Der Konsum von Drogen ist ein Phänomen, das die Menschheit seit ihren Anfängen begleitet. Archäologen fanden in den argentinischen Anden 4000 Jahre alte Pfeifen mit Resten von Dimethyltryptamin (DMT), einem starken Halluzinogen. Zahlreiche Tierarten nutzen ebenfalls berauschende Stoffe. Bis heute werden weltweit Substanzen konsumiert, die das Bewusstsein verändern, von legalen Substanzen wie Kaffee bis zu gefährlichen Designerdrogen wie "Legal Highs". Im vergangenen Jahr starben in Deutschland über 1000 Menschen an illegalen Drogen. Alkohol bleibt jedoch die häufigste Droge, mit Millionen von Deutschen, die zu viel trinken oder abhängig sind.
Drogenkonsum im Wandel der Zeit
Früher galten Rauschmittel als "Gabe der Götter", die Einblicke in verborgene Welten ermöglichten. Die Phythia im Orakel von Delphi weissagte unter dem Einfluss berauschender Dämpfe. Im Südpazifik begleitet Kawa den Weg in die Welt der Ahnen. Im Abendland waren bewusstseinsverändernde Pflanzen seit der Antike bekannt. Mit dem weltweiten Handel kamen Tee, Kaffee, Cannabis, Coca, Tabak und Opium hinzu.
Mediziner und Apotheker interessierten sich für die neuen Substanzen und testeten sie. Paracelsus entwickelte im 16. Jahrhundert Laudanum, eine Opiumtinktur, als Allheilmittel. Apotheker stellten standardisierte Produkte mit gleichbleibendem Wirkstoffgehalt her. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts kamen synthetische Drogen wie Lachgas hinzu. Chemiker gewannen Substanzen wie Morphin, Nikotin und Kokain. Mit zunehmender Verbreitung wuchs das Bewusstsein für die Gefahren, was zur Suche nach Ersatzstoffen führte.
Auch Künstler experimentierten mit Drogen. In Europa entstanden Zirkel wie der "Klub der Haschischesser" in Paris. Künstler wie Delacroix, Baudelaire und Dumas suchten nach einer Sprache, um ihre Rauscherfahrungen zu beschreiben, und bereicherten damit die Romantik.
Drogen in Medizin und Militär
Psychiater interessierten sich für Drogen als Medikamente zur Behandlung von Schwermut und zum besseren Verständnis von Wahnvorstellungen. Der Psychiater Jacques-Joseph Moreau testete Cannabis und stellte fest, dass Geisteskranke und Haschischesser ähnliche Erfahrungen äußerten. Dies stärkte ein naturalistisches Weltbild und den Beginn der Psychopharmakologie.
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Das Militär war an leistungssteigernden Substanzen interessiert. Methamphetamin, bekannt als Crystal Meth oder Pervitin, wurde im Zweiten Weltkrieg millionenfach an Soldaten verabreicht. Es dämpft Angst und erhöht die Leistungsfähigkeit. Die Bundeswehr und die Nationale Volksarmee der DDR hielten es bis in die 1970er bzw. 1980er Jahre vor. US-Armeepiloten verwenden "go pills" (Dextroamphetamine) und "stop pills" für lange Einsätze.
Drogenkonsum heute
Drogen sind bei Jugendlichen und jungen Partygängern beliebt. Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge. Studien weisen auf das Suchtpotenzial von Cannabis und Veränderungen im Gehirn hin. Konsumenten von potentem Cannabis haben ein erhöhtes Risiko für Psychosen. Andere Studien fanden Veränderungen im Gehirnstoffwechsel und beeinträchtigte Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen.
Bernd Werse vom Centre for Drug Research hält Verbote und das Strafrecht für den falschen Ansatz und plädiert für Prävention, um frühen und täglichen Konsum zu verhindern. Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen sieht Drogen als Abkürzung zu Entspannung oder Höchstleistungen, die jedoch den Nachteil haben, dass man nichts dabei lernt und immer wieder Stimulation von außen benötigt.
Die Auswirkungen von Crystal Meth auf Gehirn und Körper
Crystal Meth ist eine synthetische Verbindung mit anregender Wirkung. Sie kann Wachheit und Leistungsfähigkeit vorübergehend erhöhen.
Wirkung:
- Erhöhtes Selbstbewusstsein, Euphorie, Rededrang
- Aufputschend, Unterdrückung des Hungergefühls und Schlafbedürfnisses
- Gesteigerte Lust auf Sex
- Herzfrequenz- und Blutdrucksteigerung, Unruhe, Anstieg der Körpertemperatur
- Aggressivität, gesteigerte Risiko- und Gewaltbereitschaft
- Vermindertes Schmerzempfinden
Nachwirkung:
- Extrem langer Nachschlaf (bis zu 30 Stunden)
- Starker Hunger
- Gereiztheit, depressive Verstimmung, Konzentrationsstörungen
- Nachwirkungen halten länger an als bei Speed (bis zu zwei Wochen!)
In größeren Mengen:
- Bei Überdosierung oder Überlastung des Körpers (z.B. durch exzessiven Alkoholkonsum, Dehydration, Schlafmangel) kann es zu lebensbedrohlichen Zuständen kommen.
Hinweise zur Schadensminimierung:
- Wie bei Speed: viel Flüssigkeit zu sich nehmen.
- Bei Einnahme von HIV-Medikamenten den Konsum von Crystal vermeiden oder zumindest die Dosis deutlich reduzieren.
- Wenn ungeschützter Sex häufiger, länger und heftiger praktiziert wird, werden dadurch die Schleimhäute stark angegriffen.
Sucht im Gehirn: Ein komplexes Zusammenspiel
Nicht jeder Drogenkonsument wird süchtig. Schätzungen zufolge entwickelt eine von fünf Personen, die Drogen konsumieren, eine Abhängigkeit. Was unterscheidet die Gehirne der Menschen, die kontrolliert konsumieren, von jenen, bei denen der Konsum aus dem Ruder gerät?
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Ein Forschungsteam aus der Schweiz hat möglicherweise einen wichtigen Mechanismus im Gehirn von Mäusen entdeckt. Allen Drogen mit Suchtpotential ist gemeinsam, dass sie im Gehirn die Aktivität des Neurotransmitters Dopamin beeinflussen, insbesondere im Belohnungssystem.
Experimente mit Mäusen: Einblicke in die Sucht
In Versuchen konnten Mäuse das Laserlicht selbst durch Drücken eines Hebels auslösen, was zur Dopaminausschüttung führte, ähnlich dem Effekt von Drogenkonsum. Einige Mäuse reduzierten das Hebelpressen, als sie bei einem Drittel der Betätigungen einen Stromschlag erhielten, während andere Schmerzen in Kauf nahmen, um weiterhin ihre Dopaminneuronen stimulieren zu können.
Das Forschungsteam untersuchte die Aktivität von Neuronen, die verschiedene Hirnareale miteinander verbinden. Es zeigte sich, dass eine synaptische Verbindung zwischen dem orbitofrontalen Kortex und dem dorsalen Striatum besonders aktiv war. Wurde die Verbindung künstlich gehemmt, stellten auch die zuvor ausdauernd hebeldrückenden Tiere ihre Aktivität ein.
Neuronale Verbindung hemmt oder fördert süchtiges Verhalten
Die Stärke der synaptischen Verbindung zwischen den Neuronen des orbitofrontalen Kortex und dem dorsalen Striatum war bei den Mäusen, die trotz Schmerzen weiter den Hebel drückten, zugenommen. Wurde die Verbindung abgeschwächt, reduzierte sich das Hebeldrücken bei Mäusen, die einen Stromschlag bislang tolerierten. Umgekehrt konnten Mäuse, die angesichts des Schmerzreizes auf eine Hebelbetätigung verzichteten, durch die Stärkung der synaptischen Verbindung dazu gebracht werden, dies trotzdem zu tun.
Weitere Forschung notwendig
Es bleibt unklar, warum die Selbststimulation von Dopamin-Neuronen nur bei einem Teil der Mäuse zu zwanghaftem Verhalten geführt hat. Denkbar seien epigenetische Einflüsse, die jedes Lebewesen einzigartig machen und die Gehirnfunktion beeinflussen.
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Die Identifikation einer neuronalen Verbindung, der süchtigem Verhalten zugrunde liegt, könnte neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen, sei es durch Medikamente oder durch die gezielte Stimulation von Hirnregionen.
Kokain: Beschleunigte Alterung des Gehirns und Schlaganfallrisiko
Kokain begünstigt Schlaganfälle und lässt das Gehirn schneller altern. Die Droge stößt Abbauprozesse an, die sonst bei Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson gesehen werden.
Eine Metaanalyse von 36 Studien zeigte, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und Schlaganfällen verfünffacht. Eine Studie aus Kanada verglich das Hirngewebe von Kokain-Abhängigen und Nicht-Konsumenten und stellte einen ausgedehnten Schwund an Nervenzellen in bestimmten Hirnbereichen fest. Der Schwund an Nervenzellen geht doppelt so schnell vonstatten wie bei gesunden Menschen. Langzeit-Kokain-Abhängige zeigen Einschränkungen bei der Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit.
Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es die Hirnstruktur verändert. Es kommt zu einer ausgedehnten Atrophie der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen.
Sogar gelegentlicher Kokain-Konsum könnte einer Erhebung zufolge bereits mit kognitiven Defiziten verbunden sein. Experimente an Mäusen zeigten, dass schon nach einmaliger Gabe von Kokain im Entscheidungszentrum des Frontalhirns zur Bildung neuer Dornfortsätze auf den Dendriten der Neurone kommt.
Cannabis: Beeinträchtigung des Arbeitsgedächtnisses
Der Konsum von Cannabis als Rauschmittel beeinflusst dauerhaft die Hirnaktivität bei Aufgaben fürs Arbeitsgedächtnis. Eine Studie an 1003 jungen Erwachsenen zeigte, dass häufig Cannabis Konsumierende bei der aufs Arbeitsgedächtnis zielenden Aufgabe im Durchschnitt eine geringere Hirnaktivierung zeigten. Personen, die in den Tagen vor dem Experiment Cannabis konsumiert hatten, schnitten bei diesem Test messbar schlechter ab.
Sucht: Eine Krankheit des Gehirns?
Die neuere Forschung betrachtet Sucht auch als körperliche Erkrankung, bei der das menschliche Gehirn im Zentrum steht. Fortschritte in den Neurowissenschaften identifizierten Sucht als eine chronische Gehirnerkrankung mit starken genetischen, neuronalen und soziokulturellen Komponenten.
Das Belohnungssystem im Fokus
Unser Gehirn giert nach Belohnung. Verantwortlich dafür ist das sogenannte Belohnungssystem, ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen, die wie in einem Schaltkreis zusammenwirken. Wichtigster Mitspieler im Belohnungssystem ist Dopamin.
Drogen und Suchtmittel aktivieren das Belohnungssystem durch Dopamin deutlich stärker als natürliche Belohnungen, wie ein Lob oder ein Erfolgserlebnis.
Das Suchtgedächtnis
Unser Gehirn speichert nicht nur schöne Urlaubserinnerungen oder den Geschmack von Lieblingsgerichten. Leider merkt sich das Gehirn auch, welche Stoffe oder Verhaltensweisen zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen danach wird stärker, besonders das Vorderhirn wird dabei durch neuronale Anpassungsprozesse nachhaltig verändert.
Je häufiger zum Beispiel Alkohol, illegale Drogen, oder auch Glücksspiel als Problemlöser dienen, desto stärker verfestigen sich diese Verhaltensmuster. Gleichzeitig wird die suchterkrankte Person immer sensibler für Reize, die mit der Aufnahme bestimmter Suchtstoffe in Verbindung stehen. Diese Reize werden auch Trigger genannt.
Therapie und Hilfsangebote
Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:
- Beratung
- Entgiftung
- Entwöhnung
- Psychotherapie
- Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
- Medikamente
- Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung
Eine Suchterkrankung ist mit Blick auf das komplexe Suchtgedächtnis eine lebenslange Aufgabe. Ein Rückfall ist kein persönliches Versagen, sondern gehört vielmehr zum Wesen einer Sucht.