Einführung
"Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele." Dieses Zitat von Pablo Picasso trifft den Kern dessen, was viele von uns beim Betrachten oder Schaffen von Kunst empfinden. Es ist diese befreiende Wirkung der Kunst, die uns kurz die Sorgen und den Stress des Alltags vergessen lässt und in eine Welt der Kreativität und Inspiration entführt. Aber was genau passiert in unserem Gehirn, wenn wir Kunst betrachten oder selbst künstlerisch tätig werden? In diesem Beitrag tauchen wir in die Welt der Neurowissenschaften ein und erkunden, wie Kunst unser Gehirn beeinflusst.
Visuelle Verarbeitung und Neuroästhetik
Unser visuelles System spielt eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung und Bewertung von Kunst. Etwa 80 % der Sinneseindrücke eines Menschen basieren auf visuellen Reizen, und unser Gehirn hat mehr Bereiche für die Verarbeitung visueller Informationen vorgesehen als für andere Sinne. Der visuelle Kortex, der sich im Okzipitallappen befindet, ist für die Verarbeitung dieser Informationen verantwortlich. Die Wahrnehmung eines Kunstwerks beginnt mit der Aufnahme von Licht durch das Auge, das dann durch den Sehnerv an den visuellen Kortex weitergeleitet wird.
Mithilfe moderner bildgebender Verfahren untersucht das Forschungsfeld der Neuroästhetik, wie das Gehirn auf ästhetische Erlebnisse und das Erschaffen von „Schönheit“ reagiert. Dieses Fachgebiet nutzt das Konzept der ästhetischen Triade, das aus drei neuronalen Systemen besteht. Das sensorisch-motorische System wird aktiviert, wenn wir etwas betrachten oder Bewegung in Bildern sehen. Das Emotions-Bewertungssystem entscheidet, ob wir die ästhetische Erfahrung als angenehm empfinden, während das Bedeutungs-Wissens-System unsere aktuelle Erfahrung mit früherem Wissen und Erlebnissen verknüpft.
Emotionale und kognitive Reaktionen
Wenn wir Kunst auf uns Wirken lassen, kann dies starke emotionale Reaktionen hervorrufen, die durch die Aktivierung des limbischen Systems, einschließlich der Amygdala und des Hippocampus, vermittelt werden. Diese Hirnregionen sind für die Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen zuständig. Studien haben gezeigt, dass das Betrachten von Kunstwerken ähnliche Hirnregionen aktiviert wie das Erleben von realen Emotionen, was die tiefe Verbindung zwischen Kunst und emotionaler Erfahrung unterstreicht.
Und auch selbst künstlerisch tätig zu werden erfordert wiederum eine hohe Beteiligung verschiedener kognitiver Prozesse. Beim Malen oder Zeichnen muss der Künstler verschiedene Möglichkeiten visualisieren, Informationen aus visuellen und emotionalen Bereichen integrieren und diese Informationen in das Werk einfließen lassen. Diese Prozesse fordern und fördern die exekutiven Funktionen des Gehirns, die für die Planung, Entscheidungsfindung und Selbstüberwachung zuständig sind.
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Synaptische Plastizität und Kreativität
Obwohl das menschliche Gehirn nach der frühen Kindheit nur in wenigen Hirnregionen neue Neuronen bildet, bleibt es durch Neuroplastizität bemerkenswert anpassungsfähig. Neuroplastizität beschreibt, wie sich Verbindungen zwischen Neuronen durch Aktivität und Erfahrung verändern. Diese Fähigkeit ist entscheidend für unser Lernen, Gedächtnis und die Heilung nach Verletzungen. Ein Aspekt dessen ist die synaptische Plastizität. Sie beschreibt die Veränderung der Stärke von Synapsen, die durch wiederholte Nutzung verstärkt oder durch Inaktivität geschwächt werden. Diese dynamische Anpassungsfähigkeit ist grundlegend für die kontinuierliche Anpassung unseres Gehirns.
Kreative Aktivitäten fördern neue, gesunde neuronale Verbindungen und beeinflussen das Gehirn so positiv. Wiederholte Aktivitäten formen und festigen die neuronalen Netzwerke. Kunsttherapie nutzt diese Prinzipien, um psychologische Veränderungen zu fördern. Der Ansatz der Art Therapy Relational Neuroscience (ATR-N) integriert diese neuronale Wissen mit der Praxis der Kunsttherapie und zielt darauf ab, negative zwischenmenschliche Verbindungen durch positive zu ersetzen.
Therapeutische Anwendungen
Die Kunsttherapie hat sich als wirksam bei der Behandlung verschiedener neurologischer und psychologischer Störungen erwiesen. So untersuchte eine Studie die Wirkung von Kunsttherapie auf Parkinson-Patienten. Die Ergebnisse zeigten, dass Kunsttherapie die visuell-perzeptiven Fähigkeiten und die Augenbewegungen der Patienten verbessern kann, was auf eine erhöhte funktionelle Konnektivität im Gehirn hinweist.
Ein weiteres interessantes Anwendungsgebiet der Kunsttherapie ist die Behandlung von altersbedingtem kognitiven Verfall. Eine Studie zeigte, dass Kunsttherapie bei älteren Erwachsenen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zu Verbesserungen im Arbeitsgedächtnis und in der unmittelbaren Erinnerung führte. Diese kognitiven Gewinne wurden von strukturellen Veränderungen im präfrontalen Kortex begleitet, einem Bereich, der für komplexe kognitive Prozesse zuständig ist. Die langfristige kognitive Stimulation durch regelmäßige Kunsttherapie-Sitzungen kann somit dazu beitragen, den kognitiven Verfall zu verzögern und die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern.
Neben den kognitiven Vorteilen hat Kunst auch positive Auswirkungen auf die emotionale Gesundheit. Kunsttherapie wird zudem erfolgreich eingesetzt, um Stress abzubauen, Angstzustände zu lindern und das emotionale Wohlbefinden zu verbessern. So kann Kunst tatsächlich auch unsere Stresshormone beeinflussen. Das Stresshormon Cortisol, das im Blut und Speichel vorkommt, wird vom Gehirn reguliert und dient als objektives Maß für das Stressniveau. Eine Studie verglich die Effekte einer achtsamkeitsbasierten Kunsttherapie (MBAT) mit einer neutralen Knetaufgabe (NCT). Über fünf Wochen zeigte sich, dass beide Gruppen einen Rückgang des Speichelcortisolspiegels verzeichneten.
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Kreativität und der neuronale Schaltkreis
Frühere Studien zur Aktivierung von Hirnregionen bei kreativen Prozessen kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Eine Analyse von Julian Kutsche von der Charité-Universitätsmedizin Berlin und seinen Kollegen untersuchte Daten aus 36 Studien (2004-2019) und glich sie mit Hirnscans aus 30 weiteren Studien ab.
Das Ergebnis: Die Forschenden konnten einen gemeinsamen neuronalen Schaltkreis identifizieren, über den alle kreativen Aufgaben verarbeitet werden. »Wir fanden heraus, dass Kreativität nicht auf eine bestimmte Gehirnregion, sondern auf einen bestimmten Gehirnschaltkreis abgebildet wird«, sagt Michael Fox von der Harvard University. Die Unstimmigkeiten früherer Studien bezüglich der aktivierten Hirnareale erklären sich dadurch, dass sich Hunderte verschiedene Hirnareale an dem Prozess beteiligen, sobald der Schaltkreis durch Kreativität in Gang gesetzt wird. Welche Regionen jeweils aktiv sind, hängt demnach von der kreativen Tätigkeit ab.
Eine Konstante war jedoch, dass bei kreativen Aufgaben immer ein Teil des Kreativitäts-Schaltkreises aktiv war, während der Frontalpol eine verminderte Aktivität zeigte. Der Polus frontalis ist das Ende des hinter der Stirn sitzenden Frontallappens. Die Funktion des rechten Frontalpols steht im Widerspruch zum kreativen Prozess: Er ist für regelgestütztes Verhalten und dessen Überwachung von Bedeutung. Die Hirnforscher kommen dementsprechend zu dem Schluss, dass während kreativer Beschäftigung möglicherweise einschränkende Faktoren wie Selbstbewertung, Selbstüberwachung und Selbstzensur gehemmt werden.
Gesteigerte Kreativität bei Hirnverletzungen
Die Hirnscans von Menschen mit Hirnverletzungen oder neurodegenerativen Erkrankungen boten den Forschenden teils unerwartete Erkenntnisse: So zeigten einige der Patienten trotz ihrer Erkrankung erstaunlicherweise eine gesteigerte Kreativität, während bei anderen das Gegenteil der Fall war.
Kreativitätstechniken und Denkblockaden
Wie kommt es, dass manche Menschen gute Einfälle haben, andere aber nicht? Der Psychologe Karl Duncker entwickelte in den 1930er-Jahren das sogenannte Kerzenproblem, bei dem die Aufgabe darin besteht, eine Kerze an einer Wand zu befestigen (mit einer Kerze, einem Streichholzmäppchen und einer Schachtel mit Reißnägeln). Je nach Studie kommen zwischen 25 und gut 50 Prozent der Probanden auf die Lösung. Die Lösung finden am ehesten Menschen, die es schaffen, eingefahrene Denkmuster zu verlassen und gedanklich nicht auf die eigentliche Funktion der Schachtel als Behältnis für Reißzwecke fixiert zu bleiben.
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Das Gehirn bildet für fast jede Situation, in die man öfter gerät, ein Schema. Mithilfe dieses mentalen Routinenetzwerks kann man getrost auf Autopilot schalten, um ohne größere Zwischenfälle durch den Tag zu kommen. Das macht uns effizient. Wer zerbricht sich beispielsweise morgens nach dem Aufstehen noch den Kopf darüber, was er als Nächstes tun muss? Schemata navigieren uns sicher durch viele Situationen, ohne dass wir noch viel nachdenken müssten. Sie helfen, sich fast schlafwandlerisch in bekannten Räumen zurechtzufinden oder Gegenstände wiederzuerkennen und einzuordnen. Außerhalb von Standard-Situationen funktioniert das jedoch nicht. Ist mehr Kreativität gefragt, muss das Gehirn raus aus der perfekt eingespielten kognitiven Maschinerie.
Um das zu beweisen, schickte die Psychologin Simone Ritter von der Universität Nimwegen Dutzende von Versuchspersonen mithilfe einer computergesteuerten Datenbrille durch eine virtuelle Uni-Kantine. Eine Gruppe erkundete eine Kantine, in der sich alles ganz normal verhielt. Eine andere Gruppe sah sich in der Cafeteria mit kleinen Spielzeugautos, schwebenden Flaschen und verschwindenden Koffern konfrontiert - was die Erwartungen des Gehirns und den Realitätssinn aus der Bahn warf. Hatte sich dadurch ein Kreativitätsschub bei den Probanden eingestellt? Tatsächlich schnitten die Besucher der absurden Kantine im Vergleich zu den Besuchern der normalen Cafeteria bei einem Ideen-Test eindeutig besser ab. Ihre Einfälle auf die Frage: Was macht Geräusche?, waren deutlich vielfältiger und nicht auf eine einzige Kategorie wie Auto, Zug oder Flugzeug beschränkt wie bei ihren Mitstreitern. Ihr Denken war flexibler geworden und verlief in ganz unterschiedliche Richtungen. So kamen sie unter anderem darauf, dass auch Insekten, eine Uhr oder fließendes Wasser Geräusche machen.
Entgegen der Klischees ist Kreativität keine Eigenschaft einiger weniger Genies oder Künstler. Jeder hat sie, man muss sie nur hervorlocken. Zum Beispiel mit einem Auslandsaufenthalt. Tatsächlich ist ein längerer Aufenthalt in einem fremden Land wie ein Intensivkurs in Sachen kreatives Denken - weil andere Kulturgepflogenheiten an liebgewonnenen Gewohnheiten rütteln und man permanent mit neuen »Schemaverstößen« behelligt wird. Auch wer ein volles Adressbuch besitzt, hat gute Chancen, kreativ durchs Leben zu gehen. Das wichtigste Umfeld für Menschen ist zweifellos das soziale.
Konzentration und Entspannung
In der Arbeitswelt wird bekanntlich kaum etwas so hoch geschätzt wie Konzentration: Nur wer sich gut und lange konzentrieren kann, gilt als produktiv. Die Wertschätzung hat in vielen Fällen Berechtigung. Niemand möchte sich beispielsweise einem unkonzentrierten Chirurgen oder Piloten anvertrauen. Und auch für kreatives Arbeiten braucht man Biss und Sitzfleisch über oft lange Strecken, bis es zum gewünschten Ergebnis kommt. Doch Konzentration hat auch eine Kehrseite: Sie kann geistig blind machen.
Der sogenannte Gorilla-Versuch macht das deutlich: Im Rahmen des Versuchen verfolgen Testpersonen ein Video mit einer Gruppe junger Leute, die sich Bälle zuwerfen. Sie sind in zwei Teams aufgeteilt, das eine mit schwarzen, das andere mit weißen Trikots gekleidet. Gezählt werden sollen die Pässe der Spieler in Weiß. Eine leichte Aufgabe für jeden, der zählen kann. Zum Erstaunen der Versuchsteilnehmer und der Forscher wurde jedoch von der Hälfte der Testpersonen etwas übersehen: dass etwa zur Halbzeit des knapp einminütigen Videos jemand im schwarzen Gorilla-Kostüm durchs Bild wanderte. Obwohl viele den Gorilla geradewegs anguckten, nahmen sie ihn nicht wahr.
Eine ganze Reihe neuerer Experimente zeigt, dass sich kreative Aha-Erlebnisse vor allem dann einstellen, wenn man sich entspannt. Das Gehirn geht dann in einen bestimmten Aktivitätsmodus über, einen »Offline-Modus«. Und wenn das Gehirn offline geht, kommen Einfallsreichtum, Assoziationen und Fantasie in Fahrt. Pausen werden so zum essentiellen Teil kreativer Arbeit. Zwei US-Psychologinnen konfrontierten über 400 Studenten mit einer Serie von Denkaufgaben. Die Probanden waren entweder Nachteulen oder Frühaufsteher. Einige der Aufgaben erforderten einen Perspektivenwechsel beziehungsweise eine kreative Einsicht. Das Ergebnis war überraschend. Die Chance, die Aufgaben zu lösen, war dann am größten, wenn sich die Studenten in ihrem chronobiologischen Tagestief befanden: Die Frühaufsteher erreichten ihr kreatives Hoch am Abend, die Nachteulen schnitten morgens am besten ab. Die Erklärung: Das Gehirn der Nachteulen befand sich am frühen Morgen noch im benommenen Zustand, die Konzentration war noch nicht hochgefahren und das Denken durch die Konzentration noch nicht verengt. Bei den analytischen Aufgaben galt tendenziell das Umgekehrte. Je idealer die Tageszeit zum chronobiologischen Typus passte, desto besser die Leistung.
Alpha-Wellen und Kreativität
Dem Rätsel der Kreativität experimentell auf die Schliche zu kommen, versuchte schon der Amerikaner Colin Martindale in den 1970er-Jahren. Mithilfe des Elektroenzephalografen zeichnete er die elektrischen Hirnströme von Menschen bei kreativen Tätigkeiten auf - zum Beispiel beim Schreiben origineller Texte - und stellte fest, dass die Hirnströme besonders kreativer Menschen in einem spezifischen Frequenzbereich einen Höhenflug hinlegten. Es war der Bereich zwischen 8 und 12 Hertz, auch als Alpha-Aktivität bezeichnet. Alpha-Aktivität wird mit sogenannter entspannter Wachheit in Verbindung gebracht. Alpha signalisiert also nicht Entspannung im Sinne von »gar nichts tun«. Das Gehirn zieht in dem Zustand seine Aufmerksamkeit von der Außenwelt ab - doch nicht, um ein Nickerchen zu machen. Eher könnte der Realitätsrückzug der Preis dafür sein, sein Vorstellungsvermögen hochzufahren. Umgekehrt heißt das: Wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben Auto fahre, kann ich mir vermutlich nicht gleichzeitig eine spannende Geschichte ausdenken.
Zukunftsperspektiven
Die Integration von Neurowissenschaft und Kunsttherapie verspricht, das Verständnis und die Wirksamkeit von kunsttherapeutischen Interventionen weiter zu vertiefen. Die Zukunft der Kunsttherapie liegt in der Integration von Neurowissenschaften und neuen Technologien. Diese Entwicklungen versprechen, das Verständnis und die Wirksamkeit von kunsttherapeutischen Interventionen zu vertiefen und den therapeutischen Nutzen der Kunst weiter auszubauen.
Fazit
Kunst ist mehr als nur eine Form der Selbstexpression; sie ist ein kraftvolles Werkzeug zur Förderung des Gehirns. Von der Verbesserung kognitiver Fähigkeiten über die Förderung der neuronalen Plastizität bis hin zur Unterstützung der emotionalen Gesundheit bietet Kunst vielfältige Vorteile. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung von Kunst in der Therapie und im täglichen Leben als Mittel zur Förderung des geistigen Wohlbefindens und der kognitiven Gesundheit. Realistischer ist es, die Fähigkeiten zu erkennen, die einem gegeben sind. Hat man die Aufgaben gefunden, die zu einem passen, ist man vermutlich auch kreativ.
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