwei Arten von Problemen des Bewusstseins:

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  • Die "leichten" Probleme: Erklären, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, auf Reize reagiert und Verhalten steuert.
  • Das "schwierige" Problem: Erklären, wie subjektive Erlebnisse (Qualia) wie etwa ein unmittelbar erlebter stechender Schmerz in die physikalische Welt kommen. Selbst wenn man alle relevanten physiologischen Mechanismen kennen sollte, könnte man die subjektive Erlebnisqualität nicht erklären.

Die Rolle der Neurowissenschaften

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht und liefern immer detailliertere Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns. Bildgebende Verfahren wie PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie) ermöglichen es, die neuronale Aktivität im Gehirn in Echtzeit zu beobachten.

Neuronale Plastizität

Jüngere Untersuchungen an Schlaganfall-Patienten haben gezeigt, dass bestimmte mentale Fähigkeiten nicht notwendigerweise an ein ganz bestimmtes Areal oder eine ganz bestimmte Population von Nervenzellen gekoppelt sind. Stattdessen spricht man von "neuronaler Plastizität": Gesunde Hirnzellen können allmählich die Funktion jener geschädigten Bereiche übernehmen, die für die betreffende mentale Fähigkeit "zuständig" waren.

Globale Theorie des Gehirns

Gerald M. Edelman, Medizin-Nobelpreisträger, entwickelte die Theorie der neuronalen Gruppenselektion ("Neural Group Selection Theory"), die Entwicklungsprozesse im Gehirn im Kontext der Darwin’schen Evolutionstheorie und moderner Selektions-Modelle sieht. Edelman argumentiert, dass das Gehirn kein Computer ist, da es nicht nach einem Plan entstanden ist, sondern das Ergebnis eines seit Millionen Jahren wirkenden Selektionsprozesses. Um seine Theorie zu testen, entwickelte er Roboter mit simulierten Nervensystemen.

Das Selbst und die Subjektivität

Die Neurowissenschaften haben auch unser Verständnis des Selbst und der Subjektivität verändert. Eindeutig widerlegt ist inzwischen die Annahme einer lokalisierbaren Zentralinstanz im Gehirn, an der alle Informationen zusammenlaufen und die gleichsam als das neuronale Korrelat des menschlichen Selbst anzusehen wäre. Die permanente Aktivierung einer Körperrepräsentation im Gehirn scheint einen wesentlichen Beitrag für die Entstehung des Phänomens der Subjektivität - des Gefühls, dass sämtliche Erlebnisse meine Erlebnisse sind - zu liefern.

Herausforderungen und offene Fragen

Trotz der Fortschritte in den Neurowissenschaften bleiben viele Fragen offen. Wie entsteht Bewusstsein aus neuronalen Prozessen? Was unterscheidet bewusste von unbewussten Prozessen? Wie können wir die subjektive Erlebnisqualität (Qualia) erklären? Diese Fragen sind Gegenstand intensiver Forschung und Debatte.

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Implikationen für Philosophie und Theologie

Die Erkenntnisse der Gehirnforschung haben auch Implikationen für Philosophie und Theologie. Sie stellen traditionelle Vorstellungen über die Natur des Menschen, die Seele und die Willensfreiheit in Frage.

Naturalismus

Der "Naturalismus" ist eine philosophische Strömung, die der menschlichen Person und den ihr eigentümlichen Fähigkeiten die Sonderstellung abspricht und sie wie natürliche Phänomene behandelt, das heißt wie solche, die den Methoden der positiven wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind.

Die Rolle der Philosophie

Die Philosophie spielt eine wichtige Rolle bei der Interpretation und Bewertung der Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Sie hilft, die methodischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen der kognitiven Wissenschaften zu untersuchen und die ethischen Implikationen der Forschung zu reflektieren.

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