Gehirn und Geist: Eine Annäherung an das Leib-Seele-Problem

Die Frage nach dem Verhältnis von Gehirn und Geist beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. Sind sie zwei getrennte Entitäten oder untrennbar miteinander verbunden? Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig und spiegeln unterschiedliche philosophische, wissenschaftliche und kulturelle Perspektiven wider.

Unterschiedliche Positionen im Überblick

Psychoanalyse vs. Hirnforschung: Ein scheinbarer Gegensatz

Psychoanalyse und Hirnforschung scheinen auf den ersten Blick unvereinbare Gegensätze darzustellen. Psychoanalytiker sehen sich als Experten des Seelenlebens und kritisieren die Hirnforschung für ihren vermeintlichen Irrweg, psychische Zustände auf materielle Grundlagen reduzieren zu wollen. Der Streit geht so weit, dass Neurobiologen behaupten, alles, was einen Menschen ausmacht, sei bereits in den Genen festgelegt, während Psychoanalytiker prägende Kindheitserlebnisse als entscheidend für das menschliche Schicksal betrachten.

Francois Ansermet, Psychoanalytiker, und Pierre Magistretti, Neurowissenschaftler, haben sich jedoch zusammengetan, um gemeinsam die "Individualität des Gehirns" zu erforschen. Ihr Buch ist ein gut lesbares Werk, das die Gegensätze zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft überwindet.

Dualismus vs. Monismus: Zwei grundlegende Sichtweisen

Grundsätzlich lassen sich zwei unterschiedliche Sichtweisen auf das Verhältnis von Gehirn und Geist unterscheiden:

  • Dualismus: Diese Sichtweise, die dem Alltagsverständnis entspricht, betrachtet Gehirn und Geist als grundlegend verschieden. Das Gehirn ist ein materielles Organ, das man anfassen kann, während der Geist etwas Immaterielles ist, das man erlebt. Der Dualismus geht davon aus, dass der Geist zwar mit dem Gehirn verbunden ist und es beeinflusst, aber im Prinzip auch getrennt vom Gehirn existieren kann. Dies entspricht dem traditionellen Konzept einer Seele. René Descartes trennte die Bereiche des Daseins in res cogitans (denkende Substanz) und res extensa (ausgedehnte, körperliche Substanz). Er verortete die Interaktion zwischen Leib und Seele in der Zirbeldrüse.
  • Monismus: Die in wissenschaftlichen Kreisen vorherrschende Sichtweise betrachtet Gehirn und Geist als untrennbare Einheit. Der Geist wird als eine Funktion des Gehirns verstanden, ähnlich wie die Verdauung eine Funktion des Magen-Darm-Trakts ist. Das würde bedeuten, dass geistige Funktionen mit bestimmten Funktionen des Gehirns identisch sind.

Das Leib-Seele-Problem: Eine philosophische Herausforderung

Das klassische philosophische Argument gegen die monistische Identitätsthese besagt, dass Gehirn und Geist nicht die identischen Eigenschaften haben. Das Gehirn ist ein räumliches Objekt, während ein Gedanke keine räumlichen Eigenschaften hat. Daher könnten sie nicht identisch sein.

Lesen Sie auch: Was unterscheidet Geist, Gehirn und Maschine?

Die interessanten Fragen in zeitgenössischen Diskussionen drehen sich jedoch um die Frage, was die Kernmerkmale des Geistigen, Psychischen, Mentalen sind, die es als solches auszeichnen, und wie diese im oder mit dem Gehirn realisiert werden können. Philosophen nennen in der Regel zwei zentrale Merkmale: Bewusstsein bzw. subjektives Erleben einerseits und Bedeutungshaftigkeit ("Intentionalität") andererseits.

Die Plastizität des Gehirns: Eine neue Perspektive

Die Entdeckung der neuronalen Plastizität hat in der Hirnforschung zu einem Paradigmenwechsel geführt. Die Nervenzellen im Gehirn verarbeiten nicht nur Signale, sondern ihre Struktur verändert sich auch durch die eingehenden Signale. Diese Plastizität ermöglicht ein dynamisches Verständnis der Prozesse unter der Schädeldecke. Die Wirklichkeiten fallen nun auch für die Neurobiologen auseinander: In eine äußere Wirklichkeit, die für alle gleich ist, und in eine innere Wirklichkeit, deren Entstehung bis in die neuronalen Prozesse hinein verfolgt werden kann.

Die mehr als hundert Milliarden Neuronen in unserem Kopf tauschen Informationen über ihre Synapsen aus. Jedes Neuron bildet etwa 10.000 solcher Synapsen aus, womit sich die unglaubliche Zahl von einer Billiarde Kontaktstellen ergibt, an denen lebhaft kommuniziert wird. Die Erfahrungen des Individuums äußern sich als elektrische und chemische Veränderungen im Kommunikationsprozess. Die Art und Weise der Informationsverarbeitung im Gehirn ist also tatsächlich von den Wahrnehmungen und Erfahrungen des Individuums abhängig. Was man im Leben erfährt, hinterlässt eine Spur im Hirn.

Das Gehirn als dynamisches Netzwerk

Das Gehirn ist kein isoliertes Organ, sondern arbeitet in engem Austausch mit dem Körper, der Umwelt sowie sozialen und kulturellen Faktoren. Kognitive Prozesse und die Wahrnehmung sind tief in den körperlichen Erlebnissen und Interaktionen mit der Umwelt verankert. Das Gehirn ist ein komplexes System, das aus miteinander verbundenen Regionen besteht. Bestimmte Hirnregionen im Cortex, der Großhirnrinde, sind räumlich so angeordnet, dass sie sowohl ihre Funktion als auch ihren genetischen Aufbau widerspiegeln. Entscheidend ist dabei, dass die Organisation des Gehirns zwar bei allen Menschen vergleichbar, aber nicht genau gleich ist. Diese Unterschiede sind wiederum mit unterschiedlichem Verhalten verbunden, zum Teil aber auch mit Krankheiten. Zurückzuführen sind die auf genetische und umweltbedingte Faktoren sowie auf bestimmte Entwicklungspfade.

Das Bauchhirn: Ein unterschätzter Akteur

Neben dem "Kopfhirn" existiert auch das "Bauchhirn", das oft unterschätzt wird. Es steht in enger Verbindung mit Gefühlen, Affekten und dem Immunsystem. Die Forschung hat gezeigt, dass auch der Bauch "mitdenkt".

Lesen Sie auch: Einblicke in die Welt der Psychologie

Die Grenzen der Hirnforschung

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Mit Methoden wie EEG und funktioneller Kernspintomographie können Hirnaktivitäten sichtbar gemacht werden. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Wie schaffen es Nervenzellen, Bewusstsein zu erzeugen? Wie entstehen Gefühle? Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Hirnregionen?

Einige Forscher warnen vor einem übertriebenen Optimismus und betonen die Grenzen der Hirnforschung. Es sei wichtig, das Gehirn nicht als Sonderorgan zu behandeln und die kulturelle Kontamination der Hirnforschung zu berücksichtigen. Das Gehirn ist ein Organ, in das alle möglichen Ansichten hineinprojiziert werden. Daher sei eine besondere Vorsicht und Zurückhaltung geboten.

Gedankenlesen und mentale Autonomie

Die Frage, ob wir Gedanken lesen können, hat die Diskussion um das Verhältnis von Gehirn und Geist abgelöst. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Die Forschung hat gezeigt, dass wir während unseres Wachlebens bis zu 50 Prozent keine Kontrolle über unsere Gedanken haben. Das autonome "Selbst" als Initiator oder Ursache unserer kognitiven Handlungen ist ein weit verbreiteter Mythos. Stabile kognitive Kontrolle ist die Ausnahme, während ihr Fehlen die Regel ist.

Dennoch ist es wichtig, die Forschungsergebnisse kritisch zu reflektieren und in den soziokulturellen Kontext einzuordnen. Die Art und Weise, wie wir über unsere eigenen inneren Erfahrungen berichten, ist von kulturellen Faktoren geprägt.

Die Bedeutung der Interaktion mit der Umwelt

Bedeutung erlangen Hirn- und damit psychische Zustände nur dadurch, dass die Prozesse, durch die wir Bedeutung generieren, nur dann funktionieren, wenn das Gehirn in einem Organismus beheimatet ist, dessen Körper mit der Umwelt interagiert. Diese Auffassung wird Externalismus genannt. Bedeutung entsteht also nicht allein durch die feuernden Neuronen, sondern dadurch, dass diese Neuronen über den Körper in Interaktion mit der Umwelt sind. Wenn das stimmt, dann ist ein wesentliches Merkmal des Psychischen nicht zu erklären ohne die Interaktion von verkörpertem Gehirn und Umwelt. Deswegen kann die Psyche nicht nur das Gehirn sein, auch wenn sie ohne Gehirn nicht sein kann.

Lesen Sie auch: Geist und Gehirn bei Depressionen

Historische Perspektiven auf das Gehirn

Die Beschäftigung des Menschen mit dem Gehirn lässt sich bis in die Steinzeit zurückverfolgen. Trepanationen, Schädelöffnungen, die bereits vor über 7000 Jahren durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass das Gehirn bereits damals als zentrales Steuerungsorgan wahrgenommen wurde.

Im antiken Griechenland gab es heftige Debatten über den Stellenwert des Gehirns innerhalb des Körpers. Platon verortete den vernünftigen Seelenteil im Gehirn, während Aristoteles das Herz als Sitz der Seele ansah.

Der römische Arzt Claudius Galen widersprach der aristotelischen Lehre und vermutete in den Ventrikeln des Gehirns den Sitz des "Spiritus animalis", des luftigen Lebensgeistes, der alle körperlichen und geistigen Funktionen bewirkt.

Im Mittelalter wurde das Gehirn als Gefäß für die unsterbliche Seele betrachtet. Erst in der Neuzeit, mit René Descartes, begann eine neue Auseinandersetzung mit dem Gehirn als einer Maschine, die vom Geist gesteuert wird.

Franz Joseph Gall entwickelte im 18. Jahrhundert die Phrenologie, die alle Fähigkeiten des Menschen in streng umrissenen Schädelbereichen verortete. Diese Theorie erwies sich zwar als nicht haltbar, trug aber zur Entstehung eines neuen Menschenbildes bei, in dem geistige und seelische Zustände einen materiellen Ursprung haben.

Im 19. und 20. Jahrhundert führte die Untersuchung von Gehirnläsionen, insbesondere durch Kriegsverletzungen, zu einer weiteren Verfeinerung der Lokalisationstheorie. Gleichzeitig wurde die Hirnforschung jedoch auch für rassistische und sexistische Ideologien missbraucht.

Die Entwicklung der Elektrophysiologie und der Computertechnologie führte zu neuen Metaphern für das Gehirn. Es wurde nun als Telegrafenstation oder als Supercomputer betrachtet.

tags: #gehirn #und #geist #1